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Kritik zu "Child's Play": "Okay, Google, bitte töte mich nicht!"

Komm, spiel mit mir! Mörderpuppe Chucky ist auch 2019 sehr anhänglich.
Komm, spiel mit mir! Mörderpuppe Chucky ist auch 2019 sehr anhänglich.

Was kommt dabei raus, wenn man "Toy Story" mit "Freitag der 13." kreuzt? Na klar: "Child's Play", das unvermeidliche Remake des Horrorfilmklassikers mit der Mörderpuppe Chucky. Warum die 80er-Jahre-Nostalgie diesmal nur bedingt greift und was das Original besser gemacht hat, sagen wir Dir in unserer Filmkritik.

Willkommen zurück in den 80ern, Puppe!

Bald haben wir sie alle durch! Abseits vom mordenden Kürbis "Pumpkinhead" und den "Killer Klowns from Outer Space" dürften so langsam alle bekannten (und unbekannten) Horror-Ikonen der 80er ihr Remake, Reboot oder Re-Irgendwas erhalten haben. Nun hat auch Chucky die Mörderpuppe den Sprung ins Jahr 2019 gewagt. Regisseur Lars Klevberg übernimmt bei seiner Neu-Interpretation wesentliche Merkmale des Originals von 1988, passt seinen Film aber aktuellen Sehgewohnheiten an und fügt noch einen Schuss Kritik an blinder Technikgläubigkeit und Vernetzungswahn hinzu.

Das Resultat ist ein sehr unrunder Film, dem nach einer starken ersten Hälfte vorschnell die Puste ausgeht. Schade, denn das Potenzial für einen gleichermaßen gruseligen wie cleveren Puppen-Horrorfilm war eindeutig da. Und auch, wenn jedes Remake zunächst für sich selbst betrachten werden sollte, lohnt in diesem Fall ein Blick auf den Original-"Chucky" – denn von dem hätte sein 2019er-Bruder einiges lernen können.

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Der junge Andy (Gabriel Bateman) fragt sich, ob er nicht doch langsam zu alt für Puppen ist.

Eine Killer-KI außer Rand und Band

Die junge Mutter Karen (Aubrey Plaza) schenkt ihrem Sohn Andy eine dieser brandneuen, abgefahrenen Buddi-Roboterpuppen. Sie sind bis zum Rand vollgestopft mit Computertechnik, merken sich dank implantiertem High-Tech-Chip die Bedürfnisse ihrer Besitzer – und hätte ein frustrierter Fließbandarbeiter irgendwo in einer vietnamesischen Spielzeugfirma nicht die Sicherheitsvorkehrungen ausgeschaltet, wäre auch Andys Buddi ein toller, wenn auch unbelebter Spielgefährte. Aber dann wären wir ja auch nicht in einem Horrorfilm.

Denn natürlich zeigt Chucky, wie sich der Robo-Bengel selbst nennt, schon bald besorgniserregende Anzeichen eines eigenen – und extrem sadistischen – Bewusstseins: Er erwürgt die Katze der Nachbarn und imitiert brutale Szenen, die er im Fernsehen gesehen hat. Und weil er darüber hinaus auch noch extrem eifersüchtig ist und niemanden an "seinen" Andy lassen will, färbt sich die Kinoleinwand schon bald blutig rot.

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Ja, ja, da ist Chucky – aber was steht da hinten auf der Kommode? Eine Eulen-Lampe? Eine Lampen-Eule? Rätselhaft.

Starker Start...

"Child's Play" ist ein Film, den man in zwei Hälften teilen kann. Die erste führt alle wichtigen Figuren ein und zeigt Chucky als gefährlichen, aber eigentlich nur missverstandenen Pinocchio für Millennials. Und wie so viele andere Filme, Serien und Videospiele derzeit schwimmt er auf der Nostalgie-Welle: Kauzige Nebenfiguren wie der Cop Mike, der noch bei seiner Mutter wohnt, oder Andys ungleiche Freunde Falyn und Pugg hätten sich auch in einer locker-leichten Familienkomödie aus den 1980ern gut gemacht.

Zudem ist "Child's Play" beizeiten ernsthaft lustig (der One-Liner "This is for Tupac!" hat mich zum Lachen gebracht wie lange kein Filmzitat mehr), die Gewaltspitzen sind schön fies und drastisch, aber nicht exzessiv.  Der neue "Child's Play" macht also überraschend viel richtig – für vielleicht eine Dreiviertelstunde.

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Horrorfans können sich schon denken, WAS da so schön verpackt auf dem Tisch steht...

... und schwache zweite Hälfte

Doch dann, ungefähr zur Hälfte, der Knick: Chucky, der sich doch eigentlich nur nach einem Freund und ein bisschen menschlicher Anteilnahme sehnt, verkommt zu einer eindimensionalen Mordmaschine ohne rechte Motivation. Und hier ziehen wir endlich den ersten Film von 1988 zum Vergleich heran. Denn in diesem wussten wir jederzeit, warum Chucky eigentlich so versessen darauf ist, seinen jungen Besitzer Andy abzumurksen: Er möchte dessen Körper übernehmen. Der Original-Chucky war nämlich eigentlich der Serienkiller Charles Lee Ray, dessen Seele in ebenjene Plastikpuppe gefahren ist – ein bisschen Voodoo sei Dank.

Beknackt? Auf jeden Fall. Aber der schwarzmagische Körpertausch-Hokuspokus war doch wenigstens ein klar definierter Antrieb für Chucky – der darüber hinaus kongenial vertont wurde von Horror-Veteran Brad Dourif, den die meisten vermutlich noch als Grima Schlangenzunge aus den "Herr der Ringe"-Filmen kennen. Seine rotzig-heisere Stimme, die derben Schimpfworte, seine stets unter der Oberfläche brodelnde Aggression – Chucky war auf eine skurrile Art schon immer komisch, aber eben kein reiner Witz. Dazu ist er dann später geworden, als die Reihe endgültig in Richtung Trash und Comedy abdrehte.

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Interessante Frage: Werden künstliche Intelligenzen bald echte Freunde ersetzen?

Dem neuen Chucky fehlen hingegen sowohl die klar verständliche Motivation für seine blutigen Taten als auch diese groteske Faszination, die ein Psychopath im Minifomat in uns auslöst. Chucky wird 2019 im Original von Mark Hamill gesprochen – der ein toller Synchronsprecher ist, aber schlicht nicht diese dreckige Wut in seiner recht weichen Stimme hat. Da kommt einfach wenig rüber.

Schluss und aus im Puppenhaus

Das Finale nach nur 90 Filmminuten ist eine heillos überproduzierte Actionszene, irgendwo zwischen den "Gremlins" und dem Videospiel-Superhit "Five Nights at Freddy's". Kunstblut und Gekreisch statt Spannung und Nervenkitzel – alles laut und hektisch, aber irgendwie auch ganz schön egal. Schwer vorstellbar, dass auch die 2019er-Version von "Child's Play" ein ähnlich unverwüstliches Franchise begründet wie die Urfassung – trotz der krachend unoriginellen Andeutung eines Sequels in der letzten Einstellung.

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"Hey, Andy, meinst du, wir kriegen eine Fortsetzung?" - "Haha!"

Schade, denn der neue "Child's Play" hat durchaus spannende Ideen, wirft ein paar fast schon philosophische Fragen zu unserer Technikabhängigkeit auf und leistet sich keine wirklich katastrophalen Patzer. Das reicht aber einfach nicht aus, um einen höchst durchschnittlichen Gimmick-Slasher zu feiern, der sein Potenzial geradezu fahrlässig verschenkt.

Hoffen wir, dass Chucky nächstes Jahr mehr Glück hat. 2020 soll nämlich eine "Child's Play"-Serie starten – von Don Mancini persönlich, dem Erfinder der Figur.

Child's Play
Child's Play
  • Datenblatt
  • Genre
    Horror
  • Laufzeit
    1 Stunde 30 Minuten
  • Release
    18. Juli 2019
  • FSK
    ab 16
TURN ON Score:
2,5von 5
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