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"Gorillaz – Humanz"-Albumkritik: Tanz in die Apokalypse

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Fast 20 Jahre in 2D, und die Gorillaz funken immer noch. Die Comic-Supergroup um Stuart "2D" Pot, Noodle, Murdoc Niccals und Russel Hobbs bringt sieben Jahre nach ihrem letzten Album jetzt "Humanz" heraus – und mischt darauf so munter die Stile wie eh und je. Ob den Gorillaz das gelungen ist, liest Du in unserer Albumkritik.

Die revolutionäre virtuelle britische Band hat nach ihrem etwas gefloppten letzten Album eine große Aufgabe vor sich: Die Gorillaz wollen wieder ins Bewusstsein rücken und den kommenden Sommer wieder mit ihren Melodien veredeln, so wie es damals 2005 mit "Feel Good Inc." gelang. Das entsprechende Album "Demon Days" war ihr größter Hit, verkaufte sich weltweit acht Millionen Mal. "Plastic Beach", ihr letzter 'klassischer' Albumrelease, schaffte es nur noch auf 1,3 Millionen Einheiten, auch wenn Kritiker insgesamt zufrieden mit der musikalischen Qualität waren.

Die 1998 von Blur-Frontmann Damon Albarn und Künstler Jamie Hewlett gegründete Band hat seitdem einige Besetzungswechsel hinter sich. Konstant dabei blieb nur Albarn, er ist seiner Comic-Persona "2D" bis heute am Mikrofon und den Keyboards treu geblieben. Hinter den anderen Mitgliedern Murdoc Niccals (Bass), Noodle (Gitarre, Keyboard) und Russel Hobbs (Percussion) verstecken sich verschiedene Künstler, die temporär dem Projekt ihr Können verleihen. Revolutionär waren die Gorillaz damals, weil sie nicht bunte Alter-Egos ihrer realen Vorbilder waren, sondern in einem eigenen Kosmos lebten, der in Videos, Cartoons und Auftritten lebendig wurde.

So wild war und ist auch ihr Musikstil, eine spezielle Crossover-Mischung aus Rock, Pop, Hip-Hop, Funk und Dub. Das brachte ihnen unzählige Preise ein, darunter einen Grammy, zwei MTV Video Music Awards und drei MTV Europe Music Awards. Nun sind Technik und Multimedia seit 2010 noch einmal gewaltige Schritte gegangen und natürlich haben die Gorillaz inzwischen ihre eigene "Mixed Reality"-App. Nichts anderes war zu erwarten von der Multimediatruppe, aber entscheidend bleibt die Frage: Wie hat sich die Musik verändert?

David Albarn gründete vor knapp 20 Jahren die Gorillaz. fullscreen
David Albarn gründete vor knapp 20 Jahren die Gorillaz.
"Humanz" ist das inzwischen fünfte Album der Band. fullscreen
"Humanz" ist das inzwischen fünfte Album der Band.
David Albarn gründete vor knapp 20 Jahren die Gorillaz.
"Humanz" ist das inzwischen fünfte Album der Band.

Hypnotische Beats im großen bunten Mixtape

Auf "Humanz" gibt es wieder zahlreiche Feature-Gäste, darunter Danny Brown, De La Soul, Grace Jones, Popcaan und Pusha T. Derweil ist ihr Sound kräftiger und fleischiger geworden, der Pop spielt nur noch eine sehr untergeordnete Rolle. Dicke Beats dominieren "Humanz", sei es in den Hip-Hop-orientierten Stücken wie dem Eröffnungssong "Ascension" mit Vince Staples oder dem mit geloopten Rockgitarren verzerrten "Charger" mit Grace Jones' Gastgesang. Das hätte mit seinem Future-Sound so ähnlich auch auf Jamiroquais aktuellem Album "Automaton" erscheinen können.

Zur Aufklärung: Die großen Chartsingles sind unter den 20 Stücken (einige davon sind nur kurze Intros oder Zwischenstücke) auf den ersten Hördurchgängen nicht zu finden. Dennoch hat "Humanz" eine Menge toller Stücke zu bieten, etwa das pulsierende und dank Gast Anthony Hamilton großartig soulige "Carnival". Dieser Elektro-R'n'B bleibt aber gerade mal nur etwas mehr als zwei Minuten in der Rotation und gibt dann schon wieder an den nächsten Track ab. Die größte Schwäche des neuen Gorillaz-Albums ist seine Unkonzentriertheit, die Lieder zerfasern zu sehr und werden häufig in ihre Einzelteile zerlegt, anstatt in einem harmonischen Ganzen in voller Länge präsentiert zu werden.

Dadurch gehen auch die Themen, dieses Mal eine Abarbeitung des gesellschaftlichen Zerfalls, inklusive Gier, Rassismus, Sexismus und so weiter, fast unter. Macht aber nichts, denn so verkommen Stücke wie das von einem Reggae-Beat verführerisch vorangetriebene "Sex Murder Party" nicht zu bloßen Statementstücken. Spätestens ab der Mitte des Albums ist man diesem sehr zeitgemäß klingenden Mixtape verfallen, das zwischendrin immer wieder überrascht, wie beim verträumten Funkpop auf "She's My Collar". Da sind dann auch keine großen Hitsingles mehr nötig.

"Gorillaz – Humanz"-Fazit

Hoffentlich befassen sich nicht nur beinharte Gorillaz-Fans mit "Humanz". Die großen Radiohits fehlen hier zwar, aber die vielfältige und clubtaugliche Genremischung der lässigen 2D-Musikanten macht auch auf ihrem fünften Album einfach Spaß und geht in die Beine. Selten bekommt man von einer großen Band so viel musikalisches Talent in einer so wilden und mutigen Mischung präsentiert.

TURN ON-Albumwertung: 4/5

Gorillaz - Humanz
Gorillaz - Humanz
  • Datenblatt
  • Tracklist
  • Länge
    69 min
  • Songs
    20
  • Label
    Parlophone Label Group/Warner Music
  • Singles
  • 28.03.2017
  • 1
    Intro: I Switched My Robot Off
  • 2
    Ascension (feat. Vince Staples) [Explicit]
  • 3
    Strobelite (feat. Peven Everett)
  • 4
    Saturnz Barz (feat. Popcaan)
  • 5
    Momentz (feat. De La Soul) [Explicit]
  • 6
    Interlude: The Non - conformist Oath
  • 7
    Submission (feat. Danny Brown & Kelela)
  • 8
    Charger (feat. Grace Jones)
  • 9
    Interlude: Elevator Going Up
  • 10
    Andromeda (feat. D.R.A.M.)
  • 11
    Busted and Blue
  • 12
    Interlude: Talk Radio
  • 13
    Carnival (feat. Anthony Hamilton)
  • 14
    Let Me Out (feat. Mavis Staples & Pusha T)
  • 15
    Interlude: Penthouse
  • 16
    Sex Murder Party (feat. Jamie Principle & Zebra Katz) [Explicit]
  • 17
    She's My Collar (feat. Kali Uchis)
  • 18
    Interlude: The Elephant
  • 19
    Halleujah Money (feat. Benjamin Clementine)
  • 20
    We Got The Power (feat. Jehnny Beth)
TURN ON Score:
4,0von 5
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