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"Bohemian Rhapsody"-Filmkritik: Real Life oder Fantasy?

Rami Malek als Freddie Mercury in Bohemian Rhapsody
Rami Malek als Freddie Mercury in Bohemian Rhapsody (©Twentieth Century Fox 2017)

"Bohemian Rhapsody" erzählt die Lebensgeschichte von Freddie Mercury und die Biografie seiner Band Queen mit unsterblichen Hits und einem überragenden Hauptdarsteller. Warum Fans dem Rock-Epos dennoch nicht ohne Skepsis begegnen sollten, klärt unsere Filmkritik.

Es ist als Rockmusik-Fan nicht so leicht, sich unbeschwert auf Neues aus dem Hause Queen zu freuen. Die Art der kontrollierten Nachlassverwaltung, die Gitarrist Brian May und Schlagzeuger Roger Taylor seit nunmehr Jahrzehnten an den Tag legen, hat schließlich bisher sehr wechselhafte Ergebnisse gebracht – darunter auf der einen Seite ein unsagbar albernes Musical und auf der anderen Seite absolut solide Live-Performances der alten Hits mit Adam Lambert, die viele Fans nichtsdestotrotz als Sakrileg am Banderbe ansehen. Bassist John Deacon hält sich aus dem Ganzen seit Jahren wohlweislich heraus.

Der steinige Weg zum Queen-Biopic

Wenn May und Taylor dann mit "X-Men"-Regisseur Bryan Singer an einem Biopic über Freddie Mercury arbeiten, lässt sich etwas Skepsis nicht vermeiden – erst recht, wenn dieses Biopic acht Jahre braucht, um ins Kino zu kommen, auf dem Weg Sascha Baron Cohen wegen diverser Unstimmigkeiten als Hauptdarsteller verliert und dann auch noch der Regisseur wegen Querelen vorzeitig aussteigt.

Schon bevor die 20th-Century-Fox-Fanfare, von May im unverkennbaren E-Gitarren-Sound seiner "Red Special" neu eingespielt, aus den Kinolautsprechern dröhnt, stellt sich daher die Frage, welche Geschichte "Bohemian Rhapsody" erzählen wird: Ein glaubhaftes Porträt, das auch die schwierigen und tragischen Seiten der Biografie Freddie Mercurys nicht ausspart? Oder doch nur eine weitere Variante des handkultivierten Queen-Mythos, ein Rockstar-Märchen mit dem legendären Sänger als übermenschlicher Lichtgestalt? "Bohemian Rhapsody" versucht es irgendwie mit beidem.

Aufstieg einer Rock-Legende

In der ersten Filmhälfte steht die Geschichte von Queen im Mittelpunkt, die immer eng an Mercurys Leben entlang und in atemberaubendem Tempo erzählt wird: Farrokh Bulsara, Sohn parsischer Einwanderer, treibt sich lieber im Londoner Konzertleben herum, als den traditionellen Vorstellungen seines gutbürgerlichen Vaters zu folgen. Als er im Anschluss an ein Konzert der Band Smile von Brian May und Roger Taylor mit den Musikern ins Gespräch kommt, ist Sekunden vorher passenderweise der Sänger abgesprungen.

"Bohemian Rhapsody"-Szenenbild
"Bohemian Rhapsody"-Szenenbild (© 2018 Alex Bailey/Twentieth Century Fox)

Farrokh steigt ein und erfindet gleich beim ersten Gig seinen später berühmten Trick mit dem ausgehakten Mikrofonständer. Klar, dass der Namenswechsel zu "Freddie Mercury", der Plattenvertrag, die ersten Studioaufnahmen und die Komposition des späteren Welthits "Bohemian Rhapsody" nicht lange auf sich warten lassen.

Oft zu schön, um wahr zu sein

Selbst wer überhaupt keine Ahnung von der Queen-Bandgeschichte hat, wird sich bei der szenenhaften Erzählung des Aufstiegs zur Band von Weltformat mit Recht dauernd fragen, ob das denn nun wirklich so passiert ist – und in vielen Fällen lautet die Antwort trotz einiger gut dokumentierter Anekdoten (die Fans aber wiederum nicht neu sind) mit ziemlicher Sicherheit: Nein.

Das ist okay, denn unterhaltsam ist der Durchmarsch allemal: Vor allem die Studio-Szenen, in denen die Bandmitglieder in launigen Dialogen an ihrer opulenten Musik feilen, machen Spaß und geben stimmungsvolle, wenn auch sehr punktuelle und auf die großen Hits beschränkte Eindrücke. Der Soundtrack ist aus nahe liegenden Gründen ja eh über jeden Zweifel erhaben.

"Bohemian Rhapsody"-Szenenbild
"Bohemian Rhapsody"-Szenenbild (© 2018 Alex Bailey/Twentieth Century Fox)

Schwaches Drehbuch trifft starken Cast

Im Großen und Ganzen verlässt sich das Drehbuch aber etwas sehr auf Kino-Klischees. Beispiele? Vor seinem Einstieg bei Smile legt Farrokh auf dem Parkplatz spontan einen perfekten dreistimmigen Chor mit Brian May und Roger Taylor hin. Eine Pressekonferenz später im Film schneidet die aufdringlichen Journalisten zu einem geifernden Kaleidoskop und kakofonischem Stimmengewirr zusammen. Freddies Ausflüge ins Schwulenclub-Nachtleben sind eine Kulisse aus Rotlicht, Nebel und lüsternen Blicken.

Statt interessante Szenen zu zeichnen, fällt "Bohemian Rhapsody" ständig auf abgegriffene Topoi zurück, die perfekt ins Kino, aber auch nur dorthin passen. Viel dokumentarische Glaubwürdigkeit geht dabei verloren.

"Bohemian Rhapsody"-Szenenbild
"Bohemian Rhapsody"-Szenenbild (© 2018 Twentieth Century Fox)

Diese Vorwürfe treffen aber ausdrücklich nur das Drehbuch, nicht den Cast: Gwilym Lee, Ben Hardy und Joseph Mazzello spielen die Queen-Mitglieder Brian May, Roger Taylor und John Deacon als liebenswerte Typen, denen das Skript leider nur wenig Charakter abseits von "der schlaue Vernünftige", "der wilde Jungspund" und "der unauffällige Bassist" zugesteht.

Auch Mercurys Verlobte und lebenslange Vertraute Mary Austin (gespielt von Lucy Boynton) sowie eine Riege an Plattenfirma-Executives (darunter ein bis zur Unkenntlichkeit verkleideter Mike Myers, der den unausweichlichen "Wayne's World"-Gag bringen darf) sind nur Trabanten, die um den einzigen Himmelskörper kreisen, der im Queen-Universum Gewicht hat.

"Bohemian Rhapsody"-Szenenbild
"Bohemian Rhapsody"-Szenenbild (© 2018 Alex Bailey/Twentieth Century Fox)

Die Mercury-Werdung des Rami Malek

Womit wir bei Rami Malek sind, der die einzige Figur spielen darf, der "Bohemian Rhapsody" charakterliche Tiefe zugesteht: Er sieht Freddie Mercury, mit etwas Unterstützung einer Schneidezahn-Prothese, verblüffend ähnlich, hat dessen Moves mit schlafwandlerischer Sicherheit drauf und spielt den Sänger auf spannende Weise zugleich als liebenswert-scheuen Außenseiter und exaltierten Showman.

"Bohemian Rhapsody"-Szenenbild
"Bohemian Rhapsody"-Szenenbild (© 2018 Alex Bailey/Twentieth Century Fox)

Wenn auf der Bühne jede Schüchternheit abfällt und ein begnadeter Entertainer zum Vorschein kommt, verkörpert Malek das ebenso glaubwürdig wie die intimen Charakterszenen, in denen Mercury nach und nach entdeckt, dass er sich sexuell mehr zu Männern als zu seiner Verlobten hingezogen fühlt.

Besonders wichtig ist aber, dass er auch die weniger schillernden Momente meistert, von denen vor allem die zweite Filmhälfte geprägt ist. Denn dass das Queen-Märchen kein Happy End hat, weiß jeder, und so hängt Mercurys unausweichlicher Tod stets wie ein Damoklesschwert über den fröhlichen Momenten.

"Bohemian Rhapsody"-Szenenbild
"Bohemian Rhapsody"-Szenenbild (© 2018 Alex Bailey/Twentieth Century Fox)

"Bohemian Rhapsody" schreckt vor dem Tod zurück

Das scheint auch den Machern bewusst gewesen zu sein, denn letztlich verwendet "Bohemian Rhapsody" dann mehr Zeit darauf, das vorläufige Ende der Band und das Abdriften des Sängers in Rockstar-Extravaganz und oberflächliche Affären zu zeichnen – ein Spagat, bei dem Malek es stets schafft, Mercury als sympathischen Verlorenen und auch in seinen krassesten Momenten nicht als abgehoben-arrogantes Ekel darzustellen.

"Bohemian Rhapsody"-Szenenbild
"Bohemian Rhapsody"-Szenenbild (© 2018 Twentieth Century Fox)

Vor der existenziellen Dramatik der tödlichen Krankheit scheut "Bohemian Rhapsody" dagegen merklich zurück: Die Aids-Diagnose kommt vor (hier hatten einige Fans im Vorfeld tatsächlich Zweifel, was wiederum Bände über die Nachlassverwaltung bei Queen spricht), ist aber letztlich beinahe eine Randerscheinung, die Mercury als hier besonders hell ausgeleuchtete Lichtgestalt mit legendenhafter Fassung trägt.

Warum, ist klar: Mit der Wiedervereinigung von Queen beim Live-Aid-Konzert, das der Film dann wieder bis zum letzten Pepsi-Becher auf dem Klavier akribisch an der Realität entlang nachstellt, endet "Bohemian Rhapsody" auf einer dezidiert positiven Note. Dass sich der Film kurz vor diesem Happy End nicht in die ganz tiefen Abgründe des Lebens und Sterbens begeben möchte, ist aus filmischer Sicht verständlich.

"Bohemian Rhapsody"-Szenenbild
"Bohemian Rhapsody"-Szenenbild (© 2018 Twentieth Century Fox)

Fazit: Ein weiteres Kapitel in der gezielten Mythologisierung

Als Musikfilm bietet "Bohemian Rhapsody" vor allem dank seines Hauptdarstellers und der unkaputtbaren Songs zwei Stunden gute, manchmal regelrecht mitreißende, teils zu Tränen rührende Unterhaltung. Als dokumentarische Biografie enttäuscht er dagegen – vor allem wegen des wenig kreativen Drehbuchs, das nur selten das Gefühl vermittelt, den Zuschauer wirklich nah an die Hauptfigur heranzulassen.

Der Wille, das Leben von Freddie Mercury in seinen Höhen und Tiefen zu erzählen, ist zwar erkennbar. Der Wille, den Mythos Queen als Helden-Epos weiterzuschreiben, ist aber erkennbar stärker. The Show must go on – in diesem Fall aber wohl mit mehr Fantasy als Real Life.

TURN-ON-Wertung: 3,5/5

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