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Kein Signal: Wieso "Black Mirror" in Staffel 5 schwächelt

Mit drei neuen Episoden startet "Black Mirror" wieder auf Netflix durch. Aber lohnt sich Staffel 5?
Mit drei neuen Episoden startet "Black Mirror" wieder auf Netflix durch. Aber lohnt sich Staffel 5?

Darauf haben Fans lange gewartet: Anfang Juni startet Staffel 5 von "Black Mirror". Ich durfte mir die neuen Folgen vorab ansehen – und habe langsam aber sicher das Gefühl, dass die Serie ihren Zenit überschritten hat.

Achtung, Spoiler!
Wer Staffel 5 von "Black Mirror noch nicht gesehen hat, sollte sich auf leichte Spoiler gefasst machen.

Ein Wermutstropfen vorweg: Die Staffel besteht nur aus drei Folgen. In "Striking Vipers", "Smithereens" und "Rachel, Jack und Ashley Too" werden laut Netflix "drei neue Geschichten über eine Zukunft" erzählt, "die wir hätten kommen sehen müssen". Nach wie vor beschäftigt sich die Anthologie-Serie mit dem Einfluss von Technik auf unsere Gesellschaft und entwirft in voneinander unabhängigen Episoden düstere Zukunftsszenarien.

Wiederholt sich "Black Mirror" selbst?

Ich kann es kaum erwarten, die Folgen anzuschauen. Doch schnell merke ich, dass etwas anders ist. Fesselte mich "Black Mirror" bislang immer an den Bildschirm, ertappe ich mich nun dabei, wie ich mich zwischendurch langweile. Ich muss mich regelrecht dazu zwingen, meine Aufmerksamkeit nicht einem kleineren Screen zuzuwenden. An den Schauspielern liegt es bestimmt nicht. Die Macher sicherten sich für ihre fünfte Season echte Hollywoodstars: von "Avengers"-Star Anthony Mackie über Moriarty-Darsteller Andrew Scott aus "Sherlock" bis zu Popsternchen Miley Cyrus.

Ob vielleicht deshalb kein Geld für weitere Episoden da war? Vielleicht. Aber ich vermute, dass "Black Mirror"-Schöpfer Charlie Brooker nach inzwischen 22 Episoden – für fünf Staffeln eigentlich überschaubar – und einem Film einfach die Ideen ausgehen. Denn was in den Folgen passiert, scheint größtenteils nur ein müder Abklatsch von Storys zu sein, die wir in ähnlicher Form und vor allem besser gesehen haben.

"Striking Vipers": Flucht in die virtuelle Realität

Nehmen wir zum Beispiel die Episode "Striking Vipers". Anthony Mackie spielt Danny, einen Familienvater in der Midlife-Crisis, der sich gemeinsam mit seinem Kumpel Karl in die virtuelle Realität seines Lieblingscomputerspiels flüchtet. Dort erlebt er Gefühle, die er in seinem echten Leben vermisst. Etwas Ähnliches mit einem sehr viel spannenderen Dreh haben wir allerdings schon in "San Junipero" (Staffel 3, Episode 4) gesehen.

Optisch erinnert "Striking Vipers" stark an "Das transparente Ich" (Staffel 1, Folge 3), in dem ein Ehepaar seine schönsten gemeinsamen Stunden durch ein implantiertes Gedächtnis immer wieder erleben kann. In diesem Zustand liegen sie starr und mit leeren, getrübten Augen im Jetzt. Ähnlich sieht es aus, wenn Danny und Karl mithilfe ihrer speziellen Kontaktlinsen in die virtuelle Welt abtauchen.

Danny (Anthony Mackie) und Karl (Yahya Abdul-Mateen II) ... fullscreen
Danny (Anthony Mackie) und Karl (Yahya Abdul-Mateen II) ...
... werden zu lebensechten Videospielcharakteren. fullscreen
... werden zu lebensechten Videospielcharakteren.
Danny (Anthony Mackie) und Karl (Yahya Abdul-Mateen II) ...
... werden zu lebensechten Videospielcharakteren.

Klar gibt es in "Striking Vipers" noch einen besonderen Twist, aber der wird so bierernst inszeniert, dass es fast nicht zum Aushalten ist. Zugegeben: Humor war nie die Stärke der Serie. Was auch vollkommen okay ist, wenn die Handlung einen packen kann. Kann sie es nicht, wird die düstere Inszenierung zum Selbstzweck.

Zahme Abrechnung mit sozialen Netzwerken in "Smithereens"

Ähnliches gilt für "Smithereens": In der zweiten "Black Mirror"-Episode steht ein Social-Media-Konzern im Mittelpunkt. Darin entführt ein Londoner Taxifahrer einen Angestellten der Firma, um ein Telefongespräch mit dem Firmengründer in den fernen USA zu erzwingen. So spannend es zu sehen ist, welche Kreise das zieht, ist der Plot leider viel zu vorhersehbar. Die gut gemeinte Kritik an unserem Social-Media-Umgang krankt an der zwar tragischen, aber etwas uninspirierten Hintergrundgeschichte des Hauptcharakters.

"Smithereens" ist für "Black Mirror"-Verhältnisse eine sehr realistische Episode, die in der Gegenwart verortet zu sein scheint. Das gab es während der Laufzeit schon mehrmals. Gleich in der ersten Folge der Serie, "Der Wille des Volkes", zwangen die sozialen Medien den britischen Premierminister zu einer undenkbaren Tat – mit einem Schockmoment für den Zuschauer. Damals wollte ich die Serie deswegen fast nicht weitergucken.

Ein Taxifahrer (Andrew Scott) entführt einen Mitarbeiter des sozialen Netwerks Smithereen. fullscreen
Ein Taxifahrer (Andrew Scott) entführt einen Mitarbeiter des sozialen Netwerks Smithereen.
Die Polizei versucht erfolglos, zu vermitteln. fullscreen
Die Polizei versucht erfolglos, zu vermitteln.
Ein Taxifahrer (Andrew Scott) entführt einen Mitarbeiter des sozialen Netwerks Smithereen.
Die Polizei versucht erfolglos, zu vermitteln.

Auch "Mach, was wir sagen" (Staffel 3, Episode 3) war sehr realistisch. Hier muss ein Jugendlicher die Forderungen eines unbekannten Erpressers erfüllen, der seinen Computer gehackt hat und damit droht, die Geheimnisse des Heranwachsenden zu enthüllen. Beides sehr gelungene Folgen, die die Tücken des Vernetztseins gut veranschaulichen. Im Gegensatz dazu ist "Smithereens" geradezu zahm. Andrew Scott als verzweifelten Entführer wider Willen überzeugt zwar auf ganzer Linie, doch die Folge hätte fast ebenso gut aus einer Crime-Serie stammen können – wenn auch eindeutig aus dem oberen Segment.

"Rachel, Jack und Ashley Too": Ein Star für immer

Am interessantesten war für mich die Folge "Rachel, Jack und Ashley Too" – und nein, ich bin kein Miley-Cyrus-Fan. Letztere kommen bei der Episode aber voll auf ihre Kosten, denn Cyrus spielt eigentlich sich selbst: Ashley O, ein Teenie-Popstar, der mit seinem perfekten Image brechen will. Aus Vermarktungsgründen ist das aber natürlich keine Option. Stattdessen hat die geschäftstüchtige Managerin und Tante der Sängerin eine neue Geldquelle aufgetan: eine kleine Roboterpuppe namens Ashley Too, die dem Teenie mit der rosafarbenen Perücke nachempfunden wurde.

Außenseiterin und Ashley-O-Fan Rachel ist natürlich sofort Feuer und Flamme und wünscht sich den Roboter zum Geburtstag. Ashley Too kann singen und tanzen und wird ihre beste Freundin. Doch während die Welt der wahren Ashley komplett aus den Fugen gerät, entwickelt der Roboter ein Eigenleben.

Black mirror staffel 5 fullscreen
Teenager Rachel (Angourie Rice) liebt ihre Ashley Too.

Ich will nicht zu viel über die Folge verraten, doch sie befasst sich mit einem der Lieblingsthemen der ganzen Serie: der digitalen Kopie eines Menschen, die unabhängig vom Original existiert. Verschiedene Versionen dieses Szenarios wurden bereits in Folgen wie "Weiße Weihnachten" und dem genialen "USS Callister" durchgespielt. In "Rachel, Jack und Ashley Too" geschieht das jedoch im Gegensatz zu diesen Episoden eher spielerisch, was eine nette Abwechslung ist.

Ernst wird es, wenn die Frage aufkommt, ob es moralisch vertretbar ist, Künstler als Hologramm auftreten zu lassen, wenn sie selbst nicht mehr dazu in der Lage sind. Hier ist "Black Mirror" wieder erschreckend realitätsnah. Verstorbene Weltstars sind inzwischen nicht von der Bildfläche/Bühne verschwunden. Michael Jackson († 2009) war bei den Billboard Music Awards 2014 als dreidimensionales Abbild zu sehen und Whitney Houston († 2012) soll gar für eine ganze Hologramm-Tour wiedererweckt werden. Die Devise lautet offenbar "The Show must go on" – selbst, wenn der Star nicht mehr unter uns weilt.

Ob das Fan-Service, reine Geldmacherei oder einfach pietätlos ist, muss jeder für sich entscheiden. Doch es würde mich nicht wundern, wenn Musiker künftig in ihrem Testament festlegen, wie sie nach ihrem Ableben "weiterleben".

Fazit: "Black Mirror" hat keine neuen Geschichten mehr

Staffel 5 von "Black Mirror" ist nach wie vor unterhaltsam. Doch leider kann sie bei mir nicht dasselbe gruselige Unbehagen auslösen wie die Seasons zuvor. Zu sehr erinnern die neuen Episoden an bereits bekannte Geschichten. Das alleine wäre ja nicht schlimm – es ziehen sich wiederholt bekannte Szenarien durch die Serie – aber sie fügen ihnen kaum interessante neue Aspekte hinzu. Klar, es gab schon immer stärkere und schwächere Episoden der Anthologie-Serie, doch das fiel bei meist sechs Folgen pro Staffel nicht so stark ins Gewicht.

Komprimiert auf nur drei, wenn auch über sechzigminütige Storys, machen sich die Schwächen jedoch stärker bemerkbar. Die Geschichten enden mir fast zu positiv. "Black Mirror" war bislang eine Serie, die mich teilweise ziemlich runtergezogen hat. Nicht, dass ich das immer haben muss. Bestimmt nicht! Aber es fehlte in Staffel 5 der Schockmoment. Für mich zumindest sieht die Zukunft von "Black Mirror" düster aus.

Sendehinweis
Staffel 5 von "Black Mirror" ist ab dem 5. Juni auf Netflix abrufbar.

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