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Filmkritik

Kritik zu "Der Unsichtbare": Immerhin besser als "Die Mumie"

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Im Bild: Elisabeth Moss, "Der Unsichtbare", drei Katzen und ein Clown mit Katana.

Weißt Du noch, 2017, "Die Mumie" mit Tom Cruise? Sollte eigentlich der Startschuss zu einem ganzen Filmuniversum beliebter Hollywood-Monster werden, floppte aber fürchterlich. Das war das Ende für das sogenannte Dark Universe, bevor es richtig angefangen hatte. Universal Pictures probiert es jetzt noch mal – mit dem "Unsichtbaren". Auch mit mehr Erfolg?

Filmmonster aus einer Zeit, als Opa noch ins Kino ging

Okay, streng genommen steht "Der Unsichtbare" für sich allein. Er ist zwar Teil von Universals Riege klassischer Monster wie das Phantom der Oper, Frankenstein und Dracula. Aber nach dem spektakulären Flop der "Mumie" vor drei Jahren versuchen es die Macher nun mit einem etwas angepassten Konzept: Neuauflagen ihrer Uralt-Monster, die zwar alle im selben Filmuniversum spielen, aber nicht unbedingt Bezug aufeinander nehmen.

Der Ansatz ist sinnig, die klassischen Universal-Monster geben jede Menge Stoff für originelle Neuauflagen her. Nur leider sind frische Ideen und eine mitreißende Story in diesem Film so unsichtbar wie ... na ja, wie "Der Unsichtbare" eben.

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Ein Katz-und-Maus-Spiel. Bei dem die Katze unsichtbar ist. Also eigentlich ein Maus-Spiel.

Tot oder unsichtbar?

Die von mir sehr geschätzte Elisabeth Moss ("Wir", "The Handmaid's Tale – Der Report der Magd") spielt Cecilia. Die ist mit Adrian (Oliver Jackson-Cohen aus "Spuk in Hill House") zusammen, und Adrian ist ein manipulativer, gewalttätiger Drecksack, der Cecilia körperlich und emotional misshandelt. Ihr Leben mit Adrian ist die Hölle, bis er überraschend stirbt und sie seine gesamte Kohle bekommt. Cecilia kann ihr Glück zunächst nicht fassen und schöpft neuen Lebensmut.

Doch mysteriöse Vorkommnisse lassen einen unguten Verdacht in ihr keimen: Kann es sein, dass Adrian seinen Tod nur vorgetäuscht hat? Dass Adrian irgendwie eine Möglichkeit gefunden hat, sich unsichtbar zu machen? Und dass ihm mit dieser ungeheuren Superkraft nichts Besseres einfällt, als seine gesamte Zeit und Energie darauf zu verwenden, sie zu piesacken?

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"Oh nein, es ist ein Filmbösewicht, dessen Plan komplett bescheuert ist! Zu Hilfe!"

Hier gibt es nicht viel zu sehen

Die Antwort auf all diese Fragen lautet wenig überraschend Ja. "Der Unsichtbare" ist ein Gruselfilm, der nicht gruselig ist und seine prickelnde Prämisse geradezu fahrlässig ungenutzt lässt. Schlecht ist der Streifen nicht, nur eben fast schmerzhaft berechenbar, mutlos und träge. Hier passiert nichts, was wir nicht schon dutzendfach in anderen Filmen dieser Art gesehen haben. Keine Szene hinterlässt bleibenden Eindruck, beim Abspann ist die Hälfte schon wieder vergessen.

Ein unsichtbarer Schleimbeutel malträtiert eine wehrlose Frau – die wohl ultimative Allmachtsfantasie von Perverslingen, da schwingt eine gewisse unangenehme sexuelle Komponente mit. "Der Unsichtbare" ist ab 16 Jahren freigegeben und spart solche heiklen Bedeutungsebenen sicherheitshalber weitestgehend aus. Das ist nachvollziehbar. Filme der Produktionsfirma Blumhouse werden günstig produziert und sollen möglichst viel Kohle an den Kinokassen einbringen. Und dafür braucht es nun mal ein möglichst großes Publikum inklusive Teenies. Dass "Der Unsichtbare" also kein krasses Sex- und Gewaltspektakel ab 18 geworden ist, ist völlig in Ordnung. Hat niemand ernsthaft erwartet.

Aber dann will ich wenigstens ein bisschen was Originelleres geboten bekommen als die übliche Checkliste von ungefährlichen, klinisch sauberen Sonntagnachmittag-Gruselfilmchen. Der Unsichtbare knipst das Licht an und aus. Der Unsichtbare klappert ein bisschen mit dem Geschirr. Der Unsichtbare zieht Elisabeth Moss – huch! – die Decke weg. Und Elisabeth Moss? Die dreht sich laaangsam um, wenn sie in der Dunkelheit hinter sich ein Geräusch hört. Und dann noch mal. Und noch mal. Wenn es einen Oscar für das beste laaangsame Umdrehen in einem Film geben würde, "Der Unsichtbare" hätte ihn sicher.

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"Soll ich mich jetzt laaangsam umdrehen? Jetzt? Jetzt? Sag Bescheid!"

Gut gemeint ist nicht gleich gut

Apropos Elisabeth Moss, über die möchte ich mal ganz kurz sprechen. Sie ist wirklich eine fantastische Schauspielerin, die eine Werbetexterin aus den 60ern in "Mad Men" genauso authentisch verkörpert wie eine abgestürzte Rocksängerin im Drama "Her Smell". Moss ist eigentlich ein Garant dafür, Figuren auf der Leinwand Komplexität und Tiefe zu verleihen.

Doch in "Der Unsichtbare" schrammt sie so haarscharf am Overacting vorbei, dass es fast parodistische Züge annimmt. Weil das Drehbuch ihren Charakter nie wirklich ausarbeitet, muss sie ihren Schmerz, ihre Seelenqual und Angst vor allem über die Mimik transportieren – flackernder Blick, zittriges Stimmchen. Die Regieanweisung war offenbar, möglichst ausdrucksstark mit dem Mund zu zucken. Also zuckt sie verdammt noch mal ausdrucksstark mit dem Mund, so wahr ihr Gott helfe. Sie ist der Muhammad Ali des Mundzuckens in diesem Film.

Dass Moss eine eingeschüchterte Frau spielt, der keine Beachtung geschenkt wird, der ihre Mitmenschen nicht glauben wollen, die sich in ihrer Pein allein gelassen fühlt – das ist in Zeiten von MeToo und den zugrunde liegenden realen Horrorstorys richtig und wichtig. Das heißt aber nicht, dass so eine Rolle automatisch mit Lob überschüttert werden muss, nur weil sie gesellschaftlich gerade besonders relevant ist. Elisabeth Moss' Cecilia empfand ich als holzschnittartig und wenig überzeugend. Das liegt eindeutig am flachen Skript und an der groben Regie, die zu wenig Raum für Subtilität lässt. Ich habe nie eine real existierende Person gesehen, sondern immer nur eine sehr gute Schauspielerin, die sich bemüht, sehr gut zu schauspielen.

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Zumindest zeigt Elisabeth Moss vollen Körpereinsatz.

Kaum (nicht) gesehen, schon vergessen

Allerdings hat es ihr unsichtbarer Gegenspieler auch nicht besser, im Gegenteil. Könnten wir Adrian in diesem Film sehen, wäre er so blass wie ein erkälteter Yeti in einem Schneesturm. Er ist "der Böse", das muss als Charakterzeichnung ausreichen. Ein halbgarer Twist gegen Ende, der auf den letzten Metern ein bisschen unvermutete Cleverness in diese müde Soße bringen soll, rettet auch nicht mehr viel. Es ist alles so wahnsinnig egal in diesem Film.

"Der Unsichtbare" ist sicher keine Katastrophe, bleibt aber weit hinter den Möglichkeiten zurück. Ein Film, der nie recht in Schwung kommt, sich viel zu ernst nimmt und sich nie erlaubt, mit seiner haarsträubend skurrilen Prämisse mal ein bisschen Spaß zu haben. Ich meine, "Hollow Man" von Paul Verhoeven aus dem Jahr 2000 ist sicher kein guter Film, aber er drückt bis zum Schluss aufs Gaspedal und schämt sich seiner Trash-Wurzeln nicht – geschmacklos, effektheischend und derbe, aber auch unverschämt unterhaltsam. "Der Unsichtbare" ist nichts davon.

Das war also nix, oder zumindest nicht viel. Mal sehen, was das für das gerebootete Dark Universe von Universal bedeutet. Moment, Elizabeth Banks bastelt gerade an einem "Invisible Woman"-Spin-off? Mit ihr selbst als Star und als Regisseurin? Elizabeth Banks. Die gerade erst den neuen "3 Engel für Charlie" an die Wand gefahren hat. Ähm. Okay.

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Sensation: Erster Screenshot von "Death Stranding 2: Death & Deather"!

Ich glaube, ich gucke heute Abend mal wieder "Hollow Man".

Fürs Heimkino
Seit dem 9. Juli ist "Der Unsichtbare" auf DVD, Blu-ray und 4K UHD Blu-ray erhältlich.

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Der Unsichtbare
  • Datenblatt
  • Genre
    Horror, Drama
  • Laufzeit
    110 Minuten
  • Release
    27. Februar 2020
  • FSK
    ab 12
TURN ON Score:
2,5von 5
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