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"The Last of Us Part 2" im Test: Blutbad mit Herz

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"The Last of Us Part 2" muss sich vor seinem Vorgänger nicht verstecken. Bild: © Sony Interactive Entertainment 2020

Sequels sind riskant – erst recht, wenn sie eine so gefeierte Geschichte fortsetzen wie die von "The Last of Us". Aber: "The Last of Us Part 2" übertrifft erzählerisch meine Erwartungen, auch wenn es einige Schwächen des ersten Teils nicht abschütteln kann. Im Test erfährst Du, welche das sind – spoilerfrei.

Ich liebe den Vorgänger aus dem Jahr 2013 für seine glaubhaften Charaktere und die hervorragend inszenierte Geschichte – Teil zwei setzt genau dort an und blickt erzählerisch weiter über den Tellerrand. Für seine Schöpfer muss es schwierig gewesen sein, die Erwartungen der Fans an den Mythos des ersten Spiels zu erfüllen. Ich habe "The Last of Us Part 2" durchgespielt und finde: Naughty Dog hat es erfolgreich geschafft, sich davon zu lösen.

Lehrstunde in Erzählkunst

Das Beste an "The Last of Us Part 2" sind zweifellos die Darsteller. Es scheint, als sei Performance Capturing für dieses Spiel erfunden worden. Schauspielerin Ashley Johnson wird für ihre atemberaubende Darbietung als Ellie mit Sicherheit erneut Preise gewinnen: Aus dem Teenager im ersten "The Last of Us" ist im zweiten Teil eine erwachsene Kämpferin geworden, die ihren Platz in der Siedlung Jackson gefunden hat, aber mit ihrer Vergangenheit ringt. Sie kämpft im Verlauf der Geschichte sichtbar mit Trauma, Wut und Überlebensschuld, ständig schwankend zwischen Mitgefühl und Mordlust.

Dieses Spiel ist keine Heldengeschichte, im Gegenteil. "The Last of Us Part 2" will zeigen, dass jede Geschichte mehrere Seiten hat. Autorin Halley Gross ("Westworld") gibt im Interview mit Polygon an, dass es in ihrer Story keine Helden und keine Bösewichte gebe. Stattdessen sei "TLOU2" ein Spiel über "den Kreislauf der Gewalt und über Empathie" – das bringt es auf den Punkt. Während der erste Teil sich stark auf die Beziehung zwischen Ellie und Joel konzentriert, stellt das Sequel größere Fragen: Welche Bedeutung haben Schuld und Gewissen – und was richten sie mit uns an?

Ich werde hier nichts Konkretes über die Handlung von "The Last of Us Part 2" schreiben. Nur so viel: Die Erzählung funktioniert zum Glück weitgehend ohne Holzhammer-Methode, auch wenn sie an einigen Stellen etwas krampfhaft versucht, den "Giraffen-Moment" aus Teil eins zu wiederholen. Das Spiel nimmt sich Zeit, uns seine Figuren näherzubringen und tritt dafür streckenweise auf die Bremse. Zwischen brutalen Abschnitten voller Action legt es Wert auf Nuancen in den Gesprächen, Blicken und Reaktionen der Charaktere.

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"The Last of Us Part 2" nimmt sich auch Zeit für leise Töne. Bild: © Sony Interactive Entertainment 2020

Einigen Spielern wird es schwerfallen, sich darauf einzulassen. Ich glaube, dass jede Minute nötig ist, um die Motivationen der Charaktere bis zum Ende nachzuvollziehen. Insgesamt ist die Story nämlich von Anfang bis Ende brillant konzipiert. Mich fasziniert vor allem der erzählerische Höhepunkt, auf den das Spiel unerbittlich zusteuert, während meine Furcht vor dem Ende wächst.

Finde ich den Ausgang der Geschichte gut? Schwer zu sagen – aber schlüssig ist er. Ich freue mich, dass "The Last of Us Part 2" auf Fan-Service – also eine Handlung, die eigentlich nur möglichst vielen Spielern gefallen soll – weitestgehend verzichtet. Und dass es dabei Diversität als etwas ganz Normales darstellt.

Verblüffender Hochglanz, alte Schwächen

Visuell zeigt das Spiel, was die PlayStation 4 zum Schlusspunkt des aktuellen Konsolenzyklus leisten kann. Das bekannte Technik-Magazin Digital Foundry bezeichnet "The Last of Us Part 2" als "Naughty Dogs prachtvollen Abschied von der PS4". Der gelingt mit angenehm wenig Kompromissen: Nur ab und zu geht die Bildrate merklich in die Knie, und erwartungsgemäß wird die Konsole beim Spielen laut wie ein Linienflugzeug. Aber das ist egal, dieses Game spielt man mit Kopfhörern.

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Klicker-Alarm! "The Last of Us Part 2" fordert einen starken Magen. Bild: © Sony Interactive Entertainment 2020

Beeindruckend ist, wie "The Last of Us Part 2" das Eintauchen in die Spielwelt erzwingt. Dafür ist der fast pingelige Detailreichtum in Sachen Spielwelt, Animation und Sound ausschlaggebend. Naughty Dog kommt vielen nicht ohne Grund in den Sinn, wenn es um Studios mit akribischer Detailverliebtheit geht – offenbar manchmal auch auf Kosten seiner Mitarbeiter. Die Kalifornier treiben mit "The Last of Us Part 2" auf die Spitze, was ein Game an Inszenierung bieten kann – und das vor allem durch Politur.

Detailarbeit

Der Begriff Polish (Englisch für Politur) spielt in der Entwicklung von Videospielen eine wichtige Rolle. Er bezeichnet die Verfeinerung von Spielelementen über die eigentliche Funktionalität hinaus. Diese Arbeiten werden üblicherweise als erstes gestrichen, wenn das Budget oder die Zeit vor dem Release knapp werden.

Rod Fergusson, Chefentwickler der "Diablo"-Reihe, erklärt (via Gamasutra): "Für mich bedeutet Polish die letzten zehn bis zwanzig Prozent der Arbeit – wenn im Spiel soweit alles funktioniert und Du Dir die Zeit nimmst, Dich auf die Details zu konzentrieren. [...] Polish ist extrem wichtig und kann ein gutes Spiel zu einem großartigen machen."

Beispiel Nahkampf: In das überarbeitete System wurde viel Arbeit gesteckt, dabei ist die Bedienung einfach – eine Taste für den Angriff, eine fürs Ausweichen. Als ich einen der dynamischen Kämpfe vorab in Trailern sah, nahm ich an, dass die Steuerung komplizierter sei. "The Last of Us Part 2" schafft diese Illusion durch Detailreichtum: Für jede der Hieb- und Stichwaffen und für den waffenlosen Kampf gibt es im Spiel eine Vielzahl an verschiedenen Animationen. Kaum ein Treffer sieht gleich aus, jede Parade wirkt echt. Wenn sich Ellie unter einem Schlag wegduckt, die Weitwinkelkamera zurückweicht und beim Konter die Machete den Gegner trifft, fühlt sich das nicht wie eine wiederholt abgespulte Bildsequenz an. Sondern wie ein Kampf um Leben und Tod.

Naughty Dog hat im Sequel mehr Augenmerk auf Stealth-Action gelegt: Während die Kämpfer der gegnerischen Fraktionen die Gegend durchkämmen, robbe ich durchs Gras, schleiche mich von hinten an oder stelle Fallen. In "The Last of Us Part 2" stehen dazu noch mehr taktische Möglichkeiten bereit als im Vorgänger und die Areale sind größer. Nach und nach schalte ich Gegner für Gegner aus dem Hinterhalt aus. In einigen, leider nur wenigen, Abschnitten lassen sich Infizierte und Menschen gegeneinander ausspielen. Alternativ lässt sich das vielfältige Waffenarsenal aber auch für einen Frontalangriff nutzen.

Wer das Gameplay in Teil eins nicht mochte, wird es allerdings auch im Sequel nicht lieben. Die KI tut oft merklich schlauer, als sie wirklich ist. Das Gunplay fühlt sich besser an, bietet aber wenig Raum für eine Lernkurve. Generell ist "The Last of Us Part 2" spielerisch teils repetitiv und die Umgebungsrätsel eindimensional. Trotzdem bietet es Wiederspielwert: Vielseitige Anpassungen des Schwierigkeitsgrades bringen auf Wunsch steigende Herausforderung, ein New Game Plus erlaubt den Neustart mit gefundenen Upgrades. Per Update soll sogar noch ein Permadeath-Modus kommen.

Die Einstellungen zu Schwierigkeit und Barrierefreiheit sind in "The Last of Us Part 2" außergewöhnlich vielfältig – hier wurde ebenfalls viel Zeit in zusätzlichen Polish gesteckt. Über 60 verschiedene Anpassungen lassen sich vornehmen, die das Spiel für Personen zugänglicher machen, die Einschränkungen von Gehör, Sicht oder Feinmotorik haben. Tatsächlich nutzen diese Einstellungen aber auch, wenn bestimmte Gameplay-Elemente von "The Last of Us Part 2" stören. Du findest das Waffen-Handling ungenau? Button-Mashing im Nahkampf nervt Dich? Kein Problem, stell es um.

Überall Blut

Trotzdem ist "The Last of Us Part 2" kein Spiel für Jedermann. Der Grad an brutaler Gewalt ist sehr hoch und wirkt durch den Ernst des Spiels geradezu grausam. Zumal die Aggression sich nicht nur gegen hirnlose Untote, sondern oft gegen Menschen richtet – oder Hunde. Das Spiel versucht mein Gewissen zusätzlich zu triggern, indem die Gegner sich gegenseitig beim Namen nennen oder schockiert aufschreien, wenn sie einen getöteten Kameraden finden.

Wie gesagt: In "The Last of Us Part 2" geht es um den Kreislauf der Gewalt, Schuld und Gewissen, daher soll sich jeder Kill schlimm anfühlen. Die Brutalität soll mich noch tiefer in die Erlebnisse auf dem Bildschirm hineinziehen. Ich stumpfe aber schnell merklich ab und zucke schon nach wenigen Stunden im Spiel kaum noch zusammen, wenn eine Axt in einen Schädel kracht. Vielleicht liegt es an mir, vielleicht nimmt die beabsichtige Wirkung der blutigen Szenen mit der Zeit aber generell ab – der Schockaspekt von "The Last of Us Part 2" geht jedenfalls nicht so ganz auf.

Fazit

Ist Teil zwei nun also eine Steigerung gegenüber seinem hochgelobten Vorgänger? Ja, denn "The Last of Us Part 2" gibt der Geschichte einen größeren Rahmen und ihrer Aussage mehr Bedeutung. Von der Fortsetzung habe ich mir in erster Linie eine noch stärkere Erzählung gewünscht, und die liefert Naughty Dog spektakulär ab. Das erste "The Last of Us" zählt zu den wichtigsten Spielen der PS3-Generation. Sein Nachfolger ist für mich das am besten inszenierte Game für die PS4.

Release

"The Last of Us Part 2" erscheint am 19. Juni exklusiv für die PS4.

Das Spiel sowie die PS4 Pro im limitierten "The Last of Us Part 2"-Design kannst Du bei SATURN vorbestellen.

The Last of Us Part 2
The Last of Us Part 2
  • Datenblatt
  • Genre
    Action-Adventure
  • Release-Datum
    19.06.2020
  • Plattform
    PS4
  • Entwickler
    Naughty Dog
TURN ON Score:
4,9von 5
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