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"The Kelly Family - We Got Love"-Kritik: Sentimentalität Sells

2017 feiert die Kelly Family ihr Comeback.
2017 feiert die Kelly Family ihr Comeback.

Lange sah es so aus, als hätten sich die Mitglieder der Kelly Family zu sehr in alle Winde zerstreut, um noch einmal als musizierende Großfamilie zusammenzufinden. Nun veröffentlicht das Popwunder der 1990er-Jahre mit "We Got Love" wider Erwarten ein neues Album – das erste in zwölf Jahren. Wie die Kelly Family im Jahr 2017 klingt und warum ihr Comeback gar nicht so neu ist, erfährst Du in unserer Albumkritik.

Die Kelly Family erschien Mitte der 1990er-Jahre nicht nur Trendforschern wie ein Wunder. Wer hätte voraussehen können, dass eine Großfamilie, die seit Jahren als Straßenmusikerkollektiv durch die Welt zieht, mit eher unspektakulärem Folkrock eine Massenhysterie auslösen würde? Ihr Album "Over the Hump" aus dem Jahr 1994 zählt bis heute zu den meistverkauften Alben der deutschen Popgeschichte. Mit ihrer antimodernen Haltung lieferten die Kellys einen Gegenpol zu den damals angesagten Casting-Boybands und grellen Dance-Acts à la Rednex. Als scheinbar heile Familie, die über Liebe und Versöhnung sang, boten sie Tausenden Jugendlichen eine Heimat in der Musik. Die war stets hoffnungsfroh und so märchenhaft aus der Zeit gefallen wie eine Illustration aus der Kinderbibel.

2002: Schicksalsjahr für die Kelly Family

Als Wendepunkt in der Biografie der Kelly Family kann der Tod von Familienvater Dan Kelly im Jahr 2002 angesehen werden. Nach und nach trat das Individuum vor die Gruppe, bekamen Privatleben und eigene Soloprojekte Priorität. Auch die heile Welt zeigte in der Rückschau Risse: In Interviews ließen einzelne Mitglieder durchblicken, dass der streng durchgetaktete Touralltag sie mitunter zur Verzweiflung getrieben hatte. Jimmy gestand Drogenmissbrauch und Selbstmordversuche, Paddy zog sich auf der Suche nach Gott in ein französisches Kloster zurück. "Ich hatte äußerlich alles, aber ich war innerlich leer" offenbarte er 2012 in einer Folge von Stern TV.

Umso überraschender kam die Nachricht, dass die Kelly Family nach über 12 Jahren erstmals wieder ein gemeinsames Album aufgenommen habe. Titel: "We Got Love". Was als großes Comeback angekündigt wurde, entpuppt sich bei näherer Betrachtung jedoch nur als halbe Wahrheit. Die Fanlieblinge Maite und Paddy haben abgesagt, auch besteht "We Got Love" zu einem großen Teil aus altbekannten Hits der über 42-jährigen Bandgeschichte, die Jimmy, Joey, John, Kathy, Patricia und Angelo für das Jahr 2017 neu aufgenommen haben.

Cover des Albums "We Got Love" fullscreen
Cover des Albums "We Got Love"
Cover der ersten Single-Auskopplung "Nanana" fullscreen
Cover der ersten Single-Auskopplung "Nanana"
Ohne Paddy und Maite kehrt die Kelly Family 2017 mit neuem Album zurück. fullscreen
Ohne Paddy und Maite kehrt die Kelly Family 2017 mit neuem Album zurück.
Cover des Albums "We Got Love"
Cover der ersten Single-Auskopplung "Nanana"
Ohne Paddy und Maite kehrt die Kelly Family 2017 mit neuem Album zurück.

Die Kelly Family 2017: Alte Lieder, neuer Schwung

Gleich der Auftakt "Nanana" zeigt, wohin die Reise geht. Die eh schon hymnische Qualität des Originals wird durch eine für 2017 zeitgemäße Produktion noch gesteigert. Als rockige, wuchtige Up-Tempo-Nummer dürfte sie die trägere Schunkelversion aus dem Jahr 1996 vor allem bei den Comeback-Konzerten in die Tasche stecken. Bei alten Fans weniger gut ankommen dürften hingegen die Neuinterpretationen der Klassiker "Fell In Love With an Alien" und "An Angel". Ohne Paddy Kelly, der beide Lieder damals mit glockenheller Stimme sang, geht die weltabgewandte Verträumtheit verloren, die einen Teil der Kelly-Family-Magie ausmachte. Zurück bleiben aber immer noch gut gemachte Coverversionen der einstigen Tophits.

Neben dem druckvolleren Sound und Gastauftritten von Angelos Tochter Emma ("An Angel") sowie der zurückgezogen lebenden Barby Kelly ("Baby Smile") wagen sich die Geschwister im Laufe der 14 Lieder (19 auf der Deluxe Version) kaum auf neues Terrain. Das schließt sogar die fünf neuen Stücke mit ein: Der Titelsong war bereits 2013 auf Jimmys Soloalbum "Viva La Street" zu hören. "Miracles" nahm Kathy schon vor zwei Jahren mit dem tschechischen Popsänger Norbert Peticzky auf und bei "Stand By Me" handelt es sich natürlich um ein Cover des Evergreens von Ben E. King.

Bleiben nur "Brothers And Sisters" und "Keep on Singing" als echte Neukompositionen übrig. Ersteres erinnert mit sentimentalen Streichern und Patricias voluminösem Gesang an Céline Dion, mit der die Kelly Family einst um die oberen Plätze der Charts konkurrierte. Das von Angelo Kelly geschriebene "Keep on Singing" ist eine bewegende Rockballade, die der verstorbenen Mutter Barbara Tribut zollt: "Bevor sie starb, sagte sie uns, dass wir weitersingen sollen – ihre Worte haben uns in schweren Zeiten viel Kraft gegeben", wird der 35-Jährige in der offiziellen Pressemitteilung zum Album zitiert.

"We Got Love" ist vor allem ein Geschenk an treue Fans

Dass der versierte Jazz-Schlagzeuger Angelo seine individuellen Talente nicht stärker einbrachte, ist ebenso bezeichnend wie die Tatsache, dass die beiden einzigen neuen Songs auf "We Got Love" den Familienzusammenhalt feiern. Einmal mehr haben sich die Kelly-Kinder in den Dienst einer größeren Sache gestellt. Die schmeckt im Jahr 2017 jedoch vor allem nach Nostalgie. Eine neue Hörergeneration wird das verkappte Best-Of-Album kaum erschließen. Der neue Schwung, den "We Got Love" den Kelly-Family-Klassikern verleiht, dürfte sich vor allem bei den Konzerten der groß angekündigten Arenatournee auszahlen. Dann wird die tröstende Kraft der Kelly Family einmal mehr aufleben. Und mit ihr die Sehnsucht nach der guten alten Zeit.

TURN ON-Albumwertung: 3/5

The Kelly Family - We Got Love
The Kelly Family - We Got Love
  • Datenblatt
  • Tracklist
  • Länge
    49:00 min
  • Songs
    14
  • Label
    Airforce1/Universal Music
  • Singles
    "Nanana"
  • 24.03.2017
  • 1
    Nanana
  • 2
    Fell In Love With An Alien
  • 3
    An Angel
  • 4
    Stand By Me
  • 5
    First Time
  • 6
    Good Neighbor
  • 7
    Brothers And Sisters
  • 8
    Why Why Why
  • 9
    I Can't Help Myself
  • 10
    Imagine
  • 11
    Come Back To Me
  • 12
    Keep On Singing
  • 13
    We Got Love
  • 14
    Who'll Come With Me (David's Song)
TURN ON Score:
3,0von 5
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