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Erde bebt, Frau tanzt

Moon Ribas hat einen Sensor im Arm der sie Erdbeben spüren lässt.
Moon Ribas hat einen Sensor im Arm der sie Erdbeben spüren lässt. (©Alex Thebez 2016)

Mithilfe eines Sensors im Oberarm spürt die Spanierin Moon Ribas jedes Erdbeben, das irgendwo auf der Welt stattfindet. Und tanzt dann dazu. 

Sie zuckt und zappelt, biegt sich nach hinten und wirft sich nach vorn. Dann passiert nichts, sekundenlang, bis sie wieder aufspringt, die Arme in die Luft werfend, so heftig, als ob sie sie loswerden will. Und dann bleibt sie einfach stehen. Moon Ribas, 31, aus Barcelona, in New York lebend, ist mit der Erde verbunden. Ganz direkt. Per WLAN. In ihren Oberarmen sind zwei Sensoren implantiert, jeder nur wenige Euro teuer. Rechts einer, der Erschütterungen auf dem Mond spürt. Links einer, der Erdbeben erkennt. Beide greifen über eine App auf dem Smartphone auf das Internet zu und rufen Erdbebendatenbanken ab. Je größer das Beben, desto größer die Vibration im Arm. "Das fühlt sich an wie ein vibrierendes Handy in der Tasche", sagt sie. Und tanzt dann zu dem Beben.

Und obwohl die Performance von Ribas "Waiting for Earthquakes" heißt: Lange warten muss sie nie. Laut Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) bebt es etwa 270-mal täglich mit einer Stärke von mindestens 3 irgendwo auf der Welt. Ribas sagt: "Erdbeben sind der Herzschlag des Planeten." Die Idee: Die große Bewegung der Erde in einem kleinen menschlichen Körper zu übersetzen. Die Technik bringe sie näher an die Natur.

Aber Ribas will mehr, sie will mithilfe der Technologie die menschlichen Sinne verbessern. Sie ist überzeugt davon, dass Menschen und Maschinen irgendwann verschmelzen, Technologie kein Werkzeug mehr sein wird, sondern ein Teil des Körpers. Dass alle zu Cyborgs werden. Der Weg dahin sei bereitet durch Herzschrittmacher und Hörgeräte, künstliche Hüften und Gelenke. Aktueller Beweis? Body-Tracking, die Perfektionierung des Körpers durch Technik. Die Verbindung zwischen beiden Sphären habe sich sogar schon in die Sprache geschlichen. "Niemand sagt: Der Akku meines Mobiltelefons ist leer. Alle sagen: Mein Akku ist leer."

Warum also nicht auch die Sinne verbessern? Hätte das nicht Vorteile? Schließlich entwickelten sich Soft- und Hardware weiter. "Unsere Sinne würden im Alter besser werden." Ribas hat Erfahrung im Cyborg-Sein. Schon 2007 trug sie monatelang ununterbrochen eine Brille, die sie nur noch Farben erkennen ließ, keine Umrisse mehr. Danach eine künstliche Fingerkuppe, die durch Vibration anzeigte, wie schnell Passanten unterwegs sind (die schnellsten Fußgänger Europas leben in London. Die langsamsten in der Vatikanstadt). Die Fingerkuppe entwickelte sie weiter zu Bewegungsmeldern in den Ohrläppchen, "internal radar" nennt sie das, um die Menschen um sie herum spüren zu können. Immer, wenn jemand vorbeilief, vibrierte das Ohr. Als sie die Sensoren an den Hinterkopf verlegte, "ist mir aufgefallen, wie viel wir verpassen.“ Und das wollte sie ändern.

Zusammen mit vier anderen Leuten hat Ribas "Cyborg Nest" gegründet, ein Unternehmen, das bisher nur ein Produkt herstellt: North Sense. Einen Sensor, der wie ein Piercing am Körper befestigt wird und das Magnetfeld der Erde wahrnimmt. Man gewinne neue Erfahrungen, neue Gefühle, neue Erinnerungen. Denn schließlich sei das nichts, was es nicht bereits im Tierreich gäbe. Tatsächlich verfügen etwa 50 Arten über einen Magnetsinn, Vögel und viele Reptilien, aber auch Hamster und Bienen. Man erschaffe also nichts Künstliches, sondern füge nur etwas dazu, sagt Ribas. Der Claim von Cyborg Nest: Design your evolution.

Offiziell ist Moon Ribas allerdings "Cyborg Artist". Genau wie ihr Kollege und Mitgründer Neil Harbisson, der so extrem farbenblind ist, dass er die Welt nur in Grautönen wahrnimmt. Er trägt eine Kamera und einen Sensor am Kopf, die Farben in Töne übersetzen. Mithilfe des Sensors kann er zudem Infrarot und Ultraviolett sehen, wie Hummeln und Klapperschlangen. Die Technik hat seinen Sinn nicht nur ausgeglichen, sie hat ihm ein Upgrade verpasst, was dazu führt, dass er seine Kleidung jetzt nicht mehr nach der Optik, sondern nach dem Sound zusammenstellt, den die Farben machen. Wenn er zusammen mit Moon Ribas zu Konferenzen rund um die Welt reist und die beiden dort von der Verbesserung der Sinne durch Technologie reden, dann sagt Harbisson Sätze wie: "Ich trage heute was in c-Moll."

Ribas wollte eben keinen verbesserten Sinn, sondern einen neuen, einen Siebten. Den Kontakt mit dem Planeten. Sie hat ihn, mit allen Konsequenzen. Im April 2015, während des Erdbebens in Nepal, war die Vibration in ihrem Arm so stark, dass sie davon geweckt wurde. "Ich fühlte mich, als sei ich da", sagt sie. Ihr sei sofort klar gewesen, dass dort eine große Tragödie geschehen sei. "Meine Wahrnehmung von Orten hat sich komplett verändert", sagt sie. Aber das soll noch nicht alles sein.

In Zukunft könnte man Gifte erkennen, an Sensoren, die man in den Zähnen trägt. Oder auf anderen Frequenzen hören oder andere Töne wahrnehmen. Alles sei möglich. Und alles mit allem verbunden. Es sei denn, das Internet fällt plötzlich aus.

Diese und weitere Geschichten findest Du auch in der aktuellen Ausgabe des TURN ON Magazins 05/16, das in allen SATURN Märkten kostenlos ausliegt.

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