Interview

Interview mit Syd Mead: Der Mann, der Sci-Fi-Welten erschafft

Wegweisend: "Tron" (1982) war seiner Zeit voraus. Der Film spielt in einem Computer – und Syd Mead musste sich nicht nur eine komplett neue Optik ausdenken, sondern auch eine eigene Logik. Schließlich gibt es auf einem Prozessor keine physikalischen Gesetze.
Wegweisend: "Tron" (1982) war seiner Zeit voraus. Der Film spielt in einem Computer – und Syd Mead musste sich nicht nur eine komplett neue Optik ausdenken, sondern auch eine eigene Logik. Schließlich gibt es auf einem Prozessor keine physikalischen Gesetze. (©Syd Mead/Courtesy of Design Studio Press 2018)

"Star Trek", "Blade Runner", "Tron", "Aliens": Eigentlich wollte Syd Mead, 84, nur Autos entwerfen. Und hat dann doch bei fast allen legendären Science-Fiction-Filmen der 70er und 80er das Design von Welten, Raumschiffen und Waffen übernommen.

Syd Mead: Bevor wir anfangen: Design hat viel mit Technik zu tun. Im Prinzip bestimmt der technische Fortschritt, wie die Dinge aussehen. Natürlich nicht hundertprozentig, aber doch zu einem großen Teil. Ich jedenfalls kann nichts designen, was völlig unsinnig ist.

Heißt konkret?

Syd Mead: Nur wenn viele Dinge gehen, kann man auch viel weglassen. Man benötigt eine Idee von der Komplexität, um es dann so überzeugend und einfach wie möglich zu machen.

Sie waren Industriedesigner …

Syd Mead: … und das hat bestimmt geholfen. Als ich 1960 bei Ford anfing, war die Einstellung: Lass erst mal die Ingenieure machen, Design versucht danach das Beste. Wir haben das dann später in den 70ern, als ich für Philips arbeitete, umgekehrt. Ich war gebucht, um Produkte zu erarbeiten, die um zehn Jahre in der Zukunft liegen. Die Ingenieure bekamen die Entwürfe erst danach.

"Star Trek" spielt im Jahr 2273.

Syd Mead: Ich weiß schon, der Blick zehn Jahre in die Zukunft reicht da nicht unbedingt. Aber Design muss ein Gefühl vermitteln. Und dann muss natürlich die Technologie in dem Design-Ansatz auch funktionieren. Aber wenn deine Ideen sich mit den Vorstellungen der Firma treffen, für die du das Design machst, dann passt es.

Enthusiastisch klingt das nicht gerade.

Syd Mead: Ich habe fantastische Geschichten schon immer sehr gemocht. Als ich noch ein Kind war, hat mir mein Vater immer die Geschichten von Buck Rogers vorgelesen. Später war ich Fan von Flash Gordon. Trotzdem war es nicht mein Ziel, in der Filmbranche zu arbeiten. Am Anfang war das nur ein Job für mein Portfolio.

Wie kam es denn dazu?

Syd Mead: Paramount rief an und fragte. Das war sehr unspektakulär. Es war auch nicht so, dass ich dann eine Erleuchtung hatte. Ich dachte bloß: Warum eigentlich nicht? Das schien mir insofern gut, weil ich dann von meinen Kunden besser wahrgenommen werde. Außerdem war es eine nette Abwechslung.

Von was?

Syd Mead: Kassettenrekorder. Zu der Zeit war ich oft in Rotterdam und arbeitete an Unterhaltungselektronik. Den ersten Entwurf für die Sonde V’Ger in "Star Trek" habe ich in einer Hotelbar auf die Serviette eines Brandy Manhattan gezeichnet.

Syd Mead – Ein Meister des futuristischen Designs.
Syd Mead – Ein Meister des futuristischen Designs. (© 2018 Jenny Risher)

Kassettenrekorder und Raumschiffe: Gibt es eigentlich einen Syd-Mead-Look?

Syd Mead: Leute sagen das, aber ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Ich glaube aber nicht, dass man sein Design einfach wechseln kann, weil Design ja aus dir selbst kommt. Es ist Teil der Sozialisation – bei mir waren das eben auch die Welten von Buck Rogers.

Bedeutet das nicht kreativen Stillstand?

Syd Mead: Das ist nicht, was ich meine. Klar entwickelt man seine Technik weiter. Details macht man anders. Neue Ideen kommen dazu. Vielleicht fallen andere weg. Aber die große Idee, wohin man will, die kommt sehr früh und die bleibt, weil sie ein Teil deiner Persönlichkeit ist. Ich glaube aber, das ist kein Design-spezifisches Problem: Bei Autoren ist das auch so. Wenn einer die ganze Zeit Science -Fiction macht, dann kann er nicht plötzlich Liebesromane schreiben. Philip K. Dick ist ein gutes Beispiel.

Wo wir schon dabei sind: "Blade Runner" besticht durch eine enorme Detaildichte.

Syd Mead: Ich war mit Ridley Scott in ständigem Austausch. Er wollte, dass es dreckig und trostlos ist. Trotz ­ dem sollte alles realistisch sein und so aussehen, als hätte es seine beste Zeit schon hinter sich, würde aber noch gerade funktionieren. Auch das Drehbuch war so angelegt: als Film noir der Zukunft. Die erste Fassung hieß noch "Dangerous Days". Und das Skript ist für mich wie die Bibel. Wenn es keine absolute Notwendigkeit gibt, daran etwas zu ändern, dann tut man das auch nicht.

Trotzdem ist "Blade Runner" der Film, mit dem Sie zum Vorbild vieler Set-Designer wurden.

Syd Mead: Je länger ich daran arbeitete, desto mehr wurde es meine Vision. Dass das Hauptquartier der Tyrell Corporation so aussieht wie alte Tempelanlagen der Maya in Südamerika, war Absicht. Ich wollte etwas Herrschaftliches schaffen, das beeindruckt und fasziniert, aber doch einschüchtert. Gleich ­ zeitig sollte es aber auf der Vergangenheit aufbauen, weil die Zukunft ja immer nur eine Weiterentwicklung der Vergangenheit ist.

Dabei waren Sie nur dafür gebucht, die Autos zu gestalten?

Syd Mead: Das habe ich zu Anfang auch gemacht. Ich habe Autos aus den 50ern genommen und sie weitergedacht, ohne das Original zu weit zu verändern. Das Grundmuster sollte erhalten bleiben – das, was ich bei Philips gemacht hatte. Schnell wurde es aber immer größer.

"Blade Runner": Der Detailreichtum des Ridley-Scott-Films war einer der Gründe, warum der  Film heute sowohl als legendär als auch visionär gilt. (© 2018 Syd Mead/Courtesy of Design Studio Press)

Wie denn das?

Syd Mead: Ich habe einfach immer weitergezeichnet. Die Autos mussten ja vor irgendeinem Hintergrund halten. Also habe ich den dazu entworfen. Dabei habe ich immer darauf geachtet, dass alles plausibel und realistisch ist für die Zeit, in der es spielt. Ich wollte eine Welt, die es nicht gab, die es aber geben könnte, ohne dass man viel verändern muss.

Wie schafft man es, eine ganze Stadt aus der Fantasie zu gestalten?

Syd Mead: Fantasie und Realität gehen Hand in Hand. Ich habe überlegt, wie die tatsächliche Entwicklung ist – und das verstärkt. Wir haben ohnehin schon Wolkenkratzer. Was, wenn wir sie höher bauen und die ganze Stadt als Haus betrachten? Die Straße wäre dann der Keller, und im Keller ist es dreckig und unaufgeräumt.

Wie wichtig ist denn die Realität für Science-Fiction-Filme?

Syd Mead: Als Inspiration ist sie für mich gut. Und natürlich kann man immer Parallelen ziehen, zwischen der Zeit, in der Filme entstehen, und dem Look von Filmen. Bei "Blade Runner" in den frühen 80ern war es so, dass es viele Abgesänge gab auf die amerikanischen Städte. Alles zog in die Vorstadt, die Zentren zerfielen und waren gefährlich. "Aliens" wiederum kann man Mitte der 80er natürlich auch als Beweis einer gefühlten neuen Stärke der USA sehen. Man muss es aber nicht. Es sind Filme. Das ist Unterhaltung. Und manchmal eben auch nicht mehr.

Sie nennen sich selbst "visual futurist" …

Syd Mead: Bei "Blade Runner" wurde ich gefragt, als was ich im Abspann auftauchen will, ich war ja kein klassischer Set -Designer. Mein Job war es auch nicht mehr, ein Auto zu zeichnen, ich hatte die Realität der Zukunft entworfen. Außerdem fand ich, dass die Jobbeschreibung cool klang.

Dem Autodesign sind Sie aber weiterhin treu geblieben?

Syd Mead: Ich habe immer mal wieder Autos gemacht. Ich habe elektronische Pferde gezeichnet, das war zu Beginn der 80er, weil mir klar war, dass die Autoindustrie das irgendwann entwickeln wird …

… eine Umschreibung für das selbstfahrende Auto.

Syd Mead: Autos sind sozusagen mein Spezialgebiet. Schließlich hatte ich vor meiner Selbstständigkeit jahrelang bei Ford gearbeitet. Bis ich zum Film kam, hat es fast 20 Jahre gedauert.

Dafür war der Eindruck umso bleibender.

Syd Mead: Dabei mag ich den dystopischen Ansatz der meisten Science -Fiction -Filme eigentlich nicht so gern. Die Wahrheit ist ja, dass es in der Geschichte der Menschheit für die meisten Menschen immer besser geworden ist. Wenn es nach mir ginge, würde ich die Ge ­ schichte und deren Charaktere immer so freundlich wie möglich machen.

Die "Blade Runner"-Bilder stammen aus den Büchern "From the Movie Art of Syd Mead: Visual Futurist" und "A Future Remembered". (© 2018 Syd Mead/Courtesy of Design Studio Press)

Wie Johnny, den Roboter aus "Nummer 5 lebt".

Syd Mead: Das Grundthema zu "Blade Runner" ist sogar ähnlich: eine Maschine, die Gefühle entwickelt. Aber trotzdem ist der Film das genaue Gegenteil. Es ist ein optimistischer Film. Ich liebe diese Vielfältigkeit. Auch deswegen habe ich mich 1970 selbstständig gemacht.

Und dann rief Paramount gleich an?

Syd Mead: Nein. Ich hatte zu Beginn gar nichts zu tun. Ich hatte damals keinen einzigen Kunden. Trotzdem habe ich mir sofort ein großes Büro gemietet, weil ich davon ausging, dass ich der Beste bin – wie alle jungen Leute. Dass es dann tatsächlich geklappt hat, war aber großes Glück.

Wie lange hat das gedauert?

Syd Mead: Ein paar Wochen nach meiner Selbstständigkeit hat Philips angerufen. Die waren im Umbruch und benötigten neue Leute. Das war der allererste Job, den ich hatte. Und der zweite war dann bei "Star Trek".

Der Schritt von Unterhaltungselektronik zu einer Sonde scheint sehr groß zu sein.

Syd Mead: Am Ende ist auch das nur Mechanik. Obwohl die Idee bei V’Ger war, dass Organische mit dem Mechanischen zu verbinden. Eine Mechanik, die organisch wächst. Ich habe mir dazu die Ruinen von Angkor Wat in Kambodscha angesehen. Das war das Vorbild: der Dschungel, der eine Stadt überwächst. Das ist ja eigentlich auch nichts anderes als eine Maschine.

Und obwohl V'Ger sehr gut aufgenommen wurde, haben Sie nicht gleich weitergemacht?

Syd Mead: Es ist ein Job. Und wenn der fertig ist, dann machst du eben was anderes. "Star Trek"-Erfinder Gene Roddenberry wollte mich für die Serie, die er nach dem Film plante. Er bestand aber darauf, dass ich mich im Studio zu ihm ins Büro setze, fest angestellt. Darauf hatte ich keine Lust. "Star Trek" hat dann aber geholfen, andere Projekte zu bekommen.

"Aliens" etwa.

Syd Mead: James Cameron rief als Fan an. Er wollte mich kennenlernen, weil er meine Arbeit mochte. Ich war gerade in Florida, und auf dem Weg zurück nach Kalifornien zeichnete ich bereits im Flugzeug die ersten Entwürfe.

Aussehen oder Funktionalität: Auf was achten Sie gleich am Anfang?

Syd Mead: Es ist wichtig, Dinge so zu gestalten, dass sie aussehen, als wären sie in der Lage, das zu tun, für das sie im Einsatz sind. Letztlich muss man sich aber immer darüber im Klaren sein, dass wir nur Filme machen. Ab einem bestimmten Punkt ist es wichtiger, dass das Design eine Atmosphäre und ein Gefühl vermittelt. Wenn das dann nicht in letzter Konsequenz funktioniert – was soll’s. Niemand erwartet, dass Lichtgeschwindigkeit wirklich klappt.

Rente? Auch im hohen Alter ist Mead immer noch aktiv. So hat er an "Tomorrowland" mitgearbeitet und im Matt-Damon-Film "Elysium" die Raumstation gestaltet. (© 2018 Syd Mead/Disney)

Trotzdem: Das Raumschiff, die Sulaco, sieht sehr echt aus.

Syd Mead: Vor allem ist sie groß. Das Raumschiff sollte so groß sein, dass die Kamera vorbeifahren kann. Meine erste Version war etwas höher und nicht so lang. Aber Cameron wusste sehr genau, was er wollte. Eine ganz andere Sache war "Tron".

Was war denn bei "Tron"?

Syd Mead: Dabei ging es nicht nur um Design, sondern ich musste eine ganz eigene Logik entwerfen. Wie visualisiert man Leben in einem Prozessor? Als mir klar wurde, dass ein Rechner fast alles kann und es keine physikalischen Regeln gibt, war das sehr aufregend. Denn wie gestaltet man etwas, wenn es keine Schwerkraft und keine Gravitation gibt? Ich habe dann versucht, alles so pixelig wie möglich zu machen. Und obwohl der Einsatz dessen, was computergeneriert war, am Ende gering war, wurde der Film nicht für den Oscar zugelassen, weil es damals als Betrug galt, Spezialeffekte am Rechner zu machen.

"Tron" wirkt heute sehr putzig. Mittlerweile hat die Zukunft die Realität zumindest dort eingeholt.

Syd Mead: Ich mag den Begriff Zukunft nicht, weil er alles einschließt: Eine Minute von jetzt ist auch die Zukunft, und die wird wohl nicht so anders ausfallen als die Gegenwart. Ich mache Realität, die ihrer Zeit einfach voraus ist.

Ist das ein Unterschied?

Syd Mead: Als Menschen kommen wir auch nicht von Null. Wir tragen die Vergangenheit in uns. Jede Entwicklung nimmt Bezug auf das, was vorher war.

Wie ist es denn bei Ihnen?

Syd Mead: Ich borge mir vieles aus. Anleihen beim Barock etwa, dazu von der Mathematik scharfe geometrische Figuren – ich mag Sechsecke und Dreiecke. Alte chinesische Kunst finde ich auch sehr spannend. Dazu mag ich griechische und römische Klassik. Wenn man das alles verbindet, kann man unglaublichen Detailreichtum schaffen. Ich nenne das "Supersonic Baroque". Wie gesagt: Neues gibt es nicht. Aber die Idee, die musst du letztlich selbst haben.

Was ist eigentlich gutes Design?

Syd Mead: Man erkennt es daran, ob die Proportionen stimmen, ob es gut ist für das, was es sein soll. Eine Uhr muss nichts Besonderes können: Sie muss die Zeit anzeigen. Dazu muss sie nicht aussehen wie ein Raumschiff. Das Wichtigste ist aber, ob Design etwas in dir auslöst. Tut es das, ist es gut. Und dann ist es auch egal, ob du eine Tasse gestaltest oder eine andere Welt. Aber wissen Sie was?

Was?

Syd Mead: Alles ist Design. Bei einem Science-Fiction-Film setzt man sich als Betrachter möglicherweise intensiver damit auseinander, weil es neu erscheint. Aber ob ich beim Essen bequem sitze oder eben nicht, ist ja auch Design.

Info
Diese und weitere Geschichten findest Du auch in der aktuellen Ausgabe des TURN ON Magazins 03/18, das in allen SATURN Märkten kostenlos ausliegt.

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