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"Astral Chain" im Test: Zu viele Ideen, aber die meisten davon gut

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Aufmachen, Polizei! In "Astral Chain" spiele ich Gesetzeshüter mit übernatürlicher Hilfe.

"Astral Chain" ist das neueste Spiel aus dem Hause Platinum Games – und wer das "Bayonetta"-Studio kennt, weiß ungefähr, was das bedeutet: Knackige Action mit reichlich Combo-Potenzial und Highscore-Kletterei! Das hat der Titel auch reichlich zu bieten, doch das ist nicht alles – noch lange nicht. Über ein Spiel, das nicht (nur) ist, was es vorgibt zu sein.

Wer sich nur für die zahlreichen Kämpfe in "Astral Chain" interessiert, wird allein hier schon eine ganze Menge Alleinstellungsmerkmale finden. In dem Ende August erschienenen Actiongame für Nintendo Switch spielst Du ein Mitglied einer Polizei-Spezialeinheit namens "Neutron", die gegen die Chimären, Dämonen aus einer anderen Dimension, kämpft. Ihre wichtigsten Waffen: die sogenannten "Legionen" – gefangene Chimären, die Du an einer Kette führst und die Dich im Kampf unterstützen.

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"Asral Chain" in aller Kürze: Spielcharakter, Gegner, Legion (von links nach rechts).

"Kettenangriffe" neu gedacht

Diese Kette ist nicht nur Namensgeber des Spiels, sondern auch ein wichtiges Element in den rasanten Kämpfen. Die laufen so ab: Du selbst traktierst Deine Feinde mit Knüppel, Schwert oder Pistole, beschwörst auf Knopfdruck aber auch Deine Legion, die dann automatisch angreift. Hältst Du eine Taste gedrückt, kannst Du sie gezielt steuern, Spezialangriffe abfeuern, Combos mit Deiner Spielfigur abstimmen – und Gegner mit der gespannten Kette einwickeln oder sie stolpern lassen. Das alles sieht fantastisch aus und wird mit reichlich Zeitlupen-Frames toll inszeniert.

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Im Kampf kommt die Kette für allerlei Tricks zum Einsatz.

Fünf verschiedene Legionen mit jeweils eigenen Fähigkeiten spielst Du nach und nach frei, zahlreiche kleine, große und sehr große Gegner warten auf Dich und Dein Arsenal. Es gibt Skilltrees, über die Du Deine Legionen und Waffen aufwertest und weil wir hier über ein Spiel von Platinum Games reden, wird Deine Performance über mehrere Schwierigkeitsgrade regelmäßig mit Punkten und Rangaufstiegen bewertet. Optional ist das Game auch im Zwei-Spieler-Koop mit zwei Joy-Cons an einer Konsole spielbar – dann übernimmt ein Spieler die Hauptfigur und einer die Legion.

Kurz: "Astral Chain" ist cleverer, schneller, bombastischer Actionspaß und das allein ist für viele Platinum-Fans wohl schon ein Kaufargument. Doch das ist nur eine Seite eines unerwartet vielseitigen Spiels.

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Platinum-Standard: Am Kapitelende wird abgerechnet.

Detektiv mit Dämon

Denn Polizeiarbeit besteht bekanntlich eher selten aus wilder Herumprügelei und Ballerei. Ausnahmsweise überträgt sich dieser Aspekt des realen Berufsbilds auch mal in ein Videospiel: Fast mehr Zeit als mit Kämpfen verbringst Du in "Astral Chain" daher mit dem Lösen von Fällen, dem Befragen von Passanten und dem Einsammeln von Hinweisen.

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Hilfreiche Informationen von Passanten sammle ich als Notizbucheinträge zusammen.

Das erinnert durch das Folgen von Spuren und Abklappern von auffälligen Orten immer mal wieder an die Detektiv-Passagen aus "The Witcher 3", hat aber einen charmanten Twist. Auch hier musst Du nämlich Deine Legionen zum Einsatz bringen. Mit der schlagkräftigen Schwertlegion knackst Du etwa Schlösser, mit der starken Armlegion öffnest Du Türen und die hundeartige Biestlegion nimmt schnüffelnd die Fährte zu gesuchten Personen auf. Da die Legionen aus einer anderen Dimension stammen, sind sie für Normalsterbliche außerdem unsichtbar, was sie perfekt macht, um Gespräche zu belauschen.

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Guter Junge: Die Biestlegion ist eine Art magischer Polizeihund.

Rätseln, springen & sammeln in zwei Parallelwelten

Die Fähigkeiten Deiner Legionen benötigst Du auch, um verschiedene Umgebungsrätsel zu lösen, auf die Du in der futuristischen Neon-Metropole sowie in der psychedelischen Astralebene, der eigentlichen Heimat der Legionen, triffst. Hier müssen Schalter getroffen, Blöcke geschoben und Ketten zerschnitten werden, um Wege zu bahnen und viele, viele Sammelgegenstände einzusacken. Jump'n'Run-Passagen haben in "Astral Chain" ebenfalls einen besonderen Dreh: Statt selber zu springen, lässt Du Deine Legion über Abgründe auf Plattformen schweben und ziehst Dich per Kette zu ihr heran.

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In der Astralebene geht's drunter und drüber.

Man merkt "Astral Chain" jederzeit an, dass Platinum Games bei dem Spiel eine Design-Philosophie verfolgt hat, durch die dem zentralen Element (den Legionen) auf verschiedenen Ebenen Bedeutung zukommt. Die Monster an der Kette halten so die offensichtliche Action-Seite und die etwas verstecktere Adventure-Seite des Spiels zusammen – aber damit sind die Spielideen, die die Entwickler hier eingebaut haben, immer noch nicht komplett umrissen.

Seltsame Charakter-Momente ...

Denn "Astral Chain" hat ja auch noch eine Story um Familie, Intrigen, Verrat und Zusammenhalt zu erzählen und greift auch hier zu ungewöhnlichen Mitteln. Zu Beginn wähle ich aus, ob ich einen männlichen oder weiblichen Charakter spielen will. Der jeweils andere Charakter ist anschließend als mein Bruder bzw. meine Schwester Teil der Story und oft an meiner Seite.

Etwas kurios: Der Spielcharakter selbst ist stumm, sein Geschwisterteil aber voll (auf Englisch) vertont und in Dialogen der Ansprechpartner für die anderen Helden der Geschichte. Regelmäßig steht meine Heldin also wortlos herum, während ihr Bruder für sie spricht – eine äußerst unbefriedigende Situation, zumal der störrische, stürmische Geschwisterteil über weite Teile der Story nicht gerade Sympathiepunkte sammelt.

... Actionspiel-Klischees ...

Auch andere Design-Entscheidungen in "Astral Chain" wirken gelegentlich befremdlich. So scheint das Spiel von einem seltsamen Verlangen besessen zu sein, ALLE Gameplay-Ideen aus mehreren Jahrzehnten Actionspiel unterzubringen – notfalls sogar nur ein oder zwei Mal, etwa im Falle der wirklich sehr sporadisch eingestreuten Motorrad-Level, in denen ich auf linearer Bahn Gegnern ausweiche und auf sie feuere.

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Sparsam eingesetzt, aber cool: das Motorrad in "Astral Chain".

Nur so ist zu erklären, warum es im letzten Drittel des Spiels gleich mehrere dieser schon immer grässlichen Passagen gibt, in denen ich auf die Kamera zu vor Explosionen weglaufe (haben die jemals jemandem Spaß gemacht?). Oder Geschicklichkeits-Tests, in denen ich unter Zeitdruck Kartonstapel und Eiskugeln balancieren muss. Die geraten "dank" der mittelmäßigen Bewegungs-Steuerung der Switch zum spielerischen Tiefpunkt des Games und sind zum Glück komplett optional.

... und eine Menge albernes Zeug

Immer wieder eingestreute Albernheiten in einem eigentlich ziemlich ernsten Setting gehören ebenfalls zu den Ideen von "Astral Chain", die bei mir eher Kopfschütteln hervorrufen.

  • Warum soll ich meiner Spielfigur hemmungslos dämlich aussehende Hüte aufsetzen?
  • Warum kann ich meine Legionen in einem Putz-Minispiel von Dreck säubern – und welchen Nutzen hat das?
  • Warum leistet sich die so seriöse Polizeiwache ein gleichermaßen nerviges wie aufdringliches Stoffhund-Maskottchen namens "Lappy", das noch dazu für einen absolut nervtötenden Running Gag herhalten muss?

Auch eher verzichtbar sind aus meiner Sicht die wirklich käsigen Charakter-Dialoge voller Pathos und voller endlos-ermüdender Andeutungen. Die sind aber wohl mindestens zum Teil der Anime-Ästhetik des Spiels geschuldet, die man halt mag – oder eben nicht. Dass ständig mysteriös um das eigentliche Geschehen herumgeschwafelt wird, ändert leider auch nichts daran, dass die Story meilenweit vorhersehbar und trotz einiger interessanter Kapitel nicht wirklich befriedigend auserzählt ist.

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Ist das noch Geschmackssache oder sind Dialogzeilen wie diese vielleicht sogar ganz objektiv furchtbar?

Fazit: Überladen, aber trotzdem gelungen

Das ist aber verzeihlich, denn trotz dieser Schwächen ist "Astral Chain" eines der bisher spannendsten und einzigartigsten Games des Jahres. Die Kernelemente rund um die Legionen funktionieren hervorragend und verpassen dem Game eine eigene Identität, die durch schlüssiges Weltdesign und die coole Cyberpunk-Optik noch verstärkt wird.

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Wenn es dicke Brocken wie diesen hier geht, kann "Astral Chain" gänzen.

Dass es manchmal wirkt, als habe Platinum Games das Spiel mit allen nur erdenklichen Ideen und Features beworfen, ist da verzeihlich – es bleiben genug gute Einfälle hängen, um die paar nervigen zu überdecken.

Das hat mit gut gefallen Das hat mir weniger gefallen
+ Coole Kämpfe mit interessanten Mechaniken - mäßig erzählte, oft vorhersehbare Story
+ Schickes Design und tolle Inszenierung - pathetische Charakter-Momente
+ Abwechslungsreicher Gameplay-Mix aus Kämpfen, Rätseln und Rollenspiel - manche "Auflockerung" des eigentlich ernsten Settings wirkt albern
+ Kreativer Einsatz der Legionen auch außerhalb von Kämpfen - einige Gameplay-Ideen wirken unausgegoren und nicht wirklich notwendig
+ Hoher Wiederspielwert durch Highscore-Ränge und mehrere Schwierigkeitsgrade

 

Astral Chain
Astral Chain
  • Datenblatt
  • Genre
    Action-Adventure
  • Plattform
    Nintendo Switch
  • Publisher
    Nintendo
  • Entwickler
    Platinum Games
TURN ON Score:
4,0von 5
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