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Oscar-Kandidatin mit Horror-Faible: Ein Liebesbrief an Toni Collette

Toni Collette hängt sich in ihre Rollen voll rein – auch und gerade, wenn es schaurig wird.
Toni Collette hängt sich in ihre Rollen voll rein – auch und gerade, wenn es schaurig wird. Bild: © Splendid Film 2019

Wenn man den Namen Toni Collette hört, denkt man nicht zwangsläufig zuerst an Horrorfilme. Dabei dreht die gebürtige Australierin immer wieder Gruselschocker und düstere Mysterythriller. Ein Geschenk für uns Genrefans – und heute will ich mal was zurückgeben: Meine Liebeserklärung an eine ganz große Schauspielerin, die nicht immer nur auf den Oscar schielt.

Sie kann knallhart und dann wieder zerbrechlich, todernst und überdreht albern – und manchmal alles innerhalb von ein paar Sekunden. Toni Collette ist eine der wandlungsfähigsten Schauspielerinnen unserer Zeit. Neben der unerreichten Meryl Streep gibt es wohl keine andere, die so traumwandlerisch von einem Genre zum anderen springt.

Eine Konstante in ihrem Schaffen ist aber, dass sie immer wieder für düstere Thriller und sogar harte Horrorschocker vor der Kamera steht – obwohl sie nach eigener Aussage gar kein Fan von gruseligen Filmen ist. Uns soll's recht sein, denn selbst mittelprächtige Streifen werden spürbar aufgewertet, wenn Toni Collette auftaucht. Sieben Auftritte von ihr für Genre-Fans.

"The Sixth Sense"

"The Sixth Sense" von M. Night Shyamalan war 1999 mit sechs Oscarnominierungen ein absoluter Smash-Hit, kickstartete die Karriere des indischstämmigen Regisseurs und ist nicht zuletzt dank des unsterblichen Story-Twists schon längst in die Popkultur eingegangen. Dabei war nicht nur das Drehbuch clever, sondern auch die Schauspieler fantastisch – allen voran natürlich Toni Collette als alleinerziehende Mutter, deren Sohn Geister sieht.

"Ich sehe tote Menschen", das ist natürlich der zitatwürdigste Satz aus dem Film, aber die Szene im Auto war in meinen Augen schon immer die beste. Der kleine Cole (Haley Joel Osment) öffnet sich endlich gegenüber seiner Mutter – und wie Collette diese emotionale Achterbahnfahrt darstellt, hat ihr völlig zurecht eine Oscarnominierung verschafft.

Und: Diese Sequenz ist ein perfektes Beispiel dafür, warum Regisseur Shyamalan damals als Wunderkind und legitimer Nachfolger von Alfred Hitchcock gefeiert wurde. Ohne emotional manipulative Kitsch-Musik, ohne aufdringliche Schnitte oder billige Tricks überlässt er zwei großartigen Schauspielern das Feld, die genau wissen, was sie tun und perfekt miteinander harmonieren. Zwei verwirrte, verängstigte, einsame Seelen suchen einander Halt – mich kriegen diese sechs Minuten jedes Mal. Großes Kino.

"Fright Night"

Nein, natürlich ist das Remake "Fright Night" von 2011 nicht so gut wie "Die rabenschwarze Nacht – Fright Night" von 1985. Schon allein, weil Colin Farrell als Vampir Jerry niemals die abgründige Eleganz von Chris Sarandon hat, der im Original das Blut der weiblichen Zuschauer (und sicher auch des einen oder anderen männlichen Zuschauers) in Wallung bringt.

Toni Collette spielt hier die arglose Mutter Jane Brewster, die sich ein bisschen in den scharfen Nachbarn (Farrell) verguckt und zu spät erkennt, dass der ultracoole Unterhemdträger ein Blutsauger ist. Leider hat sie nur eine Nebenrolle, füllt sie aber mit der ihr eigenen Natürlichkeit und Wärme aus.

Übrigens: Der unglückselige Autofahrer, der in dieser Szene einen kleinen Cameo hat, ist – Chris Sarandon, der eben im Originalfilm den Vampir gegeben hatte. Schönes Gimmick für Fans.

"Hitchcock"

Für sie ist es egal, wie groß eine Rolle ist – sondern ob sie Spaß macht, ob sie gut geschrieben ist. Das hat Toni Collette immer wieder gesagt und in "Hitchcock" hat sie es mal wieder bewiesen. Sie spielt Peggy Robertson, die persönliche Assistentin und Produzentin von Alfred Hitchcock. Die hat es wirklich gegeben und sie war maßgeblich am Erfolg einiger seiner größten Hits beteiligt – darunter eben auch an "Psycho", dessen Entstehungsgeschichte dieses Biopic von 2012 nacherzählt.

Auch diesmal ist sie eher in der zweiten Reihe zu sehen. Und weil sie ein Profi ist, weiß sie sehr genau, dass das Rampenlicht auf die beiden eigentlichen Stars des Films gerichtet ist, nämlich Helen Mirren und Sir Anthony Hopkins. Sie spielt sich nicht in den Vordergrund, wirkt stattdessen unterstützend und hat die wichtige Position der ausgleichenden Vermittlerin inne.

Und nein, "Hitchcock" ist kein düsterer oder gar harter Film, im Gegenteil. Aber weil es hier eben um "Psycho" geht, der gemeinhin als erster Slasher-Film der Welt gilt und ein ganzes Genre bis heute prägt, habe ich ihren Auftritt hier mit aufgenommen. Außerdem hätte ich sonst nur sechs und nicht sieben Filme gehabt – und sieben sind einfach viel cooler.

"Krampus"

So, genug weichgespülte Familienunterhaltung, jetzt wird's endlich so richtig unheimlich! Na ja – fast. "Krampus" von 2015 ist eine waschechte Horror-Komödie, die zur Weihnachtszeit spielt. Und wenn Du so tickst wie ich, willst Du am liebsten gleich weiterscrollen, denn mit "witzigen" Horrorkomödien kann man mich meist jagen.

Doch, oh (Weihnachts-)Wunder: "Krampus" ist ein ganz großartiger Film – ernsthaft komisch, an den richtigen Stellen warmherzig, dann aber wieder herrlich düster, unheimlich und sogar ein kleines bisschen brutal. Der Krampus, eine Art fieser Anti-Weihnachtsmann, bestraft all jene, die den wahren Weihnachtsgeist verloren haben. Das wird gerade zum Ende hin ernsthaft abgedreht (Stichwort Clown-Wurm. Oder Wurm-Clown?).

Wieder mal spielt Collette scheinbar mühelos eine liebevolle Mutterfigur, die in all dem Blut und Chaos versucht, alles halbwegs zusammenzuhalten und mit ihrer bekloppten Familie schöne Weihnachten zu feiern. Tipp: Unbedingt im Original gucken, denn die deutsche Oma spricht wirklich richtiges, korrektes Deutsch, was aber nur die Kids verstehen – ein dickes Atmosphäre-Plus!

"Hereditary"

"Hereditary" ist der beste Horrorfilm der letzten zehn Jahre. Punkt.

Einen großen Anteil daran hat Ms. Collette, die sich in ihrer Rolle als – erraten – Mutter mit einer dunklen Familiengeschichte die Seele aus dem Leib spielt. Hier gibt sie wirklich alles, zeigt sich emotional verwundbar wie selten, wechselt zu Beklemmung, nackter Panik und schließlich zu ... nein, das wäre ein Spoiler. Nur so viel: Die letzten 20 Minuten dieses Films gehören zum Intensivsten und Schaurigsten, was das Genre seit langer Zeit hervorgebracht hat. Ich kenne keinen Film, der eine schlimmere "Jemand bollert volle Kanne an die Tür"-Szene hat.

Dass Toni Collette für ihre Leistung in "Hereditary" nicht zumindest eine Oscarnominierung erhalten hat, ist eine schreiende Ungerechtigkeit. Vielleicht war der Academy der Film zu düster, vielleicht bestehen immer noch alte Vorurteile gegen das Horror-Genre, vielleicht mochte die Jury ihn auch einfach nicht. Uns ist es egal – wir freuen uns über einen grandiosen Film mit einer überragenden Hauptdarstellerin. Aber Achtung: "Hereditary" tut weh.

"Die Kunst des toten Mannes"

Mystery? Horror? Slasher? Satire? "Velvet Buzzsaw", so der weitaus knackigere Originaltitel, ist alles ein bisschen und nichts davon so richtig. Schade, denn der Film des "Nightcrawler"-Regisseurs Dan Gilroy hätte das Zeug zum rotzfrechen Kultfilm gehabt.

Gegen das unkonzentrierte Drehbuch kommen auch die besten Schauspieler nicht an. Toni Collette spielt diesmal keine Mutter, sondern eine schmerzhaft überdrehte Museumsdirektorin, komplett mit Kostümchen und platinblonder Perücke. Hier durfte sie mal so richtig overacten und hatte offenbar großen Spaß daran, vor der Kamera mal ein bisschen Gas zu geben. Außerdem hat sie eine halbwegs originelle Sterbeszene, ein kleiner Trost für Gorehounds.

Für Collette-Superfans und Komplettisten ist "Die Kunst des toten Mannes" einen Blick wert, ein Highlight im Schaffen der Schauspielerin ist er aber nicht.

"i'm thinking of ending things"

Das versponnene Beziehungsdrama lief erst im September auf Netflix an. Regisseur Charlie Kaufman ist ein Garant für doppelbödige Kunstfilme, die sich bei all ihrer Abgehobenheit aber immer ihre Menschlichkeit bewahren. "i'm thinking of ending things" ist da keine Ausnahme.

Eine Frau und ihr Freund fahren zu seinen Eltern – daraus wird eine emotionale Selbstbeschau, die die ganz großen Fragen stellt – nach Sinn und Zweck unseres Lebens, nach der Liebe, dem Tod und allem dazwischen. Und mittendrin, zumindest für ein paar Minuten, ist Toni Collette, mal jung, mal alt, aber immer etwas verschroben. Es ist ihrer Schauspielkunst zu verdanken, dass ihre Rolle nicht ins Nervige abrutscht.

Auch "ending things" ist kein wirklich düsterer Film, reißt aber einige schwere Themen an und erzeugt eine konstante, unangenehme Atmosphäre der Beklemmung. Kein Film zum Nebenher-Gucken. Sondern einer für Rotwein und eine Zigarette danach, zum Verschnaufen.

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