Test

"Extinction" im Test: Kletterpartie mit Riesen-Problem

Als einsamer Held mit Zauberschwert und Peitsche gegen eine Armee haushoher Oger – mit dieser Idee will "Extinction"für PC, PS4 und Xbox One bei Bosskampf-Fans landen. Warum das nur mäßig gut funktioniert und warum das größte Problem des Games nicht die imposanten Riesen sind, liest Du in unserem Test.

Ausufernde Kämpfe gegen riesige, übermächtige Gegner haben unter Gamern eine treue Fangemeinde und sind gerade durchaus im Trend, wie der überwältigende weltweite Erfolg von "Monster Hunter: World", das "Shadow of the Colossus"-Remake oder auch die anhaltende Popularität von Soulslike-Spielen zeigen. "Extinction" schlägt in dieselbe Kerbe: Als Schwertkämpfer Avil muss ich hier das Königreich Dolorum vor den Ravenii beschützen – 50 Meter großen Ogern, die Städte zerbröseln als wären es Sandburgen.

Auf der E3 2017 präsentierte das Studio Iron Galaxy ("Killer Instinct") erstmals Gameplay aus dem Spiel, in dem der Held den  Ogern mit Zeitlupenschlägen zuerst die Rüstung und dann die Gliedmaßen abschlug und sie zuletzt einen gehörnten Kopf kürzer machte. Als Vorbild war deutlich das surreale Anime-Game "Attack on Titan" erkennbar, mit seiner eher an klassischer Fantasy orientierten Comic-Optik besaß "Extinction" aber ein hinreichend großes Alleinstellungsmerkmal – und schien ziemlich spaßig zu sein. Im Test auf der PS4 zeigt sich leider schnell, dass Zuschauen bei "Extinction" mehr Spaß macht als es selber zu spielen.

Story: Haushohe Oger, flaches Pathos & nervige NPCs

Ich starte natürlich mit der Kampagne, die mich mit viel düsterem Pathos in die Geschichte um Dolorum und den Kampf gegen die Ravenii eingeführt werde. Die Giganten hatten sich eigentlich vor Äonen aus der Welt verabschiedet, doch nun sind sie wieder da – und zwischen ihnen und den Städten der Menschen steht nur Avil.

Avil kämpft gegen Orks und andere kleine Monster, ... fullscreen
Avil kämpft gegen Orks und andere kleine Monster, ... (©Iron Galaxy 2018)
..., rettet Zivilisten mit magischen Portalen ... fullscreen
..., rettet Zivilisten mit magischen Portalen ... (©TURN ON 2018)
... und macht natürlich riesige Oger einen Kopf kürzer. fullscreen
... und macht natürlich riesige Oger einen Kopf kürzer. (©TURN ON 2018)

In den Missionen, deren Landschaften und Gegner zum Teil prozedural generiert werden, muss der Held nun Flüchtende retten, Kleinvieh ausschalten und große Oger zerlegen – und das alles, bevor die Stadt völlig verwüstet ist, was durch einen heruntertickenden Prozent-Wert in der rechten oberen Bildschirmecke angezeigt wird. Klingt stressig? Ist es auch: "Extinction" baut enormen Zeitdruck auf und lässt mich ständig von Hü nach Hott wetzen.

Aus dem Off wird das Geschehen dabei ständig von Avils Partnerin, der redseligen Magierin Xandra, sowie dem König von Dolorum kommentiert, was zum Druck beiträgt. Schon nach kurzer Zeit bin ich zutiefst genervt von den beiden, die mir mit den immer gleichen Redebeiträgen Vorwürfe machen, wenn mal wieder ein Zivilist von Monstern zerfleischt wurde.

Stirbt Avil oder läuft es gerade schlecht, melden sich in der Kampagne seine Freunde zu Wort – und nerven schon bald mit ihren immer gleichen Kommentaren.
Stirbt Avil oder läuft es gerade schlecht, melden sich in der Kampagne seine Freunde zu Wort – und nerven mit ihren immer gleichen Kommentaren. (© 2018 TURN ON)

Gameplay: Ein-Knopf-Kämpfe & künstlicher Stress

Avils zentrale Fähigkeit ist der sogenannte Runenschlag: Per Druck auf den linken Trigger erscheint ein Fadenkreuz, das Geschehen schaltet auf Zeitlupe und ich bekomme etwas Zeit zum Zielen. Lasse ich die Taste los, katapultiert sich Avil vorwärts und trifft das anvisierte Ziel mit dem Spezialangriff. Es gibt zwar auch "normale" Schwertangriffe und sogar mit Fertigkeitspunkten freischaltbare Kombos, mit denen die kleineren Gegner ausgeschaltet werden können. Die sind aber völlig zu vernachlässigen, denn in Sachen Effektivität kommen sie an den Runenschlag nicht heran.

Mit Fertigkeitspunkten wird der Held aufgewertet. Speziell das Kombo-System ist aber eigentlich überflüssig ... (© 2018 TURN ON)

Dessen eigentliches Einsatzgebiet sind aber die Oger: Nur mit dem Spezialangriff lassen sich deren Rüstungen zerstören und ihre Arme und Beine abschneiden. Und: Nur mit diesem Angriff lässt sich auch der finale Nackenschlag gegen die Riesen führen. Zu diesem Todesstoß darf Avil aber erst ansetzen, wenn seine Runenenergie-Leiste voll ist. Die wiederum wird hauptsächlich aufgefüllt, indem er herumwuselnde kleinere Gegner ausschaltet oder durch das Aktivieren von Teleport-Kristallen Gruppen von flüchtenden Menschen rettet, die auf dem Schlachtfeld verstreut sind.

Ein Oger ohne Beine fällt auf den Hosenboden – und ist ein leichtes Ziel.
Ein Oger ohne Beine fällt auf den Hosenboden – und ist ein leichtes Ziel. (© 2018 TURN ON)

Wenig Abwechslung – außer bei den Oger-Rüstungen

Das vielleicht größte Problem von "Extinction" ist nun, dass dieser Gameplay-Loop in jeder Mission nur sehr wenig variiert wird. Zwar erzählt das Spiel in der rund achtstündigen Kampagne mit gezeichneten Zwischensequenzen und vor Klischees triefenden Dialogen seine ziemlich düstere Geschichte, die mit der drolligen, aber trotzdem blutigen Comicgrafik in etwas seltsamer Disharmonie steht. Trotzdem macht Avil nach der jeweiligen Zwischensequenz im Grunde immer wieder das Gleiche: Runenenergie aufladen, Oger suchen, Rüstung abschlagen, hochklettern, Kopf ab – und nebenbei noch Zivilisten retten. Das macht er pro Mission dann mehrfach, denn zeitweise sind gleich mehrere der Giganten auf dem Schlachtfeld unterwegs und wollen "abgearbeitet" werden.

Für etwas Abwechslung sorgen immerhin die unterschiedlichen Rüstungtypen der Oger: Holzpanzerungen schlägt Avil mit einem Schlag ab, bei Metall- und Goldrüstungen muss er zuerst auf Befestigungsschlösser zielen, bevor die gepanzerten Hüllen des Ogers fallen. Manche Ravenii tragen dazu Helme oder Nackenpanzer oder sind mit baumgroßen Keulen bewaffnet. Bemerken die Riesen den Angreifer, trampeln oder schlagen sie auf ihn ein oder zerklatschen ihn in ihrem Nacken wie eine Fliege – gern Sekunden vor dem angesetzten Todesstoß.

Um eine Goldrüstung zu zerstören, müssen erst vier kleine Schlösser zertrümmert werden. Praktisch: Die grünen Verzierungen bieten Avils Peitsche Halt.
Um eine Goldrüstung zu zerstören, müssen erst vier kleine Schlösser zertrümmert werden. Praktisch: Die grünen Verzierungen bieten Avils Peitsche Halt. (© 2018 Iron Galaxy)

Steuerung & Kamera machen das Oger-Klettern zur Zitterpartie

Theoretisch kann Avil den wohnwagengroßen Fäusten und Füßen zwar ausweichen. Praktisch stellt sich "Extinction" aber auch hier ein Bein: Die Parcours-Manöver, mit denen der Held durch die Level wetzt, klettert und – mithilfe einer Peitsche – hangelt, sorgen außerhalb von Kämpfen zwar für flotte Fortbewegung und lassen tatsächlich ein bisschen Superhelden-Feeling aufkommen. Geht es ans Eingemachte – das Erklettern eines Ogers nämlich – entpuppt sich die Steuerung leider oft als sperrig und die Kamera als Hindernis: Viele Male bin ich mit grotesk verrenkten Analog-Sticks um einen Ravenii herumgerannt und habe darauf gewartet, dass das Spiel endlich erkennt, auf welchen Körperteil ich zielen will, um mich per Peitschenschlag am Oger emporzuhangeln. Viele Male wurde ich stattdessen von einer mächtigen Pranke zerquetscht und durfte von einem weit entfernten Respawn-Punkt wieder neu starten.

Vorsicht, Fuß! Wer in "Extinction" erfolgreich sein will, sollte schnell ausweichen können.
Vorsicht, Fuß! Wer in "Extinction" erfolgreich sein will, sollte schnell ausweichen können. (© 2018 Iron Galaxy)

Viel Frust & ein paar seltene Lichtblicke

Trotz dieser Schwächen hat "Extinction" zwar seine Momente. Wenn Avil sich dem Gegner aus dem richtigen Winkel nähert und in Zeitlupen-Kombos Runenschlag für Runenschlag die Rüstung des Ogers abblättern lässt, um zum krönenden Abschluss den finalen Schlag zu setzen, fühlt sich das durchaus gut an.

Leider sind diese Momente sehr selten und können von nur einer ungünstigen Kameraperspektive zunichte gemacht werden. Weitaus häufiger falle ich also beim Versuch, endlich den Helm eines Ogers zu zertrümmern, dutzende Male fluchend nach ganz unten, während der Missions-Timer unaufhörlich tickt. Der Zeitdruck sorgt auch dafür, dass sich ein Sieg über einen Oger nur sehr kurz befriedigend anfühlt – meist treibt mich das Spiel sofort weiter und Xandra und der König nörgeln schon wieder rum.

Über Games wie "Dark Souls", die für ihren hohen Schwierigkeitsgrad bekannt sind, wird oft gesagt, sie seien zwar schwer, aber dabei nie unfair. "Extinction" ist dagegen schwer, weil sich die Spielmechaniken dem Spieler in den Weg stellen – und das sorgt für unnötigen Frust.

Fazit: Von allem zu wenig – vor allem für ein Vollpreis-Spiel

"Extinction" bietet mit den Modi "Auslöschung" (ein Horde-Modus, in dem ich nur einmal sterben darf) und "Scharmützel" (zufällig generierte Mission) sowie täglichen Herausforderungen noch weitere Anlässe, die Oger einen Kopf kürzer zu machen. Diese Arcade-Modi haben den Vorteil, dass es keine dauerquatschenden NPCs gibt, am Stresslevel des Gameplays ändert sich aber nichts und letztlich gibt's auch hier nur mehr vom Gleichen.

Das wäre verschmerzbar, wenn "Extinction" ein 30-Euro-Titel wäre, den man zwischendurch für eine kurze Runde zockt, um den Puls hoch zu treiben. Für ein Vollpreis-Spiel bietet das Game aber zu wenige Inhalte, zu wenig fesselndes Gameplay und zu viele Frustmomente – da können auch haushohe Riesen nichts mehr retten.

TURN ON-Wertung: 2,5/5

Release
"Extinction" ist am 10. April für PC, PS4 und Xbox One erschienen.

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