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Sprachassistenten nerven auf dem Handy und rocken am Smart TV

Sprachsteuerung kann die alte Fernbedienung gut ersetzen.
Sprachsteuerung kann die alte Fernbedienung gut ersetzen. (©thinkstock.com/Laurentiu Iordache 2015)

Handy-Sprachassistenten wie Siri und Cortana nerven und kaum jemand will sie nutzen. Mit meinem Smart TV spreche ich jedoch mittlerweile ziemlich gern. Warum Hersteller und Entwickler viel aus meinem Verhalten lernen könnten.

Sprachassistenten sind in aller Munde – zumindest wenn es nach ihren Entwicklern geht. Apple findet seine Siri ganz toll, Microsoft seine Cortana und Google Now ist für seine Erfinder natürlich auch das praktischste Tool aller Zeiten. Auf den letzten Entwicklerkonferenzen Google I/O und Apple WWDC wurde den digitalen Assistenten entsprechend viel Raum eingeräumt.

Wer nutzt eigentlich Siri?

Doch mal Hand aufs Herz. Wer spricht eigentlich wirklich mit seinem Handy? Ich sehe auf der Straße, in der U-Bahn, im Bus oder in Restaurants praktisch permanent Menschen, die sich intensiv mit ihren Smartphones befassen. Was ich dabei allerdings nie sehe, sind Menschen, die sich mit der Sprachsuche beschäftigen. Gefühlt nutzt diese so gut wie niemand. Und ich selbst bin ja nicht besser, obwohl ich beispielsweise mit den Vorzügen von Google Now wirklich gut vertraut bin.

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Siri ist für viele Nutzer nur ein Pausenclown. (©CC: Flickr/Vincent Brown 2016)

Tatsächlich funktioniert gerade der Google-Sprachassistent mittlerweile ziemlich gut, ist unkompliziert zu nutzen und versteht mich besser als so mancher Mensch. Siri und Cortana sind da noch ein anderes Thema. Denen stellt man eigentlich nur dann eine Frage, wenn man weiß, dass sie darauf irgendeine lustige Antwort parat haben, die ihnen irgendein Entwickler vorher einprogrammiert hat – künstlicher Humor statt künstliche Intelligenz und eigentlich ziemlich lahm.

"Kuck mal da, der spricht mit seinem Handy!"

Doch warum bleibt bei mir selbst Google Now im Alltag auf der Strecke? Nun die Antwort ist einfach: Ich möchte vor allem die komischen Blicke vermeiden, die ich wahrscheinlich auf mich ziehe, wenn ich anfange in der U-Bahn mit meinem Handy zu sprechen und ich möchte auch nicht, dass jeder um mich herum weiß, wonach ich gerade bei Google suche.

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Kaum Jemand nutzt in der Öffentlichkeit Google Now. (©TURN ON 2016)

Und so dürfte es vermutlich den meisten Smartphone-Usern gehen. Wer möchte seine aktuelle Bildersuche schon direkt und deutlich ins Mikrofon des Handys sprechen, wenn rundherum 30 Menschen zuhören? Wer möchte Siri in aller Öffentlichkeit eine SMS an den Freund oder die Freundin diktieren, deren Inhalt dann die ganze Sitzreihe im Bus kennt? Wer möchte seiner Umwelt lauthals mitteilen, dass er gerade die Bluetooth-Schnittstelle an seinem Smartphone aktiviert hat? Anscheinend so gut wie niemand.

Zu Hause sind Sprachassistenten toll

Doch machen wir mal einen Szenenwechsel in die eigenen vier Wände: Dort steht bei mir seit einigen Monaten eine Android TV-Box vom Typ Nvidia Shield – an sich schon Mal ein tolles Gerät und ohne Zweifel der potenteste Mediaplayer, den ich je benutzt habe. Was das Gerät dank Android TV aber auch hat, ist eine Funktion zur Sprachsuche von Sendungen. Die nutze ich mittlerweile recht häufig und immer öfter.

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Die Android TV-Box von Nvidia kommt mit eingebauter Sprachsuche. (©YouTube/ Nvidia 2015)

Es ist einfach unheimlich praktisch, den Fernseher oder, wie in meinem Fall, die Set-Top-Box per Sprachbefehl nach der Sendung oder einem Schauspieler suchen zu lassen – viel praktischer jedenfalls als das Ganze mit der Fernbedienung umständlich in ein Textfeld einzugeben. Und es funktioniert. Es ist zwar nicht perfekt, weil noch nicht jede App die Funktion unterstützt (was machen eigentlich die Entwickler bei Netflix den ganzen Tag über?), aber es klappt für mich dennoch gut genug, dass ich dieses Feature nicht mehr missen möchte.

Das tolle ist, dass diese Art der Sprachsuche mittlerweile auf vielen TV-Geräten und Set-Top-Boxen recht gut funktioniert. Amazon Fire TV bietet sie, Apple TV 4 kommt mit eingebauter Siri, Smart TVs von Sony und Philips haben Android TV und damit auch die Google-Suche ohnehin an Bord und auch die Fernseher von Samsung und LG verfügen über eine recht ordentliche Sprachsteuerung. Die Xbox One soll ja demnächst Cortana unterstützen, was potenziell auch ziemlich toll ist.

Zu Hause fühlen wir uns unbeobachtet

Der wichtigste Grund, warum ich die Sprachsteuerung zu Hause nutze, unterwegs aber nicht, ist jedoch der, dass ich mich in den eigenen vier Wänden unbeobachtet fühle. Ich bin in meinem Reich und kann nach Belieben mit meinem Fernseher oder meinem Computer sprechen, ohne das mich deshalb jemand seltsam anschaut. Und ich glaube, so geht es vielen, denn ich beobachte diese Entwicklung auch in meinem Bekanntenkreis immer öfter.

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In den eigenen vier Wänden sind wir entspannter. (©Philips/ TP Vision 2016)

Entwickler haben die Kunden falsch eingeschätzt

Vielleicht liegt hier das Erfolgsrezept von Sprachassistenten. Vielleicht wollen die Leute sie einfach nicht unterwegs nutzen, sondern lieber zu Hause. Vielleicht haben Hersteller und Entwickler die Bedürfnisse der Kunden in diesem Punkt schlicht und ergreifend falsch eingeschätzt und ihre Software in die falschen Geräte gepackt. Ich finde es jedenfalls bezeichnend, dass Google auf seiner letzten Entwicklerkonferenz mit dem Mini-Lautsprecher Home ein Gerät vorgestellt hat, nachdem Amazon in den USA zuvor mit einem ähnlichen Konzept in seinem Echo-Lautsprecher einen Überraschungserfolg gelandet hatte.

Ich jedenfalls werde auch weiterhin mit meinem Fernseher sprechen und mich gegenüber meinem Smartphone deutlich wortkarger geben. Sorry Handy, aber in der Öffentlichkeit ist mir das peinlich.

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