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Hintergrund

Die Legende von Hua Mulan: Das steckt hinter Disneys Realverfilmung

Disney hat sich die Geschichte zu "Mulan" nicht selbst ausgedacht – wir gehen auf historische Spurensuche.
Disney hat sich die Geschichte zu "Mulan" nicht selbst ausgedacht – wir gehen auf historische Spurensuche. Bild: © Disney 2019

Seit Disneys Zeichentrickfilm "Mulan" 1998 in die Kinos kam, gehört das Abenteuer der jungen Kriegerin zu den beliebtesten Disney-Filmen. Mit der aktuellen Realverfilmung holt das House of Mouse seine chinesische Heldin zurück auf die Leinwand. Wusstest Du, dass die Geschichte auf einer uralten Ballade beruht?

Ob es Mulan wirklich gegeben hat, ist umstritten. Fest steht, dass sich keine andere Heldin in China größerer Beliebtheit erfreut. Und: Neuauflagen des Stoffes wurden im Reich der Mitte meist dann veröffentlicht, wenn das Land in Aufruhr oder sonst in irgendeiner Weise bedroht war. Das hat seinen Grund.

So alt ist Mulan schon

Die Geschichte von Disneys "Mulan" geht auf eine alte chinesische Ballade zurück. Vermutlich wurde die "Ballade von Mulan" zunächst nur mündlich weitergegeben. Einzelne Formulierungen in der Ballade lassen darauf schließen, dass sie zwischen 386 und 533 nach Christus entstand, zu Zeiten der nördlichen Wei-Dynastie.  Die Geschichte ist also mehr als 1.400 Jahre alt.

Die früheste erhaltene schriftliche Fassung der "Ballade von Mulan" stammt aus dem 12. Jahrhundert. Sie findet sich in den "Gesammelten Werken des Musikamtes" ("Collected Works of the Music Bureau", "Yuefu Shiji") von Guo Maoqian. Guo selbst betont in seinem Buch, die Ballade aus einem Werk des 6. Jahrhunderts übernommen zu haben.

Über die Jahre folgten diverse Neuauflagen. Die Legende von Hua Mulan wurde unter anderem mehrfach als Theaterstück, Gedicht, Roman und später auch als Film adaptiert, wobei der zeitliche Rahmen zum Teil etwas nach hinten verlagert wurde.

Nicht immer mit Happy End

Die früheren Versionen von Mulan haben entgegen der Disney-Variante nicht immer ein glückliches Ende. In einer Version der Ballade aus dem Jahr 1695 ("Romance of Sui and Tang") gerät Mulan in Gefangenschaft. Ihr Angebot, sich für das Leben ihrer Soldaten zu opfern, beeindruckt den feindlichen König jedoch so sehr, dass er Mulan am Ende die Freiheit schenkt.

Zu Hause angekommen muss die Kriegerin dann allerdings feststellen, dass ihr geliebter Vater gestorben ist und ihre Mutter erneut geheiratet hat. Mulan soll als Konkubine mit dem Khan verheiratet werden – und nimmt sich das Leben, um diesem Schicksal zu entgehen.

Ihre Geschichte soll Hoffnung machen

Auffallend ist, dass viele Versionen der "Ballade von Mulan" in Krisenzeiten herauskamen – so etwa der Roman "Fierce and Filial" von Zhang Shaoxian, der 1850 erschien und damit zu einer Zeit, als die herrschende Qing-Dynastie sowohl von inneren Unruhen als auch von Bedrohungen von außen bedroht war. Der Film "Hua Mu Lan" von 1939 fiel zeitlich mit dem Krieg zwischen China und Japan zusammen.

Der Grund: Die Figur von Mulan gilt in China als ein Sinnbild für Tapferkeit, Pflichtbewusstsein und Hingabe gegenüber Familie und Vaterland. Ihre Geschichte sollte den Lesern und Zuschauern Mut machen, indem sie zeigte, dass auch die widrigsten Umstände am Ende überstanden werden können. Dabei bedroht Mulan trotzdem nie die bestehende Ordnung. Obwohl sie gegen die Normen verstößt, tut sie dies aus einem gerechtfertigten Grund – und fügt sich am Ende wieder in ihre vorbestimmte Rolle.

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In "Mulan 2" wird sogar geheiratet. Bild: © Disney 2020

Mulan vs. Deadpool?!

Spätestens ab 1998 hat sich auch der Westen verstärkt der Geschichte der kämpferischen Heldin angenommen. Obwohl Disney die bis heute bekannteste Adaption des Stoffes geliefert hat, ist das House of Mouse bei Weitem nicht die einzige Quelle für Mulan-Action.

Am ungewöhnlichsten dürften die Macher von Marvel den Stoff genutzt haben: In "Deadpool Killustrated" (2013) muss es Mulan zusammen mit anderen literarischen Figuren mit dem Merc with a Mouth aufnehmen. Der ist nämlich durchgedreht – noch mehr als sonst – und versucht, klassische Romancharaktere wie Tom Sawyer und Gulliver zu töten. Um das zu verhindern, rekrutiert Sherlock Holmes die Helfer Mulan, Beowulf, Nathaniel Bumppo und Dr. Watson.

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Waaaaas?! Ich soll es mit Deadpool aufnehmen? Bild: © Disney 2018

Kreative Freiheiten: Das unterscheidet den Zeichentrickfilm von der Ballade

Disneys "Mulan" von 1998 greift die zentralen Elemente der Ballade auf, die sich auch in sämtlichen anderen Versionen der Geschichte finden: Ein Mädchen verkleidet sich als Junge, um anstelle seines Vaters in den Krieg zu ziehen. Am Ende trägt die junge Frau maßgeblich zum Sieg über die Feinde bei, kehrt als gefeierte Heldin nach Hause zurück und nimmt ihre weibliche Rolle wieder an.

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Nach der erfolgreichen Rettung Chinas kehrt Mulan auch in Disneys Version der Geschichte brav wieder nach Hause zurück. Bild: © Facebook/WaltDisneyMulan 2016

Aber: In einigen ziemlich gewichtigen Punkten hat sich das House of Mouse kreative Freiheiten erlaubt. Das fängt damit an, dass sich Mulan im Zeichentrickfilm heimlich fortschleicht, um sich der Armee anzuschließen. Anders in der Ballade (und den meisten anderen chinesischen Adaptionen): Hier wissen Mulans Eltern von ihren Plänen und begleiten ihre Tochter zum Abschied sogar bis zum Rand des Dorfes.

In den meisten früheren Versionen der Geschichte wird Mulan außerdem bereits als fähige Kämpferin beschrieben, bevor sie dem Ruf des Kaisers folgt. Demnach soll sie schon vor der Ausbildung in der Armee eine wohltrainierte Schwert- und Martial-Arts-Kämpferin gewesen sein, ebenso eine talentierte Bogenschützin. Anders als in Disneys Zeichentrickadaption, in der Mulan Hauptmann Li Shang anfangs fast zur Verzweiflung treibt, bevor sie die Kurve zur Kämpferin bekommt.

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Bis sich Mulan so wacker schlägt, braucht es im Disney-Film von 1998 ein wenig Anlauf. Bild: © © DISNEY ENTERPRISES, INC. 2017

Zeit ist eben relativ ...

Während der Feldzug gegen die Hunnen im 1998er-Zeichentrick schnell über die Bühne geht, musste sich die literarische Mulan deutlich länger auf dem Schlachtfeld beweisen. In den meisten Versionen der Geschichte kehrt Mulan erst nach rund zwölf Jahren zu ihrer Familie zurück – als hoch angesehener Kriegsheld im Rang eines Generals. Das Geheimnis ihres wahren Geschlechts wird in einigen Versionen der Geschichte erst nach ihrer Rückkehr enthüllt, in anderen bereits zuvor auf dem Schlachtfeld.

Auch bei Mulans familiären Verhältnissen gibt es Unterschiede zwischen Zeichentrick und Vorlage. In der Ballade hat Mulan einen kleinen Bruder, der noch zu jung ist, um selbst anstelle seines Vaters zur Armee zu gehen. In Disneys Zeichentrick wird daraus mal eben Mulans Hund, den sie "kleiner Bruder" ruft. In der kommenden Realverfilmung spendiert das House of Mouse seiner Heldin dafür stattdessen eine kleine Schwester.

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Familie Hua hat in der Realverfilmung Zuwachs erhalten. Bild: © Youtube/Disney Deutschland 2019

"Mulan" 2020: Deutlich näher am Original

Apropos Realverfilmung. Hier scheint sich Disney um einiges enger an die literarische Vorlage für seine Heldin gehalten zu haben. Oder genauer gesagt: Zuschauer dürfen sich auf eine neue Mischung aus Zeichentrickgeschichte und Ballade freuen. Auch beim chinesischen Filmgenre des Wuxia hat sich der Filmkonzern bedient.

Das fängt bei offensichtlichen Anpassungen an (R.I.P. Mushu und Cri-Kee), setzt sich aber auch bis in Details fort. So beginnt die Ballade von Mulan in den meisten Versionen damit, dass Mulan am Webstuhl sitzt und das Schicksal beklagt, das ihren Vater in den erneuten Kriegsdienst zwingt. Auch in der neuen Realverfilmung ist Mulan (Liu Yifei) zu sehen, wie sie zusammen mit ihrer Mutter und Schwester am Webstuhl arbeitet. Der häusliche Alltag, wie er im China der damaligen Epoche typisch gewesen ist, wird deutlich stärker thematisiert, als es 1998 der Fall war.

Während Mulan in Disneys Zeichentrickadaption ein kleiner Soldat bleibt – klar, in wenigen Wochen wird selbst eine Volksheldin nicht zum General –, winkt ihr in der Realverfilmung tatsächlich die Beförderung. Ob es wie in der Ballade zum General reicht, ist fraglich. Mulans Rüstung im Trailer sieht aber keinesfalls nach einem niedrigen Rang aus.

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Nach kleinem Soldaten sieht das nicht mehr aus. Bild: © Disney 2019

Auch was die Feinde angeht, bleibt Disney dieses Mal näher am Original. Im Zeichentrick kämpften Mulan und ihre Kameraden gegen die Hunnen, in der Ballade ist wahlweise von nördlichen Invasoren oder konkret vom nomadischen Volk der Rouraner die Rede. In der Realverfilmung bekommen es Mulan und ihre Kameraden nun vorlagengetreu mit "nördlichen Invasoren" zu tun. Der Optik nach könnte es sich bei den Heerscharen des Bori Khan (Jason Scott Lee) ohne Weiteres um Rouraner handeln.

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Die nördlichen Invasoren sind auch in der Realverfilmung ziemlich grimmig geraten. Bild: © Disney 2019

Als Zugeständnis an das in China beliebte Filmgenre des Wuxia gibt es in Disneys neuer "Mulan"-Verfilmung einige der Schwerkraft trotzende Kampfszenen zu bewundern. Außerdem führt das Filmstudio einen neuen Bösewicht ein: die Hexe Xianniang (Gong Li), die sich in einen Falken verwandeln kann und Bori Khan zur Seite steht. Das hat beides nichts mit der ursprünglichen Ballade zu tun, dürfte aber der Action-Bilanz des Films deutlich zugutekommen.

Fun Fact: Die Hauptdarstellerin wechselt die Seiten

Liu Yifei, die in Disneys neuer Realverfilmung Mulan spielt, durfte sich 2009 schon einmal mit dem Stoff der mythischen Volksheldin beschäftigen. In der chinesischen Realverfilmung "Mulan – Legende einer Kriegerin" war die Schauspielerin allerdings als Prinzessin der feindlichen Rouraner zu sehen. Für den zweiten Anlauf wechselt Liu nun also die Seiten.

Kinostart
Nach mehrfachen Terminänderungen soll "Mulan" ab dem 4. September 2020 gegen einen Aufpreis auf Disney+ zum Abruf bereitstehen.
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