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Was wir aus dem Erfolg des "Sonic"-Films lernen können

Zu Sonics erstem Design wurde wirklich schon alles gesagt.
Zu Sonics erstem Design wurde wirklich schon alles gesagt.

Kannste mal sehen. Der erste Trailer des "Sonic"-Films wurde von Fans völlig verrissen, Paramount änderte nach massiven Protesten den Look der Hauptfigur – und jetzt ist die Videospielverfilmung ein Erfolg an den Kinokassen. Welche Lehren können Zuschauer und Filmemacher daraus ziehen?

Die Leude woll'n, dass was passiert

Der legendäre Automobilhersteller Henry Ford soll angeblich gesagt haben: "Wenn ich die Leute gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: 'Schnellere Pferde'". Es gibt zwar keinen Beweis, dass er das tatsächlich so geäußert hat, aber das Zitat an sich ist super. Was weiß die Masse schon, sagt es aus. Leute sind dumm. Leute haben keine Fantasie. Leute wissen nicht, was sie wirklich wollen, bis man es ihnen unter die Nase hält. Niemand sollte auf "die Leute" hören.

Und wirklich: Wenn man sich die aktuellen Radio-Charts oder so manches Wahlergebnis anguckt, möchte man zustimmen. Im Fall vom "Sonic"-Film ist allerdings etwas Erstaunliches passiert: Nach einem ersten, katastrophalen Trailer machten Fans ihrem Unmut über den völlig vergurkten Look von Segas Maskottchen lautstark Luft, bombardierten den Trailer mit Hunderttausenden von Dislikes und machten unmissverständlich klar: "Auf diesen Sonic haben wir keinen Bock. Ändert seinen Look oder wir haben kein Interesse an diesem Film." Die Botschaft war klar und eindeutig.

Das an sich ist noch nicht erstaunlich, gerade Film- und Videospielfans empören sich heutzutage ja über jeden Quatsch. Beachtlich war, wie Paramount reagiert hat: Das Studio lenkte ein. Der Regisseur Jeff Fowler höchstselbst verkündete im Dezember auf Twitter, dass Sonics Look noch mal komplett überarbeitet werde. Vor Kurzem startete "Sonic" dann endlich im Kino – und die Überraschung war perfekt.

Auf dem Bewertungsportal Rotten Tomatoes hält die Videospielverfilmung derzeit respektable 64 Prozent positive Kritiker-Bewertungen (bei den normalen Zuschauern kommt der Film sogar noch besser an, bei denen steht er nämlich bei satten 94 Prozent). Und: In den USA spielte "Sonic" am Startwochenende 57 Millionen Dollar ein – mehr als jeder andere Videospielfilm in einem vergleichbaren Zeitraum. Ein Happy End also? Nicht ganz – denn manche Filmpuristen befürchten nun, dass maulende Fans künftig zu viel Einfluss auf Filmemacher haben.

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Keine Angst, Sonic ist immer noch so cool und edgy, wie wir ihn in den 1990er-Jahren lieben gelernt haben.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Nun bin ich meistens ganz vorne mit dabei, wenn es um die bedingungslose Verteidigung der Kunstfreiheit geht. Ein Studio, das aus vorauseilendem Gehorsam Selbstzensur übt, jede künstlerische Integrität fallen lässt und es wirklich jedem Recht machen will, ohne Vision oder Haltung, verliert meinen Respekt schneller als Sonic seine Ringe, wenn er mal wieder in einen Gegner rennt. Nur: In diesem Fall geht es überhaupt nicht um eine künstlerische Vision, die da dem dumpfen Massengeschmack geopfert wurde. Sondern ganz simpel um Marktakzeptanz.

Paramount hat uns im ersten "Sonic"-Trailer gezeigt, wie das Produkt aussehen wird, das sie uns mit dem fertigen Film anbieten werden – und wir haben mehrheitlich klar gemacht, dass wir an diesem Produkt kein Interesse haben. Zumindest, so lange dieses Produkt nicht an entscheidenden Stellen verbessert wird. Das ist alles. Das ist freie Marktwirtschaft. Das ist der Deal, den Macher und Konsumenten unausgesprochen abschließen. Unsere Kohle gibt's nur, wenn wir zufrieden sind. Ganz einfach.

Und im Fall von "Sonic" war der überwältigende Teil der angepeilten Zuschauerschaft eben nicht zufrieden. Was bedeutet: Boykott, leere Kinosäle, keine Kohle für Paramount. Was bedeutet: Massive Verluste. Was bedeutet: Der Aktienwert von Paramount fällt, der Ruf leidet, Köpfe rollen. Das wäre ein Super-GAU. Was hat das Studio also gemacht? Völlig vernünftig, marktwirtschaftlich und nachvollziehbar gehandelt – es hat nachgebessert. Um den Fans zu geben, was sie wollen. Im Austausch für unser Geld. So läuft das nun mal.

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Als wenn gerade Ringe-Fetischist Sonic was gegen Bling-Bling hätte.

Keine Chance für einen zweiten ersten Eindruck

Ich sehe überhaupt nicht, dass durch die Nachbesserung die künstlerische Integrität des "Sonic"-Films irgendwie untergraben worden wäre. Weil der "Sonic"-Film einfach keine hatte. Nicht falsch verstehen: Offenbar ist der Streifen ja echt ganz nett geworden – im schlechtesten Fall ein harmloses Familienfilmchen zum Gleich-wieder-vergessen. Aber ich glaube zu keiner Sekunde, dass "Sonic" ein Herzblutprojekt von treu ergebenen Fans des Rennigels war.

Hier ging es nie darum, sich mittels größtmöglicher Authentizität tief vor einer Videospiel-Ikone zu verneigen. Niemand wollte und sollte sich hier künstlerisch verwirklichen. "Sonic" war eine nüchtern kalkulierte Auftragsarbeit, die auf maximale Gewinnsteigerung an den Kinokassen ausgelegt war. Und beim Look hat sich Paramount schlichtweg ver-kalkuliert.

Beziehungsweise: Wahrscheinlich hat sich Paramount beim Look einfach gar nichts gedacht, maximal in ein paar alte Designdokumente geguckt. Große Augen, kleiner Mund, Babyschema eben, passt schon. Jeder Mensch mit Sinn für Ästhetik ist bei Sonics erstem, monströs groteskem Aussehen zusammengezuckt und hat das ursprüngliche Design für einen schlechten Scherz gehalten.

Aber irgendjemand bei Paramount meinte das ganz ernst und hat Sonics Horror-Look so freigegeben. Nicht aus Böswilligkeit. Da gibt's keine große Verschwörung der mächtigen Filmbosse, um uns Videospielfans zu demütigen. Sondern schlichtweg aus dieser ganz speziellen Mischung aus Ignoranz und Instinktlosigkeit, die uns auch schon das bizarre CGI-Massaker namens "Cats" beschert hat.

In letzter Sekunde Schadensbegrenzung zu betreiben, die Grafiker zu krassen Überstunden zu zwingen und das Effekte-Studio damit in den Bankrott zu treiben, so eine miese Nummer hätte sich nicht mal Dr. Robotnik ausdenken können. Das ist moralisch natürlich unterste Schublade und das Filmbusiness ist eine existenzielle Hölle, das ist bekannt. Aber der Erfolg gibt Paramount nun mal Recht. Jemand musste eine wirtschaftliche Entscheidung treffen und diese Entscheidung war richtig. Das ist kein rückgratloses Einknicken. So führt man ein Milliardengeschäft.

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Jupp, ungefähr so stellen wir uns einen typischen Film-Mogul in Hollywood vor.

There's no business like show business

Und schließlich ist es überhaupt nichts Neues oder Ungebührliches, auf die Wünsche des zahlenden Publikums einzugehen. Testvorführungen von fertigen Filmen sind ganz normales Prozedere. Das Feedback des Testpublikums bestimmt oftmals, ob ein Film noch geändert wird (Zu wenig Explosionen! Zu viele Explosionen! Kein Baby-Yoda, 2/10!), aufwendige Schnittänderungen oder kostspielige Nachdrehs sind absolut normal.

Selbst Regie-Guru Stanley Kubrick, den wir mittlerweile als halb-mythischen Perfektionisten und wahren Filmkünstler verklären, war sich nicht zu fein, sein Meisterwerk "The Shining" noch mal umzuschneiden und um eine völlig überflüssige Szene zu erleichtern. Und das wohlgemerkt, als der Film schon eine Woche lang im Kino war. Für den Europa-Release hat er sogar satte 25 Minuten entfernt, um den Film kommerzieller zu machen. Nicht mal Stanley Kubrick hat Kunst nur der Kunst wegen gemacht. Sondern, um damit Geld zu verdienen.

Das Einlenken von Paramount und der runderneuerte Sonic sind also kein Anzeichen, dass die ach so integeren Hollywood-Freidenker nun vor einem hysterischen Internet-Mob in die Knie gegangen sind und ihre Seelen verkauft haben. Sondern vielmehr dafür, dass vielleicht bald ein Umdenken einsetzt: Filme, die für die Fans gemacht werden und sich nicht arrogant über deren Wünsche hinwegsetzen, werden künftig vielleicht eher finanziell belohnt als aufgeblasene Eitelkeits-Projekte, die nur den Egos der Macher schmeicheln und sonst niemandem (*hust* "The Last Jedi" *hust* "Ghostbusters" *hust* "3 Engel für Charlie").

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Ich persönlich würde mich eher zu Vigos Lustsklaven machen lassen, als diesen Film nochmal sehen zu müssen.

Also: kein Grund zur Aufregung. Das ist der normale Lauf der Dinge. Aber wehe, Christophe Gans verändert im nächsten "Silent Hill"-Film das Design von Pyramid Head auch nur um einen Blutstropfen!

Wage es nicht, Christophe. Wage es nicht.

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