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"Im hohen Gras"-Kritik: So bizarr kann Stephen King sein

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Das schafft nur Stephen King: Hier ist sogar ein einfaches Grasfeld unheimlich.

Okay, welche Geschichte von Stephen King wurde denn noch NICHT verfilmt? Für Netflix versucht sich "Cube"-Regisseur Vincenzo Natali an der Novelle "Im hohen Gras". Warum das Horror-Experiment nicht vollständig geglückt ist, dafür aber mit ein paar bizarren Albtraumbildern punkten kann, liest Du hier.

Kein King-Film wie jeder andere

Ich muss direkt vorwegschicken: Die Novelle "Im hohen Gras", auf der dieser Netflix-Horrorfilm basiert und die Stephen King zusammen mit seinem Sohn Joe Hill geschrieben hat, habe ich bislang noch nicht gelesen. Ich habe also keine Ahnung, wie sich die Verfilmung gegenüber der literarischen Vorlage schlägt – wahrscheinlich fehlen ein paar Details, dafür wurden andere Sequenzen erweitert, wie das halt so ist, wenn man ein Buch verfilmt.

"Im hohen Gras" fasziniert mit einer skurrilen Prämisse und surreal-blutigen Schockerszenen, kränkelt aber an nur okayen Schauspielern und einer dann doch recht dünnen Story, die selbst für die straffe Laufzeit von rund 100 Minuten beizeiten gestreckt wirkt. Aber der Film ist auch schön böse, dreht gerade zum Ende hin völlig ab und langjährige Stephen-King-Fans wie ich entdecken quasi in jeder Einstellung einen Verweis auf frühere Werke des Meisters und zahlreiche andere Horrorfilme. Ich kann ihm also einfach nicht böse sein.

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Eine einsame Kirche mitten im Nirgendwo? Mädel, mach, dass du wegkommst!

Schon Mama wusste: Gras ist nicht gut für Dich!

Die Geschwister Becky und Cal Demuth (Avery Whitted und Laysla De Oliviera) sind mit dem Auto unterwegs und legen an einer alten, abgelegenen Kirche eine kleine Pause ein. Und dann hören sie, wie aus dem wogenden Grasfeld, das direkt an der Straße liegt, ein kleiner Junge um Hilfe ruft. Den beiden kommt die Sache seltsam vor, aber einem Kind muss man nun mal helfen – Becky und Cal treten ins hohe Gras. Und das stellt sich als der schlimmste Fehler ihres Lebens heraus.

Denn mit diesem Gras stimmt etwas nicht. Kaum haben sie das undurchdringliche Meer aus Grün betreten, verlieren sich die beiden aus den Augen. Auf bizarre Art verändert sich fortwährend die Entfernung zwischen Becky und Cal, mal sind sie sich ganz nahe, dann wieder unüberbrückbar weit entfernt. Orientierungslos stolpern die Geschwister durch die grüne Hölle und geraten zunehmend in Panik.

Doch sie sind nicht die Einzigen, die aus dem Gras nicht mehr herausfinden: Sie treffen auf den kleinen Tobin (Will Buie Jr.), dessen Hilferufe den ganzen Schlamassel erst ausgelöst haben und der augenscheinlich schon sehr, sehr lange dort gefangen ist. Und auf seinen Vater: den freundlichen Ross (Patrick Wilson mit scharfem Porno-Schnurrbart), der vielleicht doch nicht so freundlich ist, wie es zunächst scheint.

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"Was denn? Kein guter Look? Übrigens, ich bin Investment-Banker und leugne den Klimawandel."

Die Charaktere bleiben flach

Regisseur Vincenzo Natali schafft es, die Orientierungslosigkeit und Verwirrung seiner Protagonisten auf den Zuschauer zu übertragen. Das liegt allerdings nicht unbedingt daran, dass das Skript sonderlich geschliffen wäre, eher im Gegenteil. Alle handelnden Figuren sind viel zu wenig ausgearbeitet, als dass uns ihr (oftmals recht blutiges) Schicksal wirklich berühren könnte. Die Folge: Sie bleiben bis zum Schluss blass, fast beliebig.

Die löbliche Ausnahme stellt Patrick Wilson dar – er spielt tapfer gegen sein Saubermann-Image an und hat sichtlich Spaß, im Minutentakt zwischen besorgtem Familienvater und durchgeknalltem Psycho zu wechseln. So ganz kann ich ihm den brandgefährlichen Irren aber nicht abnehmen: Ihm fehlt das letzte Quäntchen Intensität, dieser fieberhafte Wahn in den Augen, um sich im Pantheon der größten Horrorfilm-Wahnsinnigen zu verewigen. Vielleicht liegt's auch daran, dass ich ihn in zu vielen Rollen als netten Allerweltstypen gesehen habe, aber ich kaufe ihm den brutalen Bösewicht einfach nicht ganz ab.

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Die anderen Darsteller sehen zu, wie ihnen die Show gestohlen wird.

Bizarr, fies und surreal wie Horror in den 80ern

Was hat mir dann an dem Film gefallen? Dieser herrlich furchtlose, fast schon anarchische "Wir machen das jetzt einfach!"-Spirit, den "Im hohen Gras" zu jeder Sekunde atmet. Wer sich an den cleanen, überraschungsarmen und leicht verdaulichen Jumpscare-Horror der letzten Jahre gewöhnt hat, von "The Conjuring" über "Lights Out" bis hin zu "Slenderman" und wie sie alle heißen, der hat an diesem Film hier wahrscheinlich lange zu kauen.

Story und Inszenierung gleiten schnell ins Surreale ab, in dem alles einer Traumlogik folgt. Eine einleuchtende Erklärung für das bizarre Geschehen im Gras gibt's nicht, ebenso wenig wie eine klassische narrative Struktur. Wer seinen Grusel traditionell bevorzugt, mit einem klar definierten Antagonisten und nachvollziehbarer Erklärung, dürfte hier schon nach kurzer Zeit genervt abschalten. Ich hingegen fühlte mich an die Hochphase des Horrors in den 80ern erinnert, als keine Idee zu abgedreht war, um sie auf die Leinwand zu bringen.

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Der kleine Tobin (Will Buie Jr.) weiß was. Oder vielleicht nicht. Das verdammte Gras.

Stephen King: Die Referenz: Der Film

Als langjähriger Fan von Horror im Allgemeinen und Stephen King im Speziellen war "Im hohen Gras" außerdem wie eine einzige Wundertüte der Referenzen für mich. Es gibt so viele Verweise auf andere Bücher und Filme aus dem Genre: Das wogende Gras erinnert an die endlosen Maisfelder in Kings eigener Geschichte "Kinder des Zorns", der angedeutete kosmische Schrecken machte schon den Fiebertraum "N." so unheimlich. Eine ähnliche Figur wie den einstmals netten, nun aber brandgefährlichen Familienvater Ross hatte King schon im Roman "Desperation" in Gestalt des besessenen Cops Collie Entragian. Und der eigentliche Plot ist ein wilder Mix aus dem Zeitreise-Thriller "Triangle" und dem Science-Fiction-Kulthit "Cube" von 1997.

Eine gewisse thematische Verbundenheit zwischen "Im hohen Gras" und "Cube" ist dabei übrigens kein Zufall, denn beide Filme stammen von Regisseur Vincenzo Natali. Sein größter kommerzieller Erfolg war 2009 der Sci-Fi-Horrorfilm "Splice" – mainstream-tauglich sind seine Filme aber nach wie vor nicht. Vielleicht wäre "Im hohen Gras" in den Händen eines anderen Regisseurs besser geworden. Aber immerhin saß mit dem US-Kanadier einer auf dem Regiestuhl, der wirklich keine Angst vor skurrilen Experimenten und sperriger Dramaturgie hat.

Somit ist "Im hohen Gras" leider nicht der ganz große Wurf geworden. Fans von Stephen King und alle, die sich von einer ungewöhnlichen Erzählweise und der bizarren Rahmenhandlung nicht abschrecken lassen, bekommen hier aber immerhin einen kleinen, eigensinnigen und unbequemen Horror-Thriller, der sich vom weichgespülten Massenmarkt angenehm abhebt. Mit viel Sympathie drei Punkte.

Im hohen Gras
Im hohen Gras
  • Datenblatt
  • Genre
    Horror
  • Laufzeit
    1 Stunde 41 Minuten
  • Release
    4. Oktober 2019
  • FSK
    ab 16
TURN ON Score:
3,0von 5
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