Meinung

"Shadow of the Tomb Raider" im Test: Ein schattiger Abschied

"Shadow of the Tomb Raider": Lara Croft im Zeichen der Eklipse.
"Shadow of the Tomb Raider": Lara Croft im Zeichen der Eklipse. (©Square Enix 2018)

"Shadow of the Tomb Raider" bringt die Prequel-Trilogie über die junge Lara Croft mit einem vor allem grafisch beeindruckenden Finale zum Abschluss. Im Test punktet das Spiel mit solidem Gameplay und gelegentlichen Geistesblitzen, eine krude Story und zu hohe Ansprüche an sich selbst bringen es aber ebenso oft ins Stolpern.

Das düsterste "Tomb Raider" aller Zeiten versprachen die Entwickler im Vorfeld zu "Shadow of the Tomb Raider" und kurz nach Spielstart kann an dieser Aussage kein Zweifel bestehen: Lara Croft, bisher stets selbstlose Heldin auf der Seite des Guten, löst im südamerikanischen Dschungel versehentlich mit einem magischen Maya-Artefakt die Apokalypse aus und findet sich plötzlich in der Rolle der Schurkin wieder. Katastrophen brechen über die Welt herein, Menschen sterben, Laras Erzfeinde vom dunklen Kult Trinity stehen auf einmal als die Vernünftigen da – und die Archäologin ist schuld.

Story: Lara Croft, Reiterin der Apokalypse

So gekonnt "Shadow of the Tomb Raider" seine düstere Prämisse anfangs mit viel Dramatik aufbaut, so schnell schießt es sie in den Wind. Denn natürlich will der dritte Teil der Trilogie vor allem ein Action-Adventure sein, weshalb seine gebrochene Protagonistin nicht lange Zeit hat, über ihre destruktive Aura zu sinnieren.

Stattdessen tut sie spätestens zur Mitte der Story wieder routiniert das, was sie immer schon am besten konnte: Gräber und Rätsel knacken, Fallen ausweichen, Hinweise finden und unterwegs zahlreiche Lakaien von Trinity über den Jordan schicken. Für Kontemplation bleibt da nicht viel Zeit, weshalb der interessante Grundkonflikt ziemlich schnell auf "Die anderen sind schließlich noch schlimmer" eingedampft wird.

Lara lässt alle hängen – das Leitmotiv in "Shadow of the Tomb Raider".
Lara lässt alle hängen – das Leitmotiv in "Shadow of the Tomb Raider". (© 2018 Square Enix)

Diese Schieflage ist symptomatisch für "Shadow of the Tomb Raider". Dem Spiel ist anzumerken, dass die Entwickler hier viel richtig machen wollten, aber dabei immer wieder seltsame, oft unlogische Zwischenwege beschreiten. Der Versuch, die todernsten und leider nicht sonderlich guten Dialoge stellenweise mit etwas Humor zu kontern, wirkt gekünstelt.

Die Idee, die peruanische Bevölkerung und die Einwohner eines isoliert lebenden Dschungel-Volks auf Wunsch in ihrer jeweiligen Muttersprache sprechen zu lassen, ist theoretisch schön. Lara redet aber weiterhin Englisch (beziehungsweise in der Synchronfassung Deutsch), was für völlig absurde Dialoge und Situationen sorgt.

Ärgerliche Logiklücken stören die Immersion

Dass die Heldin im Laufe der Story mehrmals ihre Waffen verliert und mit minimalen Mitteln ums Überleben kämpfen muss, macht solange Sinn und Spaß, bis sie hochgerüstete Soldaten ausschaltet, deren Gewehre sie aus unerfindlichen Gründen nicht an sich nehmen kann.

Sogar in Kritik am Kolonialismus versucht sich das Spiel: Die Rolle der Archäologin als Grabschänderin und Zerstörerin alter Kulturen wird direkt thematisiert – was aber nichts daran ändert, dass Lara zum Vorankommen genau das weiter tut und letztlich doch wieder die Fremde ist, die ungefragt die Probleme der indigenen Bevölkerung im Alleingang schultert.

Teilweise spielt das Game in einer abgeschiedenen Dschungelstadt. Trotzdem verkaufen deren Einwohner moderne Sturmgewehre an Lara.
Teilweise spielt das Game in einer abgeschiedenen Dschungelstadt. Trotzdem verkaufen deren Einwohner moderne Sturmgewehre an Lara. (© 2018 Square Enix)

Dazu noch ein paar hanebüchene Plotwendungen, viel mystisch-magisches Kauderwelsch, Menschenopfer-Klischees und viel zu viele unglaubwürdige Zufälle und es ist klar, dass man "Shadow of the Tomb Raider" tunlichst nicht wegen seiner Geschichte spielen sollte.

Gameplay: Fast alles beim Alten

Zum Glück sieht es auf Gameplay-Ebene deutlich besser aus, obwohl – oder weil – "Shadow of the Tomb Raider" auf gewohnten Pfaden bleibt. Wer "Rise of the Tomb Raider" gespielt hat, wird tatsächlich fast alles wiedererkennen: Die halboffene Welt-Struktur mit geschlossenen Levels, die später für weitere Aktivitäten und versteckte Herausforderungs-Gräber erneut besucht werden können, bleibt unangetastet.

Gleiches gilt für das Crafting und das Verteilen von Skillpunkten am Lagerfeuer. Sogar Laras Animationen in Kämpfen und beim Klettern unterscheiden sich kaum vom Vorgänger. Gründe, an diesen Elementen Hand anzulegen, gab es aber auch eigentlich nicht.

Tod von oben: Ihre Wendigkeit macht Lara Croft zum gefährlichen Gegner.
Tod von oben: Ihre Wendigkeit macht Lara Croft zum gefährlichen Gegner. (© 2018 Square Enix)

Dafür hat die Archäologin ein paar neue Moves gelernt: Sie kann sich nun aus großen Höhen abseilen und mit der richtigen Ausrüstung über Kopf klettern, was für neu erreichbare Gebiete und schön inszenierte Perspektivwechsel sorgt.

Unterwasser-Passagen spielen außerdem eine deutlich größere Rolle, was auf geteiltes Echo stoßen dürfte. Da es keine Luftanzeige gibt, ist nämlich nie so ganz klar, wie weit es Lara im Tauchmodus noch schafft. Die eigentlich nicht sonderlich schweren Passagen erzeugen dadurch viel mehr Stress als nötig.

Das gilt ein bisschen auch für die eigentlich gelungenen Kletter-Passagen: Meist funktioniert die Erkennung der mit weißer Farbe markierten Kanten gut, ab und zu springt Lara aber aus völlig unerfindlichen Gründen stumpf am Ziel vorbei.

Weniges ist so frustrierend, wie an solchen Stellen wiederholt gegen die Dummheit des Programmcodes anspielen zu müssen. Erstaunlich gut von der Hand gehen vor diesem Hintergrund dagegen die vereinzelten Jump'n'Run-Passagen, in denen Lara etwa über einen Hindernisparcours vor Gegnern flieht.

Die Markierung von erkletterbaren Stellen ist deutlich, aber dezent genug, um nicht zu stören. Für einen höheren Schwierigkeitsgrad lassen sie sich auch abstellen.
Die Markierung von erkletterbaren Stellen ist deutlich, aber dezent genug, um nicht zu stören. Für einen höheren Schwierigkeitsgrad lassen sie sich auch abstellen. (© 2018 Square Enix/TURN ON)

Gräber-Rätsel als Gameplay-Highlights

Gelungen sind vor allem die Umgebungs-Rätsel. Immer wieder muss Lara komplexe Mechanismen lösen, die auf sehr unterschiedliche Weise funktionieren: Mal lenkt sie brennendes Öl in eine bestimmte Richtung, mal richtet sie Wasserflüsse mit Seilpfeilen auf ein Mühlrad aus, um eine Tür zu öffnen.

Eine der beeindruckendsten Apparaturen im Spiel ist eine Art riesige Windmühle, die die Heldin steuern und anschließend erklimmen muss, um den Eingang zu einem Grab zu finden. Neben den Rätseln, die sie im Rahmen der Story lösen muss, gibt es auch noch weitere optionale Herausforderungs-Gräber, die Knobler absolut zufriedenstellen dürften – zumal sie grafisch hervorragend in Szene gesetzt sind.

Grafik: Auf der Xbox One X ein Augenschmaus

Überhaupt, die Grafik: Wenn "Shadow of the Tomb Raider" an einer Stelle wirklich glänzen kann, dann hier. Die Gräber mit ihren unterirdischen Tempel-Gewölben, Stachelfallen, Wasserläufen und Lavabecken wirken im Fackelschein herrlich dämonisch, der Dschungel erscheint gleichermaßen lebendig und gefährlich.

Die Hub-Gebiete, in denen Händler und Nebenquest-Geber auf die Archäologin warten, sind detailliert gestaltet und funktionieren als glaubwürdige kleine Ökosysteme. In Cutscenes fällt vor allem die hohe Qualität der Gesichtsanimationen auf. Wir haben das Spiel auf der Xbox One X getestet und abseits von wenigen visuellen Bugs keinen echten Grund zur Klage entdeckt.

In den Grabkammern der Maya ... fullscreen
In den Grabkammern der Maya ... (©Square Enix 2018)
... kann die Grafik-Engine glänzen. fullscreen
... kann die Grafik-Engine glänzen. (©Square Enix 2018)
Vor allem bei schummriger Beleuchtung ... fullscreen
Vor allem bei schummriger Beleuchtung ... (©Square Enix/TURN ON 2018)
... kommt die Optik gut zur Geltung. fullscreen
... kommt die Optik gut zur Geltung. (©Square Enix 2018)

Genial: der flexible Schwierigkeitsgrad

In den Gräbern haben die detailreichen Umgebungen zwar auch ihre Tücken, denn sie erschweren es gelegentlich, Mechanismen oder auch nur erkletterbare Wände zu entdecken. Gegen dieses möglich Problem haben die Entwickler aber ein schlaues Mittel gefunden: Der Schwierigkeitsgrad lässt sich für Kämpfe, Kletterpassagen und Rätsel einzeln einstellen, was vor allem Einfluss auf die Fähigkeit "Überlebenssicht" hat.

Auf Knopfdruck werden damit nutzbare Objekte, Mechanismen und erkletterbare Umgebung farblich markiert. Außerdem gibt Lara bei Rätseln Kommentare ab, die beim Lösen helfen. Je höher der jeweilige Schwierigkeitsgrad eingestellt ist, desto weniger visuelle und akustische Hilfe gibt das Spiel, das sich so auf jeden Anspruch hin maßschneidern lässt.

Je höher der Schwierigkeitsgrad, desto weniger Hilfe bekommt Lara.
Je höher der Schwierigkeitsgrad, desto weniger Hilfe bekommt Lara. (© 2018 Square Enix/TURN ON)

Kämpfe: Ohne Stealth geht gar nichts

In Kämpfen zeigt die Überlebenssicht dagegen an, welche Gegner gefahrlos eliminiert werden können. Das ist wichtig, denn Heimlichkeit ist Trumpf: Nur, wenn Lara ihre Gegner akribisch beobachtet und sie mit lautlosen Attacken aus dem Hinterhalt ausschaltet, hat sie eine Chance.

Verschiedene Möglichkeiten zur Tarnung (darunter Einschmieren mit Matsch und Abtauchen zwischen Büschen) helfen ihr dabei ebenso, wie improvisierte Sprengladungen oder giftige Pfeilbeschichtungen. Wenn ein ausgeheckter Plan alarmfrei über die Bühne geht, fühlt sich das verdammt gut an.

Erst beobachten, dann lautlos zuschlagen: Lara Croft mutiert in "Shadow of the Tomb Raider" endgültig zum Raubtier.
Erst beobachten, dann lautlos zuschlagen: Lara Croft mutiert in "Shadow of the Tomb Raider" endgültig zum Raubtier. (© 2018 Square Enix)

Krampfig wird das Kampf-Gameplay dagegen immer dann, wenn Laras Tarnung auffliegt. Zwar stehen ihr mit Sturmgewehren und Schrotflinten durchaus mächtigere Waffen als ihr treuer Bogen zur Verfügung. Trotzdem enden auch Scharmützel gegen zahlenmäßig nur wenig überlegene Gegner in der Regel mit einem raschen Ableben.

Es mag oft oberflächlich so aussehen, als gäbe es abseits von Stealth-Gameplay noch weitere Lösungsmöglichkeiten, tatsächlich ist das aber ein Irrtum. Nur an einigen ausgewählten Stellen der Story mutiert das Spiel zum Deckungs-Shooter und Lara muss hemmungslos draufhalten. Sonderlich organisch fühlt sich der kurzzeitige Wandel zur Schießbude dann aber nicht an – die oben erwähnte Schräglage der Story taucht hier im Gameplay wieder auf.

Fazit: Kein Weltuntergang, aber auch kein Heilsbringer

"Shadow of the Tomb Raider" will viel und längst nicht alles davon gelingt. Gerade die im Vorfeld vollmundig versprochene, düstere Story mit Lara Croft als moralisch ambivalenterer, tragischer Figur entpuppt sich als schwächstes Element des Games, wird viel zu unentschlossen und klischeehaft erzählt und am Ende mit einem tonal ziemlich hergebogenen Ende getoppt. Vom krönenden Abschluss einer Trilogie hatte ich mir deutlich mehr erhofft.

"Shadow of the Tomb Raider" hat sich ein bisschen zu viel vorgenommen.
"Shadow of the Tomb Raider" hat sich ein bisschen zu viel vorgenommen. (© 2018 Square Enix)

Spielerisch ist "Shadow of the Tomb Raider" auch nicht ohne Schwächen, überzeugt aber weit mehr als bei der Geschichte. Die Gräber-Rätsel machen Spaß und sind stets eindrucksvoll inszeniert, die Kämpfe haben dank der Schwerpunktlegung auf Taktik und Stealth selbst schon wieder Puzzle-Charakter. Insgesamt bieten die Entwickler somit solides Adventure-Gameplay mit zu vernachlässigender Story. Für eine Ikone wie Lara Croft ist das leider ein bisschen dürftig.

Das hat mir gut gefallen Das hat mir weniger gefallen
+ Fantastische Grafik, vor allem in den Gräbern - Schwache Story & holprige Dialoge
+ gelungene Rätsel-Dungeons & taktische Kämpfe - Logische Schnitzer, die die Immersion empfindlich stören
+ flexibel einstellbarer Schwierigkeitsgrad - vereinzelt Probleme mit ungenauer Steuerung (vor allem beim Klettern)
+ lebendige Hub-Areale - wenig Spielraum beim Kampfstil

TURN-ON-Wertung: 3,5/5

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