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Kritik

"Enola Holmes"-Kritik: Sherlocks Schwester übernimmt die Ermittlungen

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Treffsicher: Enola Holmes (Millie Bobby Brown) erobert Netflix. Bild: © Legendary 2020

Du hast noch nie von Sherlocks kleiner Schwester gehört? Das wird sich ändern, denn mit "Enola Holmes" nimmt die talentierte Teenagerdetektivin in ihrem eigenen Film die Ermittlungen auf. Ob sie mit ihrem berühmten Bruder mithalten kann oder doch ins Mädcheninternat abgeschoben werden sollte, erfährst Du in unserer Kritik.

Enola, übernehmen Sie! Die Story

England, 1884: Enola (Millie Bobby Brown) lebt mit ihrer Mutter (Helena Bonham Carter) ein unbeschwertes Leben auf einem Landgut. Doch statt "damenhafte" Fertigkeiten wie Sticken zu lernen, bringt ihre Mutter ihr bei, wie sie kämpft, beobachtet und ihren Verstand einsetzt. Als Mama Holmes an Enolas 16. Geburtstag verschwindet, dreht das Mädchen dementsprechend nicht Däumchen, sondern nimmt selbst die Ermittlungen auf.

Dabei kommen ihr allerdings ihre Brüder Mycroft (Sam Claflin) und Sherlock (Henry Cavill) in die Quere. Sie wollen ihre kleine Schwester in ein Internat abschieben, in dem sie zur Lady erzogen werden soll. Doch nicht mit Enola! Sie flieht nach London und schlittert dabei in ihren ersten Fall rund um einen mysteriösen jungen Lord (Louis Partridge) auf der Flucht. In der Hauptstadt muss Enola zudem erkennen, dass sie trotz ihrer umfassenden Ausbildung nicht auf das wahre Leben vorbereitet ist.

Wenn Sherlock eine Schwester hätte ...

Stellen wir eines klar: In den Erzählungen und Romanen von Sherlock-Schöpfer Arthur Conan Doyle hat der Meisterdetektiv nur einen älteren Bruder: Mycroft Holmes, ein ebenso intelligenter wie körperlich träger politischer Berater. Nach Doyles Tod versuchten sich jedoch zahlreiche Schriftsteller daran, die Geschichte von Sherlock Holmes fortzuführen oder neu zu beleben. So auch die US-Autorin Nancy Springer, die Sherlocks jüngere Schwester Enola Holmes erfunden hat.

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Dreiergespann: Enola ist die Schwester, die Sherlock und Mycroft niemals hatten. Bild: © Robert Viglaski / Legendary 2020

Sie ist die Heldin von derzeit sechs Bänden der "The Enola Holmes Mysteries", in denen das Mädchen vorwiegend Vermisstenfälle löst. Springer ist jedoch nicht die Erste, die auf die Idee gekommen ist, Sherlock eine Schwester zu bescheren. Fans der BBC-Serie "Sherlock" durften in Staffel 4 Eurus Holmes kennenlernen, die hochintelligente, aber auch psychopathische Schwester der Brüder. Die aufgeweckte Enola ist da glücklicherweise sehr viel umgänglicher geraten.

Charmante Heldin, die für Selbstbestimmung kämpft

Die Zielgruppe des Films ist ganz klar die jüngere Generation. Auch die Romanvorlage ist für Jugendliche gedacht. Dementsprechend werden die Nöte und Ängste einer Heranwachsenden thematisiert, die ihren Platz im Leben sucht. Da wir uns im viktorianischen Zeitalter befinden, kommen Repressionen für das Mädchen hinzu.

Es wird von Enola erwartet, dass sie sich wie eine Lady verhält, sich richtig kleidet, stickt und musiziert und sich schließlich einen reichen Ehemann angelt. Ihre Meinung ist dabei nicht gefragt, was besonders ihr Vormund und Bruder Mycroft deutlich macht. Unnötig zu sagen, dass Sherlocks Schwester sich das nicht gefallen lässt.

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Enola knüpft zarte Bande mit dem jungen Lord Tewksbury. Bild: © ENOLA HOLMES. Cr. LEGENDARY ©2020 2020

Das aufgeweckte Mädchen beweist wiederholt, dass sie sich nicht rumschubsen lässt. Sie hängt ihre Brüder spielend ab und schickt sie auf eine falsche Fährte, schlägt sich in der Großstadt durch und rettet nebenbei mit Witz und Geschick einen jungen Lord. Und ja, eine zarte Liebesgeschichte ist auch dabei, was besonders das junge Publikum begeistern dürfte.

Der Trailer ist das Witzigste am Film

Das ist alles ganz nett gemacht. Doch der Witz und Esprit, den uns der Trailer versprochen hat, verpufft schnell. Enola muss sich oft mit ernsten Themen herumschlagen, sich gegen ihre Brüder durchsetzen, sich um die Mutter sorgen, sodass wenig Raum für Spaß bleibt. Das bedeutet aber nicht, dass es gar keine witzigen Momente gibt.

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Hallihallo! Enola spricht direkt zum Zuschauer. Bild: © Legendary 2020

Ein Highlight ist ganz klar, dass Enola wiederholt die vierte Wand durchbricht, direkt das Publikum anblickt und mit diesem spricht. Das Potenzial dieses Kniffs wird aber nicht ausgeschöpft. In der zweiten Hälfte plätschert die Handlung stellenweise etwas dahin. Da hat der Trailer, wie so oft, andere Erwartungen geweckt. Hätte ich den Film unvoreingenommen gesehen, würde er wahrscheinlich besser bei mir ankommen.

An den Darstellern liegt dieses Versäumnis nicht. Die hochkarätige britische Besetzung geht in ihren Rollen auf: Sei es Sam Claflin als griesgrämiger Mycroft, Helena Bonham Carter als ambitionierte Mutter des Holmes-Clans oder die talentierte Millie Bobby Brown ("Stranger Things") als hoch motivierte Teenagerdetektivin.

Mehr Muskeln als Hirn? Henry Cavill als Sherlock

Das ältere Publikum, zu dem ich mich auch zähle, interessiert vermutlich vor allem, wie Sherlock Holmes in dem Film wegkommt. Überraschenderweise wird der Meisterdetektiv von dem "Superman"-Darsteller Henry Cavill verkörpert, der zuletzt auch in "The Witcher" seine Muskeln spielen ließ. Keine naheliegende Wahl. Das heißt nicht, dass ich ihm keine ernsten Parts zutraue, aber so ganz überzeugen konnte er mich nicht.

Zugegeben: Das ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass Enola ihn wiederholt überlistet, was der ganze Witz an der Story ist. Aber auch sonst ist der Charakter, so wie er von Cavill verkörpert wird, nicht ganz greifbar. Er wirft Enola vor, zu emotional zu sein, wirkt aber selbst nicht gefühlskalt.

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Enola kann von ihrem Bruder Sherlock keine Hilfe erwarten. Bild: © Alex Bailey / Legendary 2020

Er und sein Bruder Mycroft kennen Enola kaum und er bedenkt sie und ihre Kapriolen nur mit einem ironischen Lächeln, tut aber nichts dafür, um ihre Situation zu verbessern. Es hilft auch nicht, dass es aussieht, als ob Sherlocks Anzug kurz davorsteht, zu platzen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass Sherlocks Part in möglichen weiteren Verfilmungen ausgeweitet werden sollte. Dafür spricht auch, dass es offenbar noch keinen Dr. Watson in Sherlocks Leben gibt. Dafür aber einen Inspektor Lestrade (Adeel Akhtar). Besonders amüsant ist eine Szene, in der sich der Ermittler und Enola einen Schlagabtausch darüber liefern, wer Sherlock besser kennt.

Fazit: Eher für Jugendliche als Erwachsene

"Enola Holmes" ist ein interessanter Neuzugang zum "Sherlock Holmes"-Universum. Vor allem das jüngere Publikum wird seine Freude an der smarten Heldin haben. Doch auch für sie hätte Enolas erstes Abenteuer etwas raffinierter und witziger inszeniert werden dürfen. Zu oft drängt die ernste Message um das Recht auf Selbstbestimmung den Humor zurück. Das ist schade, denn der hochkarätige Cast rund um die charmant aufspielende Millie Bobby Brown hätte das Zeug zu mehr.

Für "Sherlock"-Fans gibt es eindeutig zu wenig von dem Detektiv aus der Baker Street zu sehen. Die Bühne gehört ganz klar Enola. Ich bin gespannt, ob es weitere Abenteuer rund um die kleine Holmes-Schwester geben wird.

TURN ON-Score: 3,5/5

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Übernimmt Enola bald ihren nächsten Fall? Bild: © Alex Bailey / Legendary 2020
Sendehinweis
"Enola Holmes" erscheint am 23. September auf Netflix.
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