Meinung

Kino-Tipp: Im Kammerspiel "The Guilty" ist nichts, wie es scheint

Asger hat noch einen Nachtdienst vor sich – der läuft jedoch alles andere als entspannt.
Asger hat noch einen Nachtdienst vor sich – der läuft jedoch alles andere als entspannt. (©Nikolaj Møller 2018)

And the Oscar goes to ... "The Guilty"! Zumindest, wenn es nach mir geht. Allerdings könnte es auch in Wirklichkeit so kommen, denn das Drama ist Dänemarks Kandidat für die Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" bei den bevorstehenden Academy Awards. Warum mich das Kammerspiel von Gustav Möller so gefesselt und nachhaltig beeindruckt hast, erfährst Du in unserer Filmkritik.

Es passiert nicht oft, dass mich ein Film von Anfang bis Ende fesselt, doch "The Guilty" ist es gelungen. Und das, ohne auf actionreiche Sequenzen zu setzen, Hollywoods Superstars zu engagieren oder zwischen visuell aufwendigen Schauplätzen zu wechseln.

Das dänische Drama braucht dazu nur ein Minimum an Aufwand: ein stilles Kämmerlein, einen herausragenden Jakob Cedergren und ein packendes Drehbuch, das Regie-Neuling Gustav Möller nicht nur geschrieben, sondern auch grandios verfilmt hat.

Eigentlich hatte sich Asger auf eine entspannte letzte Nacht in der Telefonzentrale der Polizei eingestellt.
Eigentlich hatte sich Asger auf eine entspannte letzte Nacht in der Telefonzentrale der Polizei eingestellt. (© 2018 Nikolaj Møller)

Please hold the Line: Die Story

Die Handlung zu "The Guilty" ist im Grunde simpel: Asger Holm (Jakob Cedergren) nimmt in der Polizeizentrale einen Notruf nach dem anderen entgegen. Meistens handelt es sich jedoch um irgendwelche Betrunkenen, die sich das Knie aufgeschlagen haben oder beklaut wurden. Also macht Asger, der in den Innendienst strafversetzt wurde und ein Disziplinarverfahren an der Backe hat, Dienst nach Vorschrift und drei Kreuze, sobald seine letzte Nacht vorbei ist und er endlich wieder Streife fahren kann.

Doch ein Anruf kurz vor Feierabend ändert alles: Eine panische junge Frau namens Iben ist in der Leitung und versucht Asger mitzuteilen, dass sie von ihrem Mann Michael entführt wurde und ihre kleine Tochter Mathilde alleine zu Hause ist. Für Asger beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn er hat dem kleinen Mädchen versprochen, dass er Iben so schnell es geht aus den Fängen von Michael befreit und lebend zurückbringt. Wenn es doch nur so einfach wäre ...

Bringt ausgerechnet ein Schwede die Dänen zum Oscar?

Noch spannender als die packende Story ist die Art und Weise, wie "The Guilty" erzählt wird. Der erst 30-jährige Regisseur Gustav Möller inszeniert ein Kammerspiel, das es in dieser Form (zumindest für mich) schon lange nicht mehr gegeben hat und an Intensität kaum auszuhalten ist. Neben Asger gibt es keine Darsteller in dem Film – die kurzen Dialoge mit seinem Sitznachbarn und seiner Vorgesetzten einmal außen vor gelassen. Die Kamera klebt an seinem Gesicht und fängt es in langen Einstellungen ein. Selbst die kleinste Mimik oder Regung im Gesicht entgeht ihr nicht.

So wird "The Guilty" in erster Linie vom schwedischen (!) Schauspieler Jakob Cedergren getragen. Er macht den dänischen Oscar-Anwärter zu einem intensiven Erlebnis, das man nicht so schnell vergisst. Seine Körperhaltung, seine Stimme, seine Betonung – einfach alles verdeutlicht, wie sehr er seinen Job hasst und welche Auswirkung das letzte Telefonat auf ihn hat.

Kinostart und Blu-ray-Termin

  • "The Guilty" ist ab sofort in ausgewählten Kinos zu sehen.
  • Auf Blu-ray und DVD erscheint der Film voraussichtlich am 22. Februar nächsten Jahres. Pünktlich also zwei Tage vor der Oscar-Verleihung, wo "The Guilty" für Dänemark den Preis als bester fremdsprachiger Film erringen könnte.

Gruß ans Kopfkino

"The Guilty" ist in jeder Sekunde auf die Vorstellungskraft des Zuschauers ausgelegt und lässt diesen die Geschehnisse aus Asgers Sicht miterleben. Musik sucht man vergeblich, die einzigen Geräusche sind die Stimmen am anderen Ende der Telefonleitung oder das Gemurmel der Kollegen. Die Stille ist nur schwer zu ertragen und bildet eine Parallele zu dem, was Asger über das Telefon erfährt.

Besonders das Telefonat mit seinem Polizeikollegen, der zu der kleinen Mathilda gefahren ist, hat mich buchstäblich den Atem anhalten lassen. Wo andere Filme bewusst gezeigt hätten, was Asger von seinem Kollegen erfährt, sehen wir nur das Entsetzen in seinem Gesicht – und somit auch in meinem. Mein Kopfkino hat ganze Arbeit geleistet ...

Gelingt es Asger, die entführte Frau rechtzeitig zu retten?
Gelingt es Asger, die entführte Frau rechtzeitig zu retten? (© 2018 Jasper Spanning)

Fazit: Weniger ist mehr

Gustav Möller hätte wohl kein besseres Regiedebüt abliefern können. Völlig zurecht schickt Dänemark "The Guilty" dieses Jahr ins Rennen um einen Oscar in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film". Das Kammerspiel fesselt von der ersten bis zur letzten Minute und beweist, dass es nicht viel braucht, um ein intensives Filmerlebnis zu schaffen. Und wieder einmal beweisen die Dänen: Sie stehen nicht nur für süße Leckereien und Hot Dogs, sondern auch für herausragende Filme.

Abschließender Tipp: Unbedingt in dänischer Sprache mit deutschen Untertiteln gucken!

TURN-ON-Wertung: 5/5

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