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"Der Dunkle Kristall: Ära des Widerstands"-Kritik: Schöner geht's kaum

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Da staunste Bauklötze: "Der Dunkle Kristall: Ära des Widerstands" ist mehr als nur einen Blick wert.

"Der Dunkle Kristall" von 1982 ist einer der prägenden Filme meiner Kindheit. Netflix hat aus dem düster-zärtlichen Puppentrickfilm eine Fantasy-Serie gemacht – und ein kleines Wunder vollbracht: Das hier ist die wohl schönste, ungewöhnlichste und fantasievollste Serie des Jahres. Eine Liebeserklärung.

Was lange währt, wird selten gut

Es klang wie eine absolute Schnapsidee: Unglaubliche 37 Jahre, nachdem der sperrige Puppentrickfilm "Der Dunkle Kristall" von Jim Henson an den Kinokassen für Irritationen und nur wenig Begeisterung sorgte, wollte der Streamingdienst Netflix das Fantasy-Epos wiederbeleben – als zehnteilige Serie. Und das sogar mit echten, animatronischen Puppen! So wie früher eben.

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CGI kommt nur in Ausnahmefällen zum Einsatz – was für eine Wohltat!

Und eigentlich hätte "Der Dunkle Kristall: Ära des Widerstands" nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit ein veritabler Flop werden müssen. Die "Terminator"-Sequels, der letzte "Independence Day" oder der unsägliche Totalschaden "Ghostbusters" von 2016 – wie böse es in die Hose gehen kann, wenn gierige Produzenten einstmals beliebte Marken bis zum letzten Dollar ausquetschen, ohne Sinn und Gespür für die Magie der Originale, haben leidgeprüfte Fans in den letzten Jahren immer wieder erfahren müssen. Nun also "Der Dunkle Kristall", der zwar nie ein Massenpublikum erreicht hat, mittlerweile aber als unantastbarer Kultfilm gilt. Das Debakel war vorprogrammiert.

Fühlt sich nicht mehr an wie früher. Und irgendwie doch.

Doch was ich kaum zu hoffen wagte, hat Netflix tatsächlich hinbekommen: "Ära des Widerstands" ist ein grandioses Fantasy-Epos geworden, das in jeder Einstellung und zu jeder Sekunde den Geist des Originals atmet. Es zeigt uns mehr, unendlich viel mehr, von der manchmal wunderschönen, manchmal schaurigen Fantasywelt Thra, ohne ihr die Faszination des Unbekannten zu nehmen. Es erklärt, was der Film von 1982 nur andeutete, ohne in die typische Prequel-Falle zu tappen – nämlich dumme Fragen zu stellen (Wieso heißt Han Solo Han Solo?) und dann noch dümmere Antworten darauf zu geben (Irgendein Typ hat ihn halt so genannt).

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Die fantastische Welt Thra hat unendlich viele Geheimnisse – die zum Glück nicht alle aufgedeckt werden.

Aber worum geht's eigentlich? Um die Fantasywelt Thra, die ein blühendes, buntes Paradies ist. Oder zumindest könnte sie es sein – wären da nicht die Skekse. Die sehen aus wie eine Mischung aus Echse und Vogel und unterdrücken alle anderen Völker und Lebewesen auf Thra gnadenlos. Drei Gelflinge – putzige Gnome, aber hübscher und mit längeren Ohren – stellen sich endlich dem Unrecht der Skekse entgegen. Und so werden Rian, Brea und Deet zu den Anführern einer Revolution, die das Gesicht des gesamten Planeten für immer verändern wird.

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Die Skekse waren schon 1982 fies und sind es immer noch.

Im wahrsten Sinne märchenhaft

Ich gebe zu, ich hatte so meine Startschwierigkeiten mit der Serie. Die erste Folge, die uns in kurzer Zeit sehr viel Story-Hintergrund um die Ohren haut und alle paar Minuten zwischen Charakteren und Schauplätzen wechselt, schien mir ein bisschen zu überladen, zu hektisch und, nun ja, zu bunt. Immerhin hatte ich mich als Kind in den Film verliebt, eben WEIL er so düster war und sich wohltuend von Disney und Konsorten abhob. Sollte die Serie nun in bonbon-buntem Fantasykitsch untergehen? Mein Herz wurde schwer.

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Gelfinge und Podlinge beim friedlichen Wäschewaschen. Auch kein Satz, den man täglich benutzt.

Doch nun habe ich alle zehn Folgen durchgeguckt – und bin restlos begeistert. Zu knuddelig? Nicht hart genug? Blödsinn! Gerade in den letzten paar Folgen kommt es zu ernsthaft gruseligen Szenen, die sich auch in einer Erwachsenen-Serie gut gemacht hätten. Klar sind es "nur" Puppen. Und menschlich sehen sie auch nicht aus, das mag so manchem die Identifikation mit den komplexen Protagonisten erschweren. Aber dank umwerfend detaillierter Mimik und Gestik, atemberaubenden Sets, Gänsehaut-Soundtrack und einer präzisen Regie von Louis Leterrier (der bislang eher für mittelprächtigen Actionquatsch wie die "Transporter"-Filme oder "Clash of the Titans" bekannt war), entwickeln dramatische Szenen eine Wucht, die mich oftmals kalt erwischt hat.

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Die kunstvollen Krummschwerter kennen wir aus dem Originalfilm – hier stimmt einfach jedes Detail.

Die etwas gutgläubigen, aber stets aufrechten Helden, die durchtriebenen Bösewichte, die uralte Geschichte von Bestimmung und Schicksal, vom Kampf der Freiheit gegen die Unterdrückung, Gut gegen Böse: Das klingt erst mal altbacken. Aber wer hier nur müde Klischees sieht und die Serie vorschnell als Kinderkram abtut, tut ihr Unrecht. Und übersieht den wesentlichen Punkt: Strukturell ist "Der Dunkle Kristall: Ära des Widerstands" ein Märchen. Als solches benutzt es natürlich Archetypen und millionenfach bewährte literarische Mittel. Wie alle guten Märchen funktioniert es als spannende Geschichte – mit einem zutiefst moralischen Kern.

Wenn "schön" einfach nur schön ist

Vielleicht liegt's an meinem fortgeschrittenen Alter oder daran, dass ich mittlerweile selber Vater bin, aber ich war mehrmals tief berührt. Klar, die Message ist nicht neu: Wir müssen alle zusammenhalten, wir sind alle Teil eines großen Ganzen, lasst uns Grenzen überwinden und gemeinsam an einer besseren Welt arbeiten. Aber weißt Du was? In einer Zeit, in der wir alle vor Sarkasmus und Abgeklärtheit kaum noch laufen können, in der alles immer nur "ironisch" gemeint ist, trifft "Der Dunkle Kristall" mitten ins Herz. Es gibt eine Szene, in der sich alle Figuren an den Händen fassen und gemeinsam singen. Niemand bringt danach einen blöden Spruch oder macht eine "Wink, wink"-Geste in die Kamera. Diese Szene ist absolut ernst gemeint. Ist das naiv? Nein, das ist ganz wundervoll.

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Ganz tief drin steckt doch in uns allen ein Hippie.

Den Machern ist das Kunststück gelungen, auf aktuelle politische und gesellschaftliche Veränderungen einzugehen, ohne uns immerfort ihre Agenda unter die Nase zu reiben. Der Imperator der Skekse weigert sich, die Realität anzuerkennen: Eine böse Macht ergreift von der Welt Besitz und es bleibt nicht mehr viel Zeit, sie aufzuhalten. Es ist ziemlich unmöglich, hier nicht eine Metapher auf den drohenden Klimawandel zu sehen – das haben die Macher sogar explizit bestätigt. Eigentlich habe ich wenig Bock auf "Botschaft" und "Moral" in meinen Geschichten, ich bin immerhin nicht mehr in der Schule. Aber wenn sie so kunstvoll und klar, dabei aber unaufdringlich in den Plot verwoben sind, sage ich: nur zu. Das ist die Welt, in der wir mittlerweile leben.

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Der Dunkle Kristall ist unendlich mächtig und doch in Ketten – ein fast poetisches Bild.

Hier werden Augen und Ohren verwöhnt

Ach ja, und eines noch: Ich gucke die Serie im O-Ton und was die Schauspieler hier zu Gehör bringen, ist meisterhaft. Jede Stimme passt perfekt zu den jeweiligen Charakteren. Kein Wunder, standen doch absolute Profis am Mikro: Geübte Ohren hören einige "Game of Thrones"-Veteranen wie Lena "Cersei Lennister" Headey oder Nathalie "Missandei" Emmanuel heraus, aber das absolute Glanzlicht ist ohne Frage Simon Pegg. Wie er den schmierigen Kämmerer vertont, mit dieser hohen, kieksigen Stimme, dieser Süffisanz, diesem ikonischen "Hmmm ...", ganz wie im Originalfilm – das ist schlichtweg preiswürdig. Gibt es eine Auszeichnung für herausragende Synchro-Leistungen? Wenn nicht, sollte es so eine Auszeichnung geben. Und sie sollte nach Simon Pegg benannt werden. Der "Pegg" des Jahres oder so.

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Der kriecherische Kämmerer war schon im Film ein Highlight.

Fazit: Pflichtprogramm (nicht nur) für Fantasy-Fans

Auch wenn Du den Film von 1982 nicht gesehen und noch nie vom "Dunklen Kristall" gehört hast: Schau die Serie. Sie ist hervorragend produziert, umwerfend detailverliebt inszeniert und bietet neben einer zeitlosen Geschichte überraschend komplexe Charaktere. Die Szene etwa, in der der oben beschriebene Kämmerer einen Monolog über die Rücksichtslosigkeit des Lebens und das Recht des Stärkeren hält, zeigt mehr Nuancen und Facetten, als sie ein Euron Greufreud in den letzten drei Staffeln von "Game of Thrones" aufgewiesen hat.

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Und Seherin Aughra hätte der Pfeife Euron ohnehin mal so richtig den Kopf gewaschen.

Kein Blut, keine übertriebene Gewalt, kein Sex, stattdessen kulleräugige Puppen und Öko-Message. Es dürfte eigentlich nicht funktionieren, aber "Der Dunkle Kristall: Ära des Widerstands" ist das derzeit beste Fantasy-Epos, das man sich ansehen kann.

Manchmal zahlen sich fast 40 Jahre Wartezeit eben doch aus.

Der Dunkle Kristall: Ära des Widerstands
  • Datenblatt
  • Genre
    Fantasy, Trickfilm
  • Laufzeit
    ca. 450 Minuten
  • Release
    30. September 2019
  • FSK
    12
TURN ON Score:
4,5von 5
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