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Filmkritik

"Ma Rainey's Black Bottom": Viola Davis & Chadwick Boseman in Topform

Ma Rainey's Black Bottom Michael Potts, Chadwick Boseman und Colman Domingo
Mit Chadwick Boseman (Mitte) hat das Kino einen der Großen verloren, "Ma Rainey's Black Bottom" ist der Beleg. Bild: © David Lee/Netflix 2020

Ein wehmütiger Gedanke lässt sich beim Ansehen von "Ma Rainey's Black Bottom" nie ganz abschütteln: Das Netflix-Drama ist der letzte Film mit "Black Panther"-Star Chadwick Boseman. Der Schauspieler starb im August 2020 an den Folgen einer Darmkrebs-Erkrankung. Doch Boseman verabschiedet sich mit einem Paukenschlag: In "Ma Rainey's Black Bottom" liefern er und seine Kollegin Viola Davis eine Performance ab, die unter die Haut geht.

Die "Mutter des Blues" und der Träumer

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Ma Rainey ist ein Star, Levee wäre es gern. Bild: © David Lee/Netflix 2020

Die Handlung von "Ma Rainey's Black Bottom" konzentriert sich auf einen einzigen, schwül-heißen Sommertag im Chicago der 1920er-Jahre. In einem Tonstudio warten ein Manager und der Besitzer des Plattenlabels auf die Ankunft der "Mutter des Blues", Ma Rainey (Viola Davis), samt ihrer jungen Entourage. Geplant sind Aufnahmen einiger Songs der Blues-Sängerin, doch die Musikerin lässt sowohl die beiden weißen Männer als auch ihre Bandmitglieder in der Hitze schmoren.

Während sie warten, amüsieren sich Posaunist Cutler (Colman Domingo), Pianist Toledo (Glynn Turman) und Bassist Slow Drag (Michael Potts) über die Ambitionen des Trompeters Levee (Chadwick Boseman), der davon träumt, seine eigene Band zu haben und seine eigenen Kompositionen zu spielen. Dieser Traum bringt Levee jedoch auf direkten Konfrontationskurs mit Ma Rainey höchstpersönlich, die sich nicht einfach so die Show stehlen lässt.

Das Streben nach Selbsterfüllung entgegen aller gesellschaftlichen Einschränkungen, Rassismus und die Narben, die ebenjener auf den Seelen der Menschen hinterlässt, treten im Laufe das Films als zentrale Themen immer stärker in den Vordergrund. Und während der Ventilator noch gegen die drückenden Temperaturen ankämpft, wird das Geschehen innerhalb der Mauern des Tonstudios immer hitziger und die Gemüter kochen über ...

Ganz großes Theater

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Die reale Gertrude "Ma" Rainey lebte von 1886 bis 1939. Bild: © David Lee/Netflix 2020

Räumlich begrenzt Regisseur George C. Wolfe die Handlung bewusst auf das Studio sowie dessen nähere Umgebung. Die Charaktere stehen im Vordergrund, das Drumherum ist nur als Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihrer Entwicklung wichtig.

Da wird eine verschlossene Tür schon einmal zum Symbol für die gesamte Zukunft eines Charakters: Wird sich dieser neue Weg eröffnen? Und wenn ja, wo führt er hin? Was verbirgt sich dahinter? So bleibt der Film nah am Stil einer Bühneninszenierung, passend zum Theaterstück von August Wilson aus dem Jahr 1982, das als Vorlage dient. Übrigens: Die Sängerin namens Gertrude "Ma" Rainey gab es wirklich, sie ist jedoch die einzige reale Person, die in Wilsons Stück auftaucht.

"Ma Rainey's Black Bottom" gehört zum Pittsburgh-Zyklus' des Dramatikers, der insgesamt aus zehn Teilen besteht und in denen die Unterdrückung der Afroamerikaner in der US-Geschichte ebenso thematisiert wird wie der wichtige kulturelle Einfluss dieser Bevölkerungsgruppe. Ein weiteres dieser Stücke ist "Fences", das Denzel Washington bereits 2016 verfilmte – ebenfalls mit Viola Davis als Darstellerin. Letztere bekam für ihre Darbietung damals sowohl einen Oscar als auch einen Golden Globe. Dass Denzel Washington als Produzent auch an "Ma Rainey's Black Bottom" beteiligt ist, dürfte demnach die Chancen erhöhen, dass es für Davis erneut Awards regnet.

Viola Davis als Ma Rainey: Mehr als nur eine Diva

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Wenn Ma Rainey im Raum ist, haben alle anderen zu spuren! Bild: © David Lee/Netflix 2020

Und Auszeichnungen hat Viola Davis für ihre schauspielerische Leistung wahrlich verdient, denn sie schafft es, dem scheinbar eindeutig angelegten Charakter der Ma Rainey ständig neue Facetten abzugewinnen.

So kommt Ma Rainey zunächst standesgemäß zu spät, aufgetakelt bis auf die strahlenden Zahnkronen, lässt nicht mit sich verhandeln und nur ihre Meinung zählt: Auf den ersten Blick ist sie der Inbegriff der exzentrischen Diva. Selbst mit vor Schweiß glänzendem Gesicht und in Pantoffeln ist Davis' Version der Blues-Ikone eine echte Naturgewalt und jedem in ihrer Umgebung wird schnell klar: Mit dieser Frau sollte man sich besser nicht anlegen. Die verstohlenen, misstrauischen Blicke, die sie den Menschen in ihrer Umgebung zu wirft, lassen jedoch erahnen, dass Ma Rainey ihre Gründe für ihr Verhalten hat.

Für einen kurzen Moment, nur den Bruchteil einer Sekunde, lässt Ma Rainey dann vollends hinter die Diva-Fassade blicken. Im Zwiegespräch mit ihrem Bandmitglied Cutler erklärt sie erschöpft: "Die interessieren sich einen Dreck für mich. Alles, was die wollen, ist meine Stimme. Tja, das hab ich verstanden."

In diesem Moment wird klar: Die Musikerin hat lediglich erkannt, dass sie als schwarze Frau im Amerika der 1920er-Jahre keinerlei Schwächen zeigen darf. Für ihr weißes Management ist sie nur so lange etwas wert, wie sie als Künstlerin abliefert. Und so gibt sie im ständigen Machtkampf mit ihrem Management niemals auch nur einen Zentimeter nach – nicht einmal, wenn es nur um eine fehlende Cola geht.

Ihre divenhafte Art ist eine Rüstung im Kampf um Respekt und es kostet Ma Rainey sichtbar Kraft, diesen harten Schein stetig aufrecht zu erhalten. Dominant, unnachgiebig, komplex – ein Charakter wie geschaffen für "How to Get Away with Murder"-Star Viola Davis.

Der herausragende Schwanengesang von Chadwick Boseman

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Ich bin ein Star, holt mich hier raus: Levee (vorne) sieht sich schon als großer Künstler – wer muss da schon proben?! Bild: © David Lee/Netflix 2020

Mindestens genauso viel Strahlkraft wie Hauptdarstellerin Viola Davis beweist Chadwick Boseman als Levee. Tritt er zu Beginn noch selbstsicher und vorlaut auf, bricht schnell das Trauma hervor, das ihn antreibt. Sein Lächeln gleicht einer Maske, die von Zeit zu Zeit Risse bekommt. So wie Ma Rainey die Fassade der Diva aufrecht erhält, gibt Levee den sorglosen Lebemann mit Stil. Seine glänzenden neuen Schuhe repräsentieren seine Träume von einem besseren Leben, einer besseren Welt – und die sollte lieber niemand mit Füßen treten.

Levees schmerzvoller, herzzerreißender Monolog über seine Vergangenheit ist einer der größten Gänsehaut-Momente in "Ma Rainey's Black Bottom" und zeigt, was für ein immenses Talent in Darsteller Chadwick Boseman schlummerte. Seine Performance als Levee ist zugleich fesselnd und schockierend, ein Sturm aus Emotionen, dem man sich nicht entziehen kann. Meiner Meinung nach hat sich Boseman den Oscar mit "Ma Rainey's Black Bottom" redlich verdient – auch wenn dieser leider nur noch posthum verliehen werden kann.

Fazit: Ruhige, oscarwürdige Töne

"Ma Rainey's Black Bottom" ist kein leicht verdaulicher Film, den der Zuschauer nebenbei schauen kann. Stattdessen verlangt das Netflix-Drama die gesamte Aufmerksamkeit seines Publikums.

Mögen die Charaktere am Anfang noch simpel und vorhersehbar wirken (die exzentrische Diva und der leicht arrogante, aufstrebende Musiker), werden ihre vollen Beweggründe und persönlichen Abgründe erst später deutlich. Und zwar im Laufe langer, ausufernder Dialoge. Wer Action sucht, ist hier falsch. Wer jedoch Schauspieler sehen will, die die Show ihres Lebens abliefern – der sollte unbedingt einschalten.

Sendehinweis
"Ma Rainey's Black Bottom" ist ab dem 18. Dezember auf Netflix abrufbar.
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