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"Game of Thrones"-Review: Apocalypse Now

Nicht der Nachtkönig, nicht Cersei, sondern Daenerys ist der finale Bösewicht in "Game of Thrones". Muss man erst mal sacken lassen.
Nicht der Nachtkönig, nicht Cersei, sondern Daenerys ist der finale Bösewicht in "Game of Thrones". Muss man erst mal sacken lassen.

Jetzt gibt es wirklich kein Zurück mehr: In der vorletzten Episode von "Game of Thrones" geht die Hoffnung auf eine friedliche Lösung des Konflikts um den Eisernen Thron in Flammen auf. "Die Glocken" ist die vielleicht kontroverseste Folge der gesamten Serie.

Achtung, Spoiler!
Der folgende Artikel ist voller Spoiler zur fünften "Game of Thrones"-Folge von Staffel 8, "Die Glocken". Weiterlesen also auf eigene Gefahr.

Daenerys Targaryen, die Mutter der Flammen

So. Das war's. Der Point of No Return. Daenerys Targaryen, die Mutter der Drachen, Sprengerin der Ketten, gottgleiche Heilsfigur und Symbol der Hoffnung und der Freiheit, ist der finale, endgültige Bösewicht von "Game of Thrones". Einer der beliebtesten Charaktere der Serie entpuppt sich als psychopathische Massenmörderin, Fans weltweit sind entsetzt, der Schockeffekt ist maximal. Die düstersten Prognosen wurden Wirklichkeit: Wie schon ihr Vater, verfällt auch Daenerys dem Wahnsinn und wird zur hunderttausendfachen Massenmörderin.

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Irgendwie hatte sich Tyrion das alles ein bisschen anders vorgestellt.

Was für ein bitterer Schlag für alle Targaryen-Fans, die ihrer Khaleesi bis zum Schluss die Treue hielten. Ihr Gequatsche von einer besseren Welt, von Gerechtigkeit und Gnade – es geht zusammen mit Königsmund in Flammen auf. Damit ist Daenerys offiziell schlimmer als Cersei, die in dieser Folge ihren letzten Auftritt hat – zusammen mit vielen anderen Figuren, die nun am Ende ihrer Reise angekommen sind. Die Showrunner David Benioff und D.B. Weiss machen den Sack zu – "Game of Thrones" ist fast vorbei, und so fühlt es sich auch an.

Für viele Stammzuschauer ist diese Folge der finale Sargnagel in einer desaströsen letzten Staffel, die das Vermächtnis von "Game of Thrones" in nur wenigen Episoden zunichtegemacht hat. Und es stimmt: Hanebüchene Konflikte, unlogische Handlungen und plumper Fanservice finden sich zuhauf in dieser Folge. Aber eben auch atemberaubend inszenierte Schlachtszenen, die mich stellenweise wirklich in den Sitz gepresst haben. Ob man mit der Entwicklung der Figur Daenerys Targaryen nun glücklich ist oder nicht: Handwerklich waren "Die Glocken" TV-Entertainment der absoluten Weltklasse.

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Props übrigens, dass irgendjemand hinter den Kulissen daran gedacht hat, dass Aerys überall in der Stadt Seefeuer bunkern ließ.

Das war's für Varys

Vergangene Woche kündigte sich Varys' Verrat bereits an, in dieser Folge setzt er alles auf eine Karte. Als wäre er nicht einer der vorsichtigsten und cleversten Männer in Westeros, der sich auf Geheimhaltung und Spionage versteht wie kein Zweiter, tritt er treudoof und in aller Öffentlichkeit an Jon Snow heran: "Hey, willst DU nicht lieber König von Westeros werden?" Jon, loyal bis zur Selbstaufgabe, will aber immer noch nicht.

Tyrion, schwer verunsichert und von seiner eigenen Hinrichtung bedroht, lässt seinen alten Freund über die Klinge springen und schwärzt Varys postwendend bei Daenerys an. Die hält immerhin Wort und röstet den Meister der Flüsterer bei lebendigem Leib. Wäre Varys' Vorgehen nicht so rätselhaft dämlich gewesen, hätte der Abschied zwischen Varys und Tyrion vielleicht mehr emotionale Resonanz in mir ausgelöst. So aber habe ich innerlich nur ein Häkchen gesetzt – okay, nun ist also auch Varys raus. Auf eine so doofe Art. Schade.

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Im Bild: Schauspieler Conleth Hill hat soeben gelesen, was mit seiner Figur Varys passiert.

Allerdings kann Tyrion nicht lange durchatmen, denn in einer selbstmörderisch gefährlichen Nacht-und-Nebel-Aktion befreit er seinen gefangenen Bruder Jaime: Vielleicht schafft er es, Cersei in letzter Sekunde zur Vernunft zu bringen und somit ein Blutbad zu verhindern. Und siehe da: Der finale Abschied der beiden so ungleichen Brüder lässt endlich mal wieder die Brillanz der Serie aufblitzen, die ich schon so lange vermisst habe.

Peter Dinklage und Nicolaj Coster-Waldau geben noch mal alles und legen Wehmut, Schmerz und das Wissen um die Unausweichlichkeit des Todes in jeden einzelnen Blick. Der Charakter Jaime ist seit der letzten Folge völlig ruiniert, daran ist nicht mehr zu rütteln – aber dieses letzte Lebewohl gibt uns wenigstens die Möglichkeit, uns von einer großartigen Figur zu verabschieden, deren komplexes Potenzial die Macher offensichtlich nie verstanden haben.

Ein Drache, sie zu knechten

Daenerys ist am Ende ihrer Geduld – der Eiserne Thron ist zum Greifen nah und irgendwie geht hier nix voran. Genug gequatscht, findet sie, und macht Nägel mit Köpfen: Auf dem Rücken ihres letzten Drachens Drogon bläst sie zum Angriff auf Königsmund. Und wer jetzt befürchtet, dass die Flugechse von Eurons tödlichen Riesen-Ballisten durchsiebt wird, unterschätzt wieder einmal die Plot Armor unserer Hauptcharaktere: Plötzlich trifft kein einziger abgefeuerter Pfeil mehr.

Im Gegenteil: Daenerys und Drogon, das dynamische Duo, vernichten mal so eben die gesamte Eiserne Flotte, die völlig irrelevante Goldene Kompanie (was für ein Haufen Lappen, bringen erst keine Elefanten mit und werden dann komplett vernichtet, ohne auch nur einen Schwertstreich getan zu haben) und jede einzelne Balliste auf den Wällen von Königsmund. Am besten nicht darüber nachdenken.

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Es lohnt sich noch nicht mal, den Namen von dem Typen hier nachzuschlagen.

Cerseis Truppen strecken die Waffen vor der feurigen Übermacht, die titelgebenden Glocken verkünden die Kapitulation von Königsmund – Daenerys hat es geschafft. Sie hat die Hauptstadt eingenommen, Cersei blickt von ihrem Turmfenster machtlos auf eine wehrlose Stadt, der Krieg ist vorbei. Verneigt Euch vor Eurer neuen Kö ... – doch was ist das?

Daenerys Targaryen ist genauso irre geworden, wie es ihre Gegner schon immer befürchtet haben, und legt die gesamte Stadt in Schutt und Asche, wird zur Völkermörderin, verschont in ihrem Wahn auch Frauen und Kinder nicht. Die Wandlung zum finalen Bösewicht von "Game of Thrones" ist damit abgeschlossen – und ich bin mir mittlerweile ganz sicher: Nächste Woche stirbt Daenerys Targaryen durch das Schwert – nämlich das von Jon Snow.

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Sich in seine größenwahnsinnige Tante zu verlieben, das kennen wir doch alle.

Hiroshima, Pompeji und 9/11

Nein, sonderlich geschmackvoll oder subtil ist es nicht, uns immer und immer wieder schreiende Menschen und brennende Leichen zu zeigen – Krieg ist schrecklich und raubt uns unsere Menschlichkeit, wollen uns die brachialen Flammenszenen wohl sagen, als bräuchten wir da noch einen Reminder.

Aber bei aller berechtigten Kritik an der Entwicklung von Daenerys Targaryen, die soeben zur grausamsten Kriegsverbrecherin in der Geschichte von Westeros geworden ist: das chaotische, hässliche Sterben in den brennenden Straßen Königsmunds, die Panik, das Entsetzen, das unendliche Leid unschuldiger Menschen – die blindwütige Zerstörung von Königsmund hatte eine Wucht, die ich schon lange nicht mehr bei "Game of Thrones" verspürt habe. Was wir hier gesehen haben, war nicht weniger als eine Apokalypse und so fühlte es sich auch an.

Ehre, wem Ehre gebührt: In Sachen Kameraführung, Schnitt, Sounddesign und Schauspielleistung war die vorletzte Folge großes, ganz großes Kino.

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Und plötzlich hat selbst Arya noch andere Emotionen als "Badass" und "Super-Badass".

Und anders als noch die läppische Schlacht um Winterfell vor zwei Wochen, hat dieses Gemetzel massive Konsequenzen: Cersei und Jaime sterben gemeinsam in der Krypta von Königsmund (also nix mit "Jaime will Cersei nicht retten, sondern töten"), die Clegane-Brüder Sandor und Gregor liefern sich endlich den von Fans so heiß ersehnten Cleganebowl und stürzen endgültig in den Serientod.

Nur Arya kommt mal wieder unbehelligt aus der Sache raus – da kann die staubige und blutverschmierte Maisie Williams noch so traumatisiert gucken, ich kann diese offenbar unsterbliche Killermaschine im Körper eines halbwüchsigen Mädchens einfach nicht für voll nehmen. Am Ende reitet sie auf einem weißen Pferd aus dem Bild und ich möchte dem Gaul persönlich die Sporen geben.

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Fehlt nur noch die Lebensleiste, dann wäre das hier ein astreiner "Dark Souls"-Bosskampf.

Daenerys dreht durch: Kam das wirklich überraschend?

Die Diskussion, ob der Wahnsinn und Niedergang von Daenerys Targaryen nur ein Einfall der Drehbuchschreiber in der letzten Sekunde war oder doch von langer Hand vorbereitet und angekündigt, wird sich wohl noch lange hinziehen. Ich verstehe, dass man als Dany-Fan nun händeringend nach einer Rechtfertigung für den eklatanten Sinneswandel dieser Figur sucht und auf ähnliche Szenen in der Vergangenheit verweist: Ließ sie denn nicht schon in der ersten Staffel eine Frau durch das Feuer hinrichten? Und dann später auch noch mal? Und die Tarlys und so? Eigentlich ist Daenerys irrer Blutdurst in dieser Folge doch nur konsequent, oder?

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Die "Guten" sind gar nicht so gut, Gerechtigkeit gibt es nicht – SO wollen wir "Game of Thrones"!

Ich finde: nein. Ja, es stimmt, Dany war immer eine stolze, impulsive und beizeiten sogar ziemlich arrogante Autoritätsperson, die auch vor drastischen Maßnahmen nicht zurückschreckte. Aber wenn sie Blut vergoss, dann aus der absoluten Überzeugung heraus, das Richtige zu tun. Und das Richtige, das war für sie, die Schwachen und Unschuldigen zu beschützen. Sie wollte keine Tyrannin sein, sondern eine weise und gerechte Mutterfigur, das war ihre Charaktermotivation in dieser Geschichte.

Und hätte sie, getrieben von Gewaltgeilheit und Rachegelüsten, nur die Rote Feste (und damit ihre Rivalin Cersei) pulverisiert, ich hätte keine Einwände. Der zehntausendfache und völlig irrationale Massenmord an der einfachen Bevölkerung ist aber auch durch ihre Targaryen-DNA weder erklär- noch entschuldbar und die finale Demontage ihres Charakters. Wir verabschieden uns von Daenerys Targaryen als psychopathisches Monster jenseits jeglicher Chance auf Wiedergutmachung – was für ein deprimierender Gedanke für Fans auf der ganzen Welt.

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Tja, wer mit Feuer spielt, verbrennt sich eben. Oder andere. Oder alles.

Fazit: Zerrissen wie Königsmund

Die letzten Auftritte vieler Fanlieblinge waren unterwältigend, jahrelang ausgelegte Story-Stränge führten ins Nichts und Daenerys ist von der Heilsbringerin zur Massenmörderin mutiert – schreiberisch war auch diese Folge ein einziges Debakel. Aber technisch waren "Die Glocken" eben auch absolut überragend und haben gezeigt, wie gut "Game of Thrones" sein könnte, ginge es mittlerweile noch um mehr als nur Schauwerte. Ich bewerte diese Folge also besser als den Totalausfall in der letzten Woche – aber jetzt will ich es eigentlich nur noch hinter mich bringen.

Einmal noch.

Noch ein paar lose Gedanken...

  • Dass das Volk der Dothraki praktisch untergegangen ist, wie die Macher selber zu Protokoll gegeben haben, spielt also keine Rolle mehr, ja? Die Unbefleckten stehen ja auch wieder in stattlicher Mannzahl da. Danke für nichts, Macher.
  • Euron hat nicht nur unverschämtes Glück, rein zufällig auf Jaime zu treffen, er ist auch weiterhin ein wandelndes Meme. "Ich bin der Mann, der Jaime Lannister getötet hat", feixt er am Ende einer sinnlosen Kampfszene. Niemanden interessiert's, Euron.
  • WARUM HAMPELT DAVOS SCHON WIEDER AN DER FRONT HERUM?!?
  • Finale Prognose: Jon tötet Dany und schickt sich danach selbst ins Exil im Norden, in Winterfell regiert Sansa mit Bran als Orakel (braucht man einfach) und Arya zieht wie ein Hobo durch die Welt.

TURN ON-Wertung: 2/5

Sendehinweis
Sky zeigt die achte Staffel von "Game of Thrones" ab dem 15. April parallel zur US-Ausstrahlung. Die letzte Season hat sechs Folgen in Spielfilmlänge.

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