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"Game of Thrones"-Review: GZSZ in Westeros

So kurz vor dem Ziel: Daenerys und ihr Drachen sehen dem Ende entgegen.
So kurz vor dem Ziel: Daenerys und ihr Drachen sehen dem Ende entgegen.

Der Nachtkönig ist besiegt, die Lange Nacht überstanden – und "Game of Thrones" steht ganz kurz vor dem großen Finale. Nachdem schon die vorherige Folge für hitzige Diskussionen sorgte, spaltet auch "Die letzten Starks" die Gemüter: Es gibt jede Menge Liebesszenen, tränenreiche Abschiede und ein bisschen Sex. Willkommen zu GZSZ in Westeros!

Achtung, Spoiler!
Der folgende Artikel ist voller Spoiler zur vierten "Game of Thrones"-Folge von Staffel 8, "Die letzten Starks". Weiterlesen also auf eigene Gefahr.

Die "Schlacht um Winterfell" der vergangenen Woche ist geschlagen, die Lebenden haben gesiegt, und der Nachtkönig nebst eisiger Entourage ist endgültig zu Pulverschnee verarbeitet – wer gehofft hatte, dass der irritierend leichte Sieg über die vermeintlich unbesiegbaren Weißen Wanderer nur eine Finte war, muss diese Hoffnung mit der aktuellen Episode begraben. Die Längste Nacht, auf die der Nachtkönig 8.000 Jahre (!) hingearbeitet hat, war eben nur das – eine einzige Nacht.

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Kein Grund für Trübsal: Alle Hauptcharaktere leben ja noch.

Und die hat Tote gefordert, Tausende. Unsere Helden, die allesamt wie durch ein Wunder (oder eher: ein hanebüchenes Skript) unverletzt sind, verbrennen die Gefallenen auf riesigen Scheiterhaufen. Es ist erstaunlich, wie aufgeräumt es wieder vor den Toren Winterfells aussieht, denn auf dem gefrorenen Boden müssten überall noch Leichenberge herumliegen. Solche Details spielen in der letzten "Game of Thrones"-Staffel aber keine große Rolle mehr. Kurz vor dem Ende geht es nur noch um eines: die ganz großen Gefühle.

Wer mit wem?

Die Starks und ihre Verbündeten begießen ihren so unwahrscheinlichen Sieg mit jeder Menge Wein, die Stimmung ist gelöst. Selbst Daenerys lässt sich von der guten Laune anstecken und legitimiert Gendry vor versammelter Mannschaft als rechtmäßigen Lord von Sturmkap. Wildfang Arya (die, um es kurz ins Gedächtnis zu rufen, vergangene Woche nahezu im Alleingang die Menschheit vor dem Untergang gerettet hat, was aber offenbar niemand bemerkenswert findet) lässt sich von einem schicken Titel nicht beeindrucken und lehnt Gendrys Vermählungsantrag mit einem innigen Kuss ab. Arya wird, wenn der ganze Wahnsinn endlich vorbei ist, die Welt bereisen – eine Zukunft als treusorgende Lady irgendeines Steinhaufens ist ihr ein Graus.

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Arya Stark: Frei und ungebunden, Knutschen findet sie so "okay".

Eine andere Paarung, die von vielen Fans seit Jahren heiß ersehnt wird, ist nun offiziell: Jaime und Brienne landen in der Kiste. Jaime leitet den Sex allen Ernstes mit "Huch, ist das aber heiß hier!" ein – und ich frage mich kurz, ob ich aus Versehen eine "Game of Thrones"-Parodie angemacht habe. War nicht schon Briennes Ritterschlag in der vorletzten Woche der emotionale Höhepunkt dieser Beziehung? Was haben wir mit dem holprigen Gefummel der beiden gewonnen? Geht es wirklich nur noch um Fanservice?

Auch Jaime ist mit der Entwicklung dieses einstmals faszinierenden Storystrangs nicht glücklich und reist überstürzt nach Königsmund ab, um seiner Schwester Cersei beizustehen. Das aber macht seine gesamte Charakterentwicklung der vergangenen Jahre auf einen Schlag zunichte. Für mich gibt es keinen Zweifel mehr: Die Macher der TV-Show haben die Bücher nicht annähernd verstanden!

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Das ist vermutlich das letzte Mal, dass die Lannister-Brüder so einträchtig zusammensitzen.

Und plötzlich: Bronn

Bevor Jaime abdampft, hat er noch eine kurze Szene mit seinem Bruder Tyrion. Das traute Beisammensein wird durch Bronn gestört, der sich von Königsmund nach Winterfell teleportiert hat und die beiden ungleichen Brüder nun mit seiner Armbrust bedroht – er will Rosengarten, dann verzichtet er auf das saftige Kopfgeld, das ihm Cersei versprochen hat. Die Lannisters willigen ein und lassen Bronn wieder ziehen, wohin auch immer. Und mir läuft so langsam das Gehirn aus dem Schädel: Warum lässt ihn der ach so clevere Tyrion nicht an Ort und Stelle in eine Zelle werfen? Immerhin hat Bronn die Hand der Königin bedroht, macht keine Anstalten, für die Guten zu kämpfen, und hat keinerlei Druckmittel, seine unverschämte Forderung durchzusetzen. Von seiner doofen Armbrust mal abgesehen. Logik und rationales Vorgehen sind zusammen mit dem Nachtkönig in Winterfell untergegangen.

Natürlich müssen wir noch über DIE Szene sprechen: Daenerys spürt, dass sie von den Nordmännern und -frauen weiterhin als Außenseiterin angesehen wird. Und dann ist da ja dieses Detail um Jon Snows wahre Identität als legitimer Thronfolger – das trübt die Partystimmung ein bisschen, aber darauf kann ich mich kaum konzentrieren. Denn tatsächlich, alle Memes und Gags aus dem Internet waren zutreffend: Da steht er, direkt vor der Mutter der Drachen – ein Starbucks-Becher. Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass diese einstmals so wasserdicht geschriebene und makellos inszenierte Serie nur noch ein fahler Schatten ihrer selbst ist: Das ist er. Mein Herz tut weh.

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Guckt mal lieber nach, ob da hinten im Bücherregal nicht noch ein Pizza-Flyer rumliegt.

Alle spielen Stille Post

Es wäre übrigens wunderbar, wenn Jon Snow diese Thronfolger-Sache vergessen würde. Denn das bringt irgendwie nur Unruhe in den Haufen, findet Dany. Und überhaupt, das macht ihren ganzen Feldzug total kompliziert. Jon solle am besten einfach die Klappe halten. Er ist vielleicht nicht der Cleverste, aber Jon ist kein Lügner: Zumindest seinen Schwestern Arya und Sansa muss er die Wahrheit sagen.

Nun wissen es also alle vier Stark-Kinder, Sansa erzählt es kurz darauf brühwarm Tyrion, Tyrion steckt es Varys, und ich fühle mich an heitere Runden Stille Post im Kindergarten erinnert. Jon Snows wahre Identität als Aegon Targaryen ist nun acht Leuten bekannt, was Varys zutreffend zusammenfasst: Das ist kein Geheimnis mehr, sondern eine Information. Und zwar eine hochbrisante, denn die selbst ernannte Königin von Westeros hat keinen Anspruch mehr auf den Eisernen Thron. Tyrion hält ihr weiter die Treue, Varys hingegen denkt halblaut über Hochverrat nach – hier bahnt sich der nächste Konflikt an.

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Hier denkt jeder im Stillen darüber nach, wann alles so furchtbar schief gelaufen ist.

Weißt Du noch, als die Drachen eindrucksvoll waren?

Dany, von Tatendrang erfüllt, bricht nach Drachenstein auf, um von dort den letzten Vorstoß gegen Cersei zu wagen. Der majestätische Flug auf Drogon neben Rhaegal findet aber ein jähes Ende, aus dem Nichts wird die Flugechse von Pfeilen durchbohrt und stürzt leblos ins Meer: Euron hat sich mit seiner Flotte hinter einem Berg versteckt und feuert seine massiven Eisenlanzen ab.

20 gigantischen Pfeilen auszuweichen? Für Drogon kein Problem ... fullscreen
20 gigantischen Pfeilen auszuweichen? Für Drogon kein Problem ...
Auf ihn mit Gebrüll! fullscreen
Auf ihn mit Gebrüll!
20 gigantischen Pfeilen auszuweichen? Für Drogon kein Problem ...
Auf ihn mit Gebrüll!

Bevor es zu brenzlig wird, fällt den Drehbuchschreibern D. B. Weiss und David Benioff gerade noch ein, dass Daenerys ein wichtiger Hauptcharakter ist. Also trifft sie fortan kein einziger Pfeil mehr, auch wenn sie ohne jede Deckung vor Eurons versammelter Armada herumflattert. Ich blicke auf die Uhr und frage mich, wann es endlich vorbei ist.

Und was macht Cersei? Das Übliche: überheblich grinsen und weiter an ihrem Untergang basteln. Ein Friedensangebot von Daenerys, stellvertretend vorgetragen von Cerseis verhasstem Bruder Tyrion, lehnt sie auf ihre Art ab: Sie macht die gefangene Missandei einen Kopf kürzer. Außerdem ist sie ja nicht blöd und befiehlt einen sofortigen Pfeilhagel auf Dany, Tyrion und den sinnlos im Hintergrund lümmelnden Drogon – und damit hat sie den Krieg im Handstreich gewonnen, bevor er richtig losgegangen ist!

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Er will nur seinen Spaß, sie will ihre flammende Rache – eine ganz normale Beziehung eben.

Haha, nein, Scherz. Cersei tut nichts dergleichen, sondern zieht sich, immer noch grinsend, in die vermeintlich sicheren Mauern von Königsmund zurück. So, als hätte sie nicht soeben eine absolute Großchance verstreichen lassen. Wir müssen ja noch zwei Episoden füllen.

Fazit: Wir humpeln dem Ziel entgegen

Cersei ist der Endboss in "Game of Thrones", die existenzielle Bedrohung durch die Weißen Wanderer spielt keine Rolle mehr und die kunstvolle Cleverness dieser ganzen Geschichte ist nur noch eine wehmütige Erinnerung an bessere Tage: Ich kann nicht glauben, dass ich das hier schreibe, aber ich will es nur noch hinter mich bringen. Und habe schlimme Flashbacks an eine gewisse andere Serie:

"Now you are truly Lost."

Noch ein paar lose Gedanken...

  • Seit ein paar Folgen zeigt Emilia Clarke, was sie kann – der ewige Vorwurf, sie sei eine schlechte Schauspielerin, ist mittlerweile wirklich unangebracht.
  • Der Nachtkönig hat mit seinem Eisdrachen ein riesiges Loch in den Befestigungswall von Winterfell gerissen, solltet ihr euch nicht erstmal darum kümmern, bevor ihr den Wein anstecht?
  • Jon Snow schickt Ghost einfach so mit Tormund Richtung Norden? Ey, ihr Macher, ihr wisst schon, dass die Grauwölfe keine normalen Hunde sind, sondern eine spirituelle Verbindung zu ... ach, wisst ihr was? Auch egal jetzt.
  • Welche "letzten Dothraki"? Welche Unbefleckten? Danys Armeen sind restlos vernichtet, das haben die Macher im Interview selbst gesagt! Ich gebe auf.

TURN ON-Wertung: 1/5

Sendehinweis
Sky zeigt die achte Staffel von "Game of Thrones" ab dem 15. April parallel zur US-Ausstrahlung. Die letzte Season hat sechs Folgen in Spielfilmlänge.

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