Meinung

In Staffel 2 von "Luke Cage" geht es um viel – nur nicht um Luke Cage

Von seinen Gegnern an die Wand gespielt? Luke Cage wirkt in Staffel 2 etwas blass.
Von seinen Gegnern an die Wand gespielt? Luke Cage wirkt in Staffel 2 etwas blass. (©David Lee / Netflix 2018)

Die zweite Staffel von Netlix' Marvel-Serie "Luke Cage" setzt die Superhelden-Story um die Vorherrschaft in Harlem fort. Und nachdem mich in Season 1 vor allem die Atmosphäre über die teils konfuse Story tröstete, sind es nun die Nebenfiguren und Antagonisten, die die Serie für mich retten.

Man darf eine Serie wie "Luke Cage" nicht mit den falschen Erwartungen angehen. Schließlich handelt es sich, trotz des Superhelden-Themas, nicht wirklich um eine Action-Serie – hier werden – und das meine ich ernst – unterschiedlichste Charaktere beleuchtet, kulturelle und gesellschaftliche Probleme behandelt und vor allem Geschichten über Menschlichkeit (und Übermenschlichkeit) erzählt.

Allerdings läuft eine Unterhaltungsserie immer Gefahr, sich bei solch großen Themen zu verzetteln, vor allem, wenn dabei noch ein einigermaßen interessanter Spannungsbogen aufgebaut werden soll. Gerade hier versagte die erste Staffel von "Luke Cage" in meinen Augen fast komplett. Vor allem darum, weil der interessanteste Antagonist, gespielt von Oscarpreisträger Mahershala Ali, mitten in der Staffel von einem völlig enttäuschenden Bösewicht abgelöst wurde.

Das waren noch Zeiten: Mahershala Ali als Cottonmouth in Staffel 1 von "Luke Cage". (© 2018 Myles Aronowitz / Netflix)

In der zweiten Staffel stehen starke Persönlichkeiten im Fokus

Allerdings hat Showrunner Cheo Hodari Coker sich die Kritik zu Herzen genommen – Staffel 2 von "Luke Cage" konzentriert sich stark auf die Charaktere. So stark, dass die eigentliche Hauptfigur fast völlig in den Hintergrund gerückt wird. Ich hatte teilweise den Eindruck, dass Mike Colter als Luke Cage von seinen Kollegen an die Wand gespielt wurde. Selbst Nebendarstellerin Gabrielle Dennis, in der Rolle von Tilda, der Tochter der Hauptantagonistin, liefert streckenweise eine deutlich beeindruckendere Performance ab als der Held selbst.

Misty, Shades, Bushmaster: Die Nebendarsteller dominieren die Staffel

Vor allem die sensiblen Momente der Staffel, in denen die Figuren uns ihre Gefühle, Motivationen und Hintergründe aufzeigen, geben den Schauspielern Gelegenheit, ihr Können zu beweisen:

Misty Knight & Luke Cage: Alle Figuren der zweiten Staffel machen eine starke Wandlung durch. (© 2018 David Lee / Netflix)

Misty Knight (Simone Missick) zerbricht fast am Verlust ihres Arms und der Erkenntnis, dass ihr verstorbener Partner ein korrupter Polizist war. Shades (Theo Rossi), Anzug-tragender Gangster und Fanliebling aus Staffel 1, zerreißt sich zwischen seiner Verehrung für seine Partnerin und der Loyalität zu seinem besten Freund, der sich dann als Polizei-Informant herausstellt. Bushmaster (Mustafa Shakir), der einzige, der den Kräften von Luke Cage Paroli bieten kann, ist durch tiefes Unrecht zu dem Unmensch geworden, der nun nach der Macht in Harlem greift, und wird von seinem Schmerz zerfressen.

Auch wenn es wehtut: Ohne Mariah wäre "Luke Cage" kaum sehenswert

Vor allen anderen ist es aber Alfre Woodard, die als Antagonistin Mariah Dillard beweist, dass es in "Luke Cage" echte Schauspielerei zu sehen gibt. Schon in der ersten Staffel machte ihre Figur eine starke Wandlung durch, nun wird Mariah zur komplexesten Figur der gesamten Serie: Sie ist nicht nur die Erbin eines kriminellen Imperiums, die im öffentlichen Leben als angesehene Politikerin bekannt ist. Während der Staffel kämpft sie mit ihrer eigenen Geschichte und wird durch ihre Tochter mit dem Schmerz konfrontiert, der sie zu dem machte, was sie geworden ist – am Ende fügt sie sich ihren Dämonen.

Shades & Mariah: Enigmatische Bösewichte gibt es in "Luke Cage" zuhauf. (© 2018 David Lee / Netflix)

Noch dazu ist sie der treibende Charakter hinter fast allen Wendungen der Staffel – diejenige, um die sich in "Luke Cage" im Grunde alles dreht. Das geht so weit, dass ich mich im Verlauf der Folgen frage, was eigentlich mit dem Titelhelden los ist? Lange Zeit konzentriert sich die Handlung auf den Konflikt zwischen Mariah und Bushmaster, Cage ist dagegen eher in einer Nebenrolle zu sehen, während er Unschuldige vor den beiden in Sicherheit bringt (was ihm meist misslingt).

Es lebe der König – aber ist er auch überlebensfähig?

Umso überraschender und besser gefiel mir das Ende der Staffel – in dem Luke Cage dann fast zufällig als Gewinner aus dem Krieg hervorgeht, nachdem die eitlen Gangster sich gegenseitig zerstört haben. Nun residiert Luke als der neue König von Harlem und muss mit seiner neuen Rolle klarkommen – dabei opfert er sowohl seine Freundschaft zu Misty Knight als auch seine Liebe zu Claire.

Bleibt nur die Frage, ob dieser Luke Cage der nächsten Staffel gewachsen sein wird – oder ob dann wieder ein neuer Schurke die Serie vorantreiben muss.

MCU vs. Marvel-Comics

Wie gewohnt weichen die Marvel-Verfilmungen auch bei "Luke Cage" immer wieder stark von der Comic-Vorlage ab. Alle Änderungen aufzuzählen, wäre müßig – diese sind mir als Comic-Fan besonders aufgefallen:

  • Bushmaster steht im Original mit dem kriminellen Maggia-Syndikat in Verbindung, dass in der MCU-Serie "Agent Carter" vorkommt – in "Luke Cage" ist davon leider keine Rede
  • Mariahs Tochter Tilda ist in der Vorlage eine Schurkin, die Menschen in hörige Wesen verwandeln kann. Bekannt ist sie unter dem Namen Nightshade – so wie das Kraut, mit dem sie Bushmaster in der Serie zu Stärke verhilft. Immerhin: In der letzten Folge der Staffel trägt sie Stirnband und Haare wie in den Comics
  • Der Roboterarm von Misty Knight wird im Original von Tony Stark und nicht von Danny's Rand Enterprises gebaut. Ein Gastauftritt von Robert Downey Jr. in "Luke Cage" wäre zwar krass gewesen, diese Änderung erscheint dennoch etwas bequem. Schöner hätte ich es gefunden, das Crossover zu den Filmen zu wagen
  • Misty Knight und Colleen Wing sind in "Luke Cage" nur kurz als Duo zu sehen. In den Comics bilden die beiden ein Team und gehen unter anderem als "Daughters of the Dragon" auf Verbrecherjagd – vielleicht kommt das ja noch
  • Ebenso sind Luke und Danny als "Power Man & Iron Fist" als Comic-Duo bekannt. Auch diese Partnerschaft wird nur kurz angerissen, aber immerhin haben die beiden jetzt schon einen gemeinsamen Power-Move entwickelt

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