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"Unravel" im Kurz-Test: Jump 'n' Run mit rotem Faden

In "Unravel" zieht der Held einen roten Faden durch das Spiel.
In "Unravel" zieht der Held einen roten Faden durch das Spiel. (©Electronic Arts 2015)

In "Unravel" übernimmt der Spieler die Kontrolle über das kleine Wollmännchen Yarny. Dieser macht sich auf, die große Welt aus seiner Perspektive zu entdecken und zieht dabei einen roten Faden hinter sich her, der gleichzeitig auch sein wichtigstes Werkzeug ist. Wir haben uns "Unravel" für einen Kurz-Test angeschaut.

Wer "Unravel" zum ersten Mal sieht, wird unweigerlich an "Little Big Planet" erinnert. Zu groß ist die Ähnlichkeit zwischen Sackboy und Yarny, dem wandelnden Wollknäuel aus "Unravel". Und auch die Spielwelt, die man aus der Miniatur-Perspektive durchstreift, erinnert im ersten Moment an Sonys Jump 'n' Run. Allerdings sind diese Parallelen nach dem Starten des Spiels erstaunlich schnell vergessen. Die Atmosphäre, die "Unravel" auf den Bildschirm zaubert, ist nämlich eine vollkommen andere.

Melancholische Grundstimmung statt Hüpf-Wettbewerb

So schlägt der Plattformer schon zu Beginn eher ruhige und fast schon melancholische Töne an. Startpunkt von "Unravel" ist das Landhaus einer alten und einsamen Dame, deren Erinnerungen an ein langes und erfülltes Leben langsam zu verblassen scheinen. In einem kurzen Introfilm steigt diese mit ihrem Nähkörbchen die Treppen hinauf. Dabei fällt ein rotes Wollknäuel aus dem Korb und landet unter dem Sofa – die Geburtsstunde von Yarny, dem Helden des Spiels.

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Als kleines Männchen ist es fortan unsere Aufgabe, die Erinnerungen der alten Frau noch einmal wiederaufleben zu lassen. Dabei wandeln wir durch das Haus und stoßen auf insgesamt elf Bilder. Jedes Motiv steht für eine Szene aus dem Leben der Frau, die wir noch einmal in der Froschperspektive besuchen. Das eigentliche Geschehen spielt sich dabei aber stets nur verschwommen im Hintergrund ab, während wir uns im Vordergrund durch die abwechslungsreichen und durchweg bildschönen Level und damit auch durch unser ganz eigenes Abenteuer hüpfen.

Wolle und Physik: Einfach gestrickt, aber genial

Dabei zieht Yarny stets einen roten Wollfaden hinter sich her, der vielleicht auch sinnbildlich für das zugrunde liegende Thema des Spiels steht. Dieser ist aber keineswegs nur Zierde oder Symbolik, sondern gleichzeitig auch das wichtigste Werkzeug des Helden. So können wir den Faden wie ein Lasso werfen und ihn an Haken befestigen. Auf die Art lassen sich Objekte heranziehen und intelligent gestaltete Physik-Rätsel lösen. Auch kann sich Yarny an seinem Faden wie Tarzan durch die Lüfte schwingen oder Brücken aus Wolle bauen. Geht es einmal nicht weiter, können wir uns am Faden entlang zurück hangeln. Selbst Anhöhen lassen sich so erklimmen.

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Das Spielprinzip von "Unravel" ist dabei ebenso einfach wie genial. Nachdem man die grundlegenden Mechaniken einmal erlernt hat, erschaffen die Entwickler aus ein paar wenigen Zutaten tatsächlich immer wieder neue Herausforderungen. Die grauen Zellen werden dabei immer beansprucht. Hier erinnert "Unravel" ein wenig an "Portal", "Limbo", "Monument Valley" und ähnliche Rätselspiele, die es schaffen, den Schwierigkeitsgrad über die Spieldauer sanft zu steigern. Mit Logik und ein wenig Grübeln lässt sich praktisch jede der Aufgaben in "Unravel" lösen.

Der Faden ist jedoch nicht das Einzige, womit Yarny in der Spielwelt interagieren kann. Auch andere Gegenstände lassen sich verschieben oder ziehen. Gleich im ersten Level müssen wir beispielsweise mehrere Äpfel in eine Wasserpfütze schieben, um uns so eine Brücke über das Nass zu bauen. Schwimmen kann der Protagonist nämlich nicht, und wenn sich die Wolle einmal mit Flüssigkeit vollgesogen hat, ist das Spiel vorbei. Im späteren Spielverlauf steuern wir mit dem Faden unter anderem auch einen Drachen und fliegen so durch die Lüfte.

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Aus mehreren Äpfeln bauen wir uns eine Brücke. (©Screenshot EA/ TURN ON 2016)

Nur nicht den Faden verlieren

Der Wollfaden aus dem Yarny besteht, ist übrigens nicht endlos. Je weiter wir in den Levels vorankommen, desto mehr wickelt er sich ab. Der Held wirkt dann deutlich dünner und kommt irgendwann gar nicht mehr weiter voran, weil ihm die Schnur ausgeht. An solchen Stellen heißt es dann: Mehr Wolle finden. So finden sich in der Spielwelt immer wieder kleine Knäuel, an denen sich Yarny mit neuem Garn versorgen kann.

Ein Kunstwerk dank Makro-Optik

Obwohl es sich bei "Unravel" um einen reinen 2D-Plattformer handelt und die Hintergründe nur in Form verschwommener Bilder dargestellt werden, ist das Spiel in der von uns getesteten Xbox One-Version eine echte Augenweide. Alles wirkt wie mit einer Makro-Linse gefilmt. Wie bei einer guten Makroaufnahme strotzt der Nahbereich des Bildes vor Details und wirkt an der einen oder anderen Stelle fast schon fotorealistisch. Hinzu kommen die sehr überzeugenden Licht- und Physik-Effekte. Der Held Yarny fügt sich perfekt in die Szenerie ein und gewinnt mit kleinen Körpergesten im Handumdrehen die Sympathien des Spielers.

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Optisch ist "Unravel" eine absolute Augenweide. (©Screenshot EA/ TURN ON 2016)

Untermalt wird das Geschehen von melancholischer Musik und einer sporadischen, aber sehr effektiv eingesetzten Soundkulisse. Überhaupt ist Hektik nicht die Sache des Spiels. Hier unterscheidet sich "Unravel" wohl am stärksten vom oft sehr schnellen "Little Big Planet", aber auch von vielen anderen Plattformern. Reaktionsgeschwindigkeit und Timing sind hier weniger gefragt als gutes Mit- und Vorausdenken.

Fazit: Sympathischer Held in wunderschönem Spiel

In Zeiten hektischer Plattformer und Ballerspiele schlägt "Unravel" ganz andere Töne an und entführt den Spieler in eine märchenhafte Kulisse. Diese wurde vom Entwickler Coldwood mit viel Liebe zum Detail in Szene gesetzt. Es ist einfach schön, mit Yarny die Welt aus der Froschperspektive zu bereisen und dabei ganz kleine Wunder zu entdecken. Das Spielprinzip selbst ist zwar nicht unheimlich innovativ, aber sehr motivierend. Neben den grauen Zellen regt "Unravel" zudem die Vorstellungskraft des Spielers an, da es abseits der losen Rahmenhandlung um die Suche nach Erinnerungen praktisch keine Story gibt. Das tut dem Spiel aber gut und sorgt dafür, dass man sich noch stärker auf die Spielwelt und ihren sympathischen Helden einlässt. Einen roten Faden gibt es nämlich trotzdem – buchstäblich. "Unravel" ist seit dem 9. Februar für Xbox One, PS4 und PC erhältlich.

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