Meinung

Nintendo hat Open-World-Games so gut verstanden wie niemand sonst

Die Open-World von "The Legenda of Zelda: Breath of the Wild" ist riesig – aber das ist nicht ihr wichtigstes Merkmal ...
Die Open-World von "The Legenda of Zelda: Breath of the Wild" ist riesig – aber das ist nicht ihr wichtigstes Merkmal ... (©Nintendo Entertainment Europe 2017)

Kaum ein neues Videospiel kommt heute ohne ausladende Open-World-Umgebung aus. Das hat auch Nintendo erkannt – und das Prinzip in "Zelda: Breath of the Wild" und "Super Mario Odyssey" dieses Jahr gleich zwei Mal so gut umgesetzt, dass zukünftige Open-World-Spiele noch etwas davon lernen können.

Videospiele sind längst in einem Stadium angekommen, in dem sie uns vollends in andere Welten entführen können: Games wie "Skyrim", "The Witcher 3: Wild Hunt", "Horizon Zero Dawn" oder jüngst "Assassin's Creed: Origins" erschaffen fantastische Umgebungen, in denen sich die Spieler fast so frei bewegen können wie in der Realität – und noch dazu fantastische Fähigkeiten haben.

Open-World-Games: Die zu große Freiheit?

Doch mit der neuen Freiheit kommen auch neue Probleme. Das größte davon ist vielleicht, dass viele Open-World-Games im Grunde lineare Singleplayer-Stories sind, die in eine weitläufige Umgebung voller Nebenaufgaben verfrachtet wurden. Das fällt immer dann negativ auf, wenn die Hauptstory unbefriedigend kurz ist und die Nebenaufgaben umso zahlreicher, aber einfallslos sind – was leider keine Seltenheit ist. Dazu neigen sie zum Überangebot: Wer hat nicht schon einmal auf die von Fragezeichen übersäte Karte geblickt und sich einfach nicht entscheiden können, ob er jetzt den nächsten Schatz heben oder doch lieber endlich mal die Hauptstory vorantreiben soll? Und Apropos "vorantreiben": Natürlich bleibt die Handlung stets auf dem gleichen Stand stehen, bis sich der Held bequemt, sie fortzuführen. Sollte eine offene Spielwelt nicht gerade eigenständig lebendig sein und nicht so sehr vom Spieler abhängen?

"Zelda" & "Super Mario": Von Story-Pflichten befreit

Mit "The Legend of Zelda: Breath of the Wild" hat sich Nintendo Anfang des Jahres an ein handfestes Open-World-Remake seiner klassischen Spielereihe gemacht. Dabei fällt im Vergleich mit storylastigen Rollenspielen, die offene Spielwelten üblicherweise bevölkern, vor allem eines auf: Das neue "Zelda" hat kaum Handlung. Das Ziel – Ganon besiegen – steht nach der Einführung im Grunde fest. Wer mag, kann es sogar auf direktem Weg angehen, ins Schloss marschieren und den Endboss konfrontieren – was allerdings ohne Übung und gute Ausrüstung sehr schwierig sein dürfte. Plötzliche Wendungen im Plot fehlen, das Vorgehen ist frei, fast alle Handlungswege und Hintergrundinformationen sind optional und nicht unbedingt nötig, um das Spiel abzuschließen. Auch das neuere "Super Mario Odyssey", das zu Recht oft als Open-World-Jump'n'Run bezeichnet wird, bleibt dieser Linie treu, glänzt mit einer bunten, offenen Spielwelt und einer Mario-typisch völlig zu vernachlässigenden Story – und beweist, dass das kein Widerspruch sein muss.

 Die grundlegende Story von "Super Mario Odyssey", nachgestellt mit Amiibos. fullscreen
Die grundlegende Story von "Super Mario Odyssey", nachgestellt mit Amiibos. (©NIntendo of Europe 2017)

Überraschende Entdeckungen statt Marker-Flut

Die Geschichte ist also nicht der Star in Nintendos Open-World-Ansatz. Link, der stumme, fast charakterlose "Zelda"-Held, ist es eigentlich auch nicht. Vielmehr ist es die Welt an sich, die den Reiz von "Breath of the Wild" ausmacht und es so zum Open-World-Game im wortwörtlichsten Sinne macht. Das zeigt sich am deutlichsten daran, dass blindes Erkunden hier eine extrem große Rolle spielt: Es gibt zwar eine Karte (die sich Link allerdings auch erst im Spiel besorgen muss), aber wo etwa ein "The Witcher 3" diese Übersichtshilfe bald mit Symbolen und Markern für interessante Orte zukleistert, herrscht in "Breath of the Wild" zunächst Leere. Erst, wenn etwa ein Schrein gefunden ist, wird er auch markiert, was zeigt: Zu einer Welt voller Geheimnisse gehört auch die Gefahr dazu, mal was zu übersehen und eben nicht auf jedes Rätsel gestoßen zu werden. Auch abseits der Karte sind Markierungen dazu eine echte Seltenheit – ein Minimalismus, an dem sich manche oftmals überladenen Interfaces moderner Rollenspiele ein Beispiel nehmen dürfen. Kein Wunder, dass die sich mittlerweile auf Wunsch oft abschalten lassen.

 Irgendwo zwischen Steuerbefehlen, Questzielen, Minimap und neuen Errungenschaften befindet sich "The Witcher 3". fullscreen
Irgendwo zwischen Steuerbefehlen, Questzielen, Minimap und neuen Errungenschaften befindet sich "The Witcher 3". (©TURN ON 2017)

Der Held als Erkunder – nicht als Eroberer

Wichtig für diese etwas andere Art der Open-World ist auch, dass Hyrule dem Spieler immer einen Schritt voraus ist. Wo die Welt in anderen Games von einem übermächtigen Held Quest für Quest "abgehakt" und regelrecht erobert werden muss, darf Link seine Umgebung vor allem erkunden – und muss beim regelmäßig auftretenden Blutmond-Ereignis dabei zusehen, wie alle besiegten Monster wieder ins Leben zurückkehren. Dass eine Spielwelt nicht als dreidimensionale Checkliste von Aufgaben, sondern als eine Art interaktiver Spielpartner für die Hauptfigur verstanden werden kann, ist eine weitere Lehre, die sich aus "Breath of the Wild" ziehen lässt.

Spielmechaniken: Weniger ist mehr

Dabei hilft, dass im Untergrund des Gameplays einige wenige simple, aber konsequent durchgesetzte Mechaniken werkeln. Das ausgefeilte Physik-System in "Breath of the Wild" ist eine davon: Es hat einige wenige Regeln, nach denen sich aber die gesamte Welt richtet und durchdringt jeden Abschnitt des Spiels – wird dabei aber immer wieder auf kreative Art und Weise eingesetzt. In "Super Mario Odyssey" ist es dagegen die Übernahme-Mechanik, mit der Mario Gegner und ihre Fähigkeiten kapern kann, die im Zentrum des Gameplays steht – aber je nach Situation ganz unterschiedlich eingesetzt wird. Die Beschränkung auf wenige, dafür grundlegende, Regeln verleiht den offenen Welten beider Spiele eine innere Logik, die anderen Open-World-Umgebungen gern fehlt – selbst wenn sie dutzende Gameplay-Elemente von Angeln bis Ziegenmelken einführen, die dann aber zum Großteil gar nicht gebraucht werden.

 Ob beim Kochen oder Feinde sprengen: Die Spielmechanik von "Breath of the Wild" folgt einigen wenigen, konsequenten Grundregeln. Brennbarkeit gehört dazu. fullscreen
Ob beim Kochen oder Feinde sprengen: Die Spielmechanik von "Breath of the Wild" folgt einigen wenigen, konsequenten Grundregeln. Brennbarkeit gehört dazu. (©Nintendo 2016)

Wie geht's weiter mit der offenen Spielwelt?

Immer größer, immer schöner, immer mehr: Wenn sich die Zukunft von Open-World-Games allein an dieser Formel orientiert, könnte das Genre bald ausgeschöpft sein. Schon jetzt sind moderne Open-World-Titel beinahe unüberschaubar groß geworden, was bei einigen Games ein Pluspunkt ist und fantastisches Storytelling unterstützen kann. Bei anderen wirkt das Abarbeiten von Quests und Ereignissen aber wie Fleißarbeit, produziert Logiklücken und lässt die Open-World zugleich überfüllt und leer erscheinen – statt ihr den Respekt zu zollen, den sie als progammiertechnisches Wunderwerk eigentlich verdient hätte.

"The Legend of Zelda: Breath of the Wild" zeigt einige Möglichkeiten auf, wie Open-World-Titel zukunftsfähiger werden und auf lange Sicht spannend bleiben können: mit einer guten Portion durchdachtem Minimalismus und einer Spielwelt, die dem Gamer nicht als vollgekleckste Leinwand, sondern als Gegenüber mit eigener Logik, aber auch dem ein oder anderen Geheimnis begegnet – und dadurch Charakter und ihre ganz eigene Atmosphäre erhält.

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