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"Die Kunst des toten Mannes"-Kritik: Wenn Bilder töten könnten...

Kunst kills: In "Die Kunst des toten Mannes" entwickeln Bilder ein unheimliches Eigenleben.
Kunst kills: In "Die Kunst des toten Mannes" entwickeln Bilder ein unheimliches Eigenleben.

Nach "Nightcrawler" präsentieren Regisseur Dan Gilroy und sein Aushängeschild Jake Gyllenhaal ihren nächsten gemeinsamen Film: "Die Kunst des toten Mannes" ist eine stargespickte Satire auf den pervertierten Kunstmarkt und gleichzeitig ein Slasher-Horrorfilm mit komödiantischen Elementen. Klingt seltsam? Ist es auch. Unsere Kritik sagt Dir, warum der Netflix-Film leider keine große Kunst ist.

Zugegeben, es ist nicht sonderlich originell und ein bisschen unfair, einen Film immer wieder mit seinem Vorgänger zu vergleichen – immerhin sollte doch jedes (Kunst-)Werk für sich selber stehen. Aber wenn Dan Gilroy, Autor und Regisseur des großartigen Thrillers "Nightcrawler" aus dem Jahr 2013, mit einem neuen Streifen um die Ecke kommt, in dem auch noch seine "Nightcrawler"-Stars Jake Gyllenhaal und Rene Russo tragende Rollen haben, dann kommt man nicht umhin, gewisse Parallelen zu ziehen.

Und zwar zum Nachteil von "Velvet Buzzsaw", wie der viel knackigere Originaltitel von "Die Kunst des toten Mannes" lautet. Denn wo "Nightcrawler" einen morbiden, fast schon hypnotischen Sog erzeugte, lässt einen diese zynische Abrechnung mit dem Kunstmarkt ziemlich kalt. Das liegt an einigen zweifelhaften Entscheidungen des Regisseurs.

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Kritische Blicke: Davon dürfte es nach diesem Film einige geben.

Kunst: Ein bizarrer Mikrokosmos der Freaks

Exzentriker und verschrobene Hipster bestimmen den Kunstmarkt in Los Angeles: Wir treffen den selbstverliebten Kritiker Morf (Jake Gyllenhaal), die durchtriebene Kunsthändlerin Rhodora (Rene Russo) und die schmerzhaft überkandidelte Museumskuratorin Gretchen (Toni Collette mit platinblonder Perücke). In das Figurenkarussell mischen sich zudem konkurrierende Emporkömmlinge, windige Nachwuchskünstler, John Malkovich als alternder Maler in einer Schaffenskrise sowie Natalia Dyer aus "Stranger Things", die ein besonders schlechtes Händchen im Annehmen von neuen Jobs hat – ganz schön viel Personal für einen Film.

Mit seinem großen Ensemble erinnert "Velvet Buzzsaw" unweigerlich an Robert Altmanns "The Player", dreht aber schon bald in Richtung Mystery und sogar Horror ab: Die aufstrebende Kunstagentin Josephina (Zawe Ashton) stolpert über den Nachlass ihres verstorbenen Nachbarn – hunderte und aberhunderte von Bildern. Doch statt sie zu vernichten, wie es der Tote verfügt hatte, verkauft sie die düsteren Werke für aberwitzige Summen auf dem Kunstmarkt und verdient sich so eine goldene Nase.

Was sie nicht ahnt: Auf den Gemälden scheint ein tödlicher Fluch zu liegen, der die geldgeilen Kunstfreaks auf immer groteskere Art heimsucht. Und während die verhexten Bilder für Schlagzeilen auf dem Kunstmarkt sorgen, stapeln sich bald schon die Leichen – "Jede Kunst ist gefährlich", wie es an einer Stelle des Films heißt.

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Andererseits: Wer sich sowas ins Wohnzimmer hängt, muss sich auch nicht wundern.

Gruselig? Lustig? Ja. Nein.

Okay, das ist zumindest eine einigermaßen originelle Ausgangslage für einen Thriller. Doch leider verspielt Regisseur Dan Gilroy, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, den ersten Aha-Effekt mit einem etwas ziellosen Skript, das sich nicht zwischen tiefschwarzer Komödie und blutigem Slasher entscheiden kann und deswegen wohl am ehesten als Satire durchgeht.

Für Gruselfans ist hier nicht viel zu holen, auch wenn der Trailer sich redlich bemüht, einen anderen Eindruck zu vermitteln: Die Todesszenen sind vergleichsweise zahm und überraschen nur selten mit inszenatorischer Originalität. Hier ein Schatten an der Wand, dort die gruselige Kinderpuppe und selbst für Jumpscares ist sich der Regisseur nicht zu schade: Alles schon gesehen, alles schon gehabt. Vielleicht wollte Dan Gilroy hier zeigen, wie berechenbar solche Klischees sind – aber letztendlich bedient er sie genauso wie die ganzen Horror-Epigonen, die er hier (mutmaßlich) kritisiert.

Und auch die komödiantischen Elemente sind nur halbgar und weichen die unscharf gezeichnete Stimmung im Film weiter auf. Klar macht es Spaß, Jake Gyllenhaal als instinktiv unsympathischen Kunstfatzke zu sehen – für ein paar Minuten. Doch auch wenn seine Kritikerfigur als einzige einen echten Storybogen spendiert bekommt und sich am Ende fast zum Sympathieträger des Films wandelt, bleiben die Sticheleien gegen den abgehobenen Kunstbetrieb doch seltsam zahnlos. Unterhaltsam ist "Die Kunst des toten Mannes" schon. Aber nicht sehr lustig. Und, ich befürchte: auch nicht sonderlich clever.

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Jake Gyllenhaal kann hier mal wieder die Schauspiel-Sau rauslassen.

Übernatürliche Probleme für die oberen Zehntausend

Das eigentlich entscheidende Problem von "Velvet Buzzsaw" ist, dass er mich emotional ziemlich kalt gelassen hat. Ähnlich wie in David Cronenbergs "Maps to the Stars" oder "Nocturnal Animals" aus dem Jahr 2016 (interessanterweise auch mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle) komme ich an die Figuren in "Velvet Buzzsaw" kaum heran. Sie leben in einem so verschrobenen, fast schon hermetisch versiegelten Hipster-Universum, mit seinen ganz eigenen Bussi-bussi-Regeln und Codes, dass ich als Zuschauer eben genau das bleibe: ein Zuschauer. Keine der Figuren ist liebenswert, mit keiner möchte ich freiwillig Zeit verbringen – sie sind schrille Parodien, verzerrte Abziehbilder.

Selbst die sonst immer brillante Toni Collette, die sich noch jede ihrer Rollen zu eigen gemacht hat, bleibt trotz auffälliger Bobfrisur blass und kaum greifbar. Offensichtlich hatte die Schauspielerin jede Menge Spaß vor der Kamera und konnte mal so richtig overacten – eine Identifikation oder auch nur Sympathie für ihre affektierte Figur hat sich bei mir zu keiner Zeit eingestellt. Immerhin hat sie aber die beste Sterbeszene, ein kleiner Trost.

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Glatt und kühl: So wirkt nicht nur diese überdimensionale Flipperkugel.

Fazit: Ist das Kunst oder kann das weg ...?

"Die Kunst des toten Mannes", um nun doch noch mal den (misslungenen) deutschen Titel zu wählen, ist ein seltsamer Film. Er ist nicht gut genug, um einen Klassikerstatus wie "Nightcrawler" zu erreichen, und nicht schlecht genug, um sich in der Trash-Ecke zu behaupten. Außerdem ist er ja wirklich sehr schick gefilmt und streut immer wieder mal ein paar Kameramätzchen zur optischen Auflockerung ein. An schlechtem Handwerk liegt's also nicht.

Aber man wird das Gefühl nicht ganz los, dass das hier ein Film von einer Elite über eine Elite für eine Elite ist. Die kurz angedeuteten Blicke hinter die Kulissen eines Museumsbetriebs sind spannend – die Binsenweisheit, dass Geld und Gier korrumpieren und sich der Wert echter Kunst nicht in Dollars bemessen lässt, hingegen nicht.

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So eine Bildcollage ist künstlerisch sicher sehr wertvoll.

"Die Kunst des toten Mannes" hat allen Beteiligten sicher viel Spaß gemacht und der ist ihnen auch von Herzen gegönnt. Aber ich ziehe den langsam kriechenden, sanft verstörenden und fast schon intimen Nihilismus eines "Nightcrawler" diesem überspannten Kunstzirkus jederzeit vor. Aber hey, wie sagt man: Schönheit liegt nun mal im Auge des Betrachters.

TURN ON-Wertung: 3/5

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