Meinung

Warum ich mich von "Die Unglaublichen 2" total verstanden fühle

Ok, ganz so cool wie Helen Parr sehe ich bei meinem Spagat zwischen Job und Familie nicht aus ...
Ok, ganz so cool wie Helen Parr sehe ich bei meinem Spagat zwischen Job und Familie nicht aus ... (©Disney 2018)

2714 Jahre hat es gedauert, aber nun ist es endlich so weit: Mit "Die Unglaublichen 2" erobert das Sequel zu unserem liebsten Pixar-Superheldenfilm die große Leinwand. Ich durfte mir den Film von Regisseur und Drehbuchautor Brad Bird vor dem offiziellen deutschen Kinostart ansehen – und kämpfe jetzt noch damit, das breite Grinsen wieder aus dem Gesicht zu bekommen.

Achtung, Spoiler!
Der folgende Text enthält inhaltliche Informationen zu "Die Unglaublichen 2". Du liest also auf eigene Gefahr weiter.

Darum geht's in "Die Unglaublichen 2"

Obwohl "Die Unglaublichen 2" noch gar nicht auf allen Kinomärkten an den Start gegangen ist, hat es das Sequel schon jetzt auf gleich mehrere Meilensteine geschafft: Anfang Juli wurde "Die Unglaublichen 2" offiziell zum erfolgreichsten Animationsfilm aller Zeiten erklärt, Anfang August folgte für Familie Parr die Aufnahme in den 1-Milliarde-Dollar-Club. Die Handlung von "Die Unglaublichen 2" scheint also nicht nur mich zu überzeugen ...

Diese setzt übrigens genau dort ein, wo uns Teil 1 vor Jahren zurückgelassen hat: Familie Parr hat endlich wieder zur Einheit gefunden und stellt sich dem Tunnelgräber, der sich schon im Finale von "Die Unglaublichen" zum Rapport gemeldet hat.

Doch sobald dieses verbindende Grundsetting erst mal abgehandelt ist, bewegt sich die Story des Sequels in ganz neue Bahnen. Sie lässt die Welt der Parrs zuerst komplett in sich zusammenbrechen, bevor sie sich in (vor allem für Vater Bob) ziemlich unerwarteten Bahnen wieder zum Besseren entwickelt.

Man könnte jetzt behaupten, dass Mutter Helen Parr aka Elastigirl hier besonders zum Zuge kommt, doch das wäre zu einfach gedacht. Denn während sie als Elastigirl plötzlich im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit steht, muss sich Vater Bob auf einmal in die für ihn total fremde Aufgabe des Hausmanns hineinfinden. Beides bringt seine ganz eigenen Probleme sowie haarsträubenden Situationen mit sich. Und das noch bevor Baby Jack-Jack alle seine unglaublichen Fähigkeiten an den Tag gelegt hat ...

Wenn der Job so richtig Spaß macht ...

Ich habe schon einige Superheldenfilme gesehen und wohl noch mehr (Animations-)Filme im Allgemeinen. Aber ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass mich wohl noch nie ein Film (an den ich mich gerade erinnern könnte) so sehr abgeholt hat, wie "Die Unglaublichen 2".

Eines muss ich allerdings direkt festhalten: "Die Unglaublichen 2" zielt ganz klar auf die inzwischen erwachsen gewordenen Fans des ersten Teils aus dem Jahr 2004 ab. Natürlich werden sich auch die jüngeren Zuschauer amüsieren. Viele der Späße (und vor allem der häuslichen, sprich: elterlichen, schrägen Situationen) entfalten ihre volle Wirkung aber erst ab einem gewissen Alter – und vielleicht ein bis zwei eigenen Kindern ...

Insbesondere als berufstätige Mutter habe ich mich vom Dreh der Story daher extrem angesprochen gefühlt. Helen Parr rückt plötzlich aus der heimischen Familienzone ins Rampenlicht. Mit allen Sorgen, Selbstzweifeln und – mal mehr, mal weniger ausgeprägten – Schuldgefühlen gegenüber der Familie, die dazu gehören. Trotzdem liebt sie ihren neuen alten "Job" als Superheldin und ist stolz auf das, was sie leistet. Ein Zwiespalt, den viele berufstätige Mütter so oder so ähnlich kennen dürften.

Überraschung: Elastigirl rückt in den Fokus. fullscreen
Überraschung: Elastigirl rückt in den Fokus. (©Disney 2018)
Der neue "Job" bringt einige Annehmlichkeiten mit sich. fullscreen
Der neue "Job" bringt einige Annehmlichkeiten mit sich. (©Disney 2018)
Und Elastigirl legt sich ziemlich ins Zeug. fullscreen
Und Elastigirl legt sich ziemlich ins Zeug. (©Disney/Pixar 2018)

Vater Bob wird zum häuslichen Superhelden

Auf der anderen Seite haben wir Ehemann und Vater Bob Parr, der bisher fürs Brötchenverdienen zuständig war – und als Superheld im Zentrum stand. Plötzlich muss er sich um Haus und Kinder kümmern. Das tut er auch – zunächst allerdings eher zähneknirschend und mit einer "Wie schwer kann das schon sein?"-Attitude. Wie kolossal er dabei scheitert, ist ein Anblick zum Niederknien.

Es dauert eine Weile, aber dann bekommt Bob (mit etwas Hilfe) die Kurve. Einen nicht zu unterschätzenden Dank ist er dafür Edna "E" Mode schuldig, die ihm nicht nur in Bezug auf Baby Jack-Jack Unterstützung zuteilwerden lässt, sondern zudem mit einer der wichtigsten Weisheiten von "Die Unglaublichen 2" auffährt: Eltern sind die wahren Alltagshelden – egal, ob mit oder ohne Maske.

Vater Bob reißt sich also am Riemen, lässt sich endlich richtig auf seine neuen Aufgaben ein – und macht seine Sache ziemlich klasse! Sicher nicht so, wie Mutter Helen es gemacht hätte, aber darum definitiv nicht weniger gut. Das tut am Ende nicht nur der Beziehung zu seinen Kindern gut, sondern hebt auch die Ehe von Elastigirl und Mr. Incredible auf eine neue Ebene der gegenseitigen Wertschätzung. So habe ich es zumindest empfunden.

Von Baby Jack-Jack dürfen die Zuschauer im Sequel Einiges erwarten. fullscreen
Von Baby Jack-Jack dürfen die Zuschauer im Sequel Einiges erwarten. (©Disney 2018)
Jack-Jack geht's gut. fullscreen
Jack-Jack geht's gut. (©Disney 2018)
Nicht jedes der Parr-Kinder findet die neue Familienregelung (immer) gut. fullscreen
Nicht jedes der Parr-Kinder findet die neue Familienregelung (immer) gut. (©Disney 2018)
Edna Mode hilft Bob auf ihre ganze eigene Art. fullscreen
Edna Mode hilft Bob auf ihre ganze eigene Art. (©Disney 2018)

"Die Unglaublichen 2" und die Sache mit den Frauen

Unabhängig davon lebt "Die Unglaublichen 2" ebenso sehr von seinen treffsicheren Späßen wie von seinen starken Figuren. Allen voran die Ladys (ohne Bob hier zu nahe treten zu wollen). Durfte in Teil 1 noch Mr. Incredible seine Superheldenträume ausleben, ist im Sequel Elastigirl an der Reihe.

Doch Helen Parr ist nicht die einzige Frauenfigur, der in dem neuen Disney-Pixar-Film erhöhte Aufmerksamkeit zuteilwird: Auch Tochter Violetta darf sich über deutlich mehr Screentime freuen. Im Laufe des Films reift sie zu einer innerlich (relativ) gefestigten jungen Dame mit Verständnis für die elterlichen Probleme heran – durchlebt dabei allerdings auch pubertäre Wutausbrüche, erste verpatzte Dating-Versuche und ein gutes Maß an Selbstreflexion.

Beide Figuren stehen dafür, dass der aktuelle Trend zum weiblichen Anti- und Superhelden (siehe Wonder Woman, Harley Quinn und Co.) inzwischen auch beim Animationsfilm angekommen ist. Helen und Violetta Parr schlagen sich gut durchs sprichwörtlich unglaubliche Geschehen und müssen sich hinter ihren männlichen Pendants keineswegs verstecken.

Auch Violetta kommt in "Die Unglaublichen 2" deutlich stärker zum Zug. (© 2018 Pixar)

Trotzdem setzt das Sequel am Ende wieder genauso sehr auf das Motto "Nur gemeinsam sind wir stark" wie "Die Unglaublichen" im Jahr 2004. Obwohl Mutter Helen ihre Sache als Superheldin den ganzen Film lang mehr als gut macht und auch Violetta durchaus überzeugen kann, braucht es zum großen Sieg die vereinten Bemühungen der gesamten Familie. So viel Einheit muss sein – gerade in einem Familienfilm von Disney.

Sogar der Oberbösewicht ist bei "Die Unglaublichen 2" eine Frau – und hat gleich noch ein wenig unsubtile Gesellschaftskritik im Gepäck. Denn Screenslavers Motivation besteht unter anderem darin, den Menschen von Metroville und New Urban die eigene Medienabhängigkeit vor Augen zu führen und sie dafür anzuprangern, dass sie nur noch auf Bildschirme starren, anstatt etwas "in echt" zu erleben.

Eine Kritik, die ebenso aktuell wie zwiespältig ist, bedenkt man, dass sie von einem Filmstudio kommt, dessen Profit zu einem großen Teil davon abhängt, dass wir auf ebendiese Bildschirme schauen ...

Elastigirl zeigt, dass sie Nichts verlernt hat. (© 2018 Disney)

Fazit: "Die Unglaublichen 2" ist was für Wiederholungstäter

"Die Unglaublichen 2" hat mich in Sachen Story mindestens ebenso sehr überzeugt wie mit Blick auf die (technische) Umsetzung. Die Späße sind auf den Punkt und die Botschaften des Films – sei es nun in Bezug auf die Geschlechterrollen oder die Mediennutzung – mehr als up to date.

Der Spagat zwischen (Freude am) Job und (schlechtem Gewissen gegenüber der) Familie, den Helen Parr in "Die Unglaublichen 2" bewältigen muss, kommt mir zudem überaus bekannt vor – auch wenn mein Alltag zugegebenermaßen weder so spektakulär, noch mit Superkräften aufgepimpt über die Bühne geht.

Deshalb werde ich mir den Film zum offiziellen Kinostart am 27. September auf jeden Fall zusammen mit meinem Mann und unseren Söhnen gleich noch mal ansehen – und dabei sicher noch die eine oder andere weitere Facette entdecken. Selbst wenn ich dafür (schon) wieder auf einen Bildschirm schauen muss ...

TURN-ON-Wertung: 5/5

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