Story

Bei Pixar geht noch was: Hausbesuch beim Animationsstudio

Das Amphitheater des Campus lädt zum Relaxen und Ideenaustausch ein.
Das Amphitheater des Campus lädt zum Relaxen und Ideenaustausch ein. (©Deborah Coleman/Disney/Pixar 2018)

Seit das Animationsstudio Pixar vor knapp 20 Jahren mit "Toy Story" sein eigenes Genre erfunden hat, sind die Kalifornier zum Liebling aller Kritiker geworden. Sie haben Oscars gesammelt und Unmengen an Geld verdient. In den Planungen dominieren allerdings Fortsetzungen. Gehen Pixar die Ideen aus? Ein Hausbesuch.

Fast ganz am Ende des Tages, nachdem viel erzählt wurde von Framerates und Umrechnungszeiten, von Design, das ganz ohne Computer auskommt (sehr selten), und vom Modell, das nur am Computer berechnet werden kann (eigentlich immer), und alles wahnsinnig technisch und gleichzeitig langweilig daherkam und sich der Gedanke einschlich, dass es vielleicht stimmt, was die New York Times erzählt und der Guardian und The Atlantic: dass Pixar aus Emeryville, Kalifornien, im Moment in einer kreativen Krise steckt, betritt Jason Katz den Raum und macht "Tätärätätä".

Katz ist Head of Story bei Pixar, er ist seit 1994 dabei, war Story Supervisor beim letzten Film "Coco" und sagt, dass man alles vergessen solle, was man gerade gehört habe. Es sei einfach nicht wichtig. Egal geradezu, Technikporno. Er holt einmal tief Luft und sagt, dass, wenn es ein Geheimnis gäbe bei Pixar, er es kennen würde, möglicherweise. Achtung, sagt er, er spitzt den Mund und simuliert einen Trommelwirbel mit den Händen. Er sagt: "We don't like to suck."

Detailverliebt: Greg Dykstra arbeitet an einer Figur für den Film "Coco". fullscreen
Detailverliebt: Greg Dykstra arbeitet an einer Figur für den Film "Coco". (©Deborah Coleman/Disney/Pixar 2018)
Multitalent: Lee Unkrich ist Vizepräsident für Redaktion und Gestaltung bei Pixar. Er führt Regie beim Film "Coco". fullscreen
Multitalent: Lee Unkrich ist Vizepräsident für Redaktion und Gestaltung bei Pixar. Er führt Regie beim Film "Coco". (©Deborah Coleman/Disney/Pixar 2018)
Storyteller: Jason Katz, Head of Story bei Pixar, zeichnet für die Geschichten verantwortlich. fullscreen
Storyteller: Jason Katz, Head of Story bei Pixar, zeichnet für die Geschichten verantwortlich. (©Deborah Coleman/Disney/Pixar 2018)

Aus Graphics Group wird Pixar

Er steht vor einem großen Fenster, durch das man das riesige Atrium des Hauptgebäudes sieht, das Steve-Jobs-Building. Der Steve Jobs, genau, denn der war lange Besitzer von Pixar. Gekauft hat er es 1986 von George Lucas, ja, auch genau der, denn der hatte 1979 prophetisch einen Haufen Computernerds angestellt, die Graphics Group, obwohl es, abgesehen von der Bearbeitung von ein paar Spezialeffekten bei Lucasfilm, nichts für sie zu tun gab.

Als Jobs den Laden übernahm und in Pixar umbenannte, bewahrte er ihn vor der Insolvenz, denn bis Pixar 1995 mit "Toy Story" den Animationsfilm quasi neu erfand, passierte jahrelang gar nichts. 54 Millionen Dollar hat ihn das angeblich insgesamt gekostet, heute könnte man das "Investition" nennen, damals wurde es aber als "Wahnsinn" abgetan, weil niemand damit rechnete, dass Pixar jemals Geld verdienen würde.

Kreativschmiede in Kalifornien

Jobs hat das Gebäude mitentworfen. Fast alle Büros sind in die Mitte ausgerichtet. Man guckt auf die Mensa, wo es immer Essen gibt und Kaffee, damit möglichst viele Mitarbeiter nach unten gehen und sich treffen, denn das war die Idee von Jobs: sich immer wieder treffen, raus aus der Isolierung des Büros, kurz plaudern, von der eigenen Idee erzählen, sich Ideen anhören und frisch inspiriert zurück an die Arbeit gehen.

Relaxen auf dem Campus mit Amphitheater. fullscreen
Relaxen auf dem Campus mit Amphitheater. (©Deborah Coleman/Disney/Pixar 2018)
Weitläufig: Die Außenansicht der Pixar Animation Studios zeigt die Ausmaße des Firmengeländes. fullscreen
Weitläufig: Die Außenansicht der Pixar Animation Studios zeigt die Ausmaße des Firmengeländes. (©Deborah Coleman/Disney/Pixar 2018)
Rechenpower: Rund 1250 Quadratmeter nimmt die Renderfarm von Pixar in Beschlag. fullscreen
Rechenpower: Rund 1250 Quadratmeter nimmt die Renderfarm von Pixar in Beschlag. (©Deborah Coleman/Disney/Pixar 2018)

Es gibt diese Geschichte, die allen Besuchern erzählt wird: Sie handelt davon, dass Jobs wollte, dass es nur zwei Klos gibt im ganzen Gebäude, damit die Mitarbeiter sich selbst dort noch ständig treffen, um über Ideen zu reden. Das ließ sich nicht lange durchhalten, aber der Rest zeugt noch von diesem Geist. Es gibt ein Basketball- und Volleyballfeld, ein Amphitheater, einen olympischen Pool und ein Fitnessstudio, Kinos und den mittlerweile in Kalifornien üblichen parkähnlichen Campus mit Bänken, in dessen Mitte eine große Schreibtischlampe neben einem Ball steht, das Markenzeichen von Pixar. Alles, damit Menschen zusammenkommen.

Der Erfolg spricht für Pixar

"Also …", sagt Jason Katz. Er grinst. Es muss einen Trick geben, schließlich sind Pixar-Filme immer supererfolgreich. Insgesamt haben die, ohne "Coco", bisher 18 Filme weltweit knapp über elf Milliarden Dollar eingespielt. Selbst der Film, der am schlechtesten lief, "The Good Dinosaur", Deutscher Titel: "Arlo & Spot", ist nicht wirklich ein Flop, hat er doch immer noch 332 Millionen Dollar in die Kassen gebracht.

Neben dem Haupteingang stehen die überlebensgroßen Figuren der "Incredibles", der Superhelden-Familie. Auf der anderen Seite eine Vitrine, 15 Oscars darin, sieben Golden Globes und elf Grammys und ein alter, durchgeknuddelter Woody, der Cowboy aus "Toy Story". Ein Junge hat ihn dagelassen, sechs Jahre alt, weil er dachte, dass es Woody gut haben soll nach seiner Zeit als Spielzeug. Und wo gehe das wohl besser als bei Pixar, wo sicherlich auch schon Buzz Lightyear warten würde, der Astronautenkumpel. Die Oscars seien ja ganz schön, hatte die PR-Frau gesagt, die durch das Gebäude führte, aber die Sache mit Woody, das sei, worum es gehe. "Thanks for the characters" steht im dazugehörigen Brief.

Mit Woody und Sulley durch Emeryville

Und vielleicht muss Jason Katz dann gar nichts mehr sagen, unter Umständen reicht das schon als Erklärung: Pixar liebt seine Charaktere. Geht man aufs Klo, kommt man nicht an einem öden Schild vorbei, sondern an Woody, der ja nicht nur Cowboy ist und selbstbestimmtes Spielzeug, sondern auch männlich. Sulley, das blaue, haarige Monster aus der "Monster AG", steht mit Kumpel Mike Glotzkowski, einem Augapfel auf zwei Beinen, vor der Treppe zum ersten Stock. An den Wänden hängen alle möglichen Bilder von Skizzen, ersten Entwürfen und Final Drafts aller Filme.

Scribble: Handgezeichnete Szene aus dem Film "Die Monster AG". fullscreen
Scribble: Handgezeichnete Szene aus dem Film "Die Monster AG". (©Disney/Pixar 2018)
Kinosaal: Etwas mehr als Heimkino: Filmvorführungen für Pixar-Mitarbeiter. fullscreen
Kinosaal: Etwas mehr als Heimkino: Filmvorführungen für Pixar-Mitarbeiter. (©Disney/Pixar 2018)
Fundsachenkiste, die von den Animationsexperten von Pixar im Kurzfilm "Lou" zum Leben erweckt wird. fullscreen
Fundsachenkiste, die von den Animationsexperten von Pixar im Kurzfilm "Lou" zum Leben erweckt wird. (©Disney/Pixar 2018)

Lightning McQueen, Rennauto, und Hook, der Abschleppwagen, Helden aus "Cars", begrüßen die Mitarbeiter auf der anderen Seite der Treppe. Im Atrium hängen Skelette mit Hosen auf Leinwänden an der Wand, ohne Unterkiefer, mit Sombreros und Gitarren: ein Hund ohne Haare, eine Großmutter im Schaukelstuhl, ein Schuster – die Protagonisten des neuesten Films "Coco". Die Büros sind mit Figuren vollgestopft, und selbst der Kaffeeautomat in der Mensa kommt nicht ohne die Lampe aus dem Pixar-Logo aus, eigentlich ja auch ein Charakter.

Die Mischung macht's

Man könnte das Folklore nennen oder das Abfeiern der größten Hits oder einfach nur Marketing, aber vielleicht ist es auch: Verliebtheit in die Charaktere. Katz sagt, bevor eine Story entstehe, sitze man also da, vor einem leeren Blatt Papier, und das sei wirklich "pretty scary". Danach müsse man mit dem Kopf an die Wand schlagen. Er lacht laut und ausdauernd, und es dauert ein wenig, bis er sich wieder einkriegt. Er sagt: "Imagine you in the story room hitting your head against the wall for days."

Man fange dann mit den Charakteren an. Und zwar auch dann, wenn die Story noch lange nicht fertig sei. "Most of the time", sagt er, "we don't know what the movie is about." Und dann probiere man eben aus. Weswegen sich die Charaktere auch ständig veränderten. Manchmal arbeite man sechs Monate, nur um dann festzustellen, dass sich niemand für den Charakter erwärmen kann. Er zuckt mit den Schultern. "Dann schmeißt man eben alles wieder weg."

Konzeptzeichnungen zu "Die Monster AG". fullscreen
Konzeptzeichnungen zu "Die Monster AG". (©Disney/Pixar 2018)
Konzeptzeichnungen zu "Die Monster AG". fullscreen
Konzeptzeichnungen zu "Die Monster AG". (©Disney/Pixar 2018)
Konzeptzeichnungen zu "Die Monster AG". fullscreen
Konzeptzeichnungen zu "Die Monster AG". (©Disney/Pixar 2018)
Konzeptzeichnungen zu "Die Monster AG". fullscreen
Konzeptzeichnungen zu "Die Monster AG". (©Disney/Pixar 2018)

Letztlich, sagt er, sei es eine Mischung aus "motivation" und "reasons". Mal geht es in die eine Richtung, mal in die andere: "It's a dance." Den Hauptcharakter auszuarbeiten? "Puh", macht er. Das könne auch mal locker ein Jahr dauern. Und dann höre man nicht auf, weil man besonders überzeugt sei, sondern weil irgendwer die Frechheit besitze, einen Veröffentlichungstermin für den Film festzulegen. Und dann sagt er, plötzlich sehr ernst: "Seriously. We want the character to have heart."

Kleinigkeiten mit Herz sind wichtig

Und das hatte auch Lee Unkrich zuvor gesagt, gegenüberliegendes Büro. Unkrich war Editor bei "Monster AG", "Findet Nemo" und "Cars", Regisseur von "Toy Story 3" und "Coco", und er sagt: "Heart and soul", darum geht es, muss man sich nichts vormachen. Die Story? "Pfff." Am Anfang habe man sowieso keine. Klar, eine Grundidee gebe es zwar auch, aber die variiere und schwanke und sei extrem schwammig. Das finde sich. "Hauptsache, die Leute haben Herz." Denn Wärme gebe es nur mit Herz. "Heart" sei auch das, was die Details ausmache. Etwa, wenn man tagelang über den Gesichtsausdruck von Miguel rede, den Helden aus "Coco", wenn der Gitarre spielt. Die Geschichte würde vermutlich auch mit einem anderen Gesichtsausdruck funktionieren, aber Kleinigkeiten mit Herz, die seien wichtig.

Ohne den Brain Trust geht gar nichts

Und als die PR-Frau ganz zu Beginn in einen Extraraum führte und sagte, dass es sich hier um so was Ähnliches wie einen Schrein handele, der zum Andenken gebaut worden sei für die Baseballspieler, die hier mal aktiv waren vor Jahrzehnten, und man erst beim Bau des Studiogeländes gemerkt habe, dass man sich auf einem ehemaligen Baseballplatz befindet, hatte sie das mit "Herz" begründet, das man für Menschen haben müsse. Das gehöre sich einfach so. Respekt und Achtung und Herz. Und deswegen stelle man alte Bälle und Handschuhe in diesem kleinen Raum aus, einen Dosenöffner und Zigarettenschachteln und Bücher mit Resultaten und, juhu, ein Mannschaftsfoto eines lange vergessenen Teams, das irgendwann mal hier gespielt hat.

Come together: Ob Projektbesprechung oder lockerer Ideenaustausch, das Begegnen und Reden ist Firmenphilosophie. fullscreen
Come together: Ob Projektbesprechung oder lockerer Ideenaustausch, das Begegnen und Reden ist Firmenphilosophie. (©Deborah Coleman/Disney/Pixar 2018)
Pedanterie? Bevor Figuren ins Projektorlicht getaucht werden, wird oft monatelang an jedem Detail und Gesichtausdruck gefeilt. fullscreen
Pedanterie? Bevor Figuren ins Projektorlicht getaucht werden, wird oft monatelang an jedem Detail und Gesichtausdruck gefeilt. (©Disney/Pixar 2018)
Awards: In der Eingangshalle, direkt dem Empfang gegenüber, die Vitrine mit gesammelten Ehrungen, darunter 15 Oscars. fullscreen
Awards: In der Eingangshalle, direkt dem Empfang gegenüber, die Vitrine mit gesammelten Ehrungen, darunter 15 Oscars. (©Deborah Coleman/Disney/Pixar 2018)

So oft wird das Herz betont, dass es mehr sein muss als nur dahingesagt. Gerade auch, weil Unkrich es sagt. Denn mehr noch als Katz sieht er sich Charaktere im Dutzend an. Er ist Teil des quasi legendären Brain Trust: fünf Leute, die seit den Anfangstagen bei Pixar sind und jeden Film und Charakter in jeder Phase begutachten und alles auf Wärme und Herz prüfen. So erfolgreich ist das, dass die fünf, John Lasseter, Andrew Stanton, Pete Docter, Lee Unkrich und Brad Bird, auf den 66. Filmfestspielen von Venedig 2009 den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk verliehen bekamen.

Wie oft reden die denn rein? "Oh …", sagt Jason Katz, und dann: "It happens all the time." Wobei man es dann nicht so machen müsse, niemand zwinge einen, aber ein guter Denkanstoß sei es in jedem Fall. Und: Oft haben sie auch recht, sagt er. Es sei ja so: Man schwanke in der Entwicklung zwischen "Alles ist super" und "Das ist die schlimmste Idee der Welt", denn das gebe es auch: schlechte Geschichten bei Pixar. Weil das Storytelling aber ein langer Prozess sei, der Dutzende Menschen einbeziehe, könne man den halbfertigen Film so lange intern zeigen, bis man sicher sei, dass es die schlechte Fassung mit den langweiligen Charakteren nie bis ins Kino schafft.

"Coco" soll zu Neustart verhelfen

"Wir machen einfach Filme, die wir sehen wollen", redet Unkrich seine Rolle klein. Das sei nichts Besonderes. Im Falle von "Coco" sei das jedenfalls so gewesen. Immerhin wurde der Film seit 2011 geplant, einerseits, andererseits: "Wir wollten einen Film machen, der eine andere Kultur feiert, die mexikanische. Wir brauchen das gerade in den USA."

"Coco"-Entwurf fullscreen
"Coco"-Entwurf (©Disney/Pixar 2018)
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"Coco"-Entwurf (©Disney/Pixar 2018)
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"Coco"-Entwurf (©Disney/Pixar 2018)
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"Coco"-Entwurf (©Disney/Pixar 2018)
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"Coco"-Entwurf (©Disney/Pixar 2018)

Und "Coco" muss außerdem, glaubt man der New York Times, dem Guardian und The Atlantic, Pixar retten. Das Studio neu starten. Neu erfinden. Denn, sagen sie, Pixar falle einfach nichts Neues mehr ein. Die kreative Phase habe lange angehalten, sei aber leider, leider mit "Inside Out" zu Ende gegangen. Seither: langweiliger Kram, Fortsetzungen, Spin-offs. Tatsächlich ist "Coco" der erste Pixar-Film seit "Arlo & Spot" von 2015, der keine Fortsetzung ist, und wird auch erst mal der einzige originale Stoff bleiben. Alle für 2018 und 2019 angekündigten Filme sind ebenfalls Fortsetzungen.

Die Angst vor dem Flop

"Ach Gott", sagt Lee Unkrich, ein Original zu veröffentlichen sei einfach immer eine Herausforderung. Man wisse ja nie, was die Leute sehen wollten, und während man an einem Film arbeite, denke man sowieso immer, dass man derjenige sei, der den ersten Vollflop hinlege. Denn irgendwann werde er schon kommen, der Flop. Jede Siegesserie sei eben nur das, eine Serie und kein Naturgesetz, was bedeute: "Irgendwann ist sie zu Ende."

Was er nicht sagt: Charaktere, die jeder schon kennt, sind einfacher zu vermarkten. Gerade, spekuliert zumindest The Atlantic, seit Pixar zu Disney gehört. Das Studio finanzierte "Toy Story", den ersten Langfilm von Pixar, übernahm Marketing und den Vertrieb, und weil der ein Riesenerfolg war, blieb man Partner bis 2006. Dann übernahm Disney Pixar für 7,4 Milliarden Dollar. Die Argumentation des Magazins geht so: Um Themenparks langfristig interessant zu halten, braucht es Nachschub an Geschichten, wie sonst solle man sich "Toy Story 4" erklären. Oder "Cars 3". Oder das Spin-off "Planes" (das allerdings von Disneytoon produziert wurde).

Ausweitung auf Themenparks

Tatsächlich wurde im Juni 2012 im Disneyland in Anaheim, Kalifornien, Cars Land eingeweiht, als Teil einer Neugestaltung des Parks. Investitionssumme: über 1,1 Milliarden Dollar. Zwei Jahre zuvor wurde Toy Story Land in Paris eröffnet, 2011 in Hongkong. Im Sommer 2018 wird Toy Story Land in Hollywood öffnen, Shanghai wird gebaut, Tokio geplant. In beiden asiatischen Parks wird es voraussichtlich auch einen Findet-Nemo-Bereich geben. Und weil man ja nie weiß, was wird, wollte sich Disney 2013 auch den Dia de los Muertos sichern, den Tag der Toten, als Trademark. Das scheiterte aber, schließlich ist der Tag einer der wichtigsten mexikanischen Feiertage und wird von der UNESCO als Kulturerbe der Menschheit geführt.

Allerdings plante Disney nach dem Erfolg von "Toy Story" sofort "Toy Story 2" als Direct-to-Video-Sequel, eine lukrative Sideline, die wenig Arbeit machen sollte, aber sicheren Gewinn. Bei Pixar wollten sie nicht und wehrten sich gegen die Idee – schwierig, weil die Rolle von Disney schon zu wichtig war. Gut, sagten sie, wenn wir es schon machen müssen, dann geben wir uns auch Mühe und bringen es ins Kino.

Ed Catmull, 1979 Gründer des Pixar-Vorgängers Graphics Group und heute zusammen mit John Lasseter Präsident von Pixar und den Walt Disney Animation Studios, beschrieb diese Phase in einem Buch als "kritisch". Damals sei es um die Identität von Pixar gegangen. Für jedes Sequel, sagte er, wolle man zwei Originalfilme machen. Mittlerweile ist das Verhältnis umgekehrt. Und selbst John Lasseter sagt: "Dadurch, dass wir die Welt von 'Cars' erweitert haben, haben wir neue Möglichkeiten geschaffen." "Fun-filled situations" nennt er das.

Innovative Ideen mit Herz, bitte!

Und natürlich kann man sich darüber beschweren. Andererseits zeigt die Beschwerde, was Filmkritiker und Fans mittlerweile von Pixar erwarten: einen Geniestreich nach dem anderen, bitte kein normales Studio sein, keine Fortsetzung, immer Filme für das Herz, sich immer wieder neu erfinden.

Und so ist dieser Vorwurf eigentlich ein Kompliment: Liebe, die nicht so erwidert wird, wie man das erwartet. Die gefühlte Zurückweisung der Verknallten. Pixar will ja auch kein normales Studio sein. Alle Charaktere sind selbst ausgedacht, niemals, sagen sie, werde es eine Lizenzproduktion eines Superhelden geben. Andererseits: Der Apparat muss finanziert werden. Mittlerweile arbeiten 1.200 Menschen in Emeryville. Die Produktion jedes Films dauert Jahre. Herz braucht Zeit. Und Zeit kostet Geld.

Mit Herz und Leidenschaft

"Wenn man monatelang an einem Charakter sitzt, um ihn danach wegzuwerfen, fragt man sich schon, was man da eigentlich tut", sagt Katz. Man diskutiere auch wirklich alles. Ist es bei "Coco" im Land der Toten dunkel und depressiv, weil ja alle tot sind, oder im Gegenteil hell und fröhlich, kann ja schließlich nichts mehr passieren, sind ja schon alle tot? "Mmhh?", macht er. Er sagt dann noch Lehrbuchsätze, und Unkrich hatte das ebenfalls getan.

Selbst die PR-Frau ganz zu Beginn und auch der Mann, der das mexikanische Essen in der Mensa serviert hatte. "Jeder, der bei Pixar arbeitet, tut das mit Leidenschaft." Er hatte die Tacos auf den Teller gelegt. "Jeder will das Beste erreichen." Er hatte die Bohnen dazugepackt. "Wir legen Wert darauf, neue Höhen zu erreichen." Er reichte die mexikanische Limonade. Das Essen war köstlich.

Info
Diese und weitere Geschichten findest Du auch in der aktuellen Ausgabe des TURN ON Magazins 01/18, das in allen SATURN Märkten kostenlos ausliegt.

Gut zu wissen
Wie ein roter Faden ziehen sich die Charaktere von Pixar durch die Filme. Die Easter Eggs stimmen: Alle, die schon immer vermutet haben, dass alle Pixar-Filme trotz unterschiedlicher Storys und Akteure miteinander verbunden sind, haben recht. Pixar selbst hat im Januar 2017 ein Video veröffentlicht, in dem Sequenzen von Filmen zu erkennen sind, die Hinweise auf andere Protagonisten liefern. Lightning McQueen aus "Cars" ist ein Spielzeug in "Toy Story".

Ein Teddy aus "Toy Story" findet sich in "Oben" wieder. In "Alles steht Kopf" gibt es ein Brettspiel namens "Findet mich!" – auf dem ist der Clownfisch Nemo abgebildet. In "Findet Dorie" sieht Riley, Heldin aus "Alles steht Kopf", ins Aquarium. Und erinnert sich in ihrem eigenen Film an den Besuch im Dinosaurierpark bei "Arlo & Spot". Die "Monster AG" wiederum taucht auf einem Holzstich in "Merida" auf, die wiederum auf einem Bild in "Cars" zu sehen ist. Außerdem ist der Pizza-Lieferant in allen Filmen derselbe – der immer im selben gelben Auto vorfährt. Das Video hat mittlerweile über 22 Millionen Aufrufe.

Diese und weitere Geschichten findest Du auch in der aktuellen Ausgabe des TURN ON Magazins 01/18, das in allen SATURN Märkten kostenlos ausliegt.

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