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Die Toten Hosen – "Laune der Natur"-Kritik: Sorgsam ausbalanciert

"Laune der Natur" ist bereits das 16. Album der Toten Hosen.
"Laune der Natur" ist bereits das 16. Album der Toten Hosen. Bild: © Warner Music 2017

Fünf Jahre sind seit dem Erfolgsalbum "Ballast der Republik" vergangen. Eine lange Zeit, in der Die Toten Hosen den Tod langjähriger Weggefährten verdauen mussten. Wie sich die schweren Verluste auf "Laune der Natur" ausgewirkt haben und ob Die Toten Hosen dabei von ihrer Erfolgsformel abgewichen sind, erfährst du in unserer Albumkritik.

Der riesige Erfolg des Vorgängers war selbst für die Band eine Überraschung. "Ballast der Republik", das 2012 veröffentlichte 15. Album der Toten Hosen, landete in Deutschland, Österreich und der Schweiz fast auf Anhieb auf Platz 1. Der Überhit "Tage wie diese" wurde zur Hymne des EM 2012, er untermalte das Oktoberfest genauso wie die ausgelassene Party der CDU zum Erdrutschsieg 2013.

"Vielleicht muss man sich das wie einen Zauberwürfel vorstellen", erklärte Sänger Campino den Überraschungshit in einem Interview mit der Badischen Zeitung. "Man fummelt Ewigkeiten daran herum, und dann passen plötzlich alle Seiten. Und du weißt leider überhaupt nicht mehr, wie du dahin gekommen bist." Ein paar Erfolgsformeln lassen sich im Nachhinein aber doch feststellen.

Kein Album der Toten Hosen war so massenkompatibel ausgerichtet wie "Ballast der Republik". Da war zum einen die glatte Produktion von Vincent Sorg, mit dem die Toten Hosen erstmals zusammenarbeiteten – zum anderen die weltumarmenden Texte, die Campino zum Teil mit Rapper Martin "Marteria" Laciny schrieb. Das Ergebnis war Stadionrock in der Tradition von U2, der mit überlebensgroßen Refrains zu überwältigen wusste und den Toten Hosen neue Fans verschiedenster Lager bescherte. Sogar Schlagerstar Helene Fischer nahm "Tage wie diese" auf ihrer Sommertournee 2013 mit ins Programm auf. Böse Zungen behaupteten, die Deutschpunk-Veteranen seien mit "Ballast der Republik" selbst nicht mehr weit vom Schlager entfernt.

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Die Toten Hosen: Michael Breitkopf "Breiti" (l.-r.), Andreas von Holst "Kuddel", Andreas Frege "Campino", Vom Ritchie und Andreas Meurer "Andi". Bild: © picture alliance / Gregor Fische 2017

"Laune der Natur" besingt Abschied, Tod und Trauer

Während der Vorgänger in Songs wie "Draußen vor der Tür" bereits mit nostalgischem Grundton das Gewicht verstrichener Jahre reflektierte, steht "Laune der Natur" nun im Zeichen von Abschied, Tod und Trauer. Zwei alte Weggefährten verstarben seit der Veröffentlichung von "Ballast der Republik" an Krebs: Bandmanager Jochen Hülder und der langjährige Schlagzeuger Wolfgang "Wölli" Rohde, der die Band 1999 verlassen hatte.

Gleich der erste Song "Urknall" beginnt mit der Zeile: "Der Manager ist tot, die Kohle wird verbrannt". Ein krachiger Punk-Urschrei im Stil von "Opelgang", der auch textlich den Wunsch äußert, noch mal von vorne anzufangen. Das Lied "Eine Handvoll Erde" beschreibt wiederum in geradezu kindlicher Trauer die Stimmung auf Hülders Beerdigung: "Ich weiß, Du bist noch hier / Auch wenn ich Dich nicht mehr sehe."

Eigentlich sollte "Eine Handvoll Erde" als eine Art Klammer das Album abschließen, erzählt Campino dem deutschen Rolling Stone Magazin. "Aber wir haben schnell festgestellt, dass man nach dem Hören von 'Eine Handvoll Erde' mit einem bedrückenden Gefühl zurückbleibt." Um "Laune der Natur" weniger bedrückend enden zu lassen, nahmen Die Toten Hosen deshalb „Kein Grund zur Traurigkeit“ auf, einen akustischen Song aus der Feder des verstorbenen Bandkollegen Wölli. Mithilfe einer alten Tonspur, die die Band im Archiv ausfindig gemacht hatte, hört man den Ex-Drummer ein letztes Mal im Duett mit Campino. Ein eher erlösendes als ein bedrückendes Ende. Ein Kloß im Hals bleibt trotzdem zurück.

Campino: Das gute Gewissen des Deutschrock

Campino feiert im Juni seinen 55. Geburtstag. Mehr als je zuvor geht es ihm um die großen Fragen. "Unter den Wolken wird's mit der Freiheit langsam schwer" singt er in der ersten Single "Unter den Wolken", ein Appell an ein vereinigtes Europa und eine klare Anlehnung an Reinhard Mey, den der Ex-Punk seit Langem für sein politisches Sendungsbewusstsein schätzt. Campino hat längst eine ähnliche Position eingenommen. Er ist das gute Gewissen der deutschen Musikwelt, ein Rock-Liedermacher, der ohne Zynismus die Gefühle der Massen einzufangen versucht. "Aus einem kleinen Hoffnungsschimmer kann das größte Licht entstehen" heißt es in der zweiten Strophe von "Unter den Wolken". Man könnte Campino einen Gutmenschen nennen, und er würde es sicher nicht als Beleidigung empfinden.

Abgesehen von "Unter den Wolken" und dem Rundumschlag "Pop & Politik" lässt die Band das politische Tagesgeschehen auf "Laune der Natur" jedoch einigermaßen außer Acht. Sie wollen sich nicht mehr für ihr Engagement rechtfertigen oder vereinnahmen lassen. Man hört es dem Text an: "Wir sagen's euch im Guten, haltet euch lieber raus/ an Tagen wie diesen bleibt ihr besser mal zu Haus."

Als Gegengewicht zu den großen Themen hat die Band auf "Laune der Natur" auch leichtere Kost angerührt. Da wäre zum Beispiel der lebensbejahende Reggae-Song "Wannsee", der im Refrain eine ähnlich sehnsüchtige Urlaubsstimmung wie "Westerland" von den ewigen Konkurrenten Die Ärzte verbreitet. "Die Schöne und das Biest" ist eine echte Rock N'Roll-Räuberpistole, die als Nachfolger von "Bonnie & Clyde" aus dem Jahr 1996 gelten kann. Auch dramatische Balladen, spätestens seit "Alles aus Liebe" ein Spezialgebiet von Campino, sind mit "Geisterhaus" und "Alles passiert" vertreten.

Fazit: "Laune der Natur" ist vielseitig und gut ausbalanciert

Eine Neuerfindung leisten sich die Toten Hosen im 35. Karrierejahr natürlich nicht mehr. Fußball-Chöre, wuchtige Riffs und aufbrausende Melodien sind noch immer die Zauberformel für die typische Hosen-Hymne. Mit dem Druck, der durch den Erfolg von "Ballast der Republik" entstanden ist, gehen Die Toten Hosen auf "Laune der Natur" souverän um. Von Coolness-Zwängen und Punk-Gütesiegeln haben sie sich ohnehin schon lange freigemacht.

"Wie viele Jahre kann das so weitergehn?" singen sie im Song "Wie viele Jahre (Hasta La Muerte)“, der die Bandgeschichte ironisch Revue passieren lässt. Nach dem Hören des vielseitigen 16. Albums, das alle Stärken der Band sorgsam ausbalanciert, kann es auf die Frage nur eine Antwort geben: Die Toten Hosen sind noch lange nicht am Ende.

TURN ON-Albumwertung: 4/5

Die Toten Hosen - Laune der Natur
Die Toten Hosen - Laune der Natur
  • Datenblatt
  • Tracklist
  • Länge
    50 min
  • Songs
    15
  • Label
    JKP (Warner Music Germany)
  • Singles
    "Unter den Wolken"
  • 05.05.2017
  • 1
    Urknall
  • 2
    Alles mit nach Hause
  • 3
    Wannsee
  • 4
    Unter den Wolken
  • 5
    Pop & Politik
  • 6
    Laune der Natur
  • 7
    Energie
  • 8
    Alles passiert
  • 9
    Die Schöne und das Biest
  • 10
    Eine Handvoll Erde
  • 11
    Wie viele Jahre (Hasta La Muerte)
  • 12
    ICE nach Düsseldorf
  • 13
    Geisterhaus
  • 14
    Lass los
  • 15
    Kein Grund zur Traurigkeit
TURN ON Score:
4,0von 5
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