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Filmkritik

Kritik zu "The Witch Next Door": Zu wenig Hex-Appeal

Können diese Augen lügen? Ja. Und Schlimmeres.
Können diese Augen lügen? Ja. Und Schlimmeres. Bild: © Koch Media 2020

Nachbarn sind komisch, das ist nix Neues. "The Witch Next Door" nimmt das wörtlich. Warum der Horrorfilm außer sympathischen 80er-Jahre-Vibes nicht viel Hex-Appeal hat, erklärt Dir unsere Kritik.

Wer Erfolg hat, hat (nicht) Recht

Sensation! Welterfolg! In den USA stand "The Witch Next Door", beziehungsweise "The Wretched", wie der Film im Original heißt, unfassbare sechs Wochen lang auf Platz 1 der Kinocharts! Das hatte vor ihm zuletzt James Camerons Mega-Spektakel "Avatar" im Jahr 2009 geschafft! Und wenn derart die Kassen klingeln, kann das doch nur bedeuten, dass wir hier einen absoluten Topfilm haben, oder? ODER?

Nein. Leider nein. Dass der wenig originelle Gruselfilm mit der Hexe nebenan für ein paar Wochen die amerikanischen Kinocharts angeführt hat, ist auf einen ganz einfachen Grund zurückzuführen: Corona. Auch in den USA hatten die meisten Kinos wegen der Seuche geschlossen – und die, die auf hatten, haben nur eine Handvoll kleine Filme gezeigt. "The Witch Next Door" war also nur so erfolgreich, weil er nahezu keine Konkurrenz hatte. Cleveres Marketing also – aber leider nicht viel mehr.

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Die 1-Million-Euro-Frage beim nächsten Filmquiz: Ordne diesen Screenshot dem richtigen Film zu. Bild: © Koch Media Films 2020

Teenie im Terror

Das Schauermärchen erinnert in seinen besten Momenten an lieb gewonnene Genre-Klassiker aus den 80ern, ich fühlte mich beizeiten an eine Mischung aus "Die rabenschwarze Nacht – Fright Night" und "Meine teuflischen Nachbarn" erinnert – ohne dass "The Witch Next Door" jemals deren Klasse erreichen würde. Dafür bekommen wir eine leidlich originelle Story mit ein paar Gruselszenen, die annehmbar wären, würde nicht nervige Über-Inszenierung jeden Schauereffekt zuverlässig versemmeln.

Der junge Ben (John-Paul Howard) verarbeitet gerade die Trennung seiner Eltern. Um sich abzulenken, heuert er über den Sommer als Ruder-Trainer am Yachthafen an, kotzt besoffen der süßen Mallory (Piper Curda) vor die Füße und nennt die neue Freundin seines Dads, immer noch sehr besoffen, Schlampe. Läuft also mittelgut bei ihm.

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Ist mir gerade erst aufgefallen, dass die beiden gar nicht in dieselbe Richtung gucken. Bild: © Koch Media Films 2020

Und als wären die Teenie-Wirren nicht genug, keimt in ihm ein schrecklicher Verdacht: Seine Nachbarin, die coole Abby (Zarah Mahler), ist eine Hexe! Immerhin verhält sie sich äußerst seltsam, zieht sich unter die Dusche die Haut ab (nächstes Mal: Sonnencreme) und schafft es irgendwie, dass alle Leute in ihrem Umfeld ihre eigenen Kinder vergessen. Als hätten sie einfach nie welche gehabt. Ben hat keine Zweifel: Hexen hexen!

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Einige US-Kritiker sehen Abby übrigens "hyper-sexualisiert", weil sie hübsch und eine ziemlich coole Mom ist. Ich brauch 'nen Wein. Bild: © Koch Media Films 2020

Hexy Eyes

Das klingt nach unspektakulärer Gruselunterhaltung im besten Sinne. Kommt aber leider nicht über die üblichen Klischees hinaus: Die Hexe bewegt sich abgehackt und macht dabei komische Knack-und-Gurgelgeräusche. Familienfotos mit ausgekratzten Augen. Ein elektronisches Kinderspielzeug geht mitten in der Nacht von alleine an. So was.

Und diesen Schauer-Standard hätte ich ja vielleicht noch geschluckt, wenn das Regie-Duo Brett und Drew T. Pierce wenigstens genug Vertrauen in seine Fähigkeit gehabt hätte, uns zumindest ab und zu mal subtil ein bisschen Gänsehaut auf die Arme zu zaubern.

Stattdessen wird jeder potenzielle Schock mit der Schaufel brachialer Überdeutlichkeit plattgeklopft. Da läuft die Hexe in einer Szene unscharf und geräuschlos durch den Bildhintergrund und ich denke, hui, das ist ja doch ein bisschen unheimlich und BÄM, zoomt die Kamera ganz dicht ran und es gibt ein ganz lautes BUH!-Geräusch, damit auch meine Omma merkt, dass das hier jetzt gruselig sein soll. Und ich muss mir noch 'n Wein einschenken.

Der Horror-Aspekt dieses Horrorfilms hat mich also nicht gekriegt, tatsächlich fand ich die Teenie-Probleme unseres unfreiwilligen Helden Ben fast spannender als das Rumgehexe. Auch wenn keine der Figuren die Zeit bekommt, sich wirklich als komplexer, vielschichtiger Charakter zu entpuppen, haben John-Paul Howard und Piper Curda als zaghaftes Ferien-Pärchen doch Chemie miteinander und liefern solide Schauspielleistungen ab. Fand ich überzeugend.

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Mallory ist mehr als nur das love interest. Bild: © Koch Media Films 2020

No retro

Aber eines immerhin muss ich dem Film unumwunden lassen: Er wanzt sich nicht, wie so viele andere, plump an den momentan grassierenden Retro-Hype ran. Wäre für die Drehbuchschreiber ein Leichtes gewesen, die ganze Story in die 80er zu verlegen, ein bisschen Synthie-Geklimper drunter und feddich ist die "liebevolle Hommage". Ich meine, klar, gerade wir Horrorfans lieben die 80er, aber langsam ist auch mal gut. Finde ich deswegen sympathisch, dass die Pierce-Brüder zumindest dieser Versuchung widerstanden haben und in Sachen Atmosphäre und Tonfall zwar immer wieder mal zu den 80's rüberwinken, aber trotzdem schön in der Jetztzeit bleiben.

Fazit

"The Witch Next Door": Ein dezent überdurchschnittlicher War-alles-schon-mal-da-Grusel, der nichts wirklich falsch, aber auch nichts großartig macht. Kann man sich ansehen, wenn man wirklich gar nichts Anderes da hat. Oder wenn man sich mit der ganzen Familie auf einen Gruselfilm einigen muss, nach dem aber bitte niemand Albträume haben soll. Mit viel Wohlwollen und weil ich heute schon drei Wein hatte: Drei Punkte.

"The Witch Next Door" läuft ab dem 13. August im Kino.

TURN ON-Score: 3/5

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