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"Brightburn"-Kritik: Wenn Superman ein A*schlochkind wäre

Er ist klein, gemein und nicht von dieser Welt: Brendon Breyer alias Brightburn.
Er ist klein, gemein und nicht von dieser Welt: Brendon Breyer alias Brightburn.

Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Nein, es ist Superman – und er ist stinksauer! "Brightburn" stellt den klassischen Superheldenmythos auf den Kopf und macht daraus einen bluttriefenden Horrorthriller mit harten Gewaltszenen. Ob das wagemutige Experiment geglückt ist, sagen wir Dir in unserer Kritik.

Nur noch kurz die Welt retten? Nö!

Alan Moores "Watchmen" haben es getan und die "Umbrella Academy" auf Netflix auch: Das Konzept des ehrbaren, immer für das Gute kämpfenden Comic-Superhelden mal kräftig durchgepustet und entmystifiziert. Mittlerweile wurde das Thema von allen erdenklichen Blickwinkeln beleuchtet. Mit einer Ausnahme: Einen richtigen, waschechten Horrorfilm mit Superhelden-Einschlag gab's noch nie – bis jetzt.

Brightburn fullscreen
So richtig nachvollziehbar ist dieses Kostümdesign zwar nicht, aber dafür eben unheimlich.

Stopp mich, wenn Du diese Geschichte schon mal gehört hast: Ein Ehepaar im ländlichen Randgebiet der USA findet eines Tages ein Baby, das buchstäblich vom Himmel gefallen ist. Das Würmchen sieht zwar menschlich aus, ist aber offenkundig ein Alien. Egal, findet das nette Paar, verpasst dem Jungen einen menschlichen Vor- und Zunamen und zieht ihn als Waise bei sich auf. Doch seine außerirdische Herkunft kann der Bengel spätestens mit dem Einsetzen der Pubertät nicht mehr leugnen: Er ist übermenschlich stark, nahezu unverwundbar und fliegen kann er auch.

Aber jetzt kommt der Twist. Während Clark Kent alias Superman zum Beschützer der Menschheit wird, der immer nur Gutes im Sinn hat, ist Brendon Breyer alias Brightburn das genaue Gegenteil: ein psychopathischer Killer mit unschuldigem Engelsgesicht, eine von Blutdurst und Gewaltgeilheit getriebene Zeitbombe im Mini-Format. Seine Rücksichtslosigkeit macht auch vor Freunden und sogar der eigenen Familie nicht halt – wohin Brightburn auch geht (oder fliegt), hinterlässt er Tote.

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Es fängt ganz harmlos mit ein paar Blechschäden an...

Nicht die schlechteste Ausgangslage für einen subversiven Horrorfilm, der sowohl dem Superheldengenre als auch dem Slasher ein paar frische Impulse verleiht. In den amerikanischen Kritiken fiel "Brightburn" jedoch größtenteils durch und die Besucherzahlen waren enttäuschend. Das Urteil ist gesprochen: "Brightburn" ist ein Flop. Ich kann mich der Riege der Meckerer aber nur begrenzt anschließen: Nein, wirklich überragend ist "Brightburn" nicht. Aber ich hatte mit dem rotzigen Genremix dann doch überraschend viel Spaß. Und: Ich will unbedingt wissen, wie es weitergeht!

Blutiger als Wolverine nach dem Rasieren

Das vielleicht größte Problem des Films: Er traut sich zwar was, aber er traut sich nicht genug. Einerseits geizt er nicht mit Blut, zeigt uns haarsträubend brutale Todesszenen und hält auch in besonders fiesen Sequenzen erbarmungslos drauf (zwei Stichworte: "Glassplitter" und "Auge"). Diese Gewaltspitzen erreichen zwar niemals die Intensität und Frequenz eines typischen Torture Porns, aber wer hier lediglich wohligen Schauer und nur angedeutete Körperlichkeit erwartet, könnte durchaus ein mittelschweres Trauma erleiden: "Brightburn" zieht es durch.

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Je brutaler Brightburn wird, desto mehr von seiner Menschlichkeit verliert er.

Viel Blut, aber zu wenig Mut

Andererseits steht der eigentlich originellen Geschichte eine arg konventionelle Inszenierung im Weg. Gruselfilm-typische Jumpscares, hundertfach gesehene Einstellungen und immer wieder dieselben Mätzchen ermüden insbesondere Horrorfans, die all diese Tricks schon nach den ersten paar Filmminuten durchschauen. Ein Charakter hört ein Geräusch, dreht sich langsam um, da ist niemand, er atmet auf und will aus dem Bild gehen – und krachbummkreisch, Brightburn springt auf einmal aus dem Dunkel und es wird SEHR LAUT. Berechenbar. Öde. Und letztendlich besonders enttäuschend, weil als Produzent hier "Guardians of the Galaxy"-Regisseur James Gunn fungierte, dessen dreckige, surreale Groteske "Super" schon vor neun Jahren zeigte, wie man den rundgelutschten Superheldenmythos mal so richtig auf links dreht.

"Brightburn" geht nur knackige 90 Minuten, verplempert aber zu viele davon mit Variationen der immer gleichen "Buh!"-Erschrecksequenz. Schade, denn mit einem knackigeren Skript und strafferer Inszenierung hätten die positiven Eigenschaften des Films womöglich für mehr Wohlwollen beim Publikum gesorgt. David Denman und vor allem Elizabeth Banks als Daddy und Mommy des außerirdischen Serienkillers überzeugen als erfrischend normale Durchschnittstypen, die aus falsch verstandener Elternliebe zu lange die Augen vor dem realen Horror verschließen, den sie auf die Menschheit losgelassen haben.

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Vielleicht war es doch gar nicht so schlecht als kinderloses Ehepaar.

Ein Sequel? Ja bitte!

Außerdem – und das ist vielleicht das größte und überraschendste Lob überhaupt – will ich, dass "Brightburn" weitergeht. Heutzutage ergießt sich eine breiige Masse aus Sequels, Prequels, Reboots und Remakes ja über alles. Und wenn ich "Cinematic Universe" nur höre, kriege ich schon Puls. Wir ersticken in serieller Massenproduktion, die lediglich die Kassen klingeln lassen soll.

Aber "Brightburn" hat mich am Ende dann wirklich noch gekriegt: Nicht nur, dass die letzten Einstellungen schön makaber sind, die kaum verhüllte Andeutung eines möglichen Sequels ganz am Schluss ist hier ausnahmsweise mal wirklich glaubwürdig und einigermaßen konsequent. Wie würde die Welt reagieren, wenn wir tatsächlich ein nahezu allmächtiges Superwesen in unseren Reihen hätten, das uns alles andere als wohl gesonnen ist? Und noch schlimmer: Wenn es vielleicht nicht das einzige seiner Art ist ... ?

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Gegen diesen Bengel hätte selbst die Super-Nanny schlechte Karten.

Fazit: Lieber Metzel als Marvel

Schade, dass wir das wohl nie erfahren werden, denn wie oben beschrieben, ging dieser blutige, schwarzhumorige Tritt in den Hintern von Marvel, DC und Co. an den Kinokassen ziemlich unter. Nein, eine uneingeschränkte Empfehlung kann auch ich nicht aussprechen, dafür verschenkt dieses Herzblutprojekt doch zu viel von seinem Potenzial. Aber wenn Du so tickst wie ich, wenn Du Dir lieber einen unrunden, grundlegend aber gelungenen Fantasy-Horrorthriller für Erwachsene anguckst, als zum x-ten Mal irgendeinen seelenlosen Blockbuster-Quark, den man beim Abspann schon halb vergessen hat – dann gib "Brightburn" eine Chance.

Oder wie viele andere Origin-Storys kennst Du, die einen Body Count von mehreren hundert Menschen haben ... ?

Kinostart
"Brightburn" startet am 20. Juni 2019 in den deutschen Kinos.

Brightburn: Son Of Darkness
Brightburn: Son Of Darkness
  • Datenblatt
  • Genre
    Horror, Thriller, Fantasy
  • Laufzeit
    1 Stunde 30 Minuten
  • Release
    20. Juni 2019
  • FSK
    16
TURN ON Score:
3,0von 5
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