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Tokio Hotel - "Dream Machine": Maschinen an die Macht

Tokio Hotel haben sich für das Album "Dream Machine" wieder neu erfunden.
Tokio Hotel haben sich für das Album "Dream Machine" wieder neu erfunden.

Zwölf Jahre nach "Durch den Monsun" und dem Album "Schrei" sind Tokio Hotel zurück – mit "Dream Machine" und einem Sound, der kaum weiter entfernt sein könnte vom früheren Stil der Band um Bill Kaulitz und seinen Zwillingsbruder Tom. Unsere Albumkritik verrät, wie Tokio Hotel im Jahr 2017 klingen und ob "Dream Machine" ein hörenswerter Longplayer geworden ist.

Das neue Album ist nicht der erste Schritt, den Tokio Hotel in eine neue Soundrichtung getan haben. Mit dem Vorgänger "Kings of Suburbia" erfand sich die Band bereits im Jahr 2014 neu. Die Musik war internationaler ausgerichtet, kühler Synthpop mit englischen Texten, der in Radios auf der ganzen Welt zu Hause hätte sein können. Tatsächlich passierte aber genau das Gegenteil. Kein Album von Tokio Hotel bekam so wenig Airplay wie "Kings of Suburbia". Es war auch das erste ihrer Alben, das nicht auf Platz 1 der deutschen Charts einstieg. Die Clubs, in denen Bill, Tom, Georg und Gustav  auftraten, wurden kontinuierlich kleiner. Bill Kaulitz' Solodebüt, die EP "I’m Not Ok" aus dem Jahr 2015, konnte dem langsamen Bekanntheitsverlust des einstigen Popwunders ebenfalls nicht entgegensteuern.

Tokio Hotel fullscreen
Tokio Hotel
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Tokio Hotel
Tokio Hotel
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Tokio Hotel im Jahr 2017: Mutig, retro, durchgestylt, kalt wie Eis

Dabei hatten die Kaulitz-Brüder, als sie im Jahr 2010 von Deutschland nach Los Angeles zogen, den Fans ja das Gefühl gegeben, sich genau das zu wünschen: weniger Rummel, weniger Fanhysterie, weniger Erwartungshaltung und mehr künstlerische Freiheit. Die einstigen Teenie-Stars wollten abseits vom Rampenlicht erwachsen werden. Ihr neuer Sound scheint genau die Musik zu sein, die sie nun, mit Ende 20, machen wollen, denn "Dream Machine" knüpft nahtlos an den Vorgänger an.

Auf dem Cover ihres fünften Albums zeigen sich die Jungs aus Ostdeutschland im Filmposterlook. Eine Hommage an die Netflix-Serie "Stranger Things", die sich, ebenso wie die neue Tokio-Hotel-Platte, mit modernsten Produktionsmitteln vor der Ästhetik der 1980er-Jahre verbeugt. Der Albumauftakt "Something New" ist direkt eine sphärische Ballade geworden, die sich wie ein Update von A-ha anfühlt. Wabernde Keyboardflächen, Pianotupfer und Synth-Basslines, aber so sparsam eingesetzt, dass Bill viel Platz bleibt, sich mit Falsettgesang in melancholische Höhen aufzuschwingen. Es braucht Mut, ein Album mit solch einer verträumten Single zu eröffnen. Noch dazu in der radiountauglichen Überlänge von fünfeinhalb Minuten.

"Dream Machine": Glänzender Lack und (zu) viele Effekte

Der Eindruck, dass sich die Band wirklich von den Erwartungen des Marktes freigeschwommen hat, täuscht jedoch. Gleich der zweite Song "Boy Don’t Cry" ist glasklarer Neo-Soul, wie ihn zuletzt The Weeknd weit nach oben in die Charts katapultiert hat. "All she wants to do is tanzen", singt Bill in einem eigenwilligen Gemisch aus Deutsch und Englisch, die Stimme mit Autotune verzerrt. Niemand habe ihnen dieses Mal reingeredet, ließen die Bandmitglieder im Vorfeld wissen. Und weil sie im Studio zum ersten Mal die volle Kontrolle gehabt hätten, sei ihnen mit „Dream Machine“ endlich ihr „Traumalbum“ gelungen. Die Möglichkeiten modernster Studiotechnik haben die vier auf jeden Fall voll ausgereizt: Echoeffekte, zerstückelte Samples und allerlei Computersounds ergeben eine synthetische Klangfärbung, die sich wie glänzender Lack über jedes der zehn Stücke legt.

Sänger Bill Kaulitz fullscreen
Sänger Bill Kaulitz
Gitarrist Tom Kaulitz fullscreen
Gitarrist Tom Kaulitz
Bassist Georg Listing fullscreen
Bassist Georg Listing
Drummer Gustav Schäfer fullscreen
Drummer Gustav Schäfer
Sänger Bill Kaulitz
Gitarrist Tom Kaulitz
Bassist Georg Listing
Drummer Gustav Schäfer

Oft scheinen die Beteiligten dabei leider etwas zu tief in die Trickkiste gefallen zu sein, etwa wenn die eigentlich schöne Gesangsmelodie von "Easy" im Nebel der Effekte verschwimmt oder der stotternde Breakbeat von "Cotton Eye Candy" die Energie des Songs sofort ausbremst. Die Drums sind durchweg programmiert, und zwar so punktgenau, dass man sich fragen muss, ob Schlagzeuger Gustav überhaupt noch einen Job hat. Auch die Rockgitarren, die "Durch den Monsun" oder "Übers Ende der Welt" einst so hymnisch machten, sind komplett aus dem Klangbild von Tokio Hotel verschwunden. Noch ein menschliches Element oder zumindest so etwas wie Wärme unter der glatt polierten Oberfläche auszumachen, erfordert Konzentration.

Ausnahmen sind die zweite Singleauskopplung "What If" die mit Funkgitarren Daft-Punk-Charme entfaltet und "Stop, Babe", ein futuristischer Lovesong, den die Band sich bis zum Schluss aufgehoben hat. Gerade dieses Stück vermittelt einen Eindruck davon, wie "Dream Machine" hätte klingen können, hätte man die Elektronik in den Dienst der Songs gestellt, anstatt die Melodien in Synthie-Suppe zu ertränken. Leider sind die knapp 41 Minuten Spielzeit dann auch schon vorbei.

Fazit Tokio Hotel - "Dream Machine": Aufpoliertes Plastik bleibt Plastik

Die Aufnahmen hätten sich "wie ganz, ganz früher im Proberaum" angefühlt, sagt Bill Kaulitz. Von der Musik der Anfangstage haben sich Tokio Hotel auf ihrem fünften Album jedoch so weit entfernt wie nie zuvor. Statt des energetischen Trademark-Poprocks bietet "Dream Machine" aufgestylten Plastik-Soul, den man sich gut auf einer Modenschau vorstellen kann. Es ist Musik, die nach internationalen Popmaßstäben alles richtig macht, die super aussieht, unangreifbar modern und produktionstechnisch auf dem neuesten Stand ist, dabei aber immer etwas gesichts-und seelenlos bleibt.

Die neuen Tokio Hotel klingen, als versuchten sie, sich die Fans der ersten Stunde, also jene, die sich so sehr mit ihren Texten identifizierten, ihnen hinterherreisten und sogar vor ihrem Haus campierten, mit einem möglichst unpersönlichen Sound so weit wie möglich vom Leib zu halten. Kurz: Tokio Hotel bleiben kontrovers.

TURN ON-Albumwertung: 2,5/5

Tokio Hotel - Dream Machine
Tokio Hotel - Dream Machine
  • Datenblatt
  • Tracklist
  • Länge
    40:46 min
  • Songs
    10
  • Label
    Starwatch Entertainment
  • Singles
    "Something New", "What If"
  • 03.03.2017
  • 1
    Something New
  • 2
    Boy Don't Cry
  • 3
    Easy
  • 4
    What If
  • 5
    Elysa
  • 6
    Dream Machine
  • 7
    Cotton Candy Sky
  • 8
    Better
  • 9
    As Young As We Are
  • 10
    Stop, Babe
TURN ON Score:
2,5von 5
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