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Kritik zu "Crawl": Spiel das Spiel mit dem Krokodil

Die Natur schlägt zurück – in Form von hungrigen Krokodilen in "Crawl".
Die Natur schlägt zurück – in Form von hungrigen Krokodilen in "Crawl".

Killer-Krokodile! Mehr muss ich eigentlich zu "Crawl" nicht sagen – und Du weißt sofort, ob dieser Film etwas für Dich ist. Ich habe mir den oldschooligen Tierhorror angeguckt und sage Dir, ob der Streifen meine Blutlust geweckt hat oder absäuft.

"Schatz, der Keller ist irgendwie feucht."

In der Filmbranche ist ein elevator pitch eine so kurze Zusammenfassung eines Kinofilms, dass sie nicht länger dauert als eine Aufzugfahrt – und die optimalerweise so unwiderstehlich klingt, dass man den entsprechenden Streifen einfach sehen MUSS. Im Fall von "Crawl" vom französischen Horrorspezi Alexandre Aja ("High Tenson"," The Hills Have Eyes", "Piranha 3D") würde sie ungefähr so lauten: Eine durchtrainierte Schwimmerin ist mit ihrem verletzten Vater in einem überfluteten Keller gefangen und das Wasser ist voller blutrünstiger Krokodile.

Das klingt doch nach Suspense und blutigem Nervenkitzel, nach einem herrlich altmodischen Creature Feature, wie sie heutzutage kaum noch produziert werden, oder? Und tatsächlich punktet "Crawl" mit einer simplen, aber fesselnden Prämisse und starken Darstellern. Aber leider erweisen sich die (un-)heimlichen Stars des Films, nämlich die schlecht gelaunten Killer-Crocs, als herbe Enttäuschung. Die sind nämlich – und bitte entschuldige diesen offensichtlichen Gag an dieser Stelle – erschreckend zahnlos.

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Und WIR machen schon Theater, wenn sich mal 'ne Wespe ins Zimmer verirrt.

Foreshadowing für Begriffsstutzige

Aber vielleicht sollten wir noch mal kurz klären, wie unsere Schwimmerin eigentlich in diese missliche Lage geraten ist. Die Schwimmerin heißt Haley (Kaya Scodelario aus den "Maze Runner"-Filmen) und macht sich Sorgen um ihren Vater Dave (Berry Pepper, ebenfalls aus den "Maze Runner"-Filmen). Der ist nämlich ganz allein in seinem Haus, als ein heftiger Sturm auf die Küste Floridas trifft.

Haley ignoriert alle Aufforderungen zur Evakuierung und findet ihren alten Herren bewusstlos im Keller, von den immer heftiger werdenden Fluten eingeschlossen und mit fieser Bisswunde an der Schulter. Ein paar Krokodile haben das muffige Untergeschoss zu ihrem neuen Revier auserkoren und lassen sich das menschliche Festmahl nicht entgehen. Und das Wasser steigt und steigt ...

Eine einfache Geschichte, schnörkellos erzählt und ohne doppelten Boden – das ist "Crawl". Ich habe absolut nichts gegen schlichte Minimal-Stories, die können ja auch mal ganz erfrischend sein. Nur allzu plump dürfen sie nicht ausfallen – und hier fühlte ich mich vom Regisseur Aja fast schon ein wenig verschaukelt, denn offenbar traut er es uns nicht zu, dass wir uns wichtige Story-Details für mehr als eine Viertelstunde merken.

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Ei, was kommt denn da? Ei, was kommt denn da? Ein Krokodil aus Afrika! (Sorry, Kita-geschädigt)

Im ersten Filmdrittel zeigt er uns in gefühligen Rückblenden, wie wahnsinnig wichtig das Schwimmtraining für die kleine Haley ist. Und zwar wieder und wieder und wieder, als wären wir ein bisschen doof, irgendwann nennt ihr Vater sie sogar mit großem Ernst "apex predator". Der Regisseur winkt hier nicht nur mit dem Zaunpfahl, er drischt ihn uns mit voller Wucht ins Gesicht. Die endlosen Reminder, dass Haleys außerordentliches Schwimmtalent noch entscheidend für den Plot wird, wirken schlichtweg aufdringlich und, ehrlich gesagt, ein wenig herablassend. Wir raffen's auch so, Alexandre.

Killen oder kuscheln?

Wäre aber alles zu verschmerzen gewesen. Wenn wenigstens die Killer-Echsen puren, archaischen Survival-Horror verbreiten würden – diese mächtigen Kiefer, diese eiskalten Reptilien-Augen, diese Zähne! Neben dem Weißen Hai gibt es wohl kein anderes Vieh, das so eine Urangst in uns auslöst. Da schreiben sich haarsträubend schockierende Gore-Szenen doch von ganz alleine!

Sollte man meinen. Aber leider konnten sich die Drehbuchschreiber nicht entscheiden, ob ihre Krokos tödliche Killermaschinen sein sollen oder lediglich lästige Unannehmlichkeiten. Das Resultat von diesem lauwarmen Wischi-waschi ist das größte Ärgernis für Horror-Fans: Es ist jederzeit völlig klar, wer stirbt und wer nicht.

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Wetten, ob der Hund überlebt, werden noch angenommen.

Denn während unwichtige Nebenfiguren meist nur eine Lebenserwartung von ein paar Minuten haben, sobald sie von einem der Krokodile ins Visier genommen werden, übersteht unsere gute Haley sogar brachialste Angriffe. Spätestens seit "Crocodile Dundee" wissen wir doch alle: Wenn Dich ein Kroko unter Wasser zieht und zur Todesrolle ansetzt, dann gute Nacht.

Doch in "Crawl" leiden die Echsen offenbar unter wackligen Zähnen oder Muskelschwund, vielleicht hat Haley auch nur besonders Krokodil-sichere Plot Armor angelegt, keine Ahnung. Auf jeden Fall ist es fast ein Todeskuss für so einen Film, wenn ich die tierische Bedrohung nicht ernst nehmen kann.

Fazit: Ohne Konkurrenz – und trotzdem enttäuschend

Sehr schade, denn über einen schönen Tierhorror mit Retro-Charme freue ich mich prinzipiell immer erst mal – zumal zu einer Zeit, in der die von mir so verabscheute "Conjuring"-Krake mit ihren unzähligen Sequels und beknackten Spin-offs die Kinokassen fest in ihrer Umklammerung hat. Ich bin immer für den Underdog! Aber "Crawl" macht zu wenig aus seinem Potenzial, verschludert zu leichtfertig die interessante Grundidee und traut sich nicht, wirklich zuzubeißen.

Der thematisch ähnliche "The Shallows" von 2016, in dem Blake Lively auf einem Felsen festsitzt, den ein hungriger Hai umkreist, macht da weitaus mehr Spaß. So ist Alexandre Ajas bislang massentauglichster Film zugleich sein schwächster. Meine Hoffnung, dass er auf den blutig-durchgeknallten Partyhorror "Piranha 3D" noch mal anderthalb Schippen drauflegen konnte, erfüllt sich also nicht.

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Aber SO schlecht, dass man panisch aus dem Kino flüchten muss, ist er nun auch nicht!

P.S.: Eigentlich sind es in "Crawl" keine Krokodile, sondern Alligatoren. Aber dann hätte ich a) keine so schöne Überschrift gehabt, b) spielt es keine Rolle und c) wer kennt schon den Unterschied? Du gleich: Alligatoren haben breitere Oberkiefer und Schnauzen, leben nur im Süßwasser und das auch nur im Süden der USA und in China. Wieder was gelernt – besser klugscheißen mit TURN ON!

Kinostart
"Crawl" startet am 22. August im Kino.

Crawl
Crawl
  • Datenblatt
  • Genre
    Horror
  • Laufzeit
    1 Stunde 27 Minuten
  • Release
    22. August 2019
  • FSK
    ab 16
TURN ON Score:
3,0von 5
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