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"Miitomo": So irre ist das Smartphone-Spiel von Nintendo

"Miitomo" ist eine ziemlich seltsame App.
"Miitomo" ist eine ziemlich seltsame App. (©Screenshot Nintendo/TURN ON 2016)

Mit "Miitomo" veröffentlicht Nintendo sein erstes Smartphone-Spiel. Aber ist "Miitomo" überhaupt ein richtiges Spiel und wenn nicht, was ist es dann? Wir haben uns die ziemlich merkwürdige App mal näher angeschaut.

Da ist es, dass erste offizielle Smartphone-Spiel von Nintendo. "Miitomo" ist seit dieser Woche in Japan für Android und iOS verfügbar. Weil die Installation der App kostenlos ist, konnte ich mir diese per APK-Sideload trotzdem schon mal auf meinem Smartphone installieren. Damit ich damit nicht ganz allein bin, hat sich mein Kollege Kai "Miitomo" auch gleich für sein Smartphone geschnappt und ist seither auch virtuell mit mir befreundet.

Eines kann ich nach dem ersten Tag mit "Miitomo" schon ziemlich deutlich feststellen: Wie auch immer die Zielgruppe aussieht, ich gehöre definitiv nicht dazu. Mit herkömmlichen Maßstäben lässt sich die App meiner Meinung nach kaum beschreiben. "Miitomo" ist teils Spiel, teils soziales Netzwerk – aber beides auf eine Art und Weise, die in keine bestehende Kategorie passen will.

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Mein Mii (rechts) im Gespräch mit dem Mii meines Kollegen Kai. (©Screenshot Nintendo/ TURN ON 2016)

Der Mii auf dem Smartphone

Dabei fängt eigentlich alles ganz vertraut an. Nach der Installation bittet die App den Nutzer zunächst darum, einen eigenen Mii-Charakter anzulegen. Das dürften viele Nutzer schon von den Konsolen Wii oder Wii U kennen. Wer möchte, kann sich auch mit einem bestehenden Nintendo-Konto anmelden und seinen alten Mii nutzen oder ein neues Konto erstellen. Die Anbindung an ein Nintendo-Konto ist allerdings optional und keine Pflicht.

Allerdings wird hier schon deutlich, wohin die Reise mit "Miitomo" gehen könnte. Nintendo könnte die App in Zukunft als zentralen Hub für seine kommenden Smartphone-Games verwenden und über sie auch die Verbindung zwischen den Nintendo-Konsolen und den Mobilgeräten herstellen. Auch die zukünftige Konsole Nintendo NX wird in diesem Konzept sicherlich eine größere Rolle spielen.

Individuelle Figur mit eigener Stimme

Der Mii hat übrigens nicht nur ein benutzerdefiniertes Aussehen, sondern auch eine eigene Stimme. Die Sprachausgabe in Deutsch ist bereits verfügbar und funktioniert ziemlich gut. Immer wenn der Mii mit dem Nutzer spricht, geschieht dies nicht nur in Form von Textnachrichten, sondern auch per Sprachausgabe. Was genau der Mii zu sagen hat, kann ich als User zum Teil völlig individuell festlegen. Einfach über die Bildschirmtastatur den Text eingeben und die App liest diesen anschließend mit der vorher definierten Stimme vor. Das ist ganz nett gelöst und dürfte bei der Interaktion mit anderen Usern für jede Menge Spaß sorgen.

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Der Mii plappert nach, was man ihm vorschreibt. (©Screenshot Nintendo/ TURN ON 2016)

Der Mii als persönliches Nutzerprofil

Nachdem der Mii erstellt wurde, findet er sich in einer Wohnung wieder und läuft dort hin und her. Immer wieder tauchen Sprechblasen über der Figur auf, die dem User Hinweise auf weitere Funktionen geben oder ihn zum Beantworten von Fragen auffordern. So hat mich mein Mii zum Beispiel nach meinem Leibgericht, meinem letzten Einkauf und meiner aktuellen Lieblingsserie gefragt. Das sind alles Infos, die der Mii anschließend nutzen kann, um mit anderen Miis und somit auch mit anderen Usern in Kontakt zu treten. Auf die Weise möchte Nintendo den Kontakt zwischen Personen quasi indirekt über die Mii-Avatare herstellen.

In einem Zeitalter, in dem wir unsere Infos und aktuellen Tätigkeiten quasi in Echtzeit und sehr direkt über Facebook, Twitter, YouTube und Co. teilen können, wirkt dieses Konzept reichlich merkwürdig. Der Mii selbst wird auf diese Weise quasi zum Nutzerprofil und der Nutzer selbst entscheidet, wie viele Infos er über seinen Mii mit anderen teilt. Das Teilen der Infos erfolgt dabei fast schon spielerisch über die Konversation mit dem eigenen Mii, der zu jeder neuen Info auch gleich einen passenden Spruch parat hat.

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Wie viel Privatsphäre kennt ein Mii?

Ich selbst habe festgestellt, dass ich viel eher bereit bin, persönliche Infos auf diese spielerische Art preiszugeben, als ich es bei Facebook in einem Profil mit Klarnamen wäre. So ging es anscheinend auch Kai, dessen Mii ab und zu zu Besuch kam, um mir die neuesten Infos aus seinem Alltag mitzuteilen. Das kann Vor- und Nachteile mit sich bringen. Schüchterne Zeitgenossen können auf die Art und Weise vermutlich viel eher mit anderen ins Gespräch kommen. Auf der anderen Seite sinkt natürlich die Hemmschwelle für die Preisgabe von so mancher persönlichen Info. Hier wird sich letztlich zeigen müssen, ob "Miitomo" die richtige Balance findet.

Virtuelle Shopping-Tour

Neben diesem sozialen Feature hat "Miitomo" auch noch eine zweite Komponente und die nennt sich Shopping. So stellt Nintendo einen recht umfangreichen In-Game-Shop bereit, in dem es für den Mii neue Kleidung zu kaufen gibt. Diese wird mit Miitomo-Münzen bezahlt, die man gegen In-App-Käufe erhält. Tausend Münzen kosten dabei 99 Cent. Wer mehr investieren möchte, kann auch 105.000 Münzen für 74,99 Euro erstehen. Zusätzlich können Nutzer jedoch auch Münzen hinzugewinnen, indem sie an sozialen Aktivitäten mit ihren Freunden teilnehmen. Wer beispielsweise viele Fotos teilt, bekommt ab und an einen kleinen Bonus.

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Apropos Fotos: Seinen Mii kann man nicht nur in Schale werfen, sondern ihn anschließend auch auf virtuellen Fotos posen lassen. Die "Schnappschüsse" lassen sich anschließend bearbeiten und mit Freunden teilen. Hier erinnert "Miitomo" ein wenig an Snapchat, nur das keine echten Fotos geteilt werden, sondern im Prinzip nur Screenshots der eigenen Figur. Das Konzept wirkt ein wenig eigenwillig, aber ich kann mir gut vorstellen, dass vor allem jüngere User durchaus gefallen daran finden könnten.

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Die Foto-Funktion erinnert ein wenig an Snapchat. (©Screenshot Nintendo/ TURN ON 2016)

Darin liegt allerdings auch eine Gefahr. Ein erster Blick in den In-Game-Store zeigt mir nämlich, dass man dort durchaus sein Geld loswerden kann. So kostet ein einzelnes Kostüm schon mal um die 5000 Miitomo-Münzen, was umgerechnet etwa 5 Euro entspricht. Hinzu kommt, dass "Miitomo" häufige Kleidungswechsel mit eigenen Achievements zu belohnen scheint.

In-Game-Games zum Zeitvertreib

Achja, es gibt übrigens auch Minispiele in "Miitomo". Diese sind in den Shop integriert und erfordern meist eine Startgebühr von ein paar Hundert Miitomo-Münzen. Zu gewinnen gibt es am Ende jeweils ein Kleidungsstück, das im normalen Shop viel teurer wäre. An sich eine ganz nette Idee, aber eigentlich sind die "Spiele" kaum der Rede wert. Meist musste ich als "Spieler" nichts weiter tun, als irgendwann auf einen Display-Button zu tippen. In der Kategorie "Spiel" enttäuscht Miitomo bisher.

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Die Minispiele verdienen ihren Namen kaum. (©Screenshot Nintendo/ TURN ON 2016)

Und was soll das nun sein?

Wie anfangs schon erwähnt, tue ich mich bislang schwer bei der Einordnung von "Miitomo". Am ehesten lässt sich die App vermutlich als eine Art Social-Hub für andere Nintendo-Apps und -Systeme verstehen. Der Nutzer legt hier kein Profil an, sondern einen Mii und die Interaktion mit anderen Spielern erfolgt dann über diese virtuelle Figur. Dabei wirkt das Ganze bisher wie eine ziemlich abstruse Mischung aus Facebook, Snapchat und Second Life.

Ich selbst bin mit diesem Mix auf Anhieb nicht warm geworden, kann mir jedoch durchaus vorstellen, dass es dafür eine Zielgruppe gibt. Die dürfte allerdings viel jünger sein als der durchschnittliche Facebook-Nutzer. Interessant wird sein, wie Nintendo diese App am Ende in sein Gaming-Ökosystem einweben wird.

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