Meinung

Phänomen "50 Shades of Grey": Wieso 3 Kritikerflops zu Kinohits wurden

Die Geschichte vom reichen, geheimnisvollen Geschäftsmann der sich in die unschuldige Studentin verliebt, ging um die Welt.
Die Geschichte vom reichen, geheimnisvollen Geschäftsmann der sich in die unschuldige Studentin verliebt, ging um die Welt. (©Universal Pictures 2018)

Nicht nur die Charaktere in "Fifty Shades of Grey 3" schwanken zwischen Liebe und Leid. Auch manch ein Kritiker klagte bereits über körperliche Schmerzen angesichts des Höhepunkts der Trilogie rund um Ana und Christian. Dennoch ist der Hype um die Erotik-Thriller-Reihe ungebrochen. Da stellt sich mir die Frage: Warum? Was genau zieht die Massen in die Kinosäle?

Spoiler-Warnung
Der folgende Artikel bezieht sich unter anderem auf "Fifty Shades of Grey 3 - Befreite Lust" und enthält einige Details zur Handlung. Weiterlesen auf eigene Gefahr.

Wie schon bei den beiden Vorgängern lesen sich die Kritiken zu "Fifty Shades of Grey 3 - Befreite Lust" vernichtend. "Falls ein weiteres Sequel auftaucht, werde ich mein Safe-Word benutzen müssen", schreibt beispielsweise die New York Times über den finalen Teil der Trilogie.

Auf dem Bewertungsportal Rotten Tomatoes erhärtet sich dieses Bild: Gerade einmal 13 Prozent (Stand 14. Februar) der Rezensenten gaben dem Film ein positives Rating. Und als wäre all dies nicht genug, sind die "50 Shades"-Verfilmungen auch noch Dauerabräumer, wenn es um die Goldene Himbeere geht. Satte fünfmal kassierte allein der erste Teil der Reihe den berühmt-berüchtigten Spottpreis, Teil 2 ist 2018 sogar ganze achtmal nominiert.

Schwache Filme – starke Ergebnisse

Der Begeisterung der Fans tut dies allerdings keinen Abbruch. Sie bescheren der Reihe um das SM-Pärchen Ana und Christian weiterhin sehr starke Einspielergebnisse. Weltweit knackte das Gesamt-Ergebnis des Franchise laut Box Office Mojo jüngst die Milliardenmarke. Allein der aktuelle Ableger "Befreite Lust" spülte seit der Weltpremiere in Paris am 6. Februar über 136 Millionen US-Dollar weltweit in die Kassen. Das Produktionsbudget von knapp 55 Millionen haben die Macher somit nach nur einer Woche locker wieder eingespielt.

Doch weshalb sind die Anhänger so heiß auf die Filme über eine doch sehr fragwürdige Liebesbeziehung, in der sich eine sexuell unbedarfte Protagonistin ohne Rücksicht auf Verluste ihrem traumatisierten Liebhaber unterwirft?

Clever gewählter Kinostart zum Tag der Liebe

Zum einen dürfte dies an einigen äußerst cleveren Marketing-Schachzügen liegen. So veröffentlichte Universal Pictures die drei Liebes-Erotik-Drama-Thriller (so richtig kann man sie einfach nicht einordnen) mit schöner Regelmäßigkeit pünktlich zum Valentinstag.

Hintergedanke: Paare können sich zum Tag der Liebenden einige heiße Inspirationen von Mr. und Mrs. Grey holen, während Singlefrauen zum Mädelsabend in die Kinos pilgern, um sich mit Hauptdarsteller Jamie Dornan über das Solodasein hinwegzutrösten.

Und alle wissen sie schon vor dem Kinobesuch dank eindeutigen Trailern: Am Ende wird alles gut. Die Schöne rettet das Biest und es wird geheiratet. "Fifty Shades of Grey 3" wird als sexy Wohlfühlfilm verkauft und das gefällt dem Kinogänger, der einfach nur unterhalten werden will.

 Hochzeit und dann Flitterwochen in Frankreich: "Fifty Shades of Grey" zieht nach der SM-Sex-Karte auch alle Romantik-Register – passend zum Kinostart kurz vor Valentinstag. fullscreen
Hochzeit und dann Flitterwochen in Frankreich: "Fifty Shades of Grey" zieht nach der SM-Sex-Karte auch alle Romantik-Register – passend zum Kinostart kurz vor Valentinstag. (©Universal Pictures 2018)

Wie alles begann: Der Hype um die Erotikromane

Der Hauptgrund für den Erfolg der dreiteiligen Kinoreihe liegt meiner Meinung nach jedoch viel weiter zurück. Angefangen hat alles schon 2009 mit Fanfiction im Netz.

Damals war die heute weltberühmte Autorin E. L. James lediglich ein glühender Fan der Teenie-Vampir-Romanze "Twilight" – und so begeistert von der Blutsaugerreihe, dass sie diese kurzerhand in eine Version für Erwachsene umschrieb. Aus dem Vampir Edward wurde der erfolgreiche Geschäftsmann mit den etwas anderen sexuellen Vorlieben, Christian Grey – "50 Shades of Grey" war geboren.

Von "Twilight"-Fanfiction zum globalen Bestseller

Tausende vor allem weibliche Leser begeistern sich für die Softporno-Version der Vampir-Story: von den meist jungen "Twilight"-Fans, die einfach nicht genug von Bella und Edward bekamen, bis hin zu den Müttern und Hausfrauen, die anonym im Netz in eine sexy Fantasiewelt eintauchen.

Und plötzlich war die erotische Fanfiction auch für Verleger interessant. 2011 erschien die Geschichte erstmals als Taschenbuch und wurde zum Bestseller. Ähnlich wie heute die Filme zerrissen die Kritiker auch die Romane – und ähnlich wie bei den Kino-Adaptionen ließ sich die Leserschaft davon nicht beeindrucken. Bis heute wurden weltweit über 125 Millionen Exemplare der Trilogie verkauft, wie der Telegraph zu vermelden weiß.

Der Reiz des Verbotenen

Zu diesen gewaltigen Verkaufszahlen trug vor allem ein Aspekt bei: Plötzlich sprach alle Welt über das sonstige Tabuthema der SM-Praktiken. Es wurde öffentlich gestritten, ob es sich bei den Fesselspielen und der Kontrollsucht von Mr. Grey nun wirklich um SM handelt oder eben nicht – und jeder wollte mitreden können. Autorin E. L. James dürfte es gefreut haben: Ihr Romandebüt verkaufte sich laut The Guardian bis zum Sommer 2012 bereits öfter auf der britischen Amazon-Website als die gesamte "Harry Potter"-Reihe.

Dieses Phänomen des "Mitreden-Könnens" übertrug sich prompt auf die Verfilmungen. Es wurde diskutiert, was gezeigt werden darf und was nicht. Ob solch ein Film über Unterwerfung und Dominanz in einer Zeit, in der Feminismus und Gleichberechtigung Dauerthemen sind, überhaupt in die Kinos gehört. Und vor allem: Zeigt sich Hauptdarsteller Jamie Dornan nun ganz nackt vor der Kamera oder eben nicht?

 "50 Shades of Grey" hielt die Fans mit viel nackter Haut der Darsteller bei der Stange. fullscreen
"50 Shades of Grey" hielt die Fans mit viel nackter Haut der Darsteller bei der Stange. (©Universal Pictures 2018)

Fazit: Ein Dank an die Hater!

Fassen wir noch einmal zusammen:

  • clevere Vermarktung pünktlich zum Valentinstag
  • leicht verdauliche "Die Schöne und das Biest"-Story, die nebenbei noch ein paar heimliche sexuelle Fantasien vieler Frauen bedient
  • Bestseller, über die einfach jeder redete, obwohl natürlich niemand sie gelesen haben wollte
  • scheinbares Aufgreifen eines Tabu-Themas, ohne aber wirklich jemals irgendwelche Grenzen zu überschreiten (man will die Leser-Massen ja nicht vor den Kopf stoßen)

Letztlich bleibt festzuhalten: "Fifty Shades of Grey" ist so erfolgreich, weil alle Welt die Bücher und Filme nur zu gerne öffentlich zerreißt. Solange der Filmsex samt Spielzeug zwischen zwei Schauspielern ohne jegliche On-Screen-Chemie für Gesprächsstoff sorgt, solange dürften die Neugierigen und Fans der ersten Stunde auch weiterhin ins Kino pilgern.

Ich für meinen Teil werde weiterhin einen Bogen um die Filme machen und einfach hoffen, dass ich nie wieder den Satz "Mr. Grey empfängt Sie jetzt" höre.

Die wichtigsten Kennzahlen zum Franchise
Gesamt-Einspielergebnis der Kinoreihe (bis dato): 1.090 Millionen US-Dollar;

verkaufte Bücher: über 125 Millionen Exemplare

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