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Jon Schnee war noch nie im Wald: Ein "GoT"-Laie auf Fan-Tour in Irland

Bombay Warrior: Ameer aus Indien (links) kann die Dialoge mitsprechen, aber für den Schwertkampf mit seinem Kumpel Mohammed muss er noch üben.
Bombay Warrior: Ameer aus Indien (links) kann die Dialoge mitsprechen, aber für den Schwertkampf mit seinem Kumpel Mohammed muss er noch üben.

Das größte TV-Phänomen unserer Zeit ist "Game of Thrones". Aber ich hasse Drachen. Ich kann Zwerge nicht leiden, und Ritter finde ich uninteressant: Ich habe noch keine einzige Sekunde der Serie gesehen. Ich habe eine Fan-Tour gebucht.

Von Philipp Kohlhöfer

Robbie ist hier, um zu sterben. Er dreht seinen Kopf, wie um sich zu versichern, dass das Heer, in dem er kämpft, auch mitbekommen hat, dass er gerade einen Einbeinigen erstochen hat. Er fühlt sich gut, und er könnte so weitermachen, aber als er wieder nach vorn blickt, dringt der Pfeil in sein rechtes Auge ein und zerfetzt sein Gehirn.

Die Wucht wirft ihn zurück, aber Robbie schafft es gleichzeitig, dramatisch nach vorn zu fallen und realistisch nach hinten. Eine Leistung, auf die er ein bisschen stolz ist – die man aber eigentlich nicht sieht, denn die Szene findet irgendwo im Hintergrund statt und dauert eine halbe Sekunde. "Trotzdem", sagt Robbie und lacht, "hihihi" macht er. Er sagt: "Das war ein guter Tod."

Robbie ist Statist bei "Game of Thrones", oder, besser: Er war es. Jetzt ist er Fremdenführer und zeigt Fans der Serie die Drehorte in Nordirland. Und davon gibt es reichlich. "25", sagt der eine Prospekt, "26", der andere – aber egal, wie man zählt: Es sind mehr als genug. Nirgendwo waren die Produzenten so lange und so oft. Nordirland bezeichnet sich selber als "Game of Thrones Territory".

Ich hasse Zauberer und Drachen, Ritter und Zwerge finde ich langweilig, und alles mit Kö­nigsverehrung ist mir, da bin ich ganz Demokrat, zuwider.
Philipp Kohlhöfer, "Game of Thrones"-Anfänger

"Ich möchte das Phänomen verstehen", sage ich zu Robbie, und Robbie sagt erst mal nichts. Dann lacht er wieder und sieht mich an, als hätte ich ihn über den Sinn des Atmens befragt.

"75 Pfund bekommt man am Tag als Statist", sagt Robbie. Und macht: "Hihihi." Er lacht auch bei Dingen, die überhaupt nicht lustig sind, etwa bei: "Am Set waren viele Kameras." Er sagt: "Als nackter Statist sind es 400." Er erzählt das, und seine Stimme schwankt dabei – sie wird hoch und tief, höher und ganz tief und dann wieder hoch. Dazwischen lacht er, er ist ein gut gelaunter Mann, hihi. Es klingt tatsächlich so, wie man das schreibt: hihihihi. So muss sich jemand anhören, der Lachgas konsumiert, aber sein Lachgas ist "Game of Thrones". Und das ist nicht nur seine Droge.

"GoT"-Tour: Fish and Chips essen wie die Stars

Der Reisebus der Winterfell­-Tour ist voll. Er ist das immer, von April bis Oktober findet die Tour jeden Tag statt, im Winter dreimal in der Woche, fast immer ausgebucht, vierzig Leute. Dabei gibt es Dutzende Touren und Anbieter, die Namen haben, wie man es von Iren erwartet, McComb, MacIntosh, Kelly, Rooney. Sie bieten im Wesentlichen alle das Gleiche, der Unterschied liegt eher in den weichen Faktoren: mit dem gleichen Bus fahren, in dem auch die Schauspieler fuhren. Fish and Chips essen, wo auch die Darsteller aßen. Übernachten, wo die Crew übernachtet hat. Ein Bier trinken, das nach "Game of Thrones" benannt ist.

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Zombie: Als Statist ist Robbie siebenmal gestorben. Er findet: Sterben für "Game of Thrones" ist ein Erlebnis.

"An 'Game of Thrones' ist einfach alles toll", sagt Robbie. "Alles." Er sagt, dass auch das Sterben super war. Er wurde erschlagen. Erstochen. Ein Speer im Rücken streckte ihn nieder. Ein Hüne erwürgte ihn. Ein Schwert zerteilte ihn. Nur einmal, sagt er, habe er es fast geschafft. Er erklimmt die Burgmauer. Er ist schon fast oben, nur noch wenige Zentimeter, er macht sich bereit, über die Zinnen zu springen, aber dann wird er doch noch von einem feindlichen Kämpfer entdeckt – der ihm auf die Hände tritt. Robbie verliert den Halt, stürzt in die Tiefe und bricht sich alle Knochen auf einem Felsen. "And dead again", sagt er. Und dann lacht er wieder.

Allein die Aufzählung seiner Tode dauert, ausgeschmückt, knapp eine Dreiviertelstunde. Siebenmal stirbt er an dem Tag, immer in einer anderen Uniform, als Teil einer Armee, die aus wenigen Dutzend Kämpfern besteht, aber durch Tausende Male Copy & Paste zu einem Riesenheer anschwillt.

Als er in der zweiten Staffel dabei war, haben die Produzenten darauf geachtet, sagt er, dass er auch Dreck unter den Fingernägeln hat. Und das Beste: "Einer der Darsteller ist im selben Krankenhaus geboren wie ich."

30.000 US-Dollar für den Iron Throne in Originalgröße

Nicht weit entfernt steht Ameer, Unternehmensberater aus Indien, der mit seinen Kollegen an der Tour teilnimmt. Er will mir helfen. Er sagt, er fühlt sich manchmal wie Jon Schnee. Das Leben sei ein großer Kampf, überall Fallstricke, er freut sich, zu sehen, wo der echte Jon Schnee kämpft. Ich müsse das verstehen, sagt er, es sei eben die ganze Geschichte, die so toll sei. "Die Intrigen. Die Darsteller. Einfach alles." "GoT", sagt er, ist die beliebteste Serie auf dem Subkontinent, und nirgendwo auf der Welt wird sie mehr gesehen.

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Zuhause: Im 15. Jahrhundert als Wohnturm erbaut, dient Audley’s Castle in "GoT" als Walder Freys Twins (ja, wirklich in der Mehrzahl).

Tatsächlich wird sie nirgendwo häufiger raubkopiert – was HBO aber nicht sehr stört, denn auch illegale Zuschauer kaufen Merchandising (HBO bietet den Nachbau des Eisernen Throns in Originalgröße für 30.000 US-Dollar an und hat über 400 weitere Artikel im Angebot). Und sie machen Fan-Reisen. "Die Landschaft ist aber auch ganz toll", sagt seine Kollegin Prarthana. Ameer nickt eifrig.

"Game of Thrones" ist der Traum jedes Tourismus-­Managers. Die Serie läuft in 200 Ländern, hat offiziell im Durchschnitt 31 Millionen Zuschauer pro Staffel und inoffiziell noch viel mehr. Es ist die am meisten illegal gedownloadete und gestreamte Serie aller Zeiten. Auch außerhalb Indiens. Und das macht sich bezahlt: 15 Millionen Dollar bekam der produzierende Sender HBO aus Belfast als Förderung für die Serie – und bis zum Sommer 2017 100 Millionen Dollar an Einnahmen aus dem Tourismus zurück.

In der Werbung des Tourismusbüros liest sich das ganz pragmatisch: "Der Einfluss auf den Tourismus ist sehr positiv." Aber wenn ausgeführt wird, dass man ja "dramatic coastlines, foreboding mountains, ageless forests, spectacular landscapes" habe, dann stimmt das ja auch alles – Nordirland ist zweifellos ein schönes Land, sehr schön sogar. Und es hat Bäume, an denen man ideal Menschen aufhängen kann. Wir stehen vor dem "Hanging Tree". Oder vielleicht auch nur vor einem "Hanging Tree".

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Selbst Bäume werden bei der "Got"-Fantour zu Stars.

Möglicherweise gibt es mehrere – ich habe das vergessen. Und auch, in welcher Folge welcher Staffel der Baum eine Rolle spielte. Aber es muss bedeutend sein, da die Teilnehmer sehr ergriffen auf den Baum reagieren, zumal nur wenige Hundert Meter weiter einerseits ein Überfall auf Tyrion Lannister stattfand und andererseits Robb Stark in Audley's Field kampierte. Wir stehen dort, und Robbie erzählt, und Ameer macht Fotos, während Spaziergänger Hunde ausführen und Jogger vorbeijoggen.

Der Aufknüpfast überspannt fast waagerecht einen Fußweg, der offensichtlich kein Geheimtipp ist. Und dann fängt es an zu regnen. Weil es dazu noch windig und kalt ist, versuche ich einen Witz. Ich sage: "Winter is coming", aber niemand lacht, nicht mal Robbie, dafür ist die Sache zu ernst. Es geht schließlich um "Game of Thrones", und wir haben noch viel vor.

Nur wenige Kilometer entfernt steht Winterfell, das in echt "Castle Ward" heißt und tatsächlich sehr viel kleiner ist. "CGI" sagte Robbie lapidar, Computer Generated Imagery. Der zweite Turm, die Aufbauten aus Holz, der große Innenhof – das alles gibt es nicht und gab es auch nie. Und João aus São Paulo, der die Tour mit seinem Vater gebucht hat, meckert da ein bisschen, weil alles so klein und winzig ist, und das hat er nun doch nicht erwartet.

Was es gibt, ist eine Anlage zum Bogenschießen, die ein Drittel des Burghofs einnimmt, aber die ist abgesperrt, weil ein anderer Tour­-Anbieter den Platz exklusiv gemietet hat. Robbie bemüht sich, die gute Stimmung zu bewahren. Er erzählt, dass die Ziegen, die auf dem Nachbargrundstück gehalten werden, auch in der Serie Ziegen gespielt haben, der Baum weiter hinten aber nicht, weil seine Krone nicht dicht genug war, und dass ein anderer Baum seine Rolle eingenommen habe.

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Es lebe das Set-Design: Dass der Bachlauf mal eine verwunschene Schlucht war, fällt nicht sofort auf.

Es hilft nicht wirklich. Die Laune wird in dem Maße schlechter, wie der Regen stärker wird. Ich gehe auf ein Klo, auf dem auch die Darsteller schon waren, und dann trinke ich Kaffee aus einer Maschine, die auch bereits für die Darsteller gebrüht hat – schließlich steht ein Fußmarsch durch den Tollymore Forest
Park an, die Ländereien rund um Winterfell. Es gilt, den Schauplatz eines Massakers zu besichtigen.

Als wir ankommen, hat es aufgehört zu regnen, was der Stimmung hilft. Vor allem aber hilft es, dass wir Sommer und Grauwind treffen, Schattenwölfe. Zwei Riesenhunde, Northern Inuit Dogs, Tiere, die es als Rasse eigentlich nicht gibt, eine Weiterzucht und Mischung von Huskie und Deutschem Schäferhund. Gute Nerven haben sie trotz dem: Die vierzig Teilnehmer machen gefühlt tausend Selfies.

Laie vs. Superfan: Die andere Perspektive

Autor Philipp ist wahrlich kein Fantasy-Freund. Wie ein echter Super-Fan die "Game of Thrones"-Tour durch Nordirland erlebt, zeigt Dir unser Kollege Wolf in seinem Video-Reisebericht:

Und dann geht erst Ameer verloren und dann Prarthana. Sind einfach weg, irgend wo im Wald falsch abgebogen. Aber niemand regt sich auf oder kommt auf die Idee, zu suchen. Ihr Verschwinden wird mit einem Nicken zur Kenntnis genommen. Schließlich sind wir bei "Game of Thrones", und Verluste sind da an der Tagesordnung. "Sind doch alles Erwachsene", sagt Robbie, hihihihi. Warum suchen? Hihihi. Er sagt: "Die tauchen schon wieder auf." Und vermutlich hat er ähnliche Fälle schon bei anderen Touren erlebt, denn er hat recht.

Eine knappe Stunde später kommen beide aus dem Wald, aufgeregt und ständig redend. Es sei so groß hier, sagen sie, und so grün. Sie finden es wie in der Serie, "wie bei einen Hinterhalt". Es war schlimm und unheimlich. Was sie gern sofort gepostet hätten. "Das Schlimmste", sagt Ameer – und macht eine dramaturgische Pause –, "es gab keinen Handy­-Empfang." Es ist harte Arbeit, "Game of Thrones"-Fan zu sein.

"GoT"-Hype: Von Bombay bis Nordirland

Ameer sagt: "Eine ganz tolle Erfahrung." Er kommt aus Bombay und war noch nie in seinem Leben in einem Wald. Er ist bestens gelaunt und ein bisschen aufgekratzt. Und es liegt ja auch noch einiges an: eine (kurze) Hängebrücke, deren Überquerung in der Echtwelt nur 20 Sekunden dauert. Die Königsstraße Dark Hedges, die eigentlich ein Feldweg ist, der mittlerweile aufgrund des Fan­-Ansturms für den normalen Durchgangsverkehr gesperrt ist. Eine Höhle in der Einsamkeit, die nur 50 Meter von einem Fisch-­Imbiss entfernt ist. Denn was nützt die beste Landschaft, wenn es in der Nähe keine Steckdose gibt?

Weitere Impressionen aus Nordirland: Die Carrick-a-Rede-Hängebrücke, ... fullscreen
Weitere Impressionen aus Nordirland: Die Carrick-a-Rede-Hängebrücke, ...
wunderschöne Küstenlandschaften, ... fullscreen
wunderschöne Küstenlandschaften, ...
aus allen Blickwinkeln beeindruckend. fullscreen
aus allen Blickwinkeln beeindruckend.
Durch den Tollymore-Wald ... fullscreen
Durch den Tollymore-Wald ...
bis zur Vorlage von Walder Freys Twins. fullscreen
bis zur Vorlage von Walder Freys Twins.
Weitere Impressionen aus Nordirland: Die Carrick-a-Rede-Hängebrücke, ...
wunderschöne Küstenlandschaften, ...
aus allen Blickwinkeln beeindruckend.
Durch den Tollymore-Wald ...
bis zur Vorlage von Walder Freys Twins.

Zwischendurch essen wir Fish and Chips mit Erbsen aus der Dose, ein Gericht, das in dieser Form auch von Sean Bean verzehrt wurde. Zumindest ist er auf dem Bild, das im Gang zum Klo hängt und den Besitzer mit diversen Seriendarstellern zeigt.

"Toll" findet das Ameer, vor allem weil dort auch Jon Schnee auftaucht. Und dann fotografiert er die Tür zum Gastraum, dunkles Holz, nicht besonders hoch. Und vor allem: aus einem Baum hergestellt, der in einem Sturm namens namens "Gertrud" umgefallen war und der davor eine tragende Rolle gespielt hat auf dem Königsweg. Auf der Tür ist die Geografie von Westeros eingeschnitzt. Vierzig von vierzig Besuchern halten das fotografisch fest.

"Versteh ich alles nicht", sage ich zu Ameer. "Du hast halt keine Ahnung", sagt der fröhlich, aber das werde bestimmt noch.
Philipp Kohlhöfer, geläutert

Und dann will ich ihm nachlaufen in den nächsten Raum, zu einer Nachbildung des Eisernen Throns, aber weil ich in der Vorwärtsbewegung zu einem Stark-­Bier hinsehe, das auf dem Tresen steht und das nicht so heißt, weil es viel Alkohol hat, sondern eben wegen der Herrscherfamilie Stark, falle ich über meine eigenen Füße und gegen die Tür.

Ich verstauche mir die Hand an Westeros.

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