Comeback des Vinyl: Zu Besuch im einzigen Berliner Platten-Presswerk

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Begehrtes Sammlerstück statt verstaubtes Relikt: Vinyl ist angesagter denn je. (©AdobeStock / metr1c 2018)

Die Schallplatte war ihre große Leidenschaft. Aber dann kam ihnen die Karriere dazwischen. Geträumt haben die beiden Hamburger Max Gössler und Alexander Terboven aber immer weiter von den Vinylscheiben – bis sie schließlich in Berlin ihr eigenes Presswerk eröffneten.

Eine Schallplatte beginnt nie mit dem ersten Track. Eine Schallplatte beginnt mit dem kratzigen Geräusch der Nadel, die sich aufs Vinyl senkt. Wenn die Nadel die Einlaufrille gefunden hat, folgt ein kurzes Rauschen, bis sie schließlich auf die ersten Gravurspuren trifft und sie in Töne umwandelt. Doch eigentlich sind auch dieses Kratzen und Rauschen nicht die ersten Sounds einer Schallplatte. Sondern ein Stampfen und dampfiges Zischen, das entsteht, wenn ein 140 Grad heißer Vinylkloß zwischen zwei Metallscheiben gerät und unter 120 Tonnen hydraulischem Druck auseinandergequetscht wird.

Zwei Hamburger Jungs im Presswerk

Im Industriegebiet von Berlin-Marienfelde hört man das den ganzen Tag über. Denn rund dreißig Jahre nach dem vermeintlichen Tod der Schallplatte haben dort zwei Hamburger Jungs begonnen, wieder Vinyl zu pressen. Es ist das weltweit erste neue Plattenwerk. Schon bevor man die türkise Halle von Intakt! betritt, hört man das Zischen. Später im Büro herrscht dann aber das Klingeln verschiedener Telefone und Handys vor. Max Gössler springt von einem zum nächsten. Ist es grade stressig? "Eigentlich immer!", sagt Gössler. Der 36-Jährige – kurzer Vollbart, lichtes Haar, Hoodie – ist einer der beiden Gründer von Intakt!. Gerade steht Kundenbetreuung an.

"Da sagst du ihm: Es dauert jetzt noch vier Wochen, dann ist die Platte fertig. Dann ruft er eine Woche später an: Ich wollte nur mal nachfragen, ob alles gut gegangen ist bis jetzt …" Einerseits nervig, denn es kostet Zeit, und von der 40-Stunden-Wochen sind sie in dem jungen Unternehmen sowieso noch weit entfernt. Anderseits kann Gössler die Frage gut verstehen. Da wartet eben jemand sehnsüchtig darauf, seine Platte endlich in der Hand halten zu dürfen. "Da ist viel Herz und Leidenschaft dabei", sagt Gössler. Und mit Herz und Leidenschaft hat ja auch bei ihm alles angefangen.

"Wenn wir jetzt 'n Presswerk hätten ..."

Wenn er mal einen Moment Zeit zum Durchatmen hat zwischen Aufträgen, Angeboten, Akquise, zwischen Produktionsplanung, Versand und Zuliefererkommunikation, dann gleitet sein Blick manchmal vom Computer über all die Papierstapel hin zu dem Plakat neben der Tür. Das Plakat zeigt George Michael in einem gruseligen Hawaiihemd aus den Achtzigern, daneben Andrew Ridgely und darunter die Zahlenfolge "161216". Es ist ein Poster von "SomeDate", einer Party- und Festivalreihe für elektronische Musik, die Gössler seit acht Jahren mit seinem Bruder Paul in Weimar betreibt. "SomeDate" heißt sie, weil auf den Plakaten nie Buchstaben drauf sind, keine großen Namen irgendwelcher Acts. Nur das Datum und Bilder oder Grafiken. Für die Christmasparty am 16.12.2016 etwa schien ihnen Wham! ganz gut zu passen – quasi ein Ohrwurm als Poster.

"Irgendwann wollten wir aus der Partyreihe ein Label machen und eine Platte herausbringen", erzählt Gössler. Aber: Drei Monate vor dem großen Festival war nichts mehr zu machen. Kein Presswerk hatte Kapazitäten. "Manche haben nicht mal mehr Neukunden aufgenommen." Andere hatten schlicht sehr, sehr lange Wartezeiten. "Wir waren natürlich todunglücklich", sagt Gössler. "Wir haben gedacht: 'Mensch, wenn wir jetzt 'n Presswerk hätten, dann würden die uns die Bude einrennen!' Und alle, die wir in der Szene kannten, haben gesagt: 'Mensch, wenn ihr jetzt 'n Presswerk hättet, würden wir euch die Bude einrennen!'" Die Idee war da.

Es gibt immer einen Haken

Aber damals konnte man nirgendwo eine Presse kaufen. Zwar hatten einige Konzerne in den Neunzigern, als die CD die Schallplatte als Musikträger ablöste, ihre Pressen weiterbetrieben oder zumindest eingemottet und wurden nun mit der wiederaufgeflammten Vinyl-Leidenschaft der Kunden belohnt. Aber die Konzerne, die die Pressen herstellten, gab es nicht mehr, und im neuen Boom wollte niemand gebrauchte Pressen verkaufen.

Erst 2015 las Gössler in einem Internetforum, dass ein Maschinenbauer in der Nähe von Aachen wieder Pressen baut. "Jetzt oder nie!", dachte er. Er ahnte, dass das die vielleicht letzte Chance sein könnte, doch noch die Musik zu seinem Beruf zu machen.

Aus Liebe zur Musik

Seit er sechs ist, spielt er Schlagzeug. Zur Konfirmation bekam er einen Pentium I, weil sein Vater in einer Zeitung gelesen hatte, dass man nun auch mit Computern Musik machen konnte. "Damit fing's an: Man musste sich überlegen, wie man Geräte verkabelt und an den Computer anschließt, lernen, was Midi-Signale sind, und so weiter." Andere kauften sich eine Playstation, Gössler baute sich Stück für Stück sein eigenes Musikstudio.

Mit 18 begann er aufzulegen. Er kaufte sich einen doppelten CD-Spieler zum Mischen und bald darauf die ersten Plattenspieler, mit denen er und sein Bruder im Keller der Eltern in einem Hamburger Vorort übten. Mit dabei war Pauls bester Kumpel, Alexander Terboven. "In dem Keller bin ich zum ersten Mal auf Tuchfühlung mit dem ganzen DJing gegangen", sagt Terboven. Der heute 33-Jährige – baumlanger Hanseat, kurzer Bart, den Schirm der Basecap nach hinten gedreht – ist DJ und Gösslers Partner bei Intakt!. "Seit damals ist die Liebe zur Schallplatte ungebrochen."

Über Umwege zurück zur Musik

"Ungebrochen" mag sein. Aber zunächst fiel der Schallplatte die Rolle der heimlichen Geliebten zu. Denn beide machten erst mal, was man landläufig "eine vernünftige Ausbildung" nennt – Terboven begann ein duales Studium als Wirtschaftsingenieur bei der Hauni, dem Marktführer in Maschinen zur Zigarettenherstellung, der nur wenige Kilometer vom Elternhaus seine Fabrik hatte. Und Gössler studierte in München VWL.

Terboven machte Karriere, bekam immer mehr Verantwortung, war am Ende zuständig für die gesamte Pneumatik im Konzern. Noch heute schwärmt er von der Perfektion der Maschinen ("Neun Millionen perfekte Zigaretten in einer Schicht – was für eine feinmotorische Leistung!") und von den Arbeitsbedingungen ("35-Stunden-Woche, doppelt so viel Gehalt wie heute!"). Dennoch: "Das war alles etwas festgefahren. Ich hatte Energie für zwei und wurde sie nicht los. Mit Anfang 30 möchte man halt was erreichen."

Gössler schrieb derweil eine Diplomarbeit, die "ärgerlicherweise ganz gut war", und landet mit einem Stipendium in der Tasche beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, um dort seinen Doktor zu machen. So etwas lässt man sich nicht entgehen, denkt er damals. Aber merkt dann: Eigentlich war das noch nie seine Welt. "Im Prinzip war das nur so ein Geistes-Battle. Das hätte echt nicht sein müssen."

Als Gössler dann liest, dass da einer Schallplattenpressen verkauft, ruft er seinen Freund sofort an. "Eine glückliche Fügung", sagt Terboven. Beide beenden ihre "Vernunftehen" und kehren zurück zu ihrer Jugendliebe. Sie schrieben einen Businessplan, bekamen einen Kredit und kauften eine Anlage mit zwei halb automatischen Pressen.

Steiniger Weg zur ersten eigenen Platte

Im Frühjahr 2017 dann stand die Maschine in Berlin. Funktionsbereit, aber nicht angeschlossen, mit Schläuchen und Kabeln, die leblos herunterhingen wie bei einer neuen Waschmaschine, bloß tausend Mal komplizierter. "Handbuch gab's nicht", sagt Terboven. Es war die zehnte oder elfte Maschine, die der Hersteller gebaut hatte. Und weil er aus dem CD-Business kam, fehlte auch ihm die Routine bei Aufbau und Betrieb. "Am Ende haben wir uns das meiste selber beigebracht", sagt Terboven.

Am 11. April 2017 hielten sie die erste Selbstgepresste in der Hand. "Das erste halbe Jahr war ziemlich hart – da ist man immer noch grün hinter den Ohren, und wenn der kleinste Fehler auftritt, denkt man, die Welt geht unter."

Im Berliner Presswerk läuft's rund

Jetzt, nach über 100.000 gepressten Platten und mit fünf festen Mitarbeitern, ist mehr Routine da. Trotzdem: "Irgendein kleiner Fehler schleicht sich immer ein", sagt Terboven. Und das ist dann seine Baustelle.

Gössler berät derweil am Telefon die Kunden. Er erklärt, was auf dem Weg zum fertigen Vinyl passiert: Erst wird in einem Schneidstudio der digitale Ton in eine Lack- oder Kupferplatte eingraviert. Dann wird die Platte in einer Galvanik mit Metall beschichtet und so eine stabile Matrize erstellt, mit der bei Intakt! unter Dampfen und Zischen aus geschmolzenem Polyvinylchlorid eine Platte gepresst wird.

Bis zu 1.000 Platten am Tag

Bis zu 1.000 Platten am Tag können sie so herstellen. Wenig, wenn man bedenkt, dass 2017 in Deutschland 3,1 Millionen Platten verkauft wurden. Viel, wenn man weiß, dass die Aufträge kleiner Independent-Label oft bloß auf 300 oder 400 Stück hinauslaufen.

"90 bis 95 Prozent unserer Aufträge kommen aus dem Independent-Bereich", sagt Terboven. Aber auch bekanntere Acts wie Len Faki, Resident DJ im Berghain und Singer-Songwriter Olli Schulz mit der Platte "Scheiß Leben, gut erzählt" pressen sie. Und sogar eine Scheibe der Mittelalter-Dudelsack-Band Corvus Corax liegt auf den Stapeln zum Verpacken. ("Hab mich schon gefragt, wer so was hört", sagt der Versand-Mitarbeiter. "Also anscheinend wohl Journalisten".)

Die Renaissance des Vinyl

Mittlerweile gibt es fast niemanden mehr, der ein neues Album nicht auch als Vinyl herausbringt. "Was die Evolution der Musikformate angeht, sind wir, glaube ich, am Ende angekommen", sagt Terboven. "Und aus dem Blumenstrauß an Möglichkeiten kann sich jetzt jeder raussuchen, was er möchte." Für Gössler und Terboven sind das definitiv nicht Kassette, CD, MP3 oder gestreamte Musik, sondern die handfeste Vinylplatte.

"Allein schon dieses Suchen nach einem bestimmten Cover in deiner Plattentasche…", sagt Terboven. Das ist immer auch Suchen in den Erinnerungen. "Du hast die Platten ja in ganz bestimmten Stimmungen deines Lebens gekauft, und die sind dann alle wieder da." Und natürlich auch der warme Klang, mit all seinen gelegentlichen Knacksern und Rauschern. "Es beginnt schon damit, dass die Nadel über die Einlaufrille läuft", sagt Terboven. "So was gibt dir doch eine CD nie im Leben!" Der letzte Track der Schallplatte ist noch lange nicht zu Ende.

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