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Nicht totzukriegen: Wieso Agatha Christie in die Kinos zurückkehrt

Der Krimi "Das krumme Haus", der gerade im Kino läuft, beruht auf einem Buch von Agatha Christie.
Der Krimi "Das krumme Haus", der gerade im Kino läuft, beruht auf einem Buch von Agatha Christie.

Neben Autobots, Comic-Helden und Horrorclowns hat sich still und leise die Queen of Crime zurück in die Kinosäle geschlichen. Galten Agatha Christies Werke lange Zeit als zu verstaubt für die große Leinwand, feiert die britische Krimiautorin ein gediegenes Mini-Comeback. Ein längst fälliger Trend gegen den wilden Aktionismus von Marvel und Co.?

Die Queen of Crime als Meisterin des Whodunit-Konzepts

Als Teenager habe ich begeistert alles verschlungen, was ich von Agatha Christie in die Hände bekam. Schon damals waren die Scherz-Krimis – na, wer kennt das Format in Schwarz-Rot-Gelb noch? – alles andere als taufrisch. Mit Jahrgang 1890 hatte die einstige Krankenschwester zu diesem Zeitpunkt wie ihre vielen Opfer schon längst das Zeitliche gesegnet. Doch ihr Erbe lebt weiter. 66 Krimis veröffentlichte sie von 1920 bis zu ihrem Tod im Jahre 1976, wovon laut The Guardian (Stand 2015) über zwei Milliarden Exemplare verkauft worden sind. In ihnen bediente sich Christie einer klassischen Whodunit-Struktur:

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Agatha Christie schuf Figuren wie Hercule Poirot und Miss Marple.

An einem oftmals räumlich beschränkten Schauplatz, wie einem Schiff ("Tod auf dem Nil") oder eingeschneiten Haus ("Die Mausefalle"), findet meist in der oberen Mittel- bis Oberschicht verortet ein Mord statt – und fast alle, die sich im Umfeld des Mordes aufhalten, verbergen etwas. Ein Ermittler bringt diese "Leichen im Keller" zutage und versammelt schließlich am Ende alle Beteiligten, um den Fall mit einer überraschenden Enthüllung des Mörders abzuschließen.

Ihre legendären Ermittler erobern Film und Fernsehen

Dieses Mystery-Konzept wurde von Christie maßgeblich geprägt. Geradezu Kultcharakter haben inzwischen zwei der von ihr geschaffenen Ermittler entwickelt: der exzentrische belgische Meisterdetektiv Hercule Poirot sowie die ältere Dame Miss Marple, die eine Vorliebe fürs Stricken und das Lösen von Kriminalfällen hat. Dass sich Christies Schema auch gut auf den Film übertragen lässt, beweisen unzählige Adaptionen ihrer Werke, die über die Jahre im Kino und Fernsehen zu sehen waren. Unter den 161 Einträgen bei IMDb sind allein 25 Kinofilme.

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Peter Ustinov (rechts) bleibt für seine Darstellung des Hercule Poirot unvergessen.

Besonders erwähnenswert darunter sind die vier Filme aus den frühen 1960er-Jahren mit Margaret Rutherford als liebenswert-schrullige Miss Marple: "16 Uhr 50 ab Paddington", "Der Wachsblumenstrauß", "Vier Frauen und ein Mord" und "Mörder ahoi!". Peter Ustinov wiederum drückte dem Meisterdetektiv Hercule Poirot in sechs Adaptionen seinen Stempel auf. Er gab den pummeligen Belgier mit Vorliebe für heiße Schokolade unter anderem in "Tod auf dem Nil" (1978), "Das Böse unter der Sonne" (1982) und "Rendezvous mit einer Leiche" (1988).

Kenneth Branagh bringt "Mord im Orient-Express" ins neue Jahrtausend

Seitdem schwand offenbar das Interesse daran, Agatha Christie fürs Kino zu adaptieren. Im Fernsehen sind sie und ihre Figuren zwar durch langlebige Serien wie "Agatha Christie's Poirot" mit David Suchet (1989 bis 2013) präsent geblieben. Doch erst 2017 wagte es Kenneth Branagh, den Meisterdetektiv mit "Mord im Orient-Express" wieder auf große (Kino)fahrt zu schicken – und zwar ganz klassisch. Denn auch wenn Poirot im Mittelpunkt steht, wird auf einen namhaften Ensemblecast gesetzt.

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"Mord im Orient-Express" wie auch andere Agatha-Christie-Verfilmungen leben von ihrem Ensemble.

Denn die Stärke von Christies Stoffen ist die Mischung von Hauptpersonen jeglicher Couleur. Die Handlung wird erst durch ihr Zusammenspiel lebendig. Dass das auch im neuen Jahrtausend noch Zuschauer anlockt, beweisen Einspielergebnisse von über 352 Millionen US-Dollar bei einem Budget von 55 Millionen US-Dollar. Kein Wunder, dass schon ein zweiter Teil in Auftrag gegeben wurde. Diesmal soll der "Tod auf dem Nil" aufgeklärt werden. Der Start eines ganzen Franchise?

Ein Agatha-Christie-Franchise in den Startlöchern?

Branagh zumindest erhofft sich, dass noch weitere Filme folgen werden und so ein ganzes Filmuniversum entstehen könnte. Da drängen sich einem unwillkürlich Vergleiche mit dem Marvel Cinematic Universe (MCU) auf, das die Kinosäle im letzten Jahrzehnt fest im Griff hat. Ein ähnlich durchschlagender Erfolg dürfte Agatha Christie bei aller Liebe verwehrt bleiben. Doch bilden die klassischen Stoffe ein angenehmes Gegengewicht zu den endlos in die Kinos gespülten Comic- und Horrorverfilmungen.

In "Das krumme Haus" etwa, das ich in einer gemütlichen Nachmittagsvorstellung mit anschließendem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt genossen habe, wird die Gemächlichkeit zelebriert. Bis auf eine kleine Actionsequenz am Ende stehen in dem altmodischen Krimi vor allem die schrulligen Figuren und ihre Beziehungen zueinander im Mittelpunkt und es wird natürlich klassische Detektivarbeit geleistet. Auch wenn auf einen großen Ermittler wie Hercule Poirot verzichtet werden muss.

"Das krumme Haus" ist auf beste Weise altmodisch

Für mich, für die es inzwischen im Kino allzu actionlastig und blutig zugeht, ist es angenehm, sich einfach zurückzulehnen, in die schönen Sets aus den 1950er-Jahren einzutauchen und zu genießen, wie ein Geheimnis nach dem anderen enthüllt wird. Statt Actionbombast gibt es Dialoge, statt der Lobhudelei der Helden werden Charakterschwächen offenbart.

Realistisch mögen auch Agatha Christies Plots – zum Glück will man fast sagen – nicht sein. Doch sie sind definitiv geerdeter als vieles, was gerade in den Kinos Premiere feiern darf. Und ich will es gar nicht bestreiten, aber diese meist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verorteten Crime-Storys sprechen meinen Wunsch nach Nostalgie an.

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Opulente Sets und Kostüme gehören bei Verfilmungen von Christies Krimis dazu.

Wunderschöne Gemäuer mit interessanten Figuren, schönen Kostümen und einem Einblick in die Upper Class erwecken die Sehnsucht nach der guten alten Zeit. Vielleicht auch, weil "Downton Abbey"-Schöpfer Julian Fellowes mit am Drehbuch von "Das krumme Haus" gearbeitet hat. Übrigens gehört "Das krumme Haus" laut 20th Century Fox zu Christies privaten Lieblingen. Ich will nicht zu viel verraten, doch es gibt eine überraschende Auflösung. Falls Dich das auch nicht ins Kino lockt, dann vielleicht, dass die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) dem Film das Prädikat besonders wertvoll verliehen hat.

Das Rätsel bleibt ...

Ob es sich bei "Mord im Orient-Express" und "Das krumme Haus" nur um Einzelfälle handelt oder das Interesse an klassischen Crime-Storys erhalten bleibt, wird sich zeigen. Doch Kenneth Branaghs Sequel "Tod auf dem Nil" kommt definitiv und selbst Ben Affleck widmet sich einem Agatha-Christie-Stoff. So entwickelt der zweifache Oscarpreisträger eine Verfilmung von "Zeugin der Anklage", wie Deadline bereits 2016 berichtete. Dabei will Affleck nicht nur Regie führen, sondern auch die Hauptrolle übernehmen. Diese Aufmerksamkeit könnte dafür sorgen, dass Christie auch in Zukunft im Kino präsent bleibt. Doch die Auflösung gibt es, wie bei der Meisterin auch, erst ganz zum Schluss.

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