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U2 - "Songs Of Experience"-Albumkritik: Ganz nah dran

Drei Jahre war es ruhig um U2 – jetzt melden sie sich mit ihrem 14. Album "Songs Of Experience" zurück.
Drei Jahre war es ruhig um U2 – jetzt melden sie sich mit ihrem 14. Album "Songs Of Experience" zurück.

Auf ihrem 14. Studioalbum machen U2, was sie am besten können: poppigen Rock mit Stadion-Status. Warum "Songs Of Experience" dennoch einige Überraschungen bereithält und was uns Frontmann Bono im 41. Karrierejahr der Band noch Wichtiges zu sagen hat, liest Du in unserer Albumkritik.

Viel ist passiert seit dem Vorgängeralbum "Songs Of Innocence", das Apple-Kunden im September 2014 gratis in ihre Mediathek geliefert bekamen. U2-Sänger Bono war wenige Monate nach der Veröffentlichung in einen schweren Fahrradunfall verwickelt, der mehrere Operationen nötig machte und ihn künstlerisch und privat aus der Bahn warf. Musikalische Helden wie Leonard Cohen und David Bowie starben. Auch die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten konnte eine politisch bewegte Band wie U2 natürlich nicht kalt lassen.

Gewinnspiel
Zum Release von "Songs of Experience" verlosen wir einmal die Deluxe-Version des Albums. Einfach die Fan-Frage beantworten und mit etwas Glück gewinnen.

Und dann war da auch noch der Skandal um die "Paradise Papers", laut denen Bono angeblich ohne sein Wissen an einem litauischen Kaufhaus beteiligt war, das dank einiger Finanz-Tricksereien niemals Unternehmenssteuern zahlen musste. So etwas lässt man einem missionarischen Weltverbesserer wie Bono natürlich nicht durchgehen, egal wie viel der heute 57-Jährige schon an Hilfsorganisationen gespendet oder wie viele Benefizkonzerte er bereits in seiner Karriere gespielt hat.

Qualität hat ihren Preis

All diese Dinge trugen schlussendlich dazu bei, dass "Songs Of Experience" nicht wie geplant in kurzem Abstand auf "Songs Of Innocence" folgte, sondern erst jetzt, knapp drei Jahre später. "Warum unbedingt unsere Deadline einhalten und ein Album rausbringen, ohne noch mal darüber nachdenken zu können, was gerade alles abläuft?", erklärte Gitarrist The Edge die Verzögerung im Interview mit dem deutschen Rolling Stone Magazin. Statt ihr 14. Studioalbum also einfach so rauszuhauen, hat die Band die Zeit genutzt, um mit Steve Lillywhite, einem von fünf an dem Album beteiligten Produzenten, noch einmal textlich und musikalisch an den 13 Songs zu feilen.

"Songs Of Experience" ist U2 pur

Und so beginnt  "Songs Of Experience" überraschend experimentell mit dem zerbrechlichen "Love Is All We Have Left", das von leichtem Autotune-Säuseln untermalt wird. Leider stellt der angenehm zurückhaltende Opener in seiner Kürze nur eine Art Intro dar und endet, bevor sich seine verträumte Stimmung richtig entfalten darf. Danach geht es mit "Lights Of Home" und "You're The Best Thing about Me" in gewohnter und leider auch gewohnt routinierter Weise weiter.

Schon seit 41 Jahren im Geschäft: die Band U2. fullscreen
Schon seit 41 Jahren im Geschäft: die Band U2.

Da sind sie wieder, die altbekannten, auf- und abschwellenden Chöre, für deren Omnipräsenz in der Popmusik U2 als exzellente Stadionband natürlich mitverantwortlich sind. Und auch die von Gitarren angeschobenen Schmachtrefrains, die sich mit großer Geste aufschwingen, als wollten sie nicht nur die Welt, sondern gleich das ganze Universum umarmen, überlagern sich hier schon nach der ersten Strophe.

Das ist große Songwriter-Kunst, die man aber eben leider schon oft gehört hat. Entweder bei U2 selbst oder bei den vielen anderen Bands, die seit Jahren versuchen, sich als würdige Nachfolger der Iren in Position zu bringen, dabei aber wie etwa Coldplay immer wieder in den zu großen Fußstapfen versinken.

Persönlich und traurig, verspielt und lebensbejahend

Zum Glück überwiegt solches Füllmaterial auf dem knapp 50 Minuten langen Album nicht. Die Liebe und die Vergänglichkeit sind Leitmotive auf "Songs Of Experience". Und deshalb gelingen U2 hier einige wirklich persönliche, traurige, aber auch verspielte und lebensbejahende Momente. "Landlady" etwa ist eine maximal melancholische und herzerwärmende Hymne auf Bonos Frau Ali Hewson, die der Band in den Anfangstagen half, die Rechnungen zu bezahlen. Einen so jugendlichen und tanzbaren Hit wie "The Showman (Little More Better)" hätte man U2 in ihrem 41. Karrierejahr dagegen gar nicht mehr zugetraut.

Nach drei Jahren haben U2 wieder ein neues Album veröffentlicht. fullscreen
Nach drei Jahren haben U2 wieder ein neues Album veröffentlicht.

Insbesondere, nachdem Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen jun. im Sommer dieses Jahres mit der nostalgischen "Joshua-Tree"-Tour, bei der sie ihr gleichnamiges Klassikeralbum aus dem Jahr 1987 in voller Länge aufführten, bei manchem den Eindruck hinterließen, dass ihnen nun vielleicht gar nichts Neues mehr einfalle.

Auch die vorab ausgekoppelte Single  "American Soul" machte trotz der politischen Agitation von Rap-Star Kendrick Lamar den Eindruck, aus der Zeit gefallen zu sein. Namentlich aus den späten 90er-Jahren, wobei die übersteuerten Poprock-Gitarren und die plump gegrölte Huldigung an den "Rock 'n' Roll" im Refrain unangenehme Erinnerungen an Kid Rock und Konsorten wachrufen. Textlich geht es in dem Stück um den moralischen Untergang Amerikas. Auch dazu scheint mittlerweile alles gesagt – von anderen, und das auch weitaus prägnanter.

U2 - "Songs of Experience": Unser Fazit

Die Zeit der großen Experimente von Alben wie "Achtung Baby" (1991), "Zooropa" (1993) oder "Pop" (1997) scheint endgültig vorbei. U2 verlassen sich heute auf ihre große Stärke. Und das ist Pop-Rock mit überlebensgroßen Melodien und Momenten voller Hoffnung und Trost, denen man eben doch anhört, dass hinter U2 zwar Geschäftsmänner stecken mögen, es ihnen mit ihrem Willen zur Weltverbesserung aber durchaus ernst ist.

Und die Welt verändert man ja oft am nachhaltigsten, indem man sich seinen liebsten Menschen widmet, ihre Sorgen teilt oder einfach mit ihnen lacht. Diese Botschaft vermittelt "Songs Of Experience" so glaubwürdig wie schon lange kein U2-Album mehr.

TURN ON-Wertung: 3,5/5

U2 - Songs Of Experience
U2 - Songs Of Experience
  • Datenblatt
  • Tracklist
  • Länge
    51 Min
  • Songs
    17
  • Label
    Island Records/Universal
  • Singles
    "American Soul", "Get Out Of Your Own Way", "You're the Best Thing About Me", The Blackout"
  • 01.12.2017
  • 1
    Love Is All We Have Left
  • 2
    Lights Of Home
  • 3
    You're The Best Thing About Me
  • 4
    Get Out Of Your Own Way
  • 5
    American Soul
  • 6
    Summer Of Love
  • 7
    Red Flag Day
  • 8
    The Showman (Little More Better)
  • 9
    The Little Things That Give You Away
  • 10
    Landlady
  • 11
    The Blackout
  • 12
    Love Is Bigger Than Anything In Its Way
  • 13
    13 (There is A Light)
  • 14
    Ordinary Love
  • 15
    Book Of Your Heart
  • 16
    Lights Of Home
  • 17
    You're The Best Thing About Me
TURN ON Score:
3,5von 5
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