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"Game of Thrones"-Review: Ganz Westeros blickt nach Winterfell

Sorgenvoller Blick: Werden alle "Game of Thrones"-Recaps so lang wie das hier? (Spoiler: Ja.)
Sorgenvoller Blick: Werden alle "Game of Thrones"-Recaps so lang wie das hier? (Spoiler: Ja.)

Der Winter ist da, Westeros ist vom Untergang bedroht und "Game of Thrones" geht endlich weiter! Mit der achten und letzten Staffel bewegen wir uns rasant aufs große Finale zu. Ab heute versorgen wir Dich jede Woche mit dem Recap zur jeweils aktuellen Folge – inklusive persönlicher Einschätzung und (manchmal) beknackter Theorien! Heute: Folge 1, "Winterfell".

Achtung, Spoiler!
Der folgende Artikel ist voller Spoiler zur ersten "Game of Thrones"-Folge von Staffel 8, "Winterfell". Weiterlesen also auf eigene Gefahr.

Game of Schach

In der ersten Folge der achten Staffel passiert gleichzeitig viel und wenig. Viel, weil wichtige Figuren quasi im Minutentakt große Wiedersehens-Szenen haben – manche Paarungen haben wir seit Jahren nicht mehr gesehen. Es wird spannend zu beobachten, ob alte Freundschaften halten oder neue Konflikte ausbrechen.

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Zumindest für die Starks ist Blut aber IMMER dicker als Wasser.

Und wenig, weil die eigentliche Handlung kaum voranschreitet. Die Mauer ist gefallen, der Nachtkönig und seine Armee aus Eiszombies fallen in Westeros ein und die Welt steht buchstäblich am Abgrund – aber vor dem großen Finale bringt das Drehbuch zunächst mal (fast) alle wichtigen Charaktere in Stellung. Mich hat die etwas gehetzte Abfolge von Einzelszenen an ein Schachspiel erinnert, in dem jede Figur ihre vorgesehene Position einnimmt, bevor es wirklich zur Sache geht.

Das ist angesichts der Masse an Protagonisten und Handlungssträngen verständlich, das hohe Tempo nimmt einigen emotional dramatischen Sequenzen aber viel von ihrer Tiefe. Unterm Strich ist der Auftakt der achten Staffel holprig und lässt die Brillanz von "Game of Thrones" nur vereinzelt anklingen. Aber gehen wir's der Reihe nach durch:

Familienzoff in Winterfell

Mit den Starks begann "Game of Thrones", und vielleicht wird es auch mit ihnen enden: In Winterfell treffen so viele entscheidende Figuren aufeinander, dass es fast wie ein Klassentreffen der Fan-Lieblinge wirkt. Wie erwartet, sind die knurrigen Nordmänner und sogar Jon Snows Schwestern Arya und Sansa alles andere als begeistert, eine völlig Fremde als ihre Königin zu akzeptieren, die auch noch mit zwei hochgefährlichen Drachen ankommt.

Hat der Norden nicht eben Jon Snow zum neuen König gewählt? Und als erste Amtshandlung rennt ihr neuer Regent zu irgendeiner dahergelaufenen Drachenkönigin und tritt seine Krone ab? Was aus Jons Sicht die einzige Möglichkeit ist, den Norden und ganz Westeros zu retten, wirkt auf seine Vasallen wie Schwäche. Und gerade Jon sollte wissen, wie schnell aus Verbündeten Feinde werden können – immerhin waren es seine eingeschworenen Brüder der Nachtwache, die ihm die Dolche in den Leib bohrten.

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Lyanna Mormont ist ein Liebling der Fans – zum Glück nimmt sie sich diesmal aber (vergleichsweise) zurück.

Speziell Sansa hegt tiefes Misstrauen gegenüber Daenerys und gibt sich keine große Mühe, ihre Abneigung zu überspielen. Ist ja schön, dass die Starks nun "die größte Armee der Welt" beherbergen dürfen, aber wie sollen sie tausende von Soldaten ernähren? Von zwei ausgewachsenen, heißhungrigen Drachen ganz zu schweigen. Dany wiederum registriert Sansas Spitzen sehr genau und zeigt ihren besten Gefriertemperatur-Blick – nein, diese beiden Ladys sind absolut keine Freundinnen. Was sich womöglich als fataler Fehler herausstellen wird, denn die Zeit für kleinliche Zickereien ist endgültig vorbei – der Winter ist da. Und nur das Rudel überlebt.

Drachenzähmen leicht gemacht

Apropos Drachen, die müssen in dieser Folge ja auch irgendwas zu tun bekommen. Und da noch keine Weißen Wanderer in Sicht sind, die per Feueratem zu Briketts verarbeitet werden, unternehmen Jon und Dany einen Spontanausflug mit den schuppigen Riesenechsen. Und hier verdrehte ich beim Gucken zum ersten Mal die Augen, denn die gesamte Drachenflug-Sequenz wirkte auf mich wie kalkulierter Fanservice. Zwei unserer Lieblingsfiguren reiten endlich zusammen auf Drachen – das sollte wohl erhebend und episch wirken, aber ich dachte die ganze Zeit nur an den Animationshit "Drachenzähmen leicht gemacht" und wie viel besser mir die Flugszenen da gefallen haben.

Und mal so nebenbei: Die neue Königin von Westeros und der (Eigentlich-nicht-mehr)-König des Nordens düsen mal eben mit unbekanntem Ziel ab, um vor malerischer Kulisse in Ruhe rummachen zu können? Während ganz Winterfell sich auf einen erbarmungslosen Krieg vorbereitet und straffe Organisation absolut überlebenswichtig ist? Wo speziell Daenerys in den Augen der Nordmänner unberechenbar und wenig vertrauenswürdig ist? Das gibt in Menschenführung eine glatte Sechs. Vielleicht solltet ihr eure heiß-kalten Kuschelstunden wirklich in den Feierabend legen, wenn das Tagewerk geschafft ist, Leute.

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Wenn uns das nicht in falscher Sicherheit wiegen soll, fress ich ´n Langschwert – das hält nie und nimmer.

Keine Zeit für große Emotionen

So viele Figuren, so wenig Zeit: Sansa sieht nach Jahren ihren Ex-Ehemann Tyrion wieder (und watscht ihn erst mal ab, dass er wohl kaum sonderlich clever sein kann, wenn er seiner Schwester Cersei vertraut, womit Sansa wiederum beweist, dass sie das Spiel um den Thron schon längst meisterhaft beherrscht), Arya und Jon spielen eine Runde "Mein Haus, mein Auto, mein Boot", aber mit Schwertern, und das Wiedertreffen zwischen Arya und dem Hund Sandor Clegane wird in ein paar Sekunden abgehandelt. Schade, denn gerade der Hund ist einer der komplexesten und vielschichtigsten Charaktere in "Game of Thrones".

Und ich hätte wahnsinnig gerne gesehen, wie er auf das Wiedersehen mit der jüngsten Stark-Tochter reagiert, die ihn immerhin erst ausgeraubt und dann zum Sterben zurückgelassen hat. Mein Tipp: Mit Wut und Rachegelüsten, aber einer Art widerwilligem Respekt, vielleicht sogar einem kleinen bisschen Bewunderung – Arya und der Hund sind zwei Killer, die alles tun würden, um zu überleben, was sie beunruhigend ähnlich macht. Aber ach: keine Zeit!

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Diese beiden haben viel voneinander gelernt, ob sie es sich eingestehen wollen oder nicht.

Wenigstens hat uns das vollgestopfte Skript Zeit gegeben, Samwell Tarlys Schmerz mitzufühlen, dessen Vater und Bruder von Daenerys Drachen geröstet wurden. Nicht nur, dass Schauspieler John Bradley ein weiteres Mal zeigen kann, dass er so manchen der Hauptdarsteller locker an die Wand spielen könnte, in dieser dramatischen Szene fühlte sich "Game of Thrones" endlich wieder wie früher an, mit all diesen faszinierenden Grautönen: Daenerys handelte so, wie sie handeln musste als selbst ernannte Königin, nämlich entschieden, streng und konsequent.

Und doch ermordete sie die unmittelbare Familie von Samwell, was diesen ganz sicher nicht zu ihrem größten Fan in Westeros macht. Es sind diese fast schon philosophischen Grundsatzfragen über Recht, Unrecht und alles dazwischen, die "Game of Thrones" aus der Masse generischer Fantasy heraushoben und von denen ich in den letzten fünf Folgen noch viel, viel mehr sehen will.

Du weißt alles, Jon Snow

Und als hätte er nicht gerade erst von der miesesten Barbecue-Party aller Zeiten erfahren, muss der arme Sam nun auch noch Jon Snow von seiner wahren Identität unterrichten – als Sohn von Lyanna Stark und Rhaegar Targaryen ist er der rechtmäßige Thronerbe von Westeros, was diese ganze König-des-Nordens-Sache dagegen irgendwie ein bisschen egal macht.

Genau hier bahnt sich doch schon der große Konflikt zwischen den Turteltauben Jon und Dany an, denn die Mutter der Drachen wird ihren vermeintlichen Anspruch auf den Eisernen Thron nie im Leben aufgeben, und wenn sie in Emo-Jon noch so verknallt ist – dafür ist sie zu weit gekommen, hat zu viel verloren, ist zu dicht dran an ihrem Ziel. Dieser Beziehungskrach wird, ganz buchstäblich, Tote fordern.

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Die Drachen spürten es schon immer: Der vermeintliche Bastard ist ein Targaryen.

Und zu guter Letzt trifft auch Jaime Lannister in Winterfell ein, der seiner Schwester den Rücken gekehrt hat und im Norden gegen die Bedrohung der Weißen Wanderer kämpfen will. Und wer sitzt da, als stummes Begrüßungskomitee? Natürlich Dr. Branhattan, Bran Stark. Ein bedeutungsschwangerer Blick zwischen den beiden – Bran weiß, dass es Jaime war, der ihn in Staffel 1 aus dem Fenster schubste und ihn so unwillentlich zum Dreiäugigen Raben machte.

Aber spielt das jetzt überhaupt noch eine Rolle? Oder war es gar Schicksal, von den Göttern vorherbestimmt und unveränderlich? Ich glaube nicht, dass Bran da sonderlich nachtragend ist, solche kleingeistigen Lappalien liegen hinter ihm. Ich denke sogar, dass Jaime zum wertvollsten Verbündeten der Starks werden kann – wenn sie ihn nicht an Ort und Stelle exekutieren. Aber das wird (hoffentlich) die nächste Folge zeigen.

Mein Recap auf YouTube

Noch länger, noch ausführlicher, noch ehrlicher:

Cersei kriegt keine Elefanten

Und wo wir gerade bei den Lannisters sind, Cersei hat ihre versprochenen Elefanten nicht bekommen, die Goldene Kompanie ist offenbar doch keine knallharte Elite-Einheit und um sich zumindest die Unterstützung von Euron Graufreud und seiner Flotte zu sichern, springt sie mit ihm in die Kiste. Blöd nur, dass in Cerseis Bauch bereits der nächste "Thronerbe" heranwächst, da ist für Eurons Saat kein Platz mehr.

Es ist im Interesse von Cersei und ihrem ungeborenen Kind, diese Tatsache möglichst lange vor dem durchgeknallten Euron zu verbergen – mit Patchwork-Familien haben es die Westerosi nicht so. Eurons Laune wird es auch nicht verbessern, wenn er erfährt, dass sein Neffe Theon die gefangene Asha befreien konnte, und zwar mit verdächtig wenig Gegenwehr. Der ganze Storystrang um Ashas Entführung und Theons Feigheit vor dem Feind – aufgelöst in zwei Minuten. Nicht zum ersten und bestimmt auch nicht zum letzten Mal muss sich die Serie fragen lassen: Wofür das Ganze?

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Die ganze Rettungs-Szene hat etwa zwei Minuten gedauert – und ich dachte, Eurons Männer wären eine echte Gefahr.

Aber so ganz ohne Cerseis Durchtriebenheit kommt auch diese Folge nicht aus: Während sie den Norden sich selber überlässt, verspricht sie Bronn eine Menge Geld, wenn dieser ihre Brüder Tyrion und Jaime umbringt – natürlich stilecht mit einer Armbrust, durch die ja bereits ihr aller gemeinsamer Vater Tywin den unschönen Tod auf dem Nachttopf fand. Bronn, durch und durch ein Söldner, nimmt den Blutjob anscheinend an – bei Geld hört die Freundschaft nun mal auf, selbst zu Tyrion. Ob Bronn die Sache durchzieht? Ich glaube: Ja – aber nicht Tyrion wird durch die Armbrustbolzen sein Ende finden, sondern Jaime. Nur so ein Bauchgefühl.

Wichtige Hinweise im Letzten Herd?

Sieh an: Beric Dondarrion und Tormund Riesentod haben den Einsturz der Mauer am Ende der letzten Staffel überlebt, treffen im Letzten Herd, dem Sitz des Hauses Umber, auf Eddison Tollett – und finden den jungen Lord Ned Umber, an die Wand genagelt und von abgetrennten Körperteilen umgeben. Er erwacht als Weißer Wanderer zum Leben, doch der Angriff auf Tormund misslingt: Von der reinigenden Kraft des Feuers in Form einer herkömmlichen Fackel berührt, geht der Mini-Zombie in Flammen auf.

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Okay, die Deko hier ist ein bisschen karg, aber die Lightshow ist der Hammer!

Die Spiralform an der Wand haben wir im Laufe der vergangenen Jahre und Staffeln immer wieder gesehen und gewisse Design-Parallelen zum Wappen der Targaryens sind unverkennbar – war der Nachtkönig einst ein Drachenreiter? Hat er Daenerys als Eiskönigin an seiner Seite auserkoren? Ich gebe an dieser Stelle eine ganz gewagte Prognose ab: Jon Snow ist Feuer (immerhin wurde er vom Herrn des Lichts berührt), Dany wird als Weiße Wanderin vom Tode zurückkommen – sie ist das Eis. Wartet es nur ab, Leute.

Fazit: Uneben wie der Norden

"Winterfell" war sicherlich keine durchgehend schlechte Folge, als Auftakt der achten und letzten Staffel ließ sie aber viel von der Kunstfertigkeit und Cleverness vermissen, die "Game of Thrones" so lange ausgemacht hat. Ich hoffe, dass das Vorgeplänkel jetzt vorbei ist und seit Jahren ausgelegte Story-Fährten endlich an ein Ziel führen. Für die nächste Folge wünsche ich mir weniger Figuren-Karussell, mehr Zeit für wichtige Einzelszenen und die ersten richtigen Schocker – und die werden kommen, ganz sicher ...

Und dieses Ding hier wird am Ende völlig bedeutungslos sein – wetten...?

Noch ein paar lose Gedanken...

  • Tyrion macht schon wieder einen plumpen Witz über Hoden und ich vermisse einen Charakter, der mal wirklich clever und wortgewandt war.
  • Wie kommen die sonnenverwöhnten Dothraki eigentlich mit der Kälte im Norden klar? Egal? Offenbar. Schade.
  • Arya lässt sich von Gendry ist eine Super-Mega-Spezial-Waffe schmieden und mein Puls geht hoch. Terminator-Arya ist meine absolute Hassfigur in der Serie.
  • Was stand auf dem Zettel, den Sansa so aufmerksam las?
  • Und was treibt eigentlich Melisandre gerade ...?
  • Geil, ein neuer Vorspann! Ein bisschen Gänsehaut.

TURN ON-Wertung: 2/5

Sendehinweis
Sky zeigt die achte Staffel von "Game of Thrones" ab dem 15. April parallel zur US-Ausstrahlung. Die letzte Season hat sechs Folgen in Spielfilmlänge.

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