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Grusel grotesk: Die dümmsten Momente aus neueren Horrorfilmen

"Oh mein Gott, es ist ein ... Plothole!"
"Oh mein Gott, es ist ein ... Plothole!"

Ich liebe Horrorfilme. Du liebst Horrorfilme. Wir alle lieben Horrorfilme. Kleine Fehler und Ungereimtheiten lassen sich da auch einmal verschmerzen – mitunter ist das aber selbst mit größtem Wohlwollen unmöglich: Hier kommen die unlogischsten, bizarrsten, kurzum dümmsten Momente aus Horrorfilmen der vergangenen Jahre. Achtung: akute Facepalm-Gefahr!

"Schalt' doch einfach Dein Hirn aus!" Diesen ach so hilfreichen Ratschlag bekomme ich oft, wenn ich Logik-Löcher und nicht nachvollziehbares Figurenverhalten in Horrorfilmen moniere. Hauptsache, es fließt ordentlich Blut, und überhaupt: Dumme Momente seien doch quasi ein Merkmal von Horrorfilmen! Also einfach alles hinnehmen, nichts hinterfragen, bloß nicht mitdenken.

Ich sage entschieden: Nein. Ein Minimum an Logik und gedanklicher Konsistenz erwarte ich auch von Gruselfilmen. Wenn das fehlt, reißt mich das schneller heraus als Jason Voorhees ein fummelndes Pärchen aus dem Schlafsack. Die folgenden, sagenhaft bescheuerten Szenen waren besonders brutale Stimmungskiller für mich.

Achtung, Spoiler!
Wir spoilern einige Horrorfilme der vergangenen Jahre, teilweise sogar das Ende. Sag nicht, wir hätten Dich nicht gewarnt!

"Dracula" (2020): Dracula kommt ins Internet

Die dreiteilige BBC-Miniserie, die derzeit bei Netflix läuft, hat mich zu dieser Liste inspiriert. Denn da kommt es zu einem kleinen Moment, der dem Zuschauer auch das letzte bisschen Wohlwollen für diese konzeptionell misslungene Interpretation des Dracula-Mythos nimmt. Die "Dracula"-Serie fällt nach starkem Auftakt in der berüchtigten dritten Folge in sich zusammen wie ein Jenga-Turm, bei dem jemand den falschen Stein herauszieht. Das wird spätestens in der Tablet-Szene klar.

Da wird Graf Dracula, der sich (Twist!) zum Ende der zweiten Folge in der Jetztzeit wiederfindet, also gefangen genommen. Er kann seiner Glaszelle nicht entkommen. Sehr gut! Aber irgendjemand hatte die Spitzenidee, ihm ein internetfähiges Tablet zu geben. Über das er prompt einen Anwalt kontaktiert, der ihn herausholt. Halt, es kommt noch besser: "Wer hat ihm das WLAN-Passwort gegeben?", fragt eine fassungslose Zoey Van Helsing wütend in die Runde. Und Draculas lapidare Antwort? "Es lautet 'Dracula'".

Ich möchte noch mal zusammenfassen: Ein geheimes Forschungsinstitut, das sich dem Kampf gegen Vampire verschrieben hat, nimmt endlich den mächtigsten Blutsauger der Welt gefangen. Man gibt ihm absolut ohne Grund ein Tablet mit Internetzugang, und das Passwort für das WLAN-Netzwerk ist sein eigener Name. Und dann nehmen sie Dracula das Tablet nicht einmal weg, in der nächsten Szene surft er immer noch damit herum.

Wenn Zurechnungsfähigkeit ein Herz hat, dann ist diese Szene der Holzpflock mitten hinein.

"It Follows" (2014): Wasser + Strom = Aua!

"It Follows", 2015 bei uns in den Kinos gelaufen, entpuppte sich als Überraschungserfolg. Hab' Sex mit der falschen Person, und ein unaufhaltsames Monster verfolgt Dich, bis es Dich kriegt – die Idee ist so simpel wie unheimlich. Für mich hätte die Geschichte als Kurzfilm allerdings deutlich besser funktioniert. Denn je länger der Film andauert, desto mehr Fragen wirft er auf.

Zum Beispiel die, was sich die verfolgten Kids mit ihrem grenzdebilen Plan am Ende gedacht haben. Das Monster lässt sich nicht aufhalten, von frommen Wünschen nicht und auch nicht von Pistolenkugeln. Es verfolgt einfach immer weiter. Also lockt unsere Heldin Jay es in einen Swimmingpool, mit sich selbst als Köder, um dann das Wasser unter Strom zu setzen. Das klingt schon beknackt, aber was das Monster anschließend unternimmt, macht die Szene endgültig zur Farce: Es wirft elektrische Gegenstände in den Pool. Um das Wasser unter Strom zu setzen. In dem Jay schwimmt. Bei der blitzgescheiten Feststellung "She's gonna get electrocuted!" hätte ich mich vor Lachen fast an meiner Cola verschluckt.

Der Regisseur David Robert Mitchell ist sich der Komik dieser Sequenz übrigens bewusst. Er beschreibt das Vorhaben der Teenies als "den dümmsten Plan aller Zeiten", ungefähr auf dem Niveau einer "Scooby-Doo"-Episode. Er habe damit zeigen wollen, dass die Teenager keine Ahnung haben, wie sich das Vieh aufhalten lässt, und sich irgendwas zurechtimprovisieren.

Mag sein, zerstört aber trotzdem die sorgsam aufgebaute Atmosphäre der Beklemmung und Bedrohung. Und was das Fallenstellen angeht: Probiert's doch mal mit einer tiefen Grube, ihr Trottel-Teens!

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"Wish Upon" (2017): Papa bläst das Saxofon

"Wish Upon" ist so schlecht. Ich meine wirklich wirklich schlecht. Also als Horrorfilm. Als Komödie ist der Streifen hingegen überragend.

An diesem Film stimmt wirklich nichts. Nicht die müde Prämisse (eine verfluchte Musikbox erfüllt Wünsche – aber zu welchem Preis?), nicht die stümperhaften Todesszenen, nicht die völlig bizarren Versuche, Horror mit High-School-Drama zu mischen – als Reaktion auf den mysteriösen Tod ihres Onkels geht Protagonistin Clare erst mal mit ihren Freundinnen auf ausgedehnte Shopping-Tour. Das machen Mädchen schließlich so, oder? ODER? Ach ja, und sie wird gespielt von Joey King, und ich würde lieber mein Gesicht in den Deckenventilator halten, als mir noch einen Film mit Joey King anzugucken. "The Conjuring". "Independence Day: Wiederkehr". "Slenderman". Die Frau hat es sich offenbar zur Lebensaufgabe gemacht, mich mit ihren schlechten Filmen in die Knie zu zwingen.

Egal, die beste schlechte Szene ist die, in der sich Clare wünscht, ihr Vater (Ryan Phillippe) würde sich mal ein bisschen zusammenreißen. Der hat nicht viel Geld und durchsucht Müllhalden nach Wertgegenständen. Was genau sie mit "zusammenreißen" meint, ist nicht klar, aber die Musikbox weißt es: Ihr Dad holt, von frischem Lebensmut beseelt, sein altes Saxofon aus dem Schrank und spielt eleganten Smooth Jazz. Clare und ihre Freundin hören gebannt zu und sind hin und weg, was für ein cooler Typ er ist! Die Freundin wird sogar ein bisschen wuschig. Ich schwöre, ich habe mir nichts davon ausgedacht. Das passiert so.

"Wish Upon" wurde von der Kritik völlig zu Recht verrissen. Sax sells? In diesem Fall nicht.

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"Wir" (2019): 330 Millionen rote Anzüge

Regisseur Jordan Peele sorgte 2017 mit seiner Grusel-Satire "Get Out" für Wirbel. Vergangenes Jahr legte er mit "Wir" nach – und gilt seitdem als Hollywoods Fachmann für Horror mit Sozialkritik. Auch in "Wir" packt Peele heiße Eisen an wie soziale Ungerechtigkeit, die Rassenfrage und die Identität des Schwarzen Amerikas. Leider scheinen ihm diese Themen aber wichtiger zu sein als Logik und schlüssige Erklärungen.

Am Ende von "Wir" erfahren wir, dass die US-Regierung Klone von allen Bürgern erschaffen hat. Mittels der unterirdisch lebenden Klone sollten die echten Menschen an der Oberfläche kontrolliert werden. Das schlug aber fehl, und deswegen hat die Regierung die Klon-Armee einfach sich selbst überlassen. Wenn Du Dich jetzt fragst, wie genau sich mündige Menschen kontrollieren lassen, indem man geistlose Doppelgänger von ihnen erschafft, die alle Handlungen und Bewegungen ihrer "Vorbilder" imitieren – ja, das ist eine berechtigte Frage. Und nur die erste in einer Reihe von vielen, vielen, vielen weiteren.

Wie zum Beispiel: Seit Jahren und Jahrzehnten hat niemand diese Klon-Armee entdeckt? Mit welcher krassen Technologie konnten Wissenschaftler massenweise Menschen klonen? Wird diese Technologie heute noch genutzt? Wofür? Wenn die Doppelgänger all das imitieren, was ihre Originale an der Oberfläche treiben – wie sieht das aus, wenn die echten Menschen auf dem Klo sind? Sex haben? Mit der Achterbahn fahren? Was ist das für eine hirnrissige Idee, die Doppelgänger sich selbst zu überlassen, statt sie zu vernichten? Und woher zum Teufel kommen die Millionen von roten Jumpsuits, die die Klone tragen? In den USA leben derzeit rund 330 Millionen Menschen. Gibt's da eine unterirdische Schneiderei, die seit Jahrzehnten nur diese Anzüge produziert, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche?

All diese sehr berechtigten Fragen würde ich nicht stellen, wenn der Film ganz bewusst auf jede Erklärung der Doppelgänger verzichtet hätte. Das wäre nicht nur unheimlicher gewesen, sondern hätte nicht diesen Rattenschwanz an Logik-Löchern nach sich gezogen. Manchmal ist jede Antwort eine zu viel.

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"The Strangers: Opfernacht" (2018): Der Vater des Jahres

Ich mag "The Strangers" von 2008. Kein Meisterwerk für die Ewigkeit, aber ein kleiner, fieser Home-Invasion-Thriller, schnörkellos und bodenständig. Ich habe mich auf das Sequel mit dem Titelzusatz "Opfernacht" also gefreut. Das enthält aber eine Szene, bei der ich mich ernsthaft gefragt habe, ob die Skript-Schreiber schon mal Kontakt zu echten Menschen hatten. Genauer: zu Menschen, die Kinder haben.

Die Situation: Eine Familie – Vater, Mutter, zwei Kinder – kommt nachts in einer Bungalowsiedlung an. Es ist dunkel, weit und breit niemand zu sehen, sie sind offenbar völlig allein. Dann der Schock: Die Kids entdecken die grausam zugerichteten Leichen ihres Onkels und ihrer Tante. Das Blut ist frisch, der oder die Mörder sind wahrscheinlich noch irgendwo in der Siedlung. Würdest Du also

a) Deine Familie in den vollgetankten Wagen packen und zusehen, dass Du da wegkommst, und zwar so schnell wie möglich,

b) Deine Familie in den vollgetankten Wagen packen und zusehen, dass Du da wegkommst, und zwar so schnell wie verdammt nochmal möglich, oder

c) dableiben und selbst mal nachgucken?

Wenn Du mit c) geantwortet hast, dann ... okay. Wow. Wirklich? Ich meine, hey, ich will nicht über Dich urteilen, aber offenbar hast Du keinen Funken Rationalität und Selbsterhaltungstrieb im Leib. Und der instinktive Beschützerdrang, wenn es um Deine Kinder geht, fehlt Dir auch. Ich verstehe, dass Figuren in Horrorfilmen unüberlegte Entscheidungen treffen, sonst hätten wir kein Drama. Schon klar. Aber kein Mensch auf dem Erdball bleibt mit seiner schutzlosen Familie auch nur eine Sekunde freiwillig im Jagdrevier von psychopathischen Killern. Erwähnte ich, dass das Auto vollgetankt und funktionstüchtig ist?

Nach "Opfernacht" hatte ich das Gefühl, fortan gegen Dummheit in anderen Filmen immun zu sein, weil ich eine Überdosis abbekommen hatte, wie Obelix beim Bad im Zaubertrank.

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"A Quiet Place" (2018): Alles

Wie sich herausstellte, war ich doch nicht immun gegen Dummheit. Ladies and Gentlemen: "A Quiet Place".

Ich weiß, dass der Science-Fiction-Horrorfilm mit dem Stille-Gimmick viele Fans hat. Ich bin nicht hier, um Dir den Spaß daran zu ruinieren. Aber selbst die nachsichtigsten Anhänger müssen zugeben, dass man keine zwei Minuten über das nachdenken darf, was auf dem Bildschirm passiert. Alles ist bizarr in diesem Film, nichts macht Sinn. Es ist faszinierend.

Der kleine Sohn, der mitten auf der Straße das Spielzeug anschaltet und daraufhin prompt von einem der Monster gefressen wird – nachdem die Familie drei Monate lang (!) in absoluter Stille überlebt hat. Dass die Familie nicht direkt am Wasserfall lebt, was die geräuschempfindlichen Monster nahezu ungefährlich machen würde. Das Kleid von Emily Blunt, das so reißfest ist, dass es einen soliden Stahlnagel verbiegen kann. Ein Baby zu bekommen, wo doch jedes Geräusch in dieser Welt tödlich ist. Dieses Baby nach der Geburt (die, na klar, absolut geräuschlos verläuft) zur Beruhigung nicht an die warme Mutterbrust zu legen, sondern in eine dunkle Zigarrenkiste mit Deckel drauf. Dass es für alle eine große Überraschung ist, dass die Monster mit dem ultrafeinen Gehör auf laute, hochfrequente Geräusche reagieren. Und. So. Weiter.

Noch mal: Ich fand "A Quiet Place" unterhaltsam, streckenweise recht spannend und gut gespielt. Die Idee ist originell, und John Krasinski hat offenbar Talent als Regisseur. Das ändert aber nichts daran, dass mir dieser Film nahezu im Minutentakt geistige Tiefschläge verpasst hat, und zwar mitten ins Hirn.

Ich werde mir natürlich auch Teil 2 anschauen. Um zu sehen, wie beknackt das alles noch werden kann. Und bei jeder WTF-Szene einen Kurzen kippen.

Ich melde mich besser schon einmal für eine Lebertransplantation an.

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