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"Toss a Coin to your Witcher": Darum ist der Song so ein Ohrwurm

Jaskier
Rittersporn hat dem Netflix-Publikum einen fiesen Ohrwurm eingepflanzt. Bild: © Katalin Vermes/Netflix 2019

Du hast "The Witcher" geschaut und bekommst den Song "Toss a Coin to your Witcher" einfach nicht mehr aus dem Kopf? Kein Wunder: Die Heldenballade über den Hexer ist von Anfang bis Ende auf Hitpotenzial getrimmt. Wir erklären, was den Ohrwurm so unwiderstehlich macht.

Barde Rittersporn (im englischsprachigen Original der Serie als "Jaskier" bekannt) hat in "The Witcher" schnell erkannt: Hexer haben ein Imageproblem! Statt Geralt dankbar zu sein, dass er sie von Geistern und Monstern erlöst, verachten ihn die Menschen. Doch was kann ein Barde schon aushecken, um das zu ändern? Na klar: einen waschechten Werbe-Jingle!

"Toss a Coin to your Witcher" heißt die Song gewordene Imagekampagne, die Fans der Netflix-Serie seit Wochen nicht aus dem Kopf kriegen. Und dafür gibt es Gründe: Die Komposition von Sonya Belousova und Giona Ostinelli hat ein Arsenal von Tricks auf Lager, um sich in Deinem Kopf festzusetzen. Mit Balladendichtung, wie sie Rittersporn betreibt, haben diese Kniffe allerdings nicht allzu viel zu tun – sondern vor allem mit effektivem, modernem Pop-Songwriting.

Hinweis
Im Folgenden nehmen wir "Toss a Coin to your Witcher" auseinander. Am meisten Spaß macht das, wenn Du den Song dabei mithörst. Die Zeitmarker im Text beziehen sich auf die Version bei Spotify und zeigen Dir an, wo Du die jeweilige Stelle im Song findest.

Der Anfang: Leise und Laute

"Toss a Coin to your Witcher" gibt sich mit seinen Lautenklängen anfangs zwar mittelalterlich beziehungsweise imitiert einen Klang, der in der Popkultur mit "Mittelalter" verknüpft ist (dass das historisch nicht immer ganz hinkommt, ist ein eigenes Thema). Schon sehr schnell schaltet der Song aber komplett um in Richtung Rockballade und steigert sich einem epischen Finale entgegen. Diese Steigerung passiert Stück für Stück und sorgt dafür, dass "Toss a Coin" nie langweilig wird.

The Witcher Geralt von Rivafullscreen
"Nie langweilig? Naja." – Geralt von Riva Bild: © Netflix/Katalin Vermes 2019

Fangen wir vorne an: Im langsamen Vorspiel begleitet sich Rittersporn (beziehungsweise Schauspieler Joey Batey) mit ausklingenden Lauten-Akkorden selbst. Dann (ab 00:13) wechselt die Laute für die erste Strophe auf eine gezupfte Tonfolge – Gitarristen sprechen von "Picking", Klassik-Fans von "Arpeggio". Das Tempo wird regelmäßiger und zieht leicht an. In Strophe 2 (ab 00:29) holt der Barde tief Luft, singt eine ganze Oktave höher und einige Zeilen mehr – die Strophe ist länger als beide davor.

Und dann? Kommt schon der Refrain!

Einfach, aber gut: So funktioniert der "The Witcher"-Refrain

Ein grandioser Refrain ist das Herzstück fast jedes guten Popsongs. In "Toss a Coin to your Witcher" schleicht er sich bei 00:49 fast bescheiden rein: Rittersporn streicht und zupft nur ein paar sanfte Akkorde, während er seine Zuhörer auffordert, dem Hexer Kleingeld zuzuwerfen. In diesem Teil steckt das größte Ohrwurm-Potenzial – und das Zauberwort dafür lautet "Einfachheit".

Der Refrain besteht im Kern aus nur zwei kurzen Melodien:

  • Auf Melodie 1 singt Rittersporn die Zeile "Toss a Coin to your Witcher"
  • Auf Melodie 2 singt er "O valley of plenty"

Die Melodien sind gut voneinander abgetrennt: In Melodie 1 werden die einzelnen Töne zuerst nacheinander höher ("Toss a Coin...") und machen dann eine kleine melodische Zickzack-Bewegung ("... to your Witcher"). Melodie 2 beginnt auf dem höchsten Ton von Melodie 1, steigt dann schrittweise ab und landet bei "plenty" auf dem tiefsten Ton. Selbst, wenn die Melodie gegen Ende des Refrains ein wenig variiert (bei "O valley of plenty" macht der Gesang etwa einmal einen Ausflug in höhere Regionen), ist sie insgesamt leicht zu merken und deshalb eingängig.

The Witcher Geralt von Riva Plötzefullscreen
"Soll ich Dir nochmal den Refrain vorsingen, Plötze? Nicht? Na komm, einmal noch!" Bild: © Netflix/Katalin Vermes 2020

Auch wichtig: Die Melodie bewegt sich in einem recht engen Rahmen, der tiefste und der höchste Ton liegen also nicht allzu weit auseinander. Du musst kein Opernsänger sein, um alle Töne des Refrains bequem mitsingen zu können. Und: Die Melodie macht keine großen Sprünge, die gesungenen Töne liegen fast alle direkt nebeneinander – das macht es noch leichter, sich den Verlauf zu merken.

Harmonische Zusatzinfo für Musiknerds
"Toss a Coin to your Witcher" steht in der Tonart b-Moll. Der Refrain bewegt sich zum Großteil innerhalb des b-Moll-Dreiklangs (b, des, f), die ersten drei Silben ("Toss a Coin ...") singt Rittersporn sogar exakt auf diesem Dreiklang. Die Begleit-Harmonie im "O valley of plenty"-Teil ist ebenfalls fast durchgängig ein b-Moll-Akkord. Der Refrain ist also harmonisch sehr stark an den Grundton gebunden und auch dadurch leicht zu merken und mitzusingen.

Jetzt schön die Spannung halten

Ein Ohrwurm-Geheimnis liegt also vor allem im einfachen, aber ungemein effektiven Refrain. Jetzt mussRittersporn nur noch dafür sorgen, dass Du den oft genug hörst und dafür die Spannung halten. Das schafft er nicht allein mit seiner Laute: Nach einem lang gezogenen Falsett-Ton (01:08) am Schluss des Kehrverses bekommt der Barde Verstärkung von Schlagzeug und Streichern.

Nach und nach gesellen sich nun immer mehr Klänge und Instrumente dazu. Wer die folgenden Strophen aufmerksam (und am besten mit Kopfhörern) hört, bemerkt sicher nicht nur die immer lauter werdenden Trommeln, Becken und Streicher, sondern auch verschiedene Zupfinstrumente, eine geisterhafte Flüsterstimme und ein klimperndes Windspiel. Die anschwellende Klangwand baut Spannung auf, die sich natürlich im Refrain entladen soll. Bevor es dazu kommt, spielt "Toss a Coin" aber noch einen Trick aus.

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Nein, Mäussack, nicht SO ein Trick! Bild: © Katalin Vermes/Netflix 2019

Eigentlich steht der Song im 4/4-Takt, das heißt: Wer im Takt des Lieds immer nach dem Muster "1, 2, 3, 4, 1, 2, 3, 4" mitzählt, landet pünktlich zu einer neuen Strophenzeile und am Ende eines Song-Teils wieder auf der "1". Dem letzten Takt vor dem nächsten Refrain "klaut" der Song aber eine "4" – die letzte Strophenzeile "Now pour him some ale" (01:56) singt Rittersporn also auf einen 3/4-Takt, indem lauter werdende Trommeln Spannung aufbauen. Danach beginnt direkt der Refrain, dessen ersten Schlag Du an dem lange ausklingenden Beckenschlag erkennst. Dieser kleine Rhythmus-Dreher hat zur Folge, dass Dich der Refrain überrascht, weil er gefühlt einen Schlag zu früh kommt.

Das Schöne an solchen musikalischen Finessen: Die Überraschung funktioniert selbst dann, wenn Du Dich für Dreier- und Vierer-Takte eigentlich nicht interessierst. Unterbewusst zählen wir nämlich alle ein bisschen mit.

Harmonische Zusatzinfo für Musiknerds
Die Übergänge zwischen Strophen und Refrain sind auch harmonisch spannend gestaltet: So gut wie alle letzten Zeilen eines Teils begleitet ein F-Dur-Akkord. In b-Moll ist F-Dur die Dominant-Tonart mit leitender Funktion zum Grundton. Das heißt: Hören wir in einem Lied in der Tonart b-Moll einen F-Dur-Akkord, erwarten wir als nächsten Akkord einen b-Moll-Akkord. Diese Erwartung löst "Toss a Coin to your Witcher" zu Beginn jeder Strophe und jedes Refrains ein, denn die beginnen alle mit b-Moll. So "zieht" der Song sein Publikum von Teil zu Teil.

Alter Barden-Trick: der Dreifach-Refrain

Bis zum Ende folgen ab jetzt nur noch Refrains: Insgesamt dreimal hintereinander hämmert Dir Rittersporn den eingängigsten Teil des Songs ein. An Melodie und Harmonien verändert sich im Vergleich zum ersten Refrain so gut wie nichts, im Text gibt nur eine kleine Variation: Die Zeile "a friend of humanity" ist neu, kommt aber viel seltener vor als "O valley of plenty". Wer im ersten Refrain aufgepasst hat, ist also immer noch weitgehend textsicher.

Ansonsten kommt als neues Element noch eine weibliche Hintergrund-Gesangsstimme dazu, die den Song auf dem Weg zum Finale noch einmal aufpeppt. Der Schluss gerät dadurch angemessen episch – und wer zum Schluss mal Rittersporns letzte gesungene Zeilen mit den ersten vergleicht, stellt fest, dass dazwischen eine ganz schöne Reise liegt.

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Im Bild: Yennefer von Vengerberg auf der Suche nach dem letzten Ort, an dem niemand "Toss a Coin to your Witcher" singt. Bild: © Katalin Vermes/Netflix 2019

Die Geheimnisse eines guten Pop-Hits

Ständige Veränderung, gekonnter Spannungsaufbau, ein Hauch von Unberechenbarkeit und ein simpler, heroischer Refrain, den alle mitsingen können – das sind die guten und gar nicht so magischen Zutaten, die "Toss a Coin to your Witcher" das Zeug zum Pop-Hit verleihen. Rittersporn mag ein nerviger Gockel sein, sein Handwerk beherrscht er aber. Mal sehen, welche Ohrwürmer ihn das Komponisten-Duo der Serie in Staffel 2 von "The Witcher" aus der Laute zaubern lässt. "Toss a Coin to your Witcher" hat die Messlatte auf jeden Fall ziemlich hoch gelegt.

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