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"Assassin's Creed Valhalla" im Test: Schön und schroff wie die See

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Attacke! "Assassin's Creed Valhalla" greift England an. Bild: © Ubisoft 2020

Segeln, plündern, saufen: "Assassin's Creed Valhalla" ist die perfekte Wikinger-Fantasie. Im Test der PC-Version begeistert das Spiel mit epischen Ausmaßen und einer tollen Spielwelt, lässt spielerisch und technisch aber zu wünschen übrig.

Was tun, wenn es einem als Wikinger zu eng wird im kühlen Norwegen? Wenn der alte Clanchef keine Lust mehr auf Kämpfe und Walhall-würdige Heldentaten hat, Konflikte lieber diplomatisch löst und sesshaft werden will? Zu Beginn von "Assassin's Creed Valhalla" steht meine Spielfigur Eivor, wahlweise ein Nordmann oder eine Nordfrau, vor genau dieser Frage. Die Antwort liegt nahe: Segel hissen, das Langboot mit den besten Kriegern bestücken und auf ins üppige England, wo es genug Platz und Ehre für alle geben soll.

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Hey, hey, Wickie!

Bei Videospiel-Machtfantasien war "Assassin's Creed" schon immer weit vorn mit dabei: Prügle Dich mit dem Papst! Kommandiere ein Piratenschiff! Klettere auf Pyramiden! Jetzt schnappt sich die Reihe eine neue, in der Popkultur ungebrochen populäre Epoche, füllt sie mit digitalem Leben und reichert sie um Fantasy-Elemente und den ewigen Kampf "Assassinen gegen Templer" an: die Landung der Wikinger in England im 9. Jahrhundert.

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Zu neuen Ufern: Eivor (rechts) und Sigurd segeln nach England. Bild: © Ubisoft 2020

Dazu führt das Spiel nach dem Prolog im verschneiten Norwegen seine wichtigste Neuerung ein: das Wikingerdorf. Ich übernehme die Siedlung von einem anderen Clan, der vor mir in England gelandet ist, und kann sie nun über den Spielverlauf ausbauen. Das dafür nötige Material bekomme ich natürlich, indem ich Klöster und Siedlungen der Angelsachsen überfalle. Diese Raubzüge sind eines der Highlights von "AC Valhalla", haben mit den Meuchelmörder-Wurzeln der Serie aber nicht viel zu tun: Mit dem Langboot lande ich am Ufer und stürme dann mit meiner Horde Krieger los, um alles zu plündern und anzuzünden – viel weniger heimlich geht's kaum, Spaß macht's trotzdem.

Das Dorf gibt Halt in einer riesigen Welt

Zurück im Camp kann ich mit der Beute Gebäude errichten und meine Ausrüstung verbessern. Hier starten auch die wichtigsten Quests, was eine angenehme Verbesserung zum unruhigen Insel-Hopping von "Assassin's Creed Odyssey" darstellt. "Valhalla" hat ohnehin einige gute Ideen, um die totgelaufene Open-World-Formel von Ubisoft zu modernisieren: Die Kampagne ist in mehrere "Sagas" organisiert – voneinander unabhängige Erzählstränge, die ich nacheinander abarbeite und in denen ich jeweils anderen Gebieten Englands zu Hilfe komme, um Verbündete in der neuen Heimat zu finden. Das schafft Überblick in einer Open World, die wieder enorm gewaltig ausfällt. Das leidige Level-Gating mit nach Schwierigkeit abgestuften Arealen gibt's aber immer noch.

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Als Wikinger-Anführer beherrsche ich auch Diplomatie. Trotzdem wird häufiger gekämpft. Bild: © Ubisoft 2020

Auch an Ubisofts berüchtigtem Symbol-Wust auf der Karte hat sich etwas getan. Schätze erkenne ich jetzt an unaufdringlichen leuchtenden Punkten, außerdem gibt es als Alternativen zu klassischen Nebenquests die neuen Welt-Ereignisse: kurze, oft skurrile bis alberne Begegnungen, die von einer Schatzsuche über Kämpfe bis zu kurzen Dialogen alles Mögliche sein können und oft liebevoll geschrieben sind. Ein Highlight war etwa die in einem Turm gefangene "Jungfrau in Nöten", deren Kidnapper ich verjagte – um dann festzustellen, dass es sich bei der dramatischen Geiselnahme nur um ein erotisches Rollenspiel handelte. Ups.

Viel zu tun
Weitere Aktivitäten, mit denen Du Dir in "Assassin's Creed Valhalla" die Zeit vertreiben kannst, sind unter anderem Reim-Duelle ("Flyting"), Wetttrinken, Jagen und das Würfelspiel Orlog, das Suchtpotenzial hat. Dazu kommen täglich und wöchentlich wechselnde Nebenquests sowie die Jagd auf Mitglieder des Templer-Ordens, die in "Odyssey" eingeführt wurde und in leicht modifizierter Form zurückkehrt.

Viele Verbesserungen bei Open World & Kampfsystem

Die strukturellen Neuerungen an der Spielwelt sorgen dafür, dass sich freies Erkunden sehr lohnenswert anfühlt. Dabei hilft natürlich auch, dass "Assassin's Creed Valhalla" wieder ein ausnehmend schönes Spiel ist. Von grünen Hügeln über Herbstwälder zu blicken, neblige Sümpfe zu durchqueren, Überreste der ehemaligen römischen Besatzung zu finden oder mit dem Langboot gemächlich über die Flüsse Englands zu schippern ist schon für sich eine Belohnung.

Ohne zu viel zu spoilern sei gesagt: Zusätzlich sind sogar noch weitere Welten betretbar. Der für "Assassin's Creed" typische parallele Erzählstrang in der Moderne, der zuletzt etwas in den Hintergrund geriet, spielt wieder eine größere Rolle, und der Assassinen-Orden hat jetzt sogar feste Abgesandte mit eigenem Haus in Eivors Siedlung.

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Mystik und Götter tauchen in "Assassin's Creed Valhalla" immer wieder auf und nehmen Einfluss auf den Spielverlauf. Bild: © Ubisoft 2020

Aber "Assassin's Creed" ist kein Wander-Simulator, sondern ein Actionspiel, und auch das Kampfsystem hat entsprechend einige Updates erhalten. Die Loot-Orgie aus "Odyssey" ist zum Glück vorbei, statt auf ständig neuer Ausrüstung liegt der Fokus nun auf dem Verbessern und Aufwerten der Lieblingswaffen. Gekämpft wird so flexibel wie nie: einhändig, mit Schild, zweihändig, mit zwei Schilden – alles möglich. Einen Bogen trägt Eivor auch, außerdem lernt er oder sie zahlreiche Spezialfähigkeiten und setzt Punkte in einen weit verästelten Fähigkeiten-Baum. Die Gegnertypen sind merklich vielfältiger geworden, Elite-Feinde mit markantem Kampfstil lockern Gefechte auf. Sich ausbreitendes Feuer und großzügig verteilte Sprengfallen ermöglichen zudem neue Strategien.

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Gegner kommen in zahlreichen Varianten. Dieser hier schwingt einen schweren Streitkolben – Eivor sollte ihm schnell ausweichen. Bild: © Ubisoft 2020
Brutal & blutig
Als erstes "Assassin's Creed" bietet "Valhalla" abtrennbare Gliedmaßen bei KI-Feinden, die besonders in blutigen Finishing-Moves und Kill-Cams nur so fliegen. Das passt zur brutalen Wikinger-Welt, und wer es nicht mag, kann es im Menü abstellen.

Schön für alte Fans: Durch Aufziehen einer Kapuze kann Eivor wie in alten "AC"-Teilen in der Menge untertauchen, außerdem kehrt die versteckte Klinge zurück und erlaubt endlich wieder One-Hit-Kills aus dem Hinterhalt – wenn sich mal einer ergibt. Die Raubzüge sind wie gesagt eher "direkt", in einigen Missionen ist aber auch heimliches Vorgehen möglich. Zumindest theoretisch.

Unpräzise Steuerung beim Klettern & Kämpfen

Es ist fast ein bisschen kurios: Für ein Spiel, in dem ich dank Parkour-Mechaniken und Superkräften fast überall hingelangen kann, ist es in "Valhall" enorm schwer, mich präzise zu bewegen. Durch ein Fenster zu klettern oder von einem Mast auf den anderen zu springen kann bereits eine Herausforderung sein, weil die Steuerung so schwammig ist. Fatal wird das in Schleichpassagen: Ich kann mir durchaus vornehmen, ein Feindeslager klammheimlich zu räumen, indem ich jeden einzelnen Gegner per Hinterhalt ausschalte. Ob das auch klappt, ist aber Glückssache, da das Zielsystem oft nicht richtig einrastet.

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In der Schlacht ist Heimlichkeit egal, Kämpfe werden aber schnell unübersichtlich und unpräzise. Bild: © Ubisoft 2020

Auch an anderen Stellen wirkt "Assassin's Creed Valhalla" schroff, roh, unpoliert. Der direkte Nahkampf ist etwa eine wacklige Angelegenheit: KI-Soldaten glitchen durch die Gegend oder stecken in Animationsschleifen fest, Angriffe landen neben Feinden, verursachen aber immerhin trotzdem Schaden. Selbst Interaktionen mit Gegenständen können ein Krampf sein: Wenn ich drei Anläufe brauche, um einen direkt vor mit stehenden Felsbrocken zu zerschlagen, weil Eivor stumpf danebenhackt, ist das unnötig und ärgerlich.

Auch nicht-gewalttätige Interaktionen haben ihre Mankos. Sprachsamples von NPCs werden oft mehrfach ausgelöst, sodass derselbe Satz immer wieder gesagt wird. Figuren kommentieren Ereignisse, die längst stattgefunden haben – absurd, wenn meine Mannschaft nach einem Raubzug ins Langboot steigt und mir dann erzählt, hier könne man doch jetzt mal landen und plündern. Die Cutscenes sind ebenfalls hakelig und voller komischer Redepausen, die Bewegungen der Figuren puppenhaft und ohne Charme. Selbst Eivor ist enttäuschend uninteressant – vor allem im direkten Vergleich mit Charmebolzen Kassandra aus "Odyssey".

Sehr durchwachsene PC-Performance

Die getestete PC-Version läuft dazu nur äußerst mittelmäßig. Konstante Bildraten von 60 FPS zu bekommen ist fast ein Ding der Unmöglichkeit, selbst mit Specs, die weit über den empfohlenen Anforderungen liegen. Von heftigen Rucklern über Screen-Tearing, Pop-Ins, Audio-Aussetzer, Bugs und flackernde Texturen bis zu Komplettabstürzen entpuppte sich das Spiel im Test als wahre Enzyklopädie der Performance-Probleme, die zudem stets nach etwa zwei Spielstunden schlimmer wurden. Ein Neustart schaffte verlässlich Abhilfe, akzeptabel ist so etwas aber nicht.

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Das integrierte Benchmark-Tool zeigt enorme Framerate-Sprünge. Bild: © TURN ON 2020

Generell wirkt "Assassin's Creed Valhalla" an vielen Stellen einfach nicht ganz fertig. Ja, alle Features sind da, sie wirken sogar durchdachter und fokussierter als zuletzt. Spielerische Präzision und technische Performance lassen aber so sehr zu wünschen übrig, dass man sich fragt, woran das wohl liegt. Trug der Rausschmiss von Creative Director Ashraf Ismail aufgrund von Vorwürfen des Statusmissbrauchs für Affären mit Fans dazu bei? Oder die Entlassung des langjährigen Ubisoft-Verantwortlichen Serge Hascoët, der nach zahlreichen Belästigungsvorwürfen und wegen generell unprofessionellem Verhalten gehen musste? Oder irgendeine der anderen Baustellen, mit denen sich Ubisoft derzeit intern auseinander setzen muss und die sich zwangsläufig irgendwann auch auf Endprodukte auswirken müssen?

Wir wissen es nicht, wir werden es wohl auch nicht erfahren. Was auch immer der Grund gewesen sein mag: "Assassin's Creed Valhalla" hätte mehr Zeit gebraucht. Dabei ist es weit davon entfernt, ein schlechtes Spiel zu sein. Spielwelt, Stimmung und Geschichte überzeugen, Lager auszuräumen und Kloster zu überfallen macht verlässlich Laune. Es ist aber ein Spiel, das sich an jeder Ecke neue Ärgerlichkeiten einfallen lässt, die den Spaß trüben.

Fazit: Ein Spiel zum Darinwohnen – aber mit deutlichen Schwächen

Ich kann daher als Fazit nur die Empfehlung aussprechen, sich Zeit zu lassen – im doppelten Sinne. Zum einen gewinnt "Assassin's Creed Valhalla" ungemein, wenn man nicht nur der Story folgt, sondern sich immer mal wieder über die Flüsse Englands treiben lässt, irgendwo an Land geht und die Gegend erkundet – das Spiel also wie eine Mischung aus Abenteuerspielplatz und Wanderurlaub begreift. Zum anderen habe ich die Hoffnung, dass Patches und Treiber-Updates künftig die Performance verbessern und zumindest ein paar Ärgernisse aus dem Weg schaffen. In ein paar Wochen ist "Assassin's Creed Valhalla" daher vielleicht schon ein besseres Spiel, zum Release müssen aber speziell PC-Spieler mit deutlichen Problemen rechnen.

Das hat mir gut gefallen Das hat mir weniger gefallen
+ Wunderschöne Open World - PC-Version mit durchwachsener Performance
+ Erkundung sehr belohnend, viele Nebenaktivitäten - Bewegung und Kämpfen unpräzise
+ Fokussierte Spielstruktur durch Camp-Mechanik - viele Bugs
+ Verbessertes Kampf-, Loot- und Upgrade-System - hölzerne Cutscenes
+ Gegnervielfalt

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Assassin's Creed Valhalla
  • Datenblatt
  • Release-Datum
    10. November 2020
  • Genre
    Action-Rollenspiel
  • Plattform
    PS5, Xbox Series X, PC, PS4, Xbox One, Stadia
  • Publisher
    Ubisoft
TURN ON Score:
3,5von 5
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