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Verkehrte Welt? Warum Serien wie "Breaking Bad" zu Filmen werden

Auch der Kultserie "Breaking Bad" steht eine Filmadaption ins Haus.
Auch der Kultserie "Breaking Bad" steht eine Filmadaption ins Haus. (©Ursula Coyote/Sony Pictures Home Entertainment 2018)
Meliha Dikmen Gruselt sich auch bei FSK-12-Filmen.

"Downton Abbey", "Peaky Blinders", "Deadwood", "Breaking Bad" – gefühlt jedes erfolgreiche Serienformat bekommt derzeit eine Filmversion spendiert. Wie viele Projekte müssen zusammenkommen, bis man von einem Trend spricht? Ich habe mir das Phänomen "Serie wird Film" genauer angeschaut – und interessante Erkenntnisse erhalten.

Als ich vor Kurzem darüber schrieb, dass selbst eine noch erfolgreich laufende Serie wie "Peaky Blinders" einen Film bekommen soll, konnte ich nicht umhin, mich zu fragen (Achtung, Anspielung!), ob im Film- und Serienbusiness ein Umdenken stattfindet.

Früher schien der Weg nur in die eine Richtung offen. Da wurden erfolgreiche Filme wie beispielsweise "Stargate" in ein (fast noch) erfolgreicheres Serienfranchise überführt. Selbst eher durchwachsene Filme wie "Buffy – Der Vampir-Killer" konnten als TV-Serie Fans über viele Staffeln begeistern. Doch das Ganze schien lange eine Einbahnstraße zu sein: Film zu Serie: ja!, Serie zu Film: keine Chance!

Serien boten lange Zeit TV-Einheitsbrei ...

Film und Fernsehen fanden vor der Jahrtausendwende – oder wo genau man die Zäsur auch setzen möchte – unabhängig voneinander in ihrem eigenen kleinen Mikrokosmos statt. Während im Fernsehen fröhlich "Emergency Room" lief, kämpfte Mel Gibson 1995 in "Braveheart" in den Kinos für die Freiheit Schottlands. Dass der damalige Superstar dazu in einer Serie auftreten würde, war undenkbar.

Dass das Filmbusiness jahrzehntelang auf den kleinen Serienbruder geradezu herabblickte, kommt nicht von ungefähr. So war es lange Zeit das Ziel von TV-Shows und Serien, eine möglichst große Zuschauerschaft anzusprechen, wie Science Nordic den Medienwissenschaftler Brian Petersen zitiert. Der Student der Universität von Kopenhagen schrieb seine Masterarbeit zum Thema Serien. Die große Zuschauerschaft sollte mit "standardisierten Formeln" vor den Bildschirm gelockt werden. Und da kommen einem ohne große Überlegung gleich einige Formate in den Sinn, wie die klassische Familien- oder Crimeserie.

... – mit wenigen Ausnahmen

Spannende, innovative Stoffe suchte man in diesem Bereich vergeblich – mit Ausnahmen. So entfernte sich David Lynchs Mysteryserie "Twin Peaks" 1990 von diesem formelhaften Erzählen. Keinem eindeutigen Genre zuzuordnen, vermischte Lynch in der Serie Merkmale aus Detektiv- und Film-noir-Film mit übernatürlichen Elementen, die er in Bildern in Kinoqualität umsetzte. Als "Twin Peaks"-Nachfolger im Geiste gelten unter anderem "Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI" (seit 1993) und, rein inszenatorisch gesehen, auch die Mafiaserie "Die Sopranos" (1999-2007). Letztere kehrt übrigens in absehbarer Zeit als Film zurück.

twin peaks staffel 2 Kyle MacLachlan
"Twin Peaks" bot Anfang der 1990er-Jahre endlich Abwechslung im TV.

Doch was in den 1990er- und zu Beginn der 2000er-Jahre eher Einzelfälle waren, scheint heutzutage Usus zu sein. Nicht mehr an einem TV-Einheitsbrei ist den Networks gelegen, sondern an psychologisch durchdachten Storys und Charakterentwicklungen, die das meiste aus dem Format herausholen, das inzwischen mehr Möglichkeiten als Beschränkungen bietet.

Formate wie "Game of Thrones" haben Kinoqualität

Neues und anderes zu liefern und womöglicher mutiger zu sein als die anderen, ist auch bitternötig. Die Sender müssen sich mit immer stärkerer Konkurrenz in den eigenen Reihen auseinandersetzen und zusätzlich gegen Streamingdienste wie Netflix antreten, die inzwischen ihren eigenen hochwertigen Content aufbauen.

Um da mitzuhalten, wird immer mehr Geld in die Hand genommen. So kostet beispielsweise eine Episode von "Game of Thrones" inzwischen mehr als zehn Millionen US-Dollar. Und nicht nur finanziell, auch darstellerisch und filmisch kann die HBO-Serie mit Kinoproduktionen locker mithalten. Wieso dann nicht den letzten konsequenten Schritt (zurück) ins Kino gehen?

Game of Thrones
Fast wäre das Finale von "Game of Thrones" ins Kino gekommen.

Die "GoT"-Showrunner David Benioff und Dan Weiss hatten genau das für das Finale der Fantasy-Serie vor, das sie laut Entertainment Weekly in Form von drei Filmen ähnlich wie bei der "Herr der Ringe"-Trilogie auf die Kinoleinwände bringen wollten. Doch verständlicherweise hatte Heimatsender HBO, der von den Einnahmen seiner Abonnenten lebt, etwas dagegen.

Der Film als Rettung abgesetzter Serien wie "Firefly"?

Doch nicht immer muss es der finanzielle Erfolg sein, der den Wunsch nach einer Filmversion laut macht. Kultige Serien wie "Veronica Mars" oder "Firefly – Der Aufbruch der Serenity", denen nur eine vergleichsweise kleine, treue Fangemeinde beschieden war, wurden frühzeitig abgesetzt. Der Abschluss der Handlung schien nur in einer Filmversion möglich.

Während bei "Veronica Mars" – einer damals ungewöhnlichen Mischung aus Teenieserie und Film Noir – Fans und Cast jahrelang um einem filmischen Abschluss kämpften, der schließlich 2014 dank Kickstarter glückte, waren es bei "Firefly" auch die guten DVD-Verkaufszahlen der ersten und einzigen Staffel, die letztlich eine Filmversion ermöglichten. Und zumindest bei "Veronica Mars" hatte der Film eine belebende Wirkung für das Franchise: Das Videoportal Hulu bestellte tatsächlich eine neue Staffel der Detektivserie.

deadwood staffel 3 Timothy Olyphant Ian McShane
Westernhelden wie aus "Deadwood" können ebenfalls in Filmform wiederauferstehen.

Auch die Westernserie "Deadwood" gehört zu den Serien, die "zu früh ins Gras beißen mussten". Nach der überraschenden Absetzung nach Staffel 3 hing das Schicksal der Präriestadt und seiner Bewohner in der Schwebe. Doch 2019 – und damit beachtliche 13 Jahre später – bekommen Fans hier ebenfalls einen Abschluss in Filmform zu sehen. In diesem Fall handelt es sich allerdings um einen HBO-Fernsehfilm.

Fans haben noch nicht genug von "Downton Abbey" & Co.

Anders liegt der Fall bei der Kostümserie "Downton Abbey", die 2019, erst vier Jahre nach dem Serien-Aus, in Filmform zurückkehren soll. Wäre das nötig? Nein. Gibt es offene Fragen, die unbedingt aufgelöst werden müssen? Auch nicht. Die Frage ist hier eher: Wieso nicht? Die Anhängerschaft ist stark und wird geschlossen in die Kinos stürmen, um erneut in Downton Abbey zu wandeln.

Und wenn man ein Kinoticket dafür lösen muss, um Lady Mary, Mr. Carson und Konsorten wiederzubegegnen – wieso nicht? Auch lässt sich der Cast zu einem "kleinen Film" weitaus leichter wieder zusammentrommeln als für eine ganze Staffel. Immerhin wirkte die Serie auch als Karrierebooster für viele seiner Darsteller, die nun mitunter schwer beschäftigt sind.

downton abbey
Für den Film kehrt fast der komplette "Downton Abbey"-Cast zurück.

Auch bei "Sex and the City" war es wahrscheinlich vor allem die Möglichkeit, weiter Geld aus einem Franchise zu schlagen, die die Rückkehr der Damen im Kinoformat beflügelte. Die Macher ließen hier vier Jahre verstreichen, bevor Carrie, Samantha und Co. 2008 auf die große Leinwand stöckelten – und das mit Erfolg. Über 415 Millionen US-Dollar spülte das "Chic-Flick" in die Kassen der Warner Bros.. Doch "Sex and the City" ist außerdem ein Beispiel dafür, dass das nicht unbedingt erneut klappt.

Denn das zweite Film-Spin-off setzte der Erfolgswelle ein Ende und machte Pläne zu weiteren möglichen Fortsetzungen zunichte. Denn nicht immer ist der Film das bessere Format, um eine Geschichte zu erzählen. Das erlebte Pionier David Lynch mit "Twin Peaks – Der Film" bereits 1992. Dieser floppte sowohl an den Kassen als auch bei den Kritikern.

Nostalgie: Immer ein Faktor

Bei "Downton Abbey" und "Sex and the City" – und übrigens vielen Serienrevivals von "Gilmore Girls" bis "Roseanne" – wird vor allem das Nostalgiegefühl bedient. In Zeiten, in denen die Welt manchmal ein sehr unsicherer Ort zu sein scheint, ist es schön, wieder die Möglichkeit zu haben, in seine Lieblingsserie einzutauchen. Dabei ist es fast zweitrangig, ob das im eigenen Heim oder für 90 bis 120 Minuten im Kino ist.

Und wahrscheinlich aus eben diesem Grund wird bei jedem Zusammentreffen der ursprünglichen Besetzung einer bereits abgesetzten Serie nach einem Revival oder Film gerufen – obwohl es meist keine echten Pläne in die Richtung gibt. Zuletzt geschehen bei "Scrubs" und regelmäßig bei "Friends".

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Rick wird "The Walking Dead" in mehreren Spielfilmen erhalten bleiben.

Der US-Sender AMC setzt in Zukunft ebenfalls auf Filmableger klassischer und aktueller Erfolgsserien. So wurde nicht nur bekannt, dass "Breaking Bad" neben dem Spin-off "Better Call Saul" in Filmform weitergeführt wird. Zusätzlich soll "The Walking Dead", das Zugpferd des Senders, mit Filmen und Co. weiter ausgebaut werden. Das Ziel: Der Sender möchte ein ganzes "TWD"-Universum schaffen. Ab sofort können Filme und Serien der gleichen Welt offenbar koexistieren, auch wenn die Serie noch lange nicht abgeschlossen ist.

Serien als Kinofilm: Undemokratisch, aber sexy?

"Peaky Blinders" ist ein Paradebeispiel des Trends. Die von der Kritik hochgeschätzte BBC-Serie rund um eine britische Gangsterbande in Birmingham soll parallel zur regulären Laufzeit einen Film bekommen. Doch dazu gibt es auch kritische Stimmen. Für Hauptdarsteller Cillian Murphy ist ein Kinofilm schon eine exklusivere Geschichte als eine TV-Serie. "Man kann die schöne, demokratische Sache, die das Fernsehen ist, das einfach jeder gucken kann, nicht übertragen", sagte Murphy im Interview mit Deadline zu einem "Peaky Blinders"-Film.

Peaky Blinders Cillian Murphy Staffel 2
Fahren die "Peaky Blinders" bald ins Kino ein?

"Das Kino ist kniffliger, weil du deine zehn Dollar zahlen und deine Kinder zu Hause lassen musst". Außerdem müsse die Story sehr komprimiert werden. Dennoch räumt Murphy ein: "Es ist eine sexy Idee". Denn trotz der besten Serienqualität ist die Kinomagie noch nicht gestorben. Ob Serienfans den Umschwung ins Kino tatsächlich mitmachen, wird vermutlich von Fall zu Fall entschieden – und natürlich danach, ob ein Babysitter aufzutreiben ist.

Meliha Dikmen Gruselt sich auch bei FSK-12-Filmen.
Das sagt Meliha:
Ich persönlich freue mich ganz besonders auf den "Downton Abbey"-Film! Welche Serie würdest Du gerne in Filmform im Kino sehen?
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