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Faszination Christopher Nolan: Das Mastermind wird 50

Tenet Christopher Nolan
Christopher Nolan hat stets eine konkrete Vision seiner Filme vor Augen.

Mit "Tenet" kommt in diesem Jahr ein neuer Film von Christopher Nolan. Und es gibt weitere Highlights für das Mastermind: Der Regisseur feiert seinen 50. Geburtstag, "Inception" zelebriert sein 10-jähriges Jubiläum, "Memento" sogar sein 20. Gute Gründe, auf das Schaffen des außergewöhnlichen Filmemachers zurückzublicken.

Der 27. August 2020 ist in den deutschen Kinos für "Tenet" von Christopher Nolan reserviert. Ein Film, bei dem keiner so recht weiß, worum es eigentlich geht. Und doch sind Filmfans heiß auf das geheimnisvolle Projekt – mich eingeschlossen.

Er weiß was, was Du nicht weißt

Ja, es geht wieder um das Spiel mit der Zeit, das wurde schon in den Trailern deutlich. Immerhin ist es ein zentrales Thema in den Filmen des Regisseurs. In seinem jüngsten Film "Dunkirk" setzt er zum Beispiel auf drei parallel verlaufende Zeitebenen. "Inception" spielt auf mehreren Traumebenen, die ebenfalls ihre eigene Zeitlinie haben. Nicht zu vergessen: "Memento". Christiopher Nolan erzählt den Film gleichzeitig rückwärts und vorwärts, um an einem gemeinsamen Endpunkt anzukommen. Ein neues Spiel mit der Zeit scheint er nun für "Tenet" ausgetüftelt zu haben.

Nach den ersten Trailern zum Film war ich genauso schlau wie vorher – hatte aber direkt Lust, den Film zu sehen. Christopher Nolan ist erneut gelungen, was er vor zehn Jahren vor dem Kinostart von "Inception" geschafft hat. Damals erklärte er im Interview mit tip Berlin: "Ein Hauptmotiv meiner Arbeit ist es, das Publikum trotz all seiner Erfahrung und Übersättigung noch überraschen zu können."

Ein Erfolg nach dem anderen

Kurzbiografie
  • Name: Christopher Edward Nolan
  • Geboren am: 30. Juli 1970
  • Geburtsort: London
  • Beruf: Regisseur, Drehbuchautor, Produzent

Solch ein Überraschungsmoment gelingt ihm immer wieder. Seine Trailer geben selten etwas von der Story preis und wecken doch das Interesse des Zuschauers. Christopher Nolan  verlangt den Zuschauern einiges ab. Ihm gelingt das seltene Kunststück, seine Filme gleichzeitig unterhaltsam und intellektuell fordernd zu gestalten, ohne das Publikum zu verschrecken. Wahrscheinlich schauen Filmfans genau deswegen seine Filme so gern.

Die Bewertungen von Nolans Filmen sprechen für seine Arbeit als Filmemacher: Auf Rotten Tomatoes sind alle Titel, bei denen er Regie geführt hat, mit "Certified Fresh" ausgezeichnet, kommen auf eine Kritikerwertung von mindestens 72 Prozent.

Filmtitel Rotten-Tomatoes-Bewertung
"Dunkirk" (2017) 93 %
"Interstellar" (2014) 72 %
"The Dark Knight Rises" (2012) 87 %
"Inception" (2010) 87 %
"The Dark Knight" (2008) 94 %
"Prestige" (2006) 85 %
"Batman Begins" (2005) 84 %
"Insomnia" (2002) 92 %
"Memento" (2000) 93 %

Keinen neumodernen Quatsch, bitte!

Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen ist Christopher Nolan ein Traditionalist. Er hält herzlich wenig von der 3D-Technologie und dreht am liebsten mit einer analogen Kamera. Ebenfalls im Interview mit tip Berlin sagt Christopher Nolan über die dreidimensionale Kinotechnologie: "In 3D habe ich bisher keinen Film gesehen, der mich tiefer in seine Welt hineinzog. Ganz im Gegenteil finde ich, dass Brille und Effekte eine neue Ebene der Distanz zum Zuschauer aufbauen." Auch dem Einsatz von zu viel CGI kann er nichts abgewinnen.

Stattdessen setzt Nolan auf Realismus und baut regelmäßig maßstabsgetreue Sets. Er lässt seine Darsteller nur ungern vor einem Greenscreen spielen, da er so nicht die Magie erzeugen kann, die seine Filme vermitteln sollen. In einer realen Umgebung dreht es sich leichter als vor einer grünen oder blauen Wand.

Für "Tenet" hat Christopher Nolan sogar ein komplettes Flugzeug in die Luft gejagt, anstatt es am Computer explodieren zu lassen. Für "Inception" hat er einen Hotelflur komplett nachgebaut, der rotieren kann. Darsteller Joseph Gordon-Levitt musste die Kampfchoreografie wochenlang einstudieren, um auf Stuntdouble verzichten zu können:

Wenn überhaupt ergänzt Christopher Nolan seine aufwendig produzierten Szenen um ausgewählte Elemente, die am Computer entstehen. Zum Beispiel die Szene aus "Inception", in der Leonardo DiCaprio und Ellen Page in einem Pariser Café sitzen und um sie herum alles wie kleine Luftballons zerplatzt. Und selbst in dieser Szene lässt Nolan überraschend viele Dinge real zerfetzen, wie dieses Video vom Dreh zeigt:

Streaming? Nein, danke!

Dass er Traditionalist ist, zeigt sich auch darin, dass er großer Verfechter des Kinos ist und Streamingdienste ablehnt. 2017 kritisierte er im Interview mit IndieWire den Streaminggiganten Netflix: "Sie haben diesen sinnlosen Grundsatz, Filme und Serien direkt zum Streamen zu veröffentlichen, was ein offensichtlich haltloses Modell für eine Kinopräsentation ist." Netflix verpasse "damit eine großartige Gelegenheit", so der Regisseur weiter.

Während der Corona-Pandemie wäre es für Christopher Nolan ein Leichtes gewesen, "Tenet" direkt bei Netflix, Apple TV+ oder einem vergleichbaren Dienst zu veröffentlichen. Das kam für ihn nicht infrage. Er hielt am Kinostart im Sommer 2020 fest und verschob den Termin nur um wenige Wochen auf Mitte August. Für Nolan war von Anfang an klar: "Tenet" startet im Kino – und wenn es aufgrund der geschlossenen Lichtspielhäuser erst 2021 so weit sein sollte.

Christopher Nolan hat überall die Finger im Spiel

Nach "Dunkirk" arbeiten Christopher Noland (l.) und Kenneth Branagh (r.) auch in "Tenet" wieder zusammen.fullscreen
Nach "Dunkirk" arbeiten Christopher Noland (l.) und Kenneth Branagh (r.) auch in "Tenet" zusammen.

Christopher Nolan ist zudem einer der wenigen verbliebenen Autorenfilmer Hollywoods. Er führt Regie bei seinen Filmen, schreibt in der Regel auch das Drehbuch (meist zusammen mit seinem Bruder Jonathan), ist Produzent und hat Einfluss auf das Setdesign. Außer Nolan gibt es nur noch wenige Autorenfilmer, prominente Beispiele sind Quentin Tarantino, Rian Johnson und Wes Anderson.

Zu Nolans Lieblingsfilmen zählen ...

... "Metropolis" (1927)
... "2001: A Space Odyssey" (1968)
... "Alien" (1979)
... "Blade Runner" (1982)
... "Koyaanisqatsi" (1983)
... "Der schmale Grat" (1998)

In einem Interview mit BlackTree TV während einer Pressetour zu "Interstellar" erklärte Christopher Nolan, dass er klar zwischen seiner Funktion als Drehbuchautor und Regisseur unterscheide. Ein Skript zu schreiben und dabei schon zu überlegen, wie sich Dinge umsetzen lassen, kommt für ihn nicht infrage.

Viel mehr verfasst er erst das Drehbuch und lässt seiner Kreativität freien Lauf. Ist das abgeschlossen, knöpft er sich das Skript erneut vor und betrachtet es durch die Regie-Brille. Nolan gefällt es, sich immer wieder selbst herauszufordern und vor vermeintlich unlösbare Aufgaben zu stellen.

Leidenschaft sticht Studium

Christopher Nolan hat nie eine Filmschule besucht, stattdessen studierte er englische Literatur in London. Es war seine Leidenschaft für das Medium, das ihn Filmemacher werden ließ. Während des Studiums drehte er bereits Kurzfilme und war Teil eines Filmclubs. Einige seiner Kurzfilme waren auf (Kurz-)Filmfestivals zu sehen, 1998 folgte sein erster Spielfilm "Following".

Wiederholungstäter

Wie die meisten seiner Kollegen setzt Christopher Nolan bei der Zusammenarbeit auf Bewährtes. Er drehte alle seine Filme von "Memento" bis "The Dark Knight Rises" mit dem Kameramann Wally Pfister. Als der sich 2012 entschloss, selbst Regisseur zu werden, musste sich Nolan einen neuen Kameramann suchen. Seit "Interstellar" ist der Schweizer Hoyte Van Hoytema an Nolans Seite.

Übrigens
In den Filmen von Christopher Nolan kommt regelmäßig die Shepard-Tonleiter zum Einsatz. Sie ist die Illusion einer unendlich ansteigenden oder abfallenden Abfolge von Tönen, was im Film für besonders viel Spannung sorgt. Wie so eine Tonleiter aussieht und wie sie funktioniert, erklärt Vox am Beispiel von "Dunkirk".

Bei der Musik setzt Nolan in der Regel auf die Zusammenarbeit mit Komponist Hans Zimmer, dessen Klänge untermalen Nolans Filme seit "Batman Begins". Die einzigen Ausnahmen: "Prestige" und aktuell "Tenet". Da der deutsche Musiker auch den Soundtrack zu "Dune" komponiert, musste er für den neuen Nolan-Film absagen. Mit Ludwig Göransson ("Venom", "Mandalorian") sorgte Zimmer allerdings für adäquaten Ersatz. 

Gut Ding will Weile haben

Christopher Nolan ist niemand, der Drehbücher schnell umsetzt. Die Ideen reifen in seinem Kopf – oftmals viele Jahre. Die Idee zu "Dunkirk" zum Beispiel kam dem Briten schon 1992. Er segelte damals die Küste von Dünkirchen entlang und beschloss, irgendwann einen Film über dieses bedeutende Ereignis während des Zweiten Weltkriegs zu drehen.

Auch die Idee zu "Inception" entwickelte sich lange, über einen Zeitraum von zehn Jahren. Während er in den Dreharbeiten zu "Memento" steckte, skizzierte Nolan bereits die ersten Einfälle für den Film.

Flash mich, Christopher Nolan!

Christopher Nolan zählt für mich zu den bedeutendsten Regisseuren unserer Zeit. Er scheut sich nicht, seine Zuschauer zu fordern und nimmt in Kauf, sie möglicherweise zu überfordern. Genau das macht seine Filme so sehenswert: Sie sind ausgeklügelt, regen zum Mitdenken an, fordern unsere volle Aufmerksamkeit.

Streamingdienste und 3D-Kinotechnologie mögen immer bedeutsamer werden – ich bewundere Nolan dafür, dass er sich dem verweigert. Seine Einstellung mögen manche als zu konservativ und rückschrittlich betrachten, doch das Erlebnis Kino ist für Nolan einfach das Größte. Ich bezweifle allerdings, dass er sich diese Haltung noch lange erlauben kann.

Bis dahin bringt Christopher Nolan hoffentlich noch einige Filme in die Kinos – wie "Tenet", der am 12. August startet. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen. Auch, da es für mich der erste Kinobesuch seit Februar sein wird. Also Nolan: Flash mich!

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