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Warum ich nur noch ungern ins Kino gehe (Spoiler: Wegen der Leute)

Genau, kleines Mädchen. Du hast es begriffen. Im Kino hat man die Klappe zu halten!
Genau, kleines Mädchen. Du hast es begriffen. Im Kino hat man die Klappe zu halten! Bild: © Getty Images/iStockphoto 2017

Ich bin Filmfan. Mit Leib und Seele. Es gab für mich nichts Größeres, als ins Kino zu gehen. Früher. Mittlerweile gucke ich Filme am liebsten zu Hause, aufs Kino habe ich einfach keinen Bock mehr. Woran das liegt? An meinen Mitmenschen. Den grässlichen, grässlichen Mitmenschen. Sorry, aber das muss jetzt mal raus.

Kino? Ärgernis mit Ansage

Der von mir sehr verehrte Filmemacher David Lynch hat in der Vergangenheit oft über die Magie des Kinos gesprochen. Wenn man in einem voll besetzten Saal sitzt, das Licht ausgeht und das erste Bild auf der Leinwand erscheint, passiert etwas ... nun ja, Magisches eben. Da hat er schon recht. Für mich ist in den vergangenen Jahren die Magie allerdings zum Albtraum geworden.

Egal, welcher Film, egal, welches Kino, egal, welche Uhrzeit – ich weiß sowieso schon, dass mir irgendein Honk den Kinobesuch versauen wird. Ich komme mit fast allem klar, mit abgewetzten Billig-Sesseln, mit einer zu kleinen Leinwand, mit knarzigem Ton. Und wenn der Filmprojektor mal hakt und der Film ein bisschen später anfängt als geplant? Nehme ich gleichmütig hin. Ist ja nicht so, dass ich in dem Moment etwas Besseres zu tun hätte.

Womit ich aber nicht klar komme, das sind die Horden von störenden, labernden, raschelnden, kichernden, textenden, grölenden Vollpfosten, die offenbar immer dann geschlossen ins Kino rennen, wenn ich auch da bin. Ich bin absolut gegen die Prügelstrafe für Kinder. Wenn im Kino hinter mir aber mal wieder so ein Spacko sitzt, der den ganzen Saal mit seinen dummdreisten und lautstarken Verhaltensauffälligkeiten nervt, frage ich mich schon, ob nicht eine saftige Schelle zur rechten Zeit viel Leid erspart hätte. Also mir.

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Ja, SO würde ich im Kino auch gern gucken. Bild: © picture alliance/Mary Evans Picture Library 2018

Oma und Opa wussten's noch

"Das macht man nicht", den Satz haben Oma und Opa immer gern gesagt. Das macht man einfach nicht, bums, aus, Diskussion beendet. Auf die Straße spucken, die Füße auf den Sitz legen, bei Tisch pupsen? Das macht man nicht. Und damit war alles klar, das musste man nicht groß diskutieren. Das untrügliche Gespür dafür, was in welcher Situation okay ist, war bei den Großeltern noch voll ausgebildet. Okay, vielleicht, weil sie wiederum von ihren Eltern direkt eine gewischt bekommen haben, wenn sie mal aufgemuckt haben, so was prägt einen natürlich bis zum Lebensende. War wohl auch nicht so schön. Aber trotzdem: Das führte eben dazu, dass sie nie im Leben auf die Idee gekommen wären, ihrer gesamten Umwelt auf den Keks zu gehen. Womit wir wieder bei den heutigen Kinobesuchern wären.

Die schlimmsten Kinobesuche sind die, die schon versaut sind, bevor der Film richtig losgeht. Wenn sich die Zuspätkommer erst mal umständlich und in diesem gebrüllten Flüstern beraten, wo sie noch ein paar zusammenhängende Plätze finden, wenn fast alles belegt ist. Und dann – Gipfel der Unverschämtheit – ganze Sitzreihen auffordern, doch bitte mal eins aufzurücken, damit sie irgendwie zusammenglucken können. Jeder kann mal zu spät kommen, passiert den Besten. Aber Leute: Wenn ihr vor dem Film unbedingt noch eine rauchen müsst oder die doofen Insta-Stories eurer Lieblings-F-Promis checkt, statt zügig eure Plätze einzunehmen, sitzt gefälligst da, wo noch was frei ist. Und seid mucksmäuschenstill.

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Tja, schon doof, ne? Bild: © Getty Images/Purestock 2017

Wie in "Mission Impossible": Absolute Stille

Apropos mucksmäuschenstill. Nenne mich übersensibel und pingelig, aber nichts treibt meinen Puls so schnell in die Höhe wie Alles-Kommentierer. Dumme-Fragen-Steller. Durchschnaufer. Ich weiß nicht, welcher genetische Defekt dafür verantwortlich ist, dass manche Leute im Schutz der Dunkelheit ein extremes Mitteilungsbedürfnis entwickeln. Aber meiner bescheidenen Meinung nach sollte jede akustische Störung eines guten Films bestraft werden, und zwar ausdrücklich körperlich. Anders lernen sie es nicht.

"Boah, ich habe voll Angst, ey!", wenn es im Film unheimlich wird: Schelle. "Wer ist das?", wenn ein brandneuer Charakter auftritt: Bodyslam. Und wer die ganze Zeit auf seinem verdammten Handy herumtippt, deswegen nix mitkriegt und mitten im großen Finale in die Runde fragt "Hä, was passiert gerade?", verdient sowieso keine Gnade. Solche Typen gehören härter verdroschen als Ramas Gegner in "The Raid 2".

Nerven können auch die Großen

Dass mir nun aber keiner denkt, mein Hass richte sich nur gegen minderjährige Oberstufler und TikTok-Nutzer. Oh nein. Auch Erwachsene, die es eigentlich besser wissen müssen, erweisen sich im Kino regelmäßig als sensationell unsensible Atmosphären-Legastheniker.

Am schlimmsten sind gut situierte Lehrer-Ehepaare kurz vor dem Ruhestand, die sich alle paar Jahre ins Kino verirren. Ihr augenscheinliches Unwohlsein in dieser ungewohnten Umgebung kaschieren sie durch demonstrative gute Laune und hysterisches Beklatschen von schalsten Wegwerf-Gags. Vollends unerträglich wird es, wenn sie ein bekanntes Gesicht auf der Leinwand erblicken: "Du, das ist doch diese Schauspielerin aus dem Film da, wie hieß der noch mal ...?". In solchen Momenten wünsche ich mir ein Beißholz. Weltmännisch sieben Euro für ein Glas lauwarmen Weißwein ausgeben, aber sich dann benehmen wie ein Sechsjähriger im Zucker-Flash, da schwillt mir echt der Kamm.

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Oh cool, Senioren UND kleine Kinder! Bild: © YouTube/Doro Deutschland 2016

Stören ist ein reiner Egotrip

Ich gebe zu, ich bin wirklich extrem humorlos, wenn es ums Filmegucken geht. Das ist bei mir zu Hause übrigens auch so. Wer mit mir einen Film gucken will, hat für zwei Stunden einfach die Klappe zu halten. Einen Film zu gucken, das ist auch eine Frage des Respekts. Erstens gegenüber dem Film. Und zweitens gegenüber den anderen Zuschauern, die sich voll auf die Stimmung einlassen und versuchen, in eine irreale Fantasiewelt abzutauchen.

Wer nicht still sein kann oder will und den Filmgenuss durch sein ätzendes Dauergequassel stört, zeigt mir eigentlich nur, dass ihm das Vergnügen seiner Mitgucker am Ar*** vorbeigeht. Oder dass ihm elementarste Grundregeln des sozialen Miteinanders fehlen. Was auch immer der Grund für diese cineastischen Verhaltensstörungen ist: Ich will mein Sofa nicht mit solchen Menschen teilen.

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Es ist uns völlig egal, was gestern beim 'Bachelor' passiert ist, Vanessa. Wirklich. Interessiert uns null. Bild: © Getty Images/iStockphoto 2017

Die Lösung: Der Kino-Führerschein!

Und nun? Was machen wir da jetzt? Ich wäre ja schwer für die Einführung eines Kino-Führerscheins. Ernsthaft. Wenn ich einen neuen Job suche, wollen viele Firmen erst mal mein polizeiliches Führungszeugnis sehen. Um ein Auto zu steuern, muss ich den Führerschein machen. Mich mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug stürzen? Klar, geht – aber bitte erst nach einem ausgiebigen Training nebst entsprechender Prüfung. Ich muss fortwährend beweisen, dass ich mental, intellektuell und körperlich in der Lage bin, mich einer Situation angemessen zu verhalten.

Nur ins Kino darf jeder Depp, einfach so, unabhängig von geistiger Reife und Besoffenheitsgrad. Dabei sollte das Kino, dieser heilige Ort für Filmfans, nur mit einer gehörigen Portion Ehrfurcht betreten werden. Und die muss man notfalls auch mal mit sanftem Druck durchsetzen. Und mit "sanft" meine ich "so hart, wie es das Gesetz gerade noch zulässt".

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In a perfect world. Bild: © Constantin Film 2018

Ist das Kino noch zu retten?

Ins Kino zu gehen, das hat Event-Charakter. Einen Film, auf den man sich seit Monaten oder sogar Jahren gefreut hat, mit ein paar Hundert anderen Filmfans zu erleben – das ist schon etwas anderes, als in Unterhose und mit einer kalten Pizza auf den Knien Netflix anzuschmeißen. Und es stimmt auch nicht, dass nur noch Schrott im Kino läuft und man die wirklich guten Filme woanders suchen muss, bei Streaming-Diensten und im Free-TV bei Arte. Wer sich ein bisschen Mühe macht, kann sich in den Lichtspielhäusern ein absolutes Spitzenprogramm an fantastischen Filmen zusammenstellen. Das Konzept Kino ist immer noch geil.

Aber, liebe Kinobetreiber: Wenn Ihr wollt, dass ich meine sauer verdiente Kohle in zwei teure Tickets, Popcorn und Cola investiere, statt einfach zu warten und mir alles bequem zu Hause im Stream anzugucken, dann müsst ihr mir ein bisschen entgegenkommen. Mir und allen Filmfans, die diese Barbarei an guten Filmen nicht länger hinnehmen wollen. Schmeißt die Trottel raus. Oder noch besser: Lasst die Trottel gar nicht erst rein. Dann würden die Leute auch wieder ins Kino gehen, statt ihr Geld nur noch für Blu-rays und Streaming-Dienste auszugeben.

Was, "Avengers: Endgame" hat fast drei Milliarden Dollar in den Kinos eingespielt? Ähm. Okay.

Aber ganz bestimmt saß kein einziger Kinobesucher in Unterhose im Saal, stimmt's?

Damit bleibt's dabei: Kino vs. Heimkino 0:1.

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