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"Lucifer": Serie & Comics haben wenig gemein – bis aufs Suchtpotenzial

Lucifer Staffel 5 Tom Ellis
Tom Ellis ist zwar nicht David Bowie, macht seine Sache als TV-Teufelskerl aber sehr gut. Bild: © John P. Fleenor/Netflix 2020

Seit 2016 bekehrt die Fernsehserie "Lucifer" zahlreiche Zuschauer zu waschechten Lucifans, mittlerweile steht die erste Hälfte von Staffel 5 zum Streamen bereit. Allerdings kennen nur wenige der Anhänger die Comicfigur, an die der TV-Teufel vage angelehnt ist. Die beiden Höllenfürsten verbindet ohnehin wenig – und trotzdem brenne ich für beide Versionen! Warum eine lose Adaption nicht immer schlecht sein muss, liest Du hier.

Zum Teufel mit der Vorlage

Generell haben alle TV- und Kino-Adaptionen von Comics und Büchern eines gemeinsam: Die Hardcore-Fans der Vorlage haben grundsätzlich etwas an der Umsetzung auszusetzen. Anstatt also zu versuchen, sowohl Comicleser als auch die breite Masse der TV-Zuschauer zufriedenzustellen, haben die "Lucifer"-Showrunner einen gänzlich anderen Weg eingeschlagen. Sie versuchten gar nicht erst, sich an der Vorlage, die unter dem Label DC Vertigo erschien, zu orientieren und wichen bewusst vom vorbestimmten Pfad ab.

Die Comicfigur Lucifer Morningstar tauchte erstmals 1989 in den "Sandman"-Comics von Neil Gaiman und Sam Kieth auf, in denen der Höllenprinz auf Dream traf. Im weiteren Verlauf der Reihe kehrte der Teufel der Hölle den Rücken und setzte sich auf der Erde zur Ruhe.

Im Jahr 2000 bekam der himmlische Rebell dann sein eigenes Spin-off unter DCs düsterem Vertigo-Label. Diese Fantasy-Horror-Comicreihe ist deutlich brutaler und finsterer als ihre TV-Adaption. Lucifer tritt hier als skrupelloser Narzisst auf, der nach Gott das zweitmächtigste Wesen im DC-Universum ist und dem die Menschen und beinahe alle anderen Wesen dennoch ziemlich gleichgültig sind. Einzig seine Gefährtin, Dämonin Mazikeen aka Maze, scheint ihm zumindest zeitweise wichtig zu sein.

In der Fernsehserie hingegen zeigt sich Tom Ellis als charmanter, aber nur begrenzt mächtiger Teufel, der Beziehungen zu Menschen aufbaut und nebenbei irdische Kriminalfälle löst. Und das ist nur die Spitze des Unterschiede-Eisbergs.

Wesentliche Unterschiede zwischen Serie und Comics

Lucifer aus Dan Watters' Sandman Universe Comicsfullscreen
Eines der vielen Gesichter des Teufels: So sieht Lucifer in Dan Watters' "Sandman Universe 1" aus. Bild: © YouTube/DC 2020

Zwar gibt es einige Parallelen zwischen der Comicvorlage und der TV-Adaption: Lucifers Nachtklub "Lux" beispielsweise oder Mazes zur Hälfte entstelltes Dämonen-Antlitz. In praktisch allem anderen nehmen sich die Showrunner jedoch jede Menge kreative Freiheiten heraus.

Das beginnt schon mit Lucifers Erscheinungsbild. Comic-Autor Neil Gaiman forderte von den Zeichnern, dass sein gefallener Erzengel aussieht wie David Bowie in den 1980er-Jahren: blondes Haar, markante Gesichtszüge und mit einer mühelosen Coolness. Letztere ist in der TV-Serie geblieben, ansonsten ähnelt Hauptdarsteller Tom Ellis seinem Comic-Gegenstück kein bisschen.

"Weil er so explizit gezeichnet wurde, war es besser, gar nicht erst zu versuchen, David Bowie zu imitieren – es sei denn, wir hätten David Bowie bekommen können", erklärt Produzent Jonathan Littman die Casting-Entscheidung 2016 auf der TCA-Pressetour (via Nerdist). Immerhin: In der ersten Staffel outet sich der TV-Lucifer als Bowie-Fan und ein Satanist wundert sich, dass Lucifer nicht blond ist – eine witzige Hommage an die Comicvorlage.

Lucifer Sandman-Comics vs Seriefullscreen
Zum Vergleich: Links der Lucifer aus Neil Gaimans "Sandman"-Comics, rechts Tom Ellis' TV-Adaption. Bild: © YouTube/DC; John P. Fleenor/Netflix 2020

Ein Schocker für Fans der TV-Show: Chloe Decker, die beliebte Heldin der Serie, taucht in den Comics überhaupt nicht auf. Wie eingangs bereits erwähnt, führt Lucifer stattdessen eine romantische Beziehung mit Dämonin Maze, ist mit ihr sogar verheiratet. Die Fernsehserie degradiert Maze hingegen zu seiner mal mehr, mal weniger loyalen Mitstreiterin.

Auch der Charakter von D. B. Woodsides Amenadiel wurde für die TV-Adaption umgeschrieben. In den Comics ist Amenadiel ein eher roher Zeitgenosse – und nicht unbedingt die hellste Kerze auf der Torte. In einem Kampf gegen Lucifer lässt der langhaarige Engel schließlich sein Leben. In der Serie ist Lucifers Bruder ein weitaus komplexerer Charakter, der sich sogar auf "Lucis" Seite schlägt und mit ihm auf der Erde bleibt.

Warum die Comics genial sind – und die Serie ihren ganz eigenen Charme hat

Trotz – oder gerade wegen – all dieser Abweichungen von der Vorlage sind sowohl die "Lucifer"-Comics als auch die Serie absolut empfehlenswert. Ich bin ein Riesenfan des "Sandman"-Universums nach Neil Gaiman, der wilden Mythologie aus Mike Careys Spin-off und den albtraumhaften Sequenzen aus den "Lucifer"-Comics von Dan Watters. Die Reihen sind ideal für begeisterte Leser übernatürlicher, düsterer und höllisch schräger Storylines.

Die Fernsehserie wiederum punktet mit jeder Menge Herz, Wortwitz und Tom Ellis. Ich könnte mir schlichtweg keinen charmanteren Höllenprinzen vorstellen. Zugegeben, das Konzept der TV-Show (Teufel löst Kriminalfälle und verliebt sich in Polizistin) erfindet das Rad nicht unbedingt neu, die perfekte Chemie zwischen den Schauspielern Tom Ellis und Lauren German macht das jedoch locker wieder wett. Zudem wird die Serie ab Staffel 3 stetig besser. Das dürfte wiederum an den immer häufiger auftauchenden Fantasy-Elementen und den Freiheiten liegen, die die neue Heimat Netflix der Show seit Staffel 4 einräumt.

Fazit: Was wünschst Du Dir wirklich?

Wenn Du Spaß an der TV-Serie hast, ist es interessant, mit den Comics tiefer in die "Sandman"-Mythologie abzutauchen. Und wenn Du die Serie nicht magst, könnten Dir die Comics dennoch gefallen, weil sie vollkommen anders sind. Die Frage ist schlicht: Welchen Lucifer wünschst Du Dir wirklich?

Ich persönlich kann mich nicht zwischen den beiden Versionen entscheiden – und will es auch gar nicht. "Lucifer" ist für mich das perfekte Beispiel dafür, dass es eine gute Entscheidung sein kann, sich von einer bekannten Vorlage loszusagen. Auf diese Weise entsteht viel Raum für kreative Gestaltung, gute Darsteller und Geschichten, deren Wendungen selbst die Kenner der Vorlage nicht vorausahnen können.

Dass der Versuch, Neues zu wagen, auch komplett nach hinten losgehen kann, beweist wiederum der grauenhafte "Catwoman"-Film von 2004. Aber das ist eine andere Geschichte ...

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