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"Gemini Man"-Kritik: Action von gestern, Technik von morgen!

Der doppelte Will Smith in "Gemini Man" (zum Glück tritt keines seiner Kinder auf).
Der doppelte Will Smith in "Gemini Man" (zum Glück tritt keines seiner Kinder auf).

Es ist wie eine Reise zurück in die 90er: "Gemini Man", das neue Actionspektakel von Meisterregisseur Ang Lee mit Will Smith in der Doppel-Hauptrolle, fühlt sich an wie ein Film aus dem vergangenen Jahrtausend – bietet aber modernste Tricktechnik und knackscharfe High-Frame-Rate-Optik. Warum das einen sehr altmodischen, aber nicht unbedingt schlechten Film ergibt, liest Du in unserer Kritik.

Früher war alles besser! Oder doch nicht?

Ein persönliches Geständnis: Ich habe auf die meisten Actionfilme keine große Lust mehr. Wenn Action heutzutage bedeutet, dass die Hälfte des Films aus dem Rechner kommt, dass alle paar Minuten etwas explodiert und am Ende mal wieder die ganze Welt gerettet werden muss – denn sonst wäre es ja nicht "episch", auch wenn dieses Wort mittlerweile völlig entwertet ist –, dann bin ich raus. Aber das war mal anders. So zur Jahrtausendwende etwa.

Da kamen Filme heraus, die mittlerweile als Klassiker gelten. Brian De Palmas "Mission: Impossible" beispielsweise, "Face/Off" von John Woo und der bahnbrechende Thriller "Die Bourne Identität", der 2003 eine neue Ästhetik im Actiongenre etablierte. Schaut man sich die Streifen heute an, ist es fast rührend, wie zurückgenommen und irgendwie klein die Action-Blockbuster von gestern wirken – wenn man sie der Marvel-Gigantomanie von heute gegenüberstellt.

Ein Mann rennt: Basis und Grundlage für den Actionfilm an sich.

Will Smith vs. Will Smith

Was das alles mit "Gemini Man" zu tun hat? Nun, der neue Actionfilm des Oscar-prämierten Regisseurs Ang Lee (unter anderem "Tiger & Dragon", "Brokeback Mountain", "Life of Pi") fühlt sich wie einer dieser Filme von früher an. Ich empfand ihn als angenehm zurückgenommen und straff inszeniert, seine Story ist erfrischend simpel: Will Smith spielt den Auftragsmörder Henry Brogan, der seinen blutigen Job hinschmeißen will. Seine Auftraggeber wollen das nicht akzeptieren und hetzen ihm einen Klon seiner selbst (wieder Will Smith, dank Computer-Magie um 20 Jahre verjüngt) auf den Hals. Zusammen mit der Agentin Danny (Mary Elizabeth Winstead) rennt, springt und ballert er um sein Leben, immer auf der Flucht vor seinem jüngeren Ich.

Das klingt nicht sonderlich originell und ist es auch nicht. In "Looper" von Regisseur Rian Johnson wollte 2012 ein junger Bruce Willis seinem alten Ich ans Leder, im Prinzip kennen wir das also schon. "Gemini Man" verzichtet aber auf jeden Zeitreise-Schnickschnack und umgeht damit elegant die unvermeidlichen Logikfallen. Stattdessen dampft er seine Story auf die Basics runter, verzettelt sich nicht in sinn- und ziellosen Subplots und hält sogar die Balance zwischen Action und Charaktermomenten. Vor allem zu Mary Elizabeth Winstead hat Will Smith offenkundig einen guten Draht – die beiden harmonieren miteinander, unterstützen sich gegenseitig und bringen gelegentlich einen Schuss Lockerheit auf die Leinwand, die dieser hanebüchenen Geschichte nur guttut.

Übrigens auch mal schön, dass nicht jedes Leinwandpaar auch ein Liebespaar werden muss.

Spektakulär unspektakulär

Aber okay, lass uns noch einmal über die Action reden. Wirklich bombastische Sequenzen kannst Du nicht erwarten, "Gemini Man" hat weder den Schauwert eines Marvel-Movies noch so ultrakrasse Kampfeinlagen wie ein "John Wick"-Film. Am besten hat mir eine Szene gefallen, in der der junge Will Smith sein Motorrad als Waffe benutzt – ich fühlte mich an den jungen Jackie Chan erinnert, der schon 1997 fiese Lumpen mit einer Leiter verdroschen hat.

Apropos junger Will Smith: Kritiker des Films lassen an der Tricktechnik kein gutes Haar, der digital verjüngte Smith würde extrem künstlich und unecht wirken. Und es stimmt, perfekt sind die Spezialeffekte wirklich nicht – aber trotzdem deutlich überzeugender als etwa der CGI-Jeff Bridges im misslungenen "Tron Legacy" von 2010. "Gemini Man" hat mich sogar ziemlich beeindruckt.

Natürlich, ein künstlich generiertes Gesicht sieht stets eine Spur zu weich aus, als habe es einen minimalen Schimmer. Die Augen bewegen sich heute immer noch einen Bruchteil zu langsam, um als echt durchzugehen. Wir sehen den Unterschied einfach. Aber trotzdem: Lange dauert's nicht mehr, dann werden wir nicht mehr auf einen Blick sagen können, welcher Schauspieler aus dem Rechner kommt und welcher echt ist.

Vielleicht braucht bald kein Regisseur mehr durchs Gras zu krabbeln, macht dann alles der Computer.

In den ganzen Disney-Remakes wie "König der Löwen" sehe ich außerdem zu keiner Sekunde echte Viecher auf der Leinwand, jedes einzelne Fellhaar ist computeranimiert. Das scheint die Zuschauer auch nicht großartig zu stören, wenn man sich allein das Einspielergebnis von "König der Löwen" ansieht. Und wer einen kompletten CGI-Zoo akzeptiert, wird das ja wohl auch bei Will Smith können. Immerhin beschert uns moderne Tricktechnik quasi ein Wiedersehen mit dem Prinzen von Bel Air! Nur, dass er diesmal eben als Killer unterwegs ist – was der Serie damals eine völlig neue Wendung gegeben hätte, aber ich schweife ab.

"I got into one little fight and my mom got scared, so here I am, hunting my older self. Huh."

Sieht das nun billig oder total geil aus?

"Gemini Man" ist der erste Film, den ich in HFR3D gesehen habe. HFR steht für High Frame Rate: Während Filme normalerweise mit 24 Bildern pro Sekunde abgespielt werden, liefert HFR 48 und mehr Bilder pro Sekunde. "Gemini Man" läuft als erster Film sogar mit 60 Bildern pro Sekunde. Was sicherlich nicht nach jedermanns Geschmack ist: Filme in HFR sehen so gestochen scharf und detailliert aus, dass die Künstlichkeit ein bisschen verloren geht.

Klingt erst mal paradox, denn das ist doch eigentlich der Wunschtraum von Filmfans, oder? Viele Zuschauer fühlen sich aber bei HFR-Filmen an den Look billiger Telenovelas erinnert. Das Bild wirkt weniger bearbeitet, nicht so artifiziell, sondern fast dokumentarisch nüchtern. Es gab einige Szenen in "Gemini Man", in denen ich beinahe das Gefühl hatte, beim Dreh dabei zu sein. So plastisch und authentisch wirkte das Bild. Daran muss man sich gewöhnen, mich hat der Look noch mehr in den Film hineingezogen.

Okay, vielleicht habe ich mich nicht ganz so nahe gefühlt.

"Gemini Man" kommt 15 Jahre zu spät

Ein Meisterwerk ist "Gemini Man" nicht geworden, dafür ist die Story inklusive familienfreundlichem Happy End zu absehbar. Und wirklich in den Sitz pressen kann einen dieser Film auch nicht. Die extremen Verrisse halte ich aber für überzogen – zumal in einer Zeit, in der bestenfalls durchschnittliche Blockbuster wie "Wonder Woman" und "Black Panther" zu Sensationen hochstilisiert werden.

"Gemini Man" ist ein Film, der rund 15 Jahre zu spät kommt, um wirklich Eindruck zu hinterlassen. Dafür erschlägt er den Zuschauer nicht mit Bombast. Die Actionszenen sind ein filmisches Werkzeug, aber nicht bloßer Selbstzweck. "Gemini Man" ist eine Zeitkapsel aus einer Ära, in der alles eine Spur kleiner, unaufgeregter und deswegen nicht so anstrengend war. Ich empfehle Dir den Kinobesuch, wenn Dir moderne Action-Blockbuster zu laut und zu krawallig sind. Und natürlich, wenn Du schon immer sehen wolltest, wie Will Smith sich selber verkloppt, als wollte er sich rückwirkend für "After Earth" bestrafen.

Alternativ kannst Du auch auf das unvermeidliche Reboot von "Der Prinz von Bel Air" warten.

Freundlicher Reminder, dass Will Smith in einer Folge fast erschossen wurde und Carlton dann mit geladener Waffe herumlief, und am Ende haben alle geweint, weil es so dramatisch war. Google es.

Starttermin
"Gemini Man" läuft ab dem 3. Oktober im Kino.

Gemini Man
Gemini Man
  • Datenblatt
  • Genre
    Action, Science-Fiction
  • Laufzeit
    1 Stunde 57 Minuten
  • Release
    3. Oktober 2019
  • FSK
    ab 12
TURN ON Score:
3,0von 5
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