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Ich bin unsicher, ob "Sea of Solitude" überhaupt ein Spiel sein will

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Zwischen Licht und Schatten: Kay in "Sea of Solitude".

Atmosphärisch dicht, optisch wie gemalt – als "Sea of Solitude" 2018 auf der E3 gezeigt wurde, war ich hingerissen von der charmanten Präsentation und dem kunstvollen Artstyle. Nachdem ich das Game nun gespielt habe, bin ich allerdings unsicher, ob sich das Adventure überhaupt an Spieler wie mich richtet – und ob es sich mit dem Spiel-Format wirklich einen Gefallen tut.

Mit seinem "EA Originals"-Programm hilft Publisher Electronic Arts kleineren Indie-Studios bei der Entwicklung ihrer Spiele – und dabei, sie einem größeren Publikum zugänglich zu machen. "Sea of Solitude" vom Studio Jo-Mei wurde in diesem Rahmen auf der ganz großen Bühne bei der E3 2018 gezeigt. Im Kontrast zum ansonsten aalglatten Produktportfolio des "FIFA"-Publishers erschien "Sea of Solitude" außergewöhnlich und künstlerisch ambitioniert. Creative Director Cornelia Geppert präsentierte das Spiel aus Berlin als Herzensprojekt mit ernstem Hintergrund und gewann so direkt meine Aufmerksamkeit.

Emotional, aber alles andere als subtil

Die Handlung von "Sea of Solitude" dreht sich um die junge Kay, die als Monster in einer überfluteten Stadt erwacht und gegen Ungeheuer ankämpft, die ihre persönlichen Dämonen verkörpern. Sie muss ergründen, wie sie selbst zum Scheusal geworden ist und sich ihren Ängsten stellen, um Hell und Dunkel in Balance zu bringen. "Sea of Solitude" packt sensible Themen wie Furcht, Einsamkeit und Depression an, die Videospiele eher selten behandeln. Besonders subtil ist die Erzählstruktur dabei jedoch nicht – oft erklärt sich das Spiel zu viel, überlässt zu wenig der eigenen Deutung.

Dennoch ist das Storytelling ambitioniert, so dass ich mich im Spielverlauf mit den Themen von "Sea of Solitude" auseinandersetze und Verständnis für Kays Emotionen entwickle. Das Gameplay dagegen schafft es über die etwa drei Stunden Spielzeit hinweg leider kaum, mich bei Laune zu halten: Ich erklimme Plattformen auf der Suche nach schwebenden Leuchtkugeln, weiche Monstern aus und folge einem wegweisenden Lichtschein, den ich per Tastendruck entsenden kann. Dabei löse ich Minirätsel, die kaum Herausforderung bieten, wenn man bereits etwas regelmäßiger mit Videospielen in Berührung gekommen ist.

Was will "Sea of Solitude" eigentlich erreichen?

So lässt mich "Sea of Solitude" nach dem Durchspielen etwas verwirrt zurück: Der Design-Stil ist toll und stellt den Kampf von Kay zwischen schaurig dunkler Einsamkeit und farbenfroher Lebensfreude kunstvoll dar. Aussage und Handlung schlagen eine bemerkenswerte Richtung ein. Das Gameplay dagegen fühlt sich irgendwann an wie lästige Pflicht, und auf der Suche nach einer tieferen Spielmechanik gehe ich leer aus.

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Von den eigenen Dämonen verschlungen: "Sea of Solitude".

Ich würde das Spiel daher fast eher als interaktive Erzählung beschreiben, anstatt als Action-Adventure. Ich bin alles andere als jemand, der sich an Games mit hohem Schwierigkeitsgrad ergötzt, aber das Gameplay ist derart niedrigschwellig, dass ich erst vermutete, "Sea of Solitude" sei eine Art Edutainment-Software für Kinder. Dafür sind einige Spielsequenzen dann aber schon wieder zu furchterregend.

"Sea of Solitude" schafft beim Spieler Aufmerksamkeit für seine Themen, das allein ist ein Gewinn. So, wie etwa auch "Hellblade: Senua's Sacrifice" versuchte, den Spielern psychische Probleme (genauer: Psychosen) verständlich zu machen. Das preisgekrönte Game von Ninja Theory hatte dabei allerdings mehr spielerischen Anspruch und verarbeitete seine Themen nicht nur in der Geschichte, sondern eben auch auf der Gameplay-Ebene.

Ist ein Adventure vielleicht einfach nicht das richtige Format?

In "Sea of Solitude" hätte ich auf die allzu simplen Spiel-Passagen lieber verzichtet und mir noch mehr Fokus auf die Charaktere und ihre Geschichten gewünscht. Vielleicht wäre in einem anderen Rahmen der nötige Freiraum geblieben? Für eine Art aufwändige Visual Novel hat "Sea of Solitude" nämlich wieder "zu viel" Gameplay.  Eine noch geführtere Erzählform hätte der Geschichte aber bestimmt gut getan, wenn sie dafür auf die Plattformer-Passagen verzichtet hätte.

So sitzt "Sea of Solitude" irgendwo zwischen den Stühlen – als Spiel mit wichtigen Themen und Geschichten, die sich aber gerade auf der spielerischen Ebene nur selten wiederfinden.

Release

"Sea of Solitude" ist für Xbox One, PC und PS4 erhältlich.

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